Anne Frank ist weltberühmt wegen ihres Tagebuches, in dem sie das Schicksal einer Jugendlichen dokumentiert, die vor den Nazis versteckt ohne Kontakt zur Außenwelt eine Entwicklung von einem wissbegierigen und lebenslustigen Mädchen zu einer abgeklärten jungen Frau durchmacht. Ihr Name ist so populär, dass man den Eintritt in das Amsterdamer Anne-Frank-Haus, in dem sie und ihre Familie sich versteckt hielten, vier Wochen im Voraus buchen sollte. Aber was ist mit Peter van Pels, der mit seiner Familie ebenfalls dort Schutz vor Verfolgung suchte und nicht wenig Zeit mit Anna verbrachte? Seine Familie war jüdisch, weshalb sie 1937 in die Niederlande emigrierte. Peters Vater leitete zusammen mit Otto Frank eine Handelsfirma.
Mit der deutschen Besatzung ab Mai 1940 wuchs auch dort der Druck auf die jüdische Bevölkerung, die in Amsterdam knapp 80000 Menschen betrug. Deshalb hofften die Pels‘ im Juli 1942, eine Woche nach den Franks, in dem gleichen Amsterdamer Hinterhaus für einige Wochen oder Monate eine sichere Bleibe zu finden. Doch sie harrten aus, bis am 4. August 1944 SS-Schergen das Haus stürmten und alle Bewohner verhafteten. Als einziger überlebte Annes Vater Otto Frank die Konzentrationslager. Peter van Pels konnte in der Auschwitzer Poststelle arbeiten. Auf dem Todesmarsch, der erzwungenen Flucht vor der Roten Armee, gelangte er nach Mauthausen. Entkräftet von der schweren Arbeit im Steinbruch, starb er dort fünf Tage nach der Befreiung des Lagers am 10. Mai 1945.
Peter van Pels wurde vor hundert Jahren, am 8. November 1926, in Osnabrück geboren, was das Theater Osnabrück als Anlass nahm, sich künstlerisch mit ihm auseinanderzusetzen. Man beauftragte den Komponisten Anno Schreier zusammen mit dem Librettisten Joscha Schaback, ihm eine Oper zu widmen, die nun in Osnabrück zur Uraufführung kam. Es stellt sich die Frage, ob man die engen Verhältnisse des Versteckes und erst Recht die Gedanken und Gefühle der jungen Leute in dieser Form auf die Bühne bringen kann. Die Antwort fällt rundum positiv aus, denn es ist Schreier und Schaback gelungen, in 34 Szenen während 75 Minuten aus berühmten Figuren echte Menschen zu machen. Dabei hilft die Reduktion auf vier Protagonisten; außer den beiden jungen Leuten, auf denen der Schwerpunkt liegt, sind es Peters Mutter Auguste van Pels und Annes Vater Otto Frank. Die semifiktionalen Szenen gehen nahtlos ineinander über und verdeutlichen schlaglichtartig den Fortgang der Geschichte wie auch die innere Entwicklung von Peter und auch Anna.

Das man über Peter wenig weiß, dient Annas Tagebuch „Kitty“ als Quelle, wird aber nur ausnahmsweise zitiert, etwa wenn sie ihn zunächst als „ziemlich langweiligen und schüchternen Lulatsch“ beschreibt. Die meisten Szenen spielen sich entsprechend im Hinterhaus ab. Die Oper beginnt in Osnabrück, wo Peter ein Fahrrad geschenkt bekommt, und endet nach seinem Tod mit dem Appell der vier Protagonisten an der Bühnenrampe, „aus der Vergangenheit zu lernen.“ Drastischer Nazi-Terror wird nicht gezeigt; die drei SS-Statisten sind auch nicht konkret als solche gekennzeichnet. Das eintönige Leben im Versteck wird abwechslungsreich anschaulich gemacht etwa durch gemeinsames Sprachenlernen (wobei Franks Firma Opekta zur Sprache kommt), Streit über die Vorräte, der hier in absurden Reimen erfolgt, das Radiohören (die Erfolge der Alliierten werden als der Anfang vom Ende gefeiert) oder das Sich-lustig-machen über Bohnen als Einheitskost. Man lebt aus dem Koffer, der Kochtopf, Nachttopf, Bücher, Radio und eine Taschenlampe enthält. Auch das Fahrrad spielt eine Rolle. Es ist zu Beginn Peters Tanzpartner beim Song „Mary Lou“, er nimmt es mit nach Amsterdam, am Ende wird es von den Schergen mitgenommen. Allerdings ist es heute noch in Peters Zimmer im Anne-Frank-Haus zu sehen. Jedoch liegt der Schwerpunkt auf den beiden jungen Leuten. Ihre Entwicklung lässt sich gut verfolgen. Anna ist dabei die aktivere, was wohl dazu führt, dass sie sich von Peter wieder distanziert. Der eher praktisch veranlagte Peter reflektiert seine Gedanken und und Gefühle in Bezug auf die Beziehung für sich, was Anna nicht mitbekommt und sich darum mehr mit sich selbst beschäftigt. Erneut swingt er zu „Mary Lou“, diesmal mit Annes Mantel als Partner. Es ist eine typische Coming-of-age-Geschichte, hier jedoch in einer Extremsituation, die die reichlich vertretenen altersgleichen Zuschauer im Premierenpublikum direkt angesprochen haben dürfte.

Theaterintendant Ulrich Mokrusch ist nicht nur der Initiator dieses Opernprojektes, sondern auch der Regisseur. Seine intensive Beschäftigung mit dem Stoff und dem Stück merkt man der spannenden und lebendigen Inszenierung in jeder Sekunde an. Fast alles spielt sich auf einer spiralförmigen Rampe mit Glasboden ab, die auf der Drehbühne steht, vor dunklem Hintergrund. Dazu werden auf einer Leinwand Fotos eingeblendet, zunächst vom Vorkriegs-Osnabrück, später im Versteck das Milchglasfenster zum Hof. Beim finalen Appell sieht man den goldenen Stolperstein für Peter van Pels. (Bühnenbild: Timo Dentler).
Der Meister der Stilvielfalt Anno Schreier hat dazu eine illustrative, mit Zitatschnipseln versehene Musik verfasst, die den jeweiligen Szenen angemessen ist. Peter erhält als Swing-Fan seine Musicalanteile, seine erste Begegnung mit Anne klingt etwas nach Humperdincks Hänsel und Gretel, es gibt den sachlichen Konversationston, dramatische Filmmusik und zum Ende auch die Tonalität auflösende schwergewichtige Klänge. Somit ist es eine gut anhörbare, zum Stoff passende Komposition. Sie wird vom Osnabrücker Symphonieorchester plastisch und reaktionsschnell umgesetzt, wofür Benjamin Huth am Pult verantwortlich ist.
Die Titelrolle wird von Florian Wugk überzeugend gesungen und gespielt. Er ist tatsächlich der schüchterne Lulatsch, dem seine tänzerischen Fähigkeiten zugutekommen. Dazu besitzt er einen schönen, klaren und hellen Tenor – ideal für einen jugendlichen Liebhaber. Ihm gegenüber ist Susanna Edelmann die agile Anna. Von der Figur her ist sie nicht ganz das Hühnchen, das Peter beklagt, verkörpert aber die Anna des Stückes gesanglich mit jugendlichem und frischem Sopran und schauspielerisch mit großer Hingabe in idealer Weise. Susann Vent-Wunderlich singt mit warmem, ausdrucksvollem Sopran Peters fürsorgliche wie besorgte Mutter, während Jan Friedrich Eggers ein in allen Situationen souveräner Otto Frank ist.Bemerkenswert ist die gute Textverständlichkeit von allen. Unterstützt werden die vier vom Opernchor und Extrachor, einstudiert von Sierd Quarre. Die Unterstützung besteht aus den Beschreibungen der Ortswechsel (natürlich wird in Amsterdam Fahrrad gefahren), wobei zum Ende hin sich Gänsehaut bildet, wenn Dampflok-ähnliche Zischlaute den Transport ins KZ antizipieren oder der Chor sich „Schritt für Schritt“ auf dem Todesmarsch befindet.

Die Kostüme von Okarina Peter sind durchwegs erdig und bis auf Anne mit schwarzen Flecken auf der unteren Hälfte versehen. Ebenso wenig wie die Schergen dezidierte Nazi-Uniformen tragen, trägt niemand die gelben Judensterne. Somit erhebt sich die Inszenierung über ihre Vorlage, sondern ist vielmehr eine humanistische Parabel auf Leben und Leiden in einer menschenverachtenden Diktatur. Insofern darf Peter van Pelz gerne von anderen Bühnen aufgeführt werden (solange es in gefährdeten Bundesländern noch möglich ist), wenn Joscha Schaback die wenigen Osnabrück-Bezüge eliminiert, um die Oper universeller zu machen.
Im Zusammenhang mit den immensen Kosten der Renovierung der Kölner Oper wird von missgünstigen Zeitgenossen der Vorwurf erhoben, diese Kunstform sei elitär und verschlinge Steuergelder, die anderswo sinnvoller ausgegeben werden sollten. Das Theater Osnabrück beweist, dass das Gegenteil möglich und richtig ist. In Zusammenarbeit mit der Jüdischen Gemeinde Osnabrück und mit mehreren Schulen gibt es ein Rahmenprogramm, das an die Familie Pels als ehemalige Bürger der Stadt erinnert, und das Tausenden von Schülerinnen und Schülern im ungefähr gleichen Alter wie die beiden Protagonisten der Oper den Besuch von Proben, Vorgesprächen teils mit dem Komponisten und Workshops die künstlerische Arbeit als auch den vollen Umfang der inhaltlichen Tragweite nahebringt. Bildung (und auch Verkehr) dürfen niemals gegeneinander ausgespielt werden, sie bedürfen einander!
Am Ende gab es langanhaltenden Applaus, besonders für Komponist und Librettist. Verstörend was das Verhalten des vor dem Rezensenten sitzende Paares etwa Ende dreißig, bei dem sie immer wieder ihren Partner anschaute, um nach seinen Reaktionen auf das Stück zu forschen. Am Ende rührte sie keinen Finger, während er nur zögerlich, wohl aus Anstand, etwas klatschte. Wollten sie nicht oder konnten sie nicht verstehen?
Bernhard Stoelzel, 20. September 2026
Peter van Pels
Anno Schreier
Theater Osnabrück
Besuchte Premiere am 19. September 2026
Regie: Ulrich Mokrusch
Dirigent: Benjamin Huth
Osnabrücker Symphonieorchester