Milano: „Lucia di Lammermoor“, Gaetano Donizetti

© Brescia&Amisano / Teatro alla Scala

Bei der letzten vor der Sommerpause gezeigten Produktion handelt es sich um eine von Marco Monzini bestens betreute Wiederaufnahme der Arbeit des für Regie, Bühnenbild und Kostüme verantwortlichen Yannis Kokkos vom Frühjahr 2023. Die Wiedergabe der bei Ricordi erschienenen kritischen Ausgabewurde damals von Riccardo Chailly betreut, dem es bekanntlich am Herzen liegt, auch nicht die kleinste Note unter den Tisch fallen zu lassen. In meinem seinerzeitigen Bericht bin ich näher auf Vor- und Nachteile dieser Fassung eingegangen, wobei die Vorteile entschieden überwiegen. Ganz besonders gilt das für den Einsatz der Glasharmonika, wie ursprünglich von Donizetti vorgesehen, der aber einem Streit des dafür vorgesehenen Solisten mit dem Uraufführungsort, dem Teatro San Carlo in Neapel, zum Opfer gefallen war. Die gespenstischen Klänge dieses Instruments illustrieren Lucias Wahnsinnsszene viel realistischer als die zu seinem Ersatz eingesetzte Flöte. Die entsprechende Kadenz schrieb Dirigentin Speranza Scappucci gemeinsam mit der Interpretin der Titelrolle, Rosa Feola, und besteht aus wie abgerissene Gedanken klingenden Melodiefragmenten. Schade, dass der für das Spiel der Glasharmonika und deren starke Wirkung verantwortliche Musiker nicht namentlich auf dem Programmzettel angeführt wurde.

© Brescia&Amisano / Teatro alla Scala

Scappucci, an der Scala erstmals eine Oper leitend, erwies sich nicht nur als besonders präzise Dirigentin, sondern zeigte auch ein gutes feeling mit dem Orchester des Hauses, wobei sie klar herausarbeitete, dass es sich um ein dramma tragico handelt, wie im Untertitel angegeben, und nicht ganz allgemein um ein melodramma. Der Sopran von Feola ist ein wenig neutral im Klang, aber die Künstlerin fürchtet keine der zahllosen Schwierigkeiten ihres Gesangsparts, legt sich auch schon in der Auftrittsarie ein paar zusätzliche Koloraturen ein. Die Wahnsinnsszene bewältigt sie mit großer Brillanz und auch überzeugendem Spiel, wofür sie zurecht bejubelt wurde. Anstelle des ursprünglich vorgesehenen Pene Pati sang Piero Pretti mit dem Edgardo eine Rolle, die er seit zehn Jahren nicht mehr verkörpert hatte, und fand sich mit großer technischer und stilistischer Sicherheit in den Belcantoduktus. Er war ein glaubwürdiger bel tenebroso, der zwischen Leidenschaft und Politik hin- und hergerissene Held à la Byron. Lord Ashton wurde von Boris Pinkhasovich gesungen, dessen technisch bestens geführtem Bariton ein spezielles Timbre fehlt, doch szenisch überzeugte der Künstler mit seiner von Verzweiflung diktierten Brutalität gegenüber seiner Schwester. Der Raimondo von Michele Pertusi zeigte deutlich auf, wie sich der Kirchenmann nach der Decke streckt, sprich sich den Ansprüchen seines Arbeitsgebers Ashton anpasst. Das alles einmal mehr mit der perfekten Legatokantilene, die wir von diesem Sänger kennen. Interessant war der tadellos gesungene Arturo von Leonardo Cortellazzi, diesmal nicht der naive junge Mann, sondern bewusster Teil von Ashtons Netzwerk. Stimmlich und szenisch lebhaft beteiligt der Normanno von Paolo Antognetti, gut vorbereitet die Alisa der Hyeonsol Park aus der Accademia della Scala. Dem von Alberto Malazzi einstudierten Chor des Hauses streue ich gern weitere Blumen.

© Brescia&Amisano / Teatro alla Scala

Das Galerienpublikum sorgte mit lautem Jubel dafür, dass der Applaus nicht zu schnell abebbte.

P.S.: Eben dieses Galeriepublikum ließ Flugzettel ins Parkett flattern, auf welchen gegen die Preiserhöhung von 30% für 36 zentral gelegene Plätze auf der 2. Galerie protestierte wurde. s wird ein weiterer Ausverkauf an das Touristenpublikum zum Schaden der eingesessenen Mailänder Opernliebhaber befürchtet.

Eva Pleus, 8.Juli 2026


Lucia di Lammermoor
Gaetano Donizetti

Teatro alla Scala
Vorstellung am 3. Juli 2026
Premiere am 26. Juni 2026

Regie: Yannis Kokkos
Musikalische Leitung: Speranza Scappucci
Orchestra del Teatro alla Scala