CD :„Fogli d’album“, Gioachino Rossini

Der erste Gedanke ist der: Albumblätter? Also Auszüge aus den berühmten Soirées musicales oder den Péchés de vieillesse, den köstlichen „Alterssünden“, die Rossini nach seiner Opernzeit in reicher Fülle zu Papier brachte?

Weit gefehlt. Bei den Fogli d’album handelt es sich in den allermeisten Fällen um veritable Ersteinspielungen und Neuentdeckungen; jeder Autographenfreund weiß ja, dass in den Katalogen der großen Auktionshäuser nicht allein Briefe und Widmungsexemplare der großen und weniger großen Komponisten, sondern, wenn man Glück hat und ein Faksimile zu Gesicht bekommt, auch Albumblätter publiziert werden. Was die Mezzosopranistin Anna Bonitatibus zusammen mit Sergio Ragni in den letzten Jahren buchstäblich ausgegraben hat, ist schier erstaunlich. Dabei sind es noch nicht einmal alle Albumblätter, die Rossini nachweislich hinterlassen hat. Nur acht der 33 Werkchen, von denen das kürzeste vier Takte „lang“ ist und das längste gut vier Minuten dauert, wurden vorher eingespielt. Wo die Manuskripte liegen oder die Drucke entstanden, welche Varianten zu weiteren Versionen einzelner Opera existieren und vor Allem: wem und aus welchem Anlass Rossini die Blätter gewidmet wurden, dies erfährt man aus dem äußerst sorgfältigen, mit guten wie seltenen Bildern angereicherten und nicht weniger als 23 Seiten umfassenden Büchelchen-Text; dass die Liedtexte sowohl italienisch als auch englisch im Booklet enthalten sind, versteht sich fast von selbst. So entstand eine Kulturgeschichte in nuce, die im Kleinsten das Wesentliche und Bedeutende nicht berührt, sondern recht eigentlich ausmacht. Denn die Salon- und Musikkultur, denen die Lieder und Klavierstücke (natürlich neben dem Esprit des Autors) ihre Existenz verdanken, war einmal fundamental, ja: Kern einer musikhistorischen Gesellschaftsgeschichte, deren schönen Abglanz man neben den Katastrophen – da ist auch mal von einem Suizid des Ehemannes einer Bewidmeten und von Depressionen die Rede – als schönen Schein zu genießen vermag.

Nur elf der Albumblätter fallen in Rossinis Opernzeit, nehmen melodisch auch Bezug auf Rossinis Opern, doch noch die nachfolgenden Stücke haben es gelegentlich mit dem Opernkomponisten Rossini zu tun; der Stil Rossinis lässt sich eh nicht verleugnen. Während Sängerinnen und Sänger, Adelige und adelige Frauen den Weg des Musikers kreuzten, hatte er sichtlich Freude daran, den Verehrten durch kleine musikalische Juwelen seine Reverenz zu erweisen. Das Lied, das er am häufigsten in Musik setzte, war Mi lagnerò tacendo, ein Text des Librettofürsten Pietro Metastasio, ausgekoppelt aus dem Siroe von 1726, den Rossini von den 20ern bis zum Ende seines Lebens immer wieder zur Hand nahm, um ihm denkbar verschiedene Variationen abzugewinnen. Das Album der Albumblätter versammelt immerhin zehn Mi lagnerò tacendos und erläutert ihren jeweiligen Sitz im Leben, wobei die Lektüre manch Werkartikels gelegentlich mehr Zeit in Anspruch nimmt als das Anhören des beschriebenen Objekts. Gut so – denn nur so vermag man die scheinbaren Nebensächlichkeiten einzuordnen, abgesehen davon, dass alles, was ein Genie hinterlässt (und Rossini war ein Genie), interessant ist. So bewegt sich das Sentiment der Albumblätter zwischen leichtem Pathos und Humor, zwischen opernhafter wie salonhaft gezügelter Attitüde, oder, wie es im Waschzettel zur CD ganz richtig heißt: „Oft genügt eine schlichte Melodie, ein überraschender harmonischer Einfall oder eine fein gesetzte Textwendung, um eine erstaunlich emotionale Tiefe zu entfalten.“ Dabei ragt die Vertonung einiger Verse aus Dantes Divina Commedia, die Liebesgeschichte von Francesca da Rimini und Paolo da Malatesta betreffend, literarisch zweifellos heraus. Ihre Auftritte haben also, in chronologischer Reihenfolge der eingespielten Stücke: im Jahre 1801 Signora Vincenza Viganó, Librettistin von Rossinis Opernerstling Demetrio e Polibio, die Sängerin Adelaide Malanotte, die mit dem Tancredi zusammenhängt, die Pianistin Maria Szymanowska, die auch von Goethe verehrt wurde, Giovanna Massani, Ehefrau des Dichters und Übersetzers Luigi Lezzani, auch weitere Musikerinnen und Musiker, zuletzt, im Jahre 1867, Ninette Nicolò, die mit einem eigenen, von Rossini annotierten Klavierstück vertreten ist, schließlich Baronessen und Comtessen undundund. Anna Bonitatibus und die Pianistin Adele d’Aronzo bringen diese bedeutenden Kleinigkeiten derart charmant ins Ohr, dass man Lust bekommt, in Rossinis italienische Heimatstädte oder nach Paris zu reisen.

Nun kann man es zuhause: im Salonsessel.

Frank Piontek, 28. Oktober 2026


Gioachino Rossini: Fogli d’album

Anna Bonitatibus, Mezzosopran / Adele d’Aronzo, Klavier

Label: Prospero