Hätte sich Richard Wagner wirklich darüber gewundert, wenn im ersten Konzert, das die Hofer Symphoniker als Gastspiel in das jüngst eröffnete Friedrichsforum bringen, ein jüdischer und in Israel geborener Pianist ein Klavierkonzert spielt, das in einem reinen Mendelssohn-Programm zu hören ist? Wäre nicht schon die Tatsache erstaunlich, dass, obwohl der Abend nicht zum Bayreuther Jahresthema Festival 150 gehört, in Bayreuth drei Werke jenes Komponisten zu erleben sind, den Wagner bekanntlich in seinem Pamphlet Das Judenthum in der Musik „brutal“ – wie erst kürzlich wieder zu lesen war – angegriffen hat?
„Brutal“, nun ja. Wer nicht nur uninformiert schwadroniert, weil er den berüchtigten Aufsatz nie gelesen hat, könnte sich darüber wundern, dass Wagner Mendelssohn mit seinem Text nicht „brutal“ fertigmachte, sondern – im Gegensatz zu allem, was er hier und ein wenig später in Oper und Drama gegen den musikgeschichtlich wesentlich unbedeutenderen Meyerbeer formuliert hat – geradezu mit Samthandschuhen anging. Er rühmt da den nur wenige Jahre zuvor verstorbenen Meister als einen „Juden von reichster spezifischer Talentfülle“, der die „feinste und mannigfaltigste Bildung, das gesteigertste, zartestempfindende Ehrgefühl“ besitze. Ohne die Ideenwelt des Judenthums in der Musik zu erläutern, die als primitiv zu bezeichnen unterkomplex wäre: Wagners „Schuld“ besteht im Fall Mendelssohn darin, die Wirkung der „an sich“ als gut definierten Kunst Felix Mendelssohn Bartholdys mit einem Argument zu beschreiben, das verstörend anmuten könnte. Der Komponist habe es, schrieb Wagner, tragischerweise niemals geschafft, „auch nur ein einziges Mal die tiefe, Herz und Seele ergreifende Wirkung auf uns hervorzubringen, welche wir von der Kunst erwarten“. Dass Wagner Jahrzehnte später, allerdings nur privat, Cosima Wagner gegenüber meinte, dass die Hebriden-Ouvertüre das schönste Orchesterwerk sei, das er kenne, ist vielleicht nur dann ein Widerspruch, wenn man „Schönheit“ nicht mit einer aufs „Herz und Seele“ zielenden Wirkung vergleicht; dass Wagner emotional angerührt war, als er das Werk hörte oder las, kann allerdings vermutet werden.

Wer das Konzert der Hofer Symphoniker mit der von Mendelssohn eingeführten Programmfolge Ouvertüre – Konzert – Symphonie besuchte, wird die von Wagner 1850 geleugnete Wirkung sofort gespürt haben. Die Ouvertüre zum Sommernachtstraum ist bekanntlich auch deshalb ein Geniestreich, weil das Junggenie hier Form und Emotion in eins band, das zweite Klavierkonzert – es ist ein Moll-Konzert – wurde vom Solisten Yoav Levanon und den Symphonikern hinreißend agil und, im Adagio des zweiten Satzes, einem Lied ohne Worte, hinreißend bewegend und dynamisch genau nuanciert gebracht, bevor die Reformationssymphonie den Abend krönte. Chefdirigent Martijn Dendievel betont in einer kurzen Moderation die Phrasierungsarbeit, die er mit den Musikern betrieben habe; man hört eine genaue Phrasierung, die die „Romantik“ zügelt und die Konturen herausarbeitet, ohne rein strukturalistisch zu verfahren. Man spielt die Originalfassung, d.h: Im Schlusssatz ist die von Mendelssohn gestrichene Flötenkadenz zu hören, bevor der protestantische Choral Ein feste Burg ist unser Gott selbst den blutigsten Atheisten unter den Hörern ergreift. Ob, wie der Dirigent meint, der Beginn des dritten Satzes wirklich die jüdische Melodie Hevenu Schalom alechem zitiert, ist im übrigen umstritten, zumal, wenn sie denn zitiert wird, nur die ersten beiden Phrasen erklingen und ähnliche Melodiebildungen Mendelssohn aus der klassischen Literatur vertraut waren. Wenn es so wäre, hätten wir es allerdings mit einem typischen Beispiel eines Mendelssohn‘schen Synkretismus aus Judentum und Christentum zu tun.
Wie auch immer: Der Beifall für das Ensemble und den Solisten des Abends war so groß, dass für das Publikum zwei Solozugaben, darunter eine Klaviersonate von Domenico Scarlatti, und das Nocturne aus der Musik zum Sommernachtstraum heraussprangen. Wie nennt man zumal Letzteres? Herzbewegend. Oder, wie meine Sitznachbarin gegen Ende sagte: „Schade, dass es schon aus ist.“
PS: Dass das Motiv des Dresdner Amen, das im Kopfsatz der Symphonie erklingt, von Wagner in genau dieser instrumentalen Form genutzt wurde, um aus ihm das grundlegende musikalische Motiv des Parsifal zu machen, ist in Bayreuth bekannt, wo man natürlich, als wär’s ein Pawlowscher Reflex, an „der Stelle“ lautleise „Parsifal“ flüstert, um auf das Offenhörliche hinzuweisen. Weniger bekannt ist in Bayreuth die nicht weniger faszinierende Tatsache, dass Wagner ein Motiv aus dem Hochzeitsmarsch des Sommernachtstraums übernahm, das in einer spezifischen Art und Weise in einem kurzen Zwischenspiel der Schauspielmusik erklingt. Wagner hat es in genau dieser Fassung als „Entsagungsmotiv“ des Hans Sachs in den Meistersingern nutzbringend verarbeitet, also einer Oper, die bekanntlich den „deutschen Meistern“ und ihrer zu ehrenden Kunst gewidmet ist. Vorher hatte Wagner es übrigens schon in den Ring des Nibelungen gebracht, wo es im Rheingold und dann besonders in der Liebesmusik der Walküre eine wichtige Rolle spielt, bevor Wagner dem von Mendelssohn übernommenen alten Thema aus der gregorianischen Liturgie seine endgültige Fassung im Parsifal schenkte.
So viel zur Realität von Wagners Wertschätzung der Werke des großen Kollegen.
Frank Piontek, 13. Juli 2026
Felix Mendelssohn Bartholdy:
Ouvertüre zum Sommernachtstraum op. 21
Klavierkonzert Nr. 2 d-Moll op. 40
Symphonie Nr. 5 d-Moll op. 107 „Reformations-Symphonie“
Friedrichsforum Bayreuth
11. Juli 2026
Solist: Yoav Levanon
Hofer Symphoniker
Dirigat: Martijn Dendievel