Gütersloh: „Don Chisciotte della Mancia“, Hans Werner Henze

Vor einhundert Jahren, genau am 1. Juli 1926, wurde Hans Werner Henze in Gütersloh geboren, und seine Geburtsstadt würdigt ihn aus diesem Anlass mit einer Retrospektive. Bei verschiedenen Gelegenheiten wurden einige seiner Werke aufgeführt, und Auszüge aus seinem bislang unveröffentlichtem Kubanischem Tagebuch wurden gelesen, umrahmt von zeitgenössischer kubanischer Musik.  Er gehört zu den bedeutendsten deutschen Komponisten des 20. Jahrhunderts, doch wird er allmählich von jüngeren Komponistinnen und Komponisten aus den Spielplänen verdrängt. Um so wichtiger ist die Besinnung auf ihn, der völlig undogmatisch mit zeitgemäßen Mitteln auf Anregungen seiner Umwelt reagierte und damit ein abwechslungsreiches, sinnliches wie anspruchsvolles Œuvre mit Werken verschiedenster Gattungen, auch rein literarischer Art, schuf. Besondere Beachtung schenkte er der Einbeziehung lokaler Traditionen und deren Ausführenden sowie der Musikvermittlung. Ein herausragendes Beispiel hierfür ist Don Chisciotte della Mancia. Er schuf es für seine Cantiere Internazionale d’Arte, einer Sommerakademie und Musikfestival für junge Sänger, Schauspieler, Musiker, Regisseure, Dirigenten und Komponisten samt deren weiblichen Entsprechungen in Montepulciano. Mit der örtlichen Bevölkerung soll dabei ein künstlerisch befruchtender Austausch erfolgen: Das Können der Einheimischen soll auf ein höheres Niveau gebracht werden, während die Profis von den Laien Demut und Hingabe jenseits der Routine erlernen. Er nahm hierzu Rückgriff auf die gleichnamige komische Oper von Giovanni Battista Lorenzi und Giovanni Paisiello aus dem Jahre 1769. Henze hat die Rokoko-Oper den Rahmenbedingungen des „Cantiere“ („Baustelle“), in dem musikalische Akteure aus der Region und professionelle Musikerinnen und Musiker gemeinsam auf der Bühne stehen, angepasst. Instrumental entfernte er sich stark vom ursprünglichen Werk und zielte darauf ab, die Oper in einen zeitgenössischen Kontext zu setzen und neue Perspektiven zu eröffnen – dazu gehört beispielsweise der Einbezug der örtlichen Blaskapelle.

© Tom Sauer Fotografie Berlin

Dieses Stück haben Studierende der Kunst- und Musikhochschulen in Nordrhein-Westfalen in Kooperation mit Cantiere Internazionale d’Arte di Montepulciano nun anlässlich des Jubiläums neu erarbeitet und im Theater Gütersloh zur Aufführung gebracht. Zudem feiern der Cantiere seinen fünfzigsten Geburstag und der beteiligte Palazzo Rizzi, die europäische Akademie der Künste in Montepulciano, seinen fünfundzwanzigsten in diesem Jahr. Also viel Engagement für ein doch eher harmloses Stück. In ihm geht es natürlich um „amore“. Zwei Männer – ein verarmter Adliger und ein neureicher Bürger – werben um die vermögende Gräfin, die eine ledige Freundin, die Herzogin, hat. Das Tableau wird typischerweise angereichert durch die Zofe und eine Gastwirtin. In diese Konstellation platzen, warum auch immer, Don Quixote aus der Welt seine Träume auf der Suche nach Abenteuern, um die angebetete Dulcinea gewinnen zu können, und sein Knappe Sancho Pansa. Die Gräfin schiebt ein Interesse an dem skurrilen Ritter vor, um die beiden Rivalen gegeneinander auszuspielen, und spielt mit seinem Wahn.

© Tom Sauer Fotografie Berlin

Denn da Sancho noch immer nicht des Ritters Brief an Dulcinea zustellen konnte, behauptet er, sie sei auf den Mond entführt worden. Kurzerhand verbindet die Gräfin den beiden die Augen und schickt sie auf einem legendären geflügelten Pferd dorthin. Außerdem kommt der Kampf gegen die Windmühlen vor. Am Ende finden die vier realen Personen zueinander, und die beiden literarischen Charaktere werden zurück ins Reich ihrer Träume befördert. Das Ganze haben Henze und sein Co-Autor Giuseppe di Leva in einen Rahmenhandlung gepackt, in der Don Quixote sich auf der Suche nach einer idealen Welt befindet, sich aber in einer verkommenen, moralisch degenerierten Gesellschaft wiederfindet. Er und Sancho Pansa werden hier von deutschen Schauspielern dargestellt (Jon Höpfner und Morris Rechtien), während die Oper italienisch gesungen wird. Und dort bieten Arien und Ensembles (es gibt zwei Oktette!) den jungen Kräften viel Gelegenheit, ihr Können erfolgreich zu demonstrieren. Emelina Median Martinez bringt für die Gräfin einen leichten Soubrettensopran mit, der gut mit dem frischen Mezzo von Luzia Ostermann (Herzogin) harmoniert. Einen schönen lyrischen Tenor mit weicher, gutsitzender Stimme verleiht Paolo Mascari dem Landadeligen, während Kihyun Lee den Städter mit kräftigem, gleichwohl beweglichem Bass singt. Gefühlvoll und abgerundet klingt der Sopran der Zofe, namentlich Yewon Lee, und Seoyoung Jang als kecke Wirtin mit rosa, glitzerndem Baseballschläger verfügt ebenfalls über eine reiche, runde Stimme. Die Hauptrolle wird von Nicola di Filippo mit einem klaren, hellen, ins heldische tendierenden Tenor gestaltet, und Jaeyoung Lim bringt einen ausdrucksvollen Spielbariton für den Sancho Pansa mit. Insgesamt ein erfreulicher Cast, dessen Mitglieder noch an Reife und Erfahrung gewinnen mögen, um auch in anspruchsvolleren Partien zu überzeugen. Regisseur Michael Dissmeier stellt auch ihre schauspielerischen Talente heraus, ohne sie zu überfordern. Vielmehr erzählt er die Geschichte direkt und munter ohne übertriebene Effekte oder Hinterfragungen. Zweckmäßige Bühnenbilder (man spielte bereits im Juli in Montepulciano) mit Kulissen, die dem Barocktheater entlehnt sind, aber auch moderne Farbgestaltung zeigen, und etwas Video und stilisierende Kostüme haben Studierende der Kunstakademie Düsseldorf entworfen.

© Tom Sauer Fotografie Berlin

Nun wird nicht Paisiello gespielt, sondern Henzes Bearbeitung für ein junges Ensemble und zum Teil vorhandene Musikanten. Das bedeutet Partitur Striche und vor allem Neuinstrumentierung. Ein solistisch besetztes, somit filigran klingendes Kammerensemble erlaubt sich mit dissonanten Verfremdungen, rhythmischen Fallen und Klappern und Rattern im Schlagzeug die brüchige Welt des Adels zu illustrieren. Eine kontrastierende Blaskapelle, hier Die Domstädter Köln, darf Vor- und Zwischenspiele und einige Höhepunkte, teils vom Parkett aus, übernehmen. Die musikalische Gesamtleitung unterliegt Mimma Campanale.

Nun sind die doch eher seichte Handlung und sowohl das Original als auch die musikalische Umgestaltung doch weit davon entfernt, echter Henze oder gar echter Mozart, nur wenig später als Paisiello aus einer ganz anderen inhaltlichen und musikalischen Welt, zu sein. Man kann sich darum eher eine Aufführung in einer lauen italienischen Sommernacht bei einem erfrischenden Drink unter freiem Himmel vorstellen als in einem erdenschweren, abgedunkelten deutschen Theatersaal. Am 6. November erfolgt noch eine Aufführung an der Hochschule für Musik und Theater Köln. Die Fotos entstanden in Montepulciano und zeigen teilweise eine andere Besetzung als in der besprochenen Aufführung.

Bernhard Stoelzel, 3. November 2026


Don Chisciotte della Mancia
Hans Werner Henze

Theater Gütersloh

Aufführung am 1. November 2026

Regie: Michael Dissmeier
Musikalische Leitung: Mimma Campanale
Die Domstädter Köln