Regisseur Dietrich W. Hilsdorf war zur Premiere gekommen, um sich feiern zu lassen, und Intendant Hein Mulders zeigte sich stolz, dass sein Projekt, das Oratorium „Cain, overo il primo omicido“ in szenischer Umsetzung, daß er am 25. Januar 2020 als Intendant in Essen im Aalto-Theater zur Aufführung gebracht hatte, auch in Köln ein Erfolg wurde. In einem durchdachten Bühnenbild von Dieter Richter mit prachtvollen Barockkostümen von Nicola Reichert spielte sich der erste Mord der Menschheitsgeschichte als Sechs-Personen-Stück in einem heruntergekommenen barocken Palazzo ab. Einziger Ausgang ist ein nur durch eine Leiter vielleicht zu erreichendes rundes Fenster, ansonsten erleben wir eine geschlossene Gesellschaft.

Literarische Vorlage ist das Alte Testament, und zwar das 1. Buch Mose (Genesis) 4, 1-16. Autor des Librettos ist der venezianische Kardinal Antonio Ottoboni (1667-1740), ein sehr kunstliebender und sinnenfroher Geistlicher, der in sein Oratorium Kernpunkte der christlichen Theologie bis hin zur Erlösung der Menschheit durch Christi Opfertod am Kreuz einfließen ließ. Zusammen mit Alessandro Scarlatti (1660-1725) schuf er ein Anfang 1707 in Venedig zur Zeit des päpstlichen Opernverbots uraufgeführtes Oratorium, das die Qualitäten einer Barockoper hat. Aufführungen dieses Oratoriums als Oper gab es bereits 2012 in der Regie von Tatjana Gürbaca in Mainz und 2019 in der Inszenierung von Romeo Castellucci an der Staatsoper Berlin.
Die Bühne von Dieter Richter ist ein geschlossener Raum, Licht kommt nur durch eine Glasdecke. Die gebogenen mit Ornamenten tapezierten Wände sind ein perfekter Schalltrichter für eine tadellose Akustik auch in einem großen Opernhaus. In diesem Raum sitzen zu Beginn die sechs agierenden Personen an einem Tisch und essen zusammen. Die Bühne erweitert sich mit einem Gang über den erhöhten Orchestergraben ins Publikum, und das Orchester wird dadurch zweigeteilt. Der Lautenist Sören Leupold sitzt auf der Kante der Bühne, David Bergmüller mit der Theorbe und die Continuo-Gruppe mit drei Celli, einem Fagott und Cembalo (Sonja Leipold) spielen hinter dem vorgezogenen Teil der Bühne. Die beiden Blockflöten, die Kain begleiten, sitzen mit den 15 Streichern links vom Gang. Aus diesem Raum entkommt man nur durch Flucht ins Publikum, die der stigmatisierte Brudermörder Kain mit einem ausgestopften Adler auf der Faust antritt. Vorher hatte Lichtgestalter Andreas Grüter das Licht im Zuschauerraum behutsam erhellt, so dass man Kains Flucht durch die Reihen des Publikums verfolgen konnte. Rubén Dubrovsky, der schon die Aufführung in Essen dirigierte, erzeugte mit dem Gürzenich-Orchester mit modernen Instrumenten einen transparenten Barock-Klang, der die Sängerinnen und Sänger auf Händen trug.
Die außergewöhnliche musikalische Qualität des Werks erkannte man daran, dass jeder Figur charakteristische Instrumente zugeordnet waren, und dass der große Auftritt des Teufels mit dämonisch rumorenden Klängen wie mit einem Gewitter begleitet war. Besonders anrührend war der Gesang des toten Abel aus dem Jenseits, und das Schlussduett Adams und Evas, die auch dieses Schicksal akzeptierten. Anders als Händel in seinen Oratorien verwendet Alessandra Scarlatti keinen Chor, sondern gestaltet den Ablauf hauptsächlich mit Arien und Duetten, deren Aussagen in verzierter Form wiederholt werden. Die Partien Kains, Abels und der Stimme Gottes waren ursprünglich mit Kastraten besetzt. In Köln hat man als Kain die auf solche Rollen spezialisierte Adriana Bastidas-Gamboa, die zuletzt noch den Tancredi gestaltete, und Abel mit der jungen Alina König Rannenberg, Sopranistin mit silberheller Stimme, eingesetzt, weil Frauenstimmen in der Regel weitertragen als Countertenöre. Die sechs Solisten sangen und agierten auf sehr hohem Niveau. Trotz der Virtuosität der Arien und Duette verzichtete das Publikum auf Szenenapplaus; langanhaltender Beifall am Schluss, auch für das Regieteam, waren dafür umso lebhafter. Intendant Hein Mulders hat mit dieser Produktion das katholisch geprägte Köln erobert.
Countertenor Xavier Sabata, der Gott mit einem goldenen Gehrock über einem weißen Gewand darstellte, war kurzfristig erkrankt, konnte aber szenisch agieren. Durch einen wundersamen Zufall war Benno Schachtner, einer der wenigen Countertenöre, die diese Partie beherrschen und der sie bereits in Berlin gesungen hat, zu einem Konzert in Köln und konnte kurzfristig einspringen. Er sang von der Seite und verlieh der Stimme Gottes einen warmen, erdigen Klang mit äußerst eleganten nahtlosen Übergängen zwischen Brust- und Kopfstimme und natürlicher Autorität. So erkannte man deutlich, wie viel Aufwand Hilsdorf mit der Personenführung gemacht hatte, denn auch Gott war ständig auf der Bühne, wenn auch nicht immer mit der Familie am Tisch, sondern an einem Schreibtisch rechts auf der Bühne als Beobachter. Baurzhan Anderzhanov mit seinem beweglichen facettenreichen Bassbariton als Teufel saß zunächst neben Adam, Gott gegenüber, in einem Barockkleid mit großem Reifrock mit am Tisch, wurde aber später von Gott, der ihm das Kleid vom Leib riss, als mephistophelischer Mann entlarvt. Neben Gott saß die lyrische Sopranistin Tamara Banješevi als Eva, ganz vorne ihr heller timbrierter Lieblingssohn Abel, ihr gegenüber Tenor Dmitry Ivanchey, der mit seinem schlanken, beweglichen Tenor einen höhensicheren und kultivierten Adam verkörperte. Neben ihm ganz vorne am Tisch platziert war sein Lieblingssohn Kain, der Erstgeborene, mit besonders großer Bühnenpräsenz und nuancenreichem Mezzosopran. Die Handlungsträger Kain und Abel waren Rollendebuts von Adriana Bastidas-Gamboa und Alina König-Rannenberg aus dem Ensemble der Kölner Oper, den Rest des ausgewogenen hervorragend agierenden Ensembles hatte man aus Essen übernommen, wobei Dmitry Ivanchey mittlerweile Mitglied des Kölner Ensembles ist.
Der Intendantenwechsel von Dr. Birgit Meyer zum 1. September 2022 zu Hein Mulders ist ohne Entlassungen aus dem Kölner Ensemble gelungen. Mulders, der 2006 bis 2013 bereits an der Nederlandse Opera in Amsterdam als Leiter der künstlerischen Angelegenheiten tätig war, nachdem er bei der Vlaamse Opera Antwerpen als Casting-Direktor engagiert war, beweist auch in Köln eine glückliche Hand bei der Besetzung von Produktionen mit einer Mischung aus Ensemblemitgliedern und Gaststars. Wie „Ernani“ im April 2026 zeigte, lässt er auch Ensemblemitglieder in großen Produktionen brillieren. Dort zeigte er, dass man eine große Oper auch konzertant aufführen kann.

Besondere Qualität bekam die Aufführung des Oratoriums „Kain und Abel“ als Oper durch die psychologische Deutung in der Personenführung. Damit knüpft Dietrich W. Hilsdorf mit seinem Bühnenbildner Dieter Richter und seiner Kostümbildnerin Nicola Reichert an seine gefeierten Inszenierungen von Händels „Saul“, „Belsazar“ und „Jephta“ in Bonn, „Semele“ und „Hercules“ in Essen und Monteverdis „L´Incoronazione di Poppea“ in Köln an. Durch die szenische Deutung legt der Regisseur über Text und Musik hinaus eine weitere Ebene: Adam und Eva erscheinen als alte, abgearbeitete Menschen, die die Strafe für ihren Sündenfall akzeptiert haben und später Gott um weitere Kinder bitten, weil sie beide Söhne verloren haben. Ihre Söhne Kain, der Stärkere, und Abel, der weichere und sympathischere verkörpern eine typische Geschwisterkonstellation. Die Handlung bringt Gott in Gang dadurch, dass er das Opfer Abels, das hell aufleuchtet, annimmt und das Opfer Kains, das nur leicht qualmt, verschmäht – ein willkürlicher Gott! Beim Mord Kains an Abel sieht er tatenlos zu – das wirft sogar die Theodizee-Frage auf. Inkarnation des Bösen ist der Teufel, der Kain den Mord einflüstert und der gegen Ende der Handlung, als die Stimme des toten Abel aus dem Off erklingt, mit lauten Hammerschlägen ein Kruzifix an die Wand nagelt. Am Ende sitzen sie alle wieder am Tisch und löffeln das aus, was sie sich eingebrockt haben. Bühnenbild und Kostüme erinnern ständig daran, dass wir es mit Musiktheater des Barock zu tun haben, als die Religion noch eine viel größere Bedeutung für die Menschen hatte als heute.
Die 140 Minuten Aufführungsdauer werden durch keine Pause unterbrochen, das Oratorium ist etwas kürzer als Wagners „Rheingold“. Das Kölner Opernhaus erwies sich als perfekt geeignet für diese Produktion, obwohl es viel größer ist als die meisten Barocktheater. Es muß lobend erwähnt werden, dass es nach der Sanierung der Oper zwei ziemlich große Aufzüge bis hinauf zum 1. Rang gibt, dass man drei rollstuhlgerechte Toiletten eingerichtet hat, nicht nur zwei im Parkett, sondern die dritte im unteren Foyer neben der Garderobe, und dass man in Reihe 15 vier barrierefrei erreichbare Rollstuhlplätze ausgebaut hat, wo auch größere Rollstühle Platz haben. Nur der Erfrischungsraum im 2. Stock (1. Rang) erwies sich für die vielen am Einführungsvortrag des Dramaturgen Stephan Steinmetz Interessierten als zu klein.
Es ist ein besonders intensiver Abend, weil sich typische Familienkonstellationen abspielen, aber auch theologische Deutungen präsentiert werden, mit denen man sich auseinandersetzen muss. Scarlattis Oratorium aus dem Jahr 1707 hat im 21. Jahrhundert zu Recht seine Wiederbelebung als Oper erfahren. Ein Besuch lohnt sich nicht nur für Liebhaber von Barockopern!
Ursula Hartlapp-Lindemeyer 4. November 2026
Cain, overo il primo omicido
(Kain und Abel)
Domenico Scarlatti
Oper Köln
Rezension der Premiere 1. November 2026
Regisseur Dietrich W. Hilsdorf
Dirigat: Rubén Dubrovsky
Gürzenich-Orchester Köln