Wuppertal: „Otello“, Giuseppe Verdi

 Femizid auf dem Militärstützpunkt  

Die Uraufführung von Verdis Oper „Otello“ erfolgte1887 in Mailand. Das Libretto   stammt von Arrigo Boito.  Die beiden haben sich im November 1871 nachts auf dem Bahnhof nach dem Besuch der ersten Aufführung einer Oper Richard Wagners (Lohengrin in Bologna). Verdi wollte nach „Aida“ und dem Requiem eigentlich nicht mehr komponieren Er gründete lieber ein Altersheim für alte Musiker. Doch als Arrigo Boito ihm „Otello“ vorschlägt, ist er von dem Drama fasziniert und begann sofort mit ihm am Text zu feilen.  Die Musik schrieb er erst viel später. Eifersucht war für ihn offensichtlich auch im Alter immer noch ein Thema. Erst mit „Falstaff“ konnte er damit, dann humorvoll, abschließen. Jetzt zur Aufführung im Barmer Opernhaus, der ersten Premiere der aktuellen Spielzeit.

© Matthias Jung

Vor Beginn und zwischen den Akten wird mit kurzen, stillen Monologen aus Shakespeares Schauspiel auf Desdemona fokussiert. Zwischen der Liebe zu Otello und seinem Eifersuchtswahn wird sie schließlich umgebracht werden.  Mit rhythmisierten Orchesterschlägen im Fortissimo bricht dann unter dem temperamentvollen und souveränen Dirigat des Chefdirigenten der Oper Wuppertal Yorgos Ziavras die Oper aus.  Zyperns Volk und Soldaten beobachten die Ankunft der Flotte Otellos. Sturm braust musikalisch aus dem Orchestergraben hervor und wilde Meereswellen brechen über die gesamte Bühne (Projektionen auf dem Gaze- Vorhang). Desdemona steht in der Mitte der Bühne auf dem Balkon und erwartet ihren Liebsten. Otello (Charne Rochford a. G.) verkündet den Untergang der türkischen Flotte. Zwei heftige Blitze deuten ein Feuerwerk an, lassen aber nichts Gutes ahnen. Der Aufsteiger Othello wird hier als Kriegsheld gefeiert.

   Charne Rochford lebt in London und war als Sänger zwischen Neuseeland und Wales mit bedeutenden Orchestern, u. a. auch bei Beethovens Neunter Sinfonie mit dem London Philharmonic Orchestra in der Royal Festival zu London zu hören.  Hier besticht er durch Strahlkraft und Spielfreude bei nicht zu großer Stimme. Otellos Fähnrich Jago (Byung Jun Ko a.G.) gönnt ihm Ehre und Erfolg nicht. Er hat außerdem nicht verwunden, dass statt seiner Cassio zum Hauptmann befördert wurde und spinnt eine Intrige, in deren Folge Cassio degradiert wird. Der riesige Opernchor (Ulrich Zippelius) singt und spielt zusammen mit den Solisten präzise wie eindrucksvoll die Massenszene inklusive Prügelei und inszeniertem Aufruhr. Da ist unten im Orchestergraben zwischen Kontrabässen, Holz- und Blechbläsern, Harfe und Schlagzeug ebensoviel los wie auf der Bühne.  

© Matthias Jung

Nachdem Ruhe und Ordnung wiederhergestellt sind, können Desdemona und Otello ihre Liebe und ihr Glück feiern. Die Zuhörer erleben einen ersten intimen musikalischen Höhepunkt dank des vorzüglichen Celloquartetts im Orchester. Erotische Nähe -überkreuzte Oberschenkel, Küsse, Umarmungen- bedarf heutzutage einer Intimitätskoordinatorin, mit deren Hilfe Grenzen bei Zweisamkeit und Berührungen quasi mikrochoreographisch festgelegt und abgesprochen werden.

Die zwischen den Akten leicht im Wind wiegende, dicht belaubte Weidenkrone als Videoprojektion über das ganze Bühnenportal weist frühzeitig auf den tragischen vierten Akt hin.

Im 2. Akt rät Jago dem Cassio, Desdemona um Fürsprache bei Otello zu bitten. Ihr Einsatz für Cassio weckt Otellos Eifersucht, die von Jago weiter befeuert wird. Cassio habe ihm von einem Traum über Desdemona erzählt. Otello glaubt alles. Byung Jun Ko, mit großer Bühnenpräsenz als Intrigant, hat am Stadttheater Passau am Theater in Regensburg, bei Konzerten in der Tonhalle Düsseldorf gesungen und gefällt hier mit großem beweglichem Bariton.  

Im 3. Akt steigert sich Otellos Eifersucht weiter. Jago „beweist“ mit einem Taschentuch und einem von Otello belauschten Gespräch eine angebliche Affäre zwischen Cassio und Desdemona. Dabei spricht Cassio (Milan de Korte) über seine Geliebte Bianca, was Otello aber nicht mitbekommt. Vor Ludovico, dem Gesandten aus Venedig  (souverän wie sonor Oliver Weidinger), dem venezianischem Edelmann Roderigo(Sergio Augusto) und der gesamten Gesellschaft auf dem Militärstützpunkt verliert Otello jede Contenance und schleudert Desdemona zu Boden.

In dieser großen Szene können schnell vorübergehende, leichte Intonationsschwankungen und Unsicherheiten den insgesamt mächtigen Klangeindruck des erneut riesigen Chores kaum beeinträchtigen. Außer sich vor Eifersucht, beschließt Otello Desdemona zu töten und schließt Blutsbrüderschaft mit Jago.

Im letzten Akt bereitet sich die unglückliche Desdemona auf die Nacht vor. Da bleiben bei ihrem Lied aus Kindertagen von Barbara und der Geschichte von der Trauerweide stimmlich wie darstellerisch bei Francesca Chiejina keine Wünsche offen. Ihr warmer Sopran, Pianissimo- Ansatz in höchster Höhe mit dann mühelosem Crescendo bis zum strahlendem Forte, läßt den staunenden Zuschauer auf die Stuhlkante rücken. In Lagos geboren, hat sie nach dem Studium in Michigan und an der Guildhall School of Music hat sie im u a. im Coventgarden, und in der Scottish Opera gesungen. In dieser Spielzeit neu im Wuppertaler Ensemble, wird sie hier in „Carmen“ und „Florentiner Hut“ zu hören sein. Als Desdemona beteuert sie im Schlafzimmer vergeblich ihre Unschuld. Otello bringt sie um. Ihre Gesellschafterin Emilie, die Ehefrau Jagos (Edith Grossmann: spielerisch wie stimmlich wie immer brillant) deckt am Ende die Intrige auf.   Otello bringt sich selbst um und Jago flieht.

© Matthias Jung

Die Geschichte ist alt.  Shakespeare hat sich schon 1604 des Stoffes angenommen. Eifersucht und Femizid sind also keine modernen Erfindungen. Unsichere Männer mit mangelndem Selbstwertgefühl und übersteigertem Ehrgeiz waren schon immer gefährlich, haben von jeher unschuldige Frauen oder Konkurrenten umgebracht.  Von solchen Themen lebt Oper!  

Katharina Kastening beeindruckte in Wuppertal vor zwei Jahren mit ihrer starken Inszenierung der Kammeroper „Thumbprint“ von Kamala Sankaram. Er habe auf Operbühnen kaum etwas Besseres, Ergreifenderes gesehen, schrieb „Der   Opernfreund“ damals. Die Entwicklung Otellos vom sozialen Aufsteiger zum Mörder der Ehefrau, die männliche Gewalt bei Jago wie bei Otello, dessen Eifersuchtswahn werden hier weiblicher Emotionalität gegenübergestellt. Dazu wird die Story auf einen Militärstützpunkt verlegt, der von Diego Garcia im Indischen Ozean inspiriert ist. Bei dessen Anlage spielten schon Gewalt gegenüber Einheimischen, spielten Rassismus und Kolonialismus eine entscheidende Rolle. Der Internationale Gerichtshof hält den Anspruch Großbritanniens auf den Chagos-Archipel für rechtswidrig.  

Das Bühnenbild (Matthias Kronfuss) zeigt eine entsprechende Beton-Architektur mit Überwachungsraum, in welchem Bildschirme Informationen aus allen Räumen des Stützpunktes liefern. Ein vergittertes Tor muss aufgeschlossen werden, damit Kinder der Desdemona huldigen können. Für den vorzüglichen Kinderchor gab es Sonderapplaus nach dem 2. Akt.  

Treppenhaus, Flur erlauben das gleichzeitige Spiel verschiedener Situationen z.B. im 2. Akt, wenn links Jago seiner Frau vor den Überwachungsbildschirmen mit Gewalt das Taschentuch entreißt, während rechts im Flur Otello seiner Desdemona Untreue unterstellt.  Der dritte Akt zeigt eineTrainingshalle mit Basketballkorb in welchem ein Deckenventilator sozusagen als Seelenquirl im Raum bewegte Schatten wirft und Otello als moderner Mann mit Hanteln Bodybuilding betreibt. Auch die umfangreichen Videoinstallationen auf dem Vorhang von Frouke ten Velden -in Wuppertal schon bei Angel’s Bone zu erleben – deuten die Psyche der Rollen großartig aus. Die Kostüme (Devi Saha) entsprechen Uniformen oder auch lockerer Privatkleidung, ganz so, wie sich eben Dienst und Privatsphäre auf dem Stützpunkt mischen.  Am Ende gab es verdienten, frenetischen Applaus mit zahllosen Bravi und Bravissimi für Chor, Orchester und das gesamte Ensemble. Erst nach etlichen Vorhängen begab sich das Publikum zur Premierenfeier ins Kronleuchterfoyer.

Fazit: Vom Unwetter des Anfangs bis zu diesem Drama am Ende hat die Spannung nie nachgelassen. Hier ist große Oper, inszenatorisch plausibel ins Heute geholt und mit großen Stimmen in einer sehenswerten, eindrucksvollen Aufführung zu erleben. Empfehlenswert!

Johannes Vesper 4. November 2026


Otello
Oper von Giuseppe Verdi

Oper Wuppertal

Premiere 31.Oktober 2026

Regie Katharina Kastening
MusikalischeLeitung: Yorgos Ziavras
Sinfonieorchester Wuppertal

Weitere Vorstellungen: 7. November 2026, 11. Dezember 2026, 27. Dezember 2027