Mainz: „Falstaff“, Giuseppe Verdi

Eigentlich hat man sich an Verlegungen von Opernhandlungen in Firmenzentralen sattgesehen. Eigentlich stehen bühnenbreite Videoprojektionen auf dem Rückprospekt unter dem Verdacht, einfach nur ein kostengünstiger Ersatz für ein aufwendiges Bühnenbild mit „echten“ Kulissen zu sein. Eigentlich ist das Ausstaffieren von Protagonisten als Doubles aktueller Politiker oder anderer Prominenter wegen der kurzen Halbwertszeit solcher Anspielungen heikel (nichts ist älter als die Zeitung von gestern). Und eigentlich ist der Einsatz von Livekameras, insbesondere mit dem Filmen verdutzt-verschämter Zuschauer nervig. Aber Verena Stoiber und ihr Inszenierungsteam setzen diese sattsam bekannten Regiemittel im neuen Mainzer Falstaff originell und leichthändig ein, präsentieren eine spritzige und kurzweilige Komödie und entkräften so alle genannten Vorbehalte.

© Andreas Etter

Handlungsort ist nicht das kleine Städtchen aus Shakespeares Die lustigen Weiber von Windsor, sondern ein Business-Hochhaus in der Londoner City, in dem ein Konzern mit dem Namen „Windsor“ seine Firmenzentrale hat. Die Eingangsszene spielt in der Vorstandsetage, natürlich im oberen Stockwerk des Hochhauses, dessen Panoramafenster einen beeindruckenden Blick auf die „City“ bietet. Dort residiert Falstaff als Firmenchef. Bei ihm gibt es deutliche Trump-Anspielungen ohne platte Imitation. Das lichte Haar ist nicht ganz so absurd toupiert wie beim amerikanischen Präsidenten, die Gesichtsfarbe nicht Orange, er trägt eine gelbe, überlange Krawatte und stattet Untergebene wie Geschäftspartner mit gelben Baseballkappen aus, während bei Trump und seiner MAGA-Bewegung hier bekanntlich die Farbe Rot dominiert. Auch auf dem Programmheft ist eine rote Krawatte abgebildet, was ein hübsches Detail beim Spiel der Ausstatter mit Parodie und Verfremdung ist.

Die videogenerierte Stadtansicht der Fensterfront (Jonas Dahl und Wiebke Schnapper) wird beim Szenenwechsel raffiniert und durchaus spektakulär genutzt. Die Welt der „lustigen Weiber“ befindet sich in den unteren Stockwerken. Dazu suggeriert die Projektion eine Fahrt aus der oberen Etage herab wie in einem Panoramafahrstuhl. Später dient der Blick auf den Londoner Himmel auch der Verstärkung von emotionalen Zuständen einzelner Figuren. So hat die Regie dem Orchestersatz zu Fords Eifersuchtsarie eine versteckte Gewittermusik abgelauscht. Die Stadtansicht trübt sich hierbei ein, Dunst zieht auf, Regen fällt und punktgenau zu den Akzenten aus dem Orchestergraben zucken Blitze.

© Andreas Etter

Das Ende des ersten Aktes bietet eine Verfolgungsjagd durch das Publikum, die von Live-Kameras gefilmt wird. Scheinbar zufällig geraten Paare von Zuschauern ins Visier der Kameras, geben sich überrascht und küssen sich unter dem vergnügten Beifall des restlichen Publikums. Der Wäschekorb, der im Original den dicken Ritter vor dem eifersüchtigen Ford verbirgt, ist hier ein Metall-Container. Zum vorgesehenen Auskippen des Korbs samt Titelheld in die Themse kommt es in dieser Inszenierung aber nicht.

Die Modernisierung gelingt dem Regieteam im Hinblick auf den Text meist mit beiläufiger Selbstverständlichkeit. Die dem Setting sanft angepassten Übertitel beseitigen potenzielle Reibungen von Originaltext und Bühnengeschehen. Das Mainzer Ensemble zeigt bei der Umsetzung in allen Partien bis hin zur stummen Nebenrolle der Vorstandsassistentin große Spielfreude, so daß der quirlig-spitzige Humor beim Publikum unmittelbar zündet.

Im dritten Akt wird Falstaff zu einem vermeintlichen Stelldichein nicht zur „Eiche von Herne“ gelockt, sondern in einen Gerichtssaal, wo ihm die Frauen wegen seiner Übergriffigkeiten den Prozeß machen. Hier wird dann doch ein ernstes Thema angerissen („Me-too“), das aber ohne Schwere integriert wird. Am Ende bleibt diese Oper das, was sie sein sollte: ein intelligenter Spaß.

© Andreas Etter

Dazu tragen auch die musikalischen Leistungen bei. Gabriel Venzago läßt sein gut aufgelegtes Orchester kräftig, mitunter auch deftig ausspielen, mit starker Betonung von Akzenten und einer geradezu in den Klang hineinkrachenden Pauke. Manches hat man schon differenzierter und subtiler gehört, insgesamt ist sein drauflosstürmender Ansatz aber durchaus mitreißend. Bei der Besetzung machen die Mainzer Stammkräfte auch sängerisch eine gute Figur. Man möchte dabei ihre Gesangsleistungen nicht von ihren darstellerischen Leistungen trennen. Derrick Ballard etwa zeichnet die Titelfigur stimmschauspielerisch derart hinreißend als sich selbst überschätzenden, eitlen Schwerenöter, daß etwa seine nicht mehr taufrische Höhe kaum ins Gewicht fällt. Nadja Stefanoff verleiht der Alice Ford mit ihrem noblen Sopran Selbstbewußtsein. Ihren eifersüchtigen Gatten gibt Brett Carter mit kernigem Bariton. Abongile Fumba orgelt mit sattem Alt eine köstliche Mrs. Quickly. Das junge Paar Nannetta-Fenton ist mit Julietta Aleksanyans frischem Sopran und Myungin Lees lyrisch-saftigen Tenor punktgenau besetzt.

Am Ende gibt es großen, verdienten Jubel für alle.

Wie in Mainz üblich, hatte diese letzte Premiere zum Spielzeitende nur zwei Folgevorstellungen. Die eigentliche Aufführungsserie mit zehn weiteren Vorstellungen beginnt erst in der neuen Saison ab Oktober.

Michael Demel, 6. Juli 2026


Falstaff
Commedia lirica in drei Akten von Giuseppe Verdi

Staatstheater Mainz

Bericht von der Premiere am 13. Juni 2026

Inszenierung: Verena Stoiber
Musikalische Leitung: Gabriel Venzago
Philharmonisches Staatsorchester Mainz

Weitere Vorstellungen: 11. Oktober, 3. November, 6., 18. und 30. Dezember 2026, 10. Januar, 14. Februar und 10. März 2027

Trailer