Rouge et Noir: Die Arbeitsbekleidung des Zürcher Kammerorchesters untermalt den Baden-Badener Festivalsommer mit kräftigen Farben – auch in der Musik. Ein mehr als heißer Abend ist das passende Ambiente für die Höhen der Wiener Klassik: Haydn (1732 – 1809) und Mozart (1756 – 1791), sogleich beginnend mit dem Violinkonzert G-Dur KV 216.
Pinchas Zukerman ging in Position, einmal als Dirigent, dann als Solo-Geiger. Daniel Hope als Tutti-Violine und Konzertmeister. Das Leben der beiden Künstler: Pinchas Zukerman 1948 in Tel Aviv geboren, seine Eltern überlebten das Warschauer Ghetto und das Konzentrationslager Auschwitz. Er füllte drei Positionen aus: Violinist, Bratschist und Dirigent. Sein Vater unterrichtete ihn in Klarinette und dann in Violine, die sein Lebenswerk bedeutet. Daniel Hope wurde 1874 in Durban/Südafrika geboren und ist in London aufgewachsen. Er nahm Unterricht bei Yehudi Menuhin, und es folgte ein rasanter Aufstieg an die Weltspitze. Er ist u.a. Mitglied des Beaux Arts Trio, diverser Kammerorchester, Intendant des Menuhin Festival Gstaad. Er spielt die Guarneri del Gesu Ex Lipinski aus dem Jahr 1742.
Der 1. Satz beginnt mit einem fröhlichen Duktus, das Zukerman mit Körper und Bogen seiner Violine einsetzt. Er schlägt ½ bis 1 Takt vor und danach spielt das Orchester nicht alleingelassen, sondern mit eigenen Kräften und Zählen.
Die Zürcher existieren seit 1945, verzichten mittlerweile auf einen Dirigenten, haben seit 2016 Daniel Hope als Music Director. Berühmte Geiger leiten die Konzerte von ihrem Instrument aus und prägen mit ihrem Klang die musikalische Ausrichtung.
Dem sehr gesanglichen Adagio folgt ein übermütiges Rondo, in dem die Violine eine volksliedhafte Melodie spielt und damit die damals in Paris neu aufgekommene Mode der „Drehleiter“ nachahmt. Pinchas Zukerman spielt und singt seinen Part, entlockt seiner Violine die wundersamsten Töne. Alles ist einfach richtig, wie er vor und gleichzeitig in der Mitte der Musiker steht. Violine und ihr Spieler verschmelzen zu einer Einheit. Mozart verlangt seinem Geiger alles nur Mögliche ab, eben große Kunst und nicht nur der Schani-Geiger, wie man es in Wien in den Heurigengärten spielte. Trotz seines Alters ist Zukerman der große Virtuose, kennt seinen Mozart und muss nicht historisch informiert sein. Mit Vibrato gespielte Geigen erzeugen himmlische Töne. Pizzicati, Koloraturen, wechselnde Farben fließen, wenn nötig, einfach wie Balsam in die Ohren der Zuhörer.
Dann folgt Josef Haydn: Das Orchester erhebt sich, Stühle werden beiseitegeschoben. Stehend bringen die Musiker ihren Haydn zum Klingen. Wenn das nicht große Verehrung ist! Also: Sinfonie Nr. 104 D-Dur HOB 1:104, 4 Sätze, 1795 „London“. Es ist seine letzte Sinfonie, uraufgeführt im Londoner Haymarket Theatre. Haydn schreibt darüber: „Der Saal war voll auserlesener Gesellschaft, a) Erster Teil der Militär-Symphonie, Aria …, Concert … Duett … von mir eine neue Symphonie in D, und zwar die zwölfte und letzte von den Englischen, …. Die ganze Gesellschaft war äußerst vergnügt und auch ich. Ich machte diesen Abend viertausend Gulden. So etwas kann man nur in England machen.“
Hope spielte und dirigierte: erst mit sich allein, dann im Tutti. Diese Sinfonie ist ein Feuerwerk, immer wieder bereichert durch die Dialoge der Geigen. Ein großes Kunststück sind die zahlreichen Fermaten im 2. Satz. Wie hat das Orchester ohne Dirigenten gezählt, um mit allem im Gleichklang zu bleiben? Im 3. Satz nimmt Haydn prophetisch die Scherzo-Akzente Beethovens voraus. Das Rokoko-Menuett ist nicht mehr in Mode. Die atemberaubende Generalpause, der Orchestertriller sind die neue Note im 3. Satz. Im 4. Satz brummen Hörner und Celli. Dazu die ersten Geigen mit ihrer „Dudelsackmelodie“. Diese Sinfonie ist ein ständiges Geben und Nehmen der Instrumente.
Nach der Pause Mozarts Sinfonia concertante in Es-Dur für Violine und Viola KV 364, drei Sätze, entstanden 1779. Der 1. Satz pendelt zwischen forte und piano, ein Doppelkonzert für Violine, Viola und Orchester. Es ist wie ein Sturm, alle Instrumentengruppen kommen zum Zuge und zum Schluss die Kadenz, die beide Streicher im dialogischen Wechsel spielen. Das Finale ist fröhlich, provoziert alle miteinander und gleitet in einen Riesenapplaus.
Großzügige Musiker starten zur Zugabe nach den Blumensträußen. Die Sonnenblumen darin beschreiben diese Musik und ihre Künstler genau. Zukerman warf seinen Strauß ins Parkett, Hope überreichte ihn der Ersten Geigerin. Sie zeigen den Weg zu Mozart – wie sollte es auch anders sein – und seiner „Jupiter“ Sinfonie in C-Dur von 1788. Die klarste aller Tonarten als Abschluss: hinreißend und voller Kraft.
Es gab nur einen Wehmutstropen in diesem Konzert. Der angekündigte Zubin Mehta war nicht gekommen. Sicher war das Fernbleiben dem Alter von 90 Jahren geschuldet. Für viele war er sicher ein Grund, dieses Konzert zu besuchen. Sein altpersischer Name bedeutet „mächtiges Schwert“, was dem Absolventen der Dirigier-Klasse des großen Hans Swarowsky gerecht geworden ist. Diesen kosmopolitischen Dirigenten verehrt man, und hätte ihn von Herzen gern noch einmal gesehen und gehört, seine Perfektion, die Partitur umzusetzen. So behält man ihn auch für sich in der Erinnerung.
Das Publikum, meist mit silbergrauem Haar und großem Beifall, wird zunehmend zu einer kleinen radikale Minderheit im Musikbetrieb. Vielleicht springt auch irgendwann der Funke auf die jüngeren Generationen über. Das ist die große Hoffnung! Auf ein Weiteres und Neues!
P.S. Leider lässt das after-work des Festspielhauses wieder zu wünschen übrig. Es gab von den Künstlern keine Pressefotos.
Inga Dönges, 13. Juli 2026
Wolfgang Amadeus Mozart: Violinkonzert G-Dur KV 216
Joseph Haydn: Sinfonie Nr. 104 D-Dur Hob 1:104
Wolfgang Amadeus Mozart: Sinfonia concertante Es-Dur KV 364
Festspielhaus Baden-Baden
12. Juli 2026
Daniel Hope, Violine und Dirigent
Pinchas Zukerman, Violine und Dirigent
Zürcher Kammerorchester