Mit Herz und Hingabe
Flensburg zeigt sich an diesem Julitag von seiner typischen Seite: 18 Grad, leichter Regen, grauer Himmel. Fünf Minuten zu früh stehe ich auf dem Nordermarkt und warte auf Anna Grycan. Pünktlich biegt die Mezzosopranistin um die Ecke. Noch bevor wir uns die Hand geben, dringen vom Hafen wummernde Hip-Hop-Beats herüber. Dort läuft ein Festival. Hier beginnt ein Gespräch über Oper.
Wir gehen in eines der Cafés am Platz. Direkt neben unserem Tisch steht ein altes Klavier. Zum Musizieren taugt es allerdings längst nicht mehr. Die Klaviatur fehlt. Wo früher Tasten waren, liegen heute Messer, Gabeln und Servietten. Das Instrument hat eine zweite Karriere als Besteckschrank begonnen. „Das ist irgendwie interessant“, sagt Anna und lacht, „aber gleichzeitig auch ziemlich lustig.“

Der erste Blick in eine neue Welt
Anna Grycan stammt aus einer kleinen Stadt in der Nähe von Opole im Südwesten Polens. Oper spielte dort zunächst keine Rolle. Musik dagegen schon, allerdings nicht als Berufsperspektive.
„Ich komme aus keiner musikalischen Familie. Den ganzen Weg musste ich allein gehen. Gerade deshalb bin ich heute besonders stolz darauf.“ Ihre beiden Brüder entschieden sich für ganz praktische Berufe. Anna war die Einzige, die früh spürte, dass sie auf eine Bühne gehörte.
„Ich war immer dieses künstlerisch ambitionierte Wesen in unserer Familie.“ Schon als Kind trat sie bei Stadtfesten auf, nahm an Talentwettbewerben teil und liebte es, vor Publikum zu stehen. Damals träumte sie allerdings noch nicht von einer Opernkarriere. „Eigentlich wollte ich Schauspielerin werden. Oper war für mich eine völlig fremde Welt.“
Diese Welt öffnete sich mit dreizehn Jahren. Zum ersten Mal besuchte sie eine Opernaufführung. Auf dem Spielplan stand Georges Bizets Carmen. Bis heute erinnert sie sich genau an diesen Abend. „Ich war sofort fasziniert. Nicht nur von der Musik. Mich hat alles interessiert: Wie funktioniert diese Gesangstechnik? Wie schaffen Sängerinnen und Sänger es, ohne Mikrofon einen ganzen Raum zu füllen? Ich wollte das unbedingt verstehen.“
Talent allein ist nicht genug
Mit fünfzehn Jahren wurde sie an der Staatlichen Musikschule in Opole aufgenommen. Dort begann sie, klassischen Gesang systematisch zu lernen. „Am Anfang war das überhaupt nicht leicht. Ich kannte diese Technik ja nicht. Aber meine Stimme war sehr flexibel und ich konnte vieles schnell aufnehmen.“ Schon früh zeigte sich eine Begabung, die ihre Lehrer förderten. Dennoch blieb ihr klar, dass Talent allein keine Karriere trägt. Heute singt sie vor allem Partien des lyrischen Mezzofachs; Rollen, die Beweglichkeit ebenso verlangen wie Wärme und gestalterische Feinheit.
Schon im Studium sang sie Rollen wie Cherubino in Mozarts Le nozze di Figaro, Ruggiero in Händels Alcina, oder L’enfant in Maurice Ravels L’Enfant et les sortilèges, also Partien, die stilistisch kaum unterschiedlicher sein könnten. Hinzu kamen Meisterkurse bei renommierten Künstlern wie Olaf Bär, Sylvain Cambreling und Wolfgang Schöne. Seit einiger Zeit arbeitet sie regelmäßig außerdem mit dem international gefragten Gesangspädagogen Raymond Modesti zusammen, um ihre Technik weiter zu verfeinern.
„Man lernt in diesem Beruf nie aus“, sagt sie. „Jede Rolle verändert die Stimme ein Stück weit. Und man verändert sich selbst gleich mit.“
Warum Deutschland?
Nach ihrer Ausbildung in Polen stand sie vor einer Entscheidung. Bleiben oder neu anfangen? Sie entschied sich für Deutschland. „Ich konnte damals überhaupt kein Deutsch. Wirklich null.“ Sie lacht über die Erinnerung.
„Aber ich wollte die Sprache unbedingt lernen. Wenn man hier arbeiten möchte, muss man sich verständigen können. Das war für mich selbstverständlich.“
Der Wechsel an die Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden begann über das Erasmus-Programm. Anschließend blieb sie für das komplette Masterstudium. Rückblickend spricht sie ohne Zögern von der besten Entscheidung ihres bisherigen Lebens.
„Ich habe unglaublich viel gelernt. Aber fast noch wichtiger war, dass ich immer eine Professorin hatte, die an mich geglaubt und mich auf meinem Weg begleitet hat. Zuerst war das Prof. Christiane Junghans und später im Masterstudium Prof. Hendrike Wangemann. Beide haben mir den Glauben in meine eigenen Fähigkeiten gegeben und mein Selbstvertrauen enorm gestärkt. Das war für meine Entwicklung mindestens genauso wichtig wie der eigentliche Gesangsunterricht.“
Während dieser Jahre entwickelte sich nicht nur ihre Stimme weiter. Anna sammelte Bühnenerfahrung in Hochschulproduktionen, sang Konzerte und knüpfte erste Kontakte in die deutsche Opernlandschaft. Gleichzeitig lernte sie eine Sprache, die ihr zunächst völlig fremd gewesen war. Heute spricht sie fließend Deutsch mit einem sympathischen polnischen Akzent, der ihre Herkunft andeutet, ohne sie zu definieren.
Dass sie den Schritt nach Deutschland wagte, hatte allerdings noch einen weiteren Grund. „Der Opernmarkt in Polen bietet nur wenig Möglichkeiten. Oft braucht man dort eher Kontakte als Talent. Ich wollte meinen eigenen Weg gehen.“ Anna Grycan verlässt sich lieber auf harte Arbeit als auf Zufälle.
Vom Opernstudio auf die große Bühne
Nach dem Masterabschluss führte Anna Grycans Weg zunächst an die Oper Chemnitz. Zwei Jahre gehörte sie dort dem Opernstudio an, jener Talentschmiede, in der junge Sängerinnen und Sänger den Sprung vom Studium in den Berufsalltag meistern. Wer bestehen will, muss unter Probenbedingungen funktionieren, unterschiedliche Regiestile verinnerlichen und lernen, eine Partie oft innerhalb weniger Wochen bühnenreif zu erarbeiten.
Für Anna Grycan wurde diese Zeit zum nächsten wichtigen Entwicklungsschritt. „Dort konnte ich unglaublich viele Erfahrungen sammeln. Das Opernstudio war für mich die Brücke zwischen Hochschule und Berufsleben.“
Dass sie später am Schleswig-Holsteinischen Landestheater engagiert wurde, hatte übrigens nichts mit ihrem Ehemann, dem Bassbariton Mikołaj Bońkowski, zu tun, der bereits Ensemblemitglied war. Vielmehr verdankte sie ihre Chance einer Situation, wie sie der Theateralltag immer wieder schreibt.
Es wurde kurzfristig Ersatz für die Titelpartie in Engelbert Humperdincks Hänsel und Gretel gesucht. Anna Grycan stellte sich einem regulären Vorsingen und wurde engagiert. Aus dem Gastengagement wurde zunächst ein Vertrag für eine Teilspielzeit. Es folgte eine weitere Saison. „Das war überhaupt nicht geplant. Manchmal öffnet sich eine Tür genau dann, wenn man nicht damit rechnet.“
Zwischen Hänsel und Orlofsky
Anna Grycan gehört zum lyrischen Mezzosopranfach. Ihre Stimme besitzt eine helle, warme Grundfarbe, spricht leicht an und verbindet Geschmeidigkeit mit einer homogenen Linienführung. Gerade in mittlerer Tessitura entfaltet sie einen runden, tragfähigen Klang, ohne dabei an Transparenz zu verlieren.
Besonders gern erinnert sie sich an zwei ihrer Flensburger Rollenportraits, die unterschiedlicher kaum sein könnten.
Da ist zunächst Hänsel. „Es war eine wunderbare Gelegenheit, eine der großen Mezzopartien zu singen. Die Inszenierung war allerdings speziell und hat uns alle ziemlich gefordert.“
Ganz anders verlief die Arbeit an Johann Strauss‘ Die Fledermaus. Prinz Orlofsky gehört zu den klassischen Hosenrollen des Repertoires. Die Figur lebt weniger von äußerlicher Komik als von subtiler Ironie und aristokratischer Gelassenheit.

„Diese Flensburger Produktion hat mir unglaublich viel Spaß gemacht. Regisseur Hendrik Müller hat uns sehr viele Freiheiten gelassen. Wir konnten unsere Figuren selbst entwickeln. Genau das liebe ich.“ Ihre Augen beginnen zu leuchten.
Nicht jede Regie verlangt von Sängerinnen Eigeninitiative. Manche arbeiten bis ins kleinste Detail jede Bewegung aus. Andere schaffen Räume, in denen sich Künstler selbst entfalten können. Anna Grycan fühlt sich eindeutig in der zweiten Arbeitsweise zu Hause. „Wenn ich gestalten darf, entsteht etwas Eigenes. Dann wird eine Rolle lebendig.“
Eine Rolle begleitet sie seit ihrer Jugend
Während wir über ihre bisherigen Partien sprechen, kehrt das Gespräch fast zwangsläufig dorthin zurück, wo alles begann.
Zu Carmen. Die Oper, die einst ihre Leidenschaft entfachte, begleitet sie bis heute. „Im Moment ist Carmen meine absolute Traumrolle. Vor zwei Jahren hätte ich wahrscheinlich noch Hänsel oder Orlofsky gesagt. „Aber beide durfte ich inzwischen ja auch in Flensburg singen, ihre Charaktere kennenlernen und sie auf der Bühne zum Leben erwecken.
Sie lehnt sich kurz zurück. „Carmen hat etwas Geheimnisvolles. Sie besitzt Stärke, Freiheit und unglaublich viele Facetten. Ich möchte herausfinden, wie sie sich für mich anfühlt.“
Auch Octavian in Der Rosenkavalier zu verkörpern ist ein Traum für die Sängerin, denn „ich liebe Hosenrollen“, wie sie sagt.
Wenn Theater zur Grenzerfahrung wird
Neben ihrer Arbeit am Schleswig-Holsteinischen Landestheater schlägt Anna Grycans Herz seit vielen Jahren noch für eine ganz andere Form des Theaters. Seit 2018 gehört sie zum Ensemble des ursprünglich aus Breslau stammenden polnischen Avantgarde-Theaters Song of the Goat. Das international renommierte Ensemble zählt zu den spannendsten freien Theatergruppen Europas und verbindet Schauspiel, Gesang, Tanz und Rhythmus zu einer Ausdrucksform, die sich jeder Schublade entzieht. Wer eine klassische Opern- oder Theaterinszenierung erwartet, wäre hier fehl am Platz „Man kann kaum erklären, was dort entsteht. Man muss es erleben.“

Die Produktionen greifen häufig Stoffe von Shakespeare oder aus der antiken Tragödie auf. Gesprochen wird wenig. Stattdessen entstehen intensive Bilder aus Musik, Bewegung und Stimme. Harmonium, Schlagwerk und Streichinstrumente begleiten den Gesang. Jeder Atemzug, jede Bewegung und jeder Blick sind Teil einer gemeinsamen Sprache.
„Das Wichtigste ist dieses Gefühl von Verbundenheit zwischen der Musik und unseren Seelen. Das klingt vielleicht pathetisch, aber genau so fühlt es sich an. Das Publikum spürt das. Nach den Vorstellungen kommen oft Menschen zu uns und erzählen, dass sie eine Art Katharsis erlebt haben. So etwas habe ich vorher im Theater nie erfahren.“
Für Anna Grycan schließen sich beide Welten nicht aus. Im Gegenteil. Die Oper verlangt Präzision, Stilbewusstsein und musikalische Disziplin. Das experimentelle Theater fordert Spontaneität, körperliche Präsenz und absolutes Vertrauen in die Mitwirkenden. Beides ergänzt sich. „Ich nehme aus jedem Projekt etwas mit. Auch für meine Opernrollen.“
Warum sich Flensburg wie Heimat anfühlt
Als unser Gespräch langsam seinem Ende entgegengeht, kehren wir noch einmal nach Flensburg zurück.
„Das Verhältnis innerhalb des Ensembles und zur Theaterleitung ist beinahe familiär und wir vertrauen uns sehr. Und genau das braucht man, wenn man gemeinsam Kunst schaffen möchte.“ Sie schätzt auch die Reaktionen der Zuschauerinnen und Zuschauer im hohen Norden besonders. „Hier kommen nach einer Vorstellung oft Menschen zum Bühneneingang und bedanken sich. Das ist überhaupt nicht selbstverständlich.“
„Man spürt die Energie im Saal. Wenn wir auf der Bühne stehen, merken wir sofort, ob das Publikum mitgeht. Und hier spüren wir diese Wärme sehr oft. Deshalb fühlt sich Flensburg für uns inzwischen auch ein Stück weit wie Heimat an.“ Wer Anna Grycan erlebt, versteht schnell, warum ihr dieser Austausch so wichtig ist. Sie denkt Oper nicht als Einbahnstraße. Für sie endet eine Vorstellung nicht mit dem Schlussapplaus. Erst wenn zwischen Bühne und Zuschauerraum eine echte Verbindung entsteht, erfüllt Theater seinen eigentlichen Zweck.
Als wir das Café nach zwei Stunden verlassen, sind die Bässe vom Hafen noch immer zu hören. Anna bleibt kurz stehen und schaut hinüber. Wenig später gehen wir gemeinsam Richtung Festival. Vor zwei Stunden begann unser Gespräch mit Hip-Hop und Oper. Es endet genauso.
Marc Rohde im Juli 2026