Hagen: „Cavalleria rusticana“, Pietro Mascagni / “ I Pagliacci“, Ruggero Leoncavallo

Das klassische italienische Doppel „Cav and Pag“ (wie die Amerikaner sagen), also Mascagnis Cavalleria rusticana und Leoncavallos I Pagliacci, ist die erste eigene und auch gleich sehr gelungene Opern-Neuproduktion des Theaters Hagen in dieser Saison. Und es spricht für die ambitionierte Leistungsfähigkeit dieser Bühne, dass sie es nicht bei einer der beiden Opern belässt, wie zuletzt in Hannover oder Mönchengladbach geschehen. Beide Stücke sind musterhafte Beispiele für den neuen Stil des Verismo. Sie spielen im niederen sozialen Milieu, bilden realistisch anmutende Handlungen ab und enden tragisch-gewaltvoll. Sie sind so knapp und lakonisch angelegt, dass man beide an einem Abend spielen kann. Musikalisch knüpfen sie an die präzisen Mittel des späten Verdi an und verbinden diese mit ausdrucksvollem Melos. Dennoch haben die beiden hier aufgeführten Werke trotz starker struktureller Ähnlichkeiten ihre je eigene Handschrift, lassen sich also kaum als Zwilling bezeichnen.

Drei berühmte Opern gibt es, in denen ein gewisses Getränk das Geschehen bestimmt. In Donizettis Der Liebestrank ist es der Rotwein, der bei Nemorino die Hemmungen löst, aber nicht direkt zum letztlichen Erfolg bei der angebetenen Adina führt. Wagners Tristan und Isolde erkennen durch den Liebestrank, dass sie füreinander bestimmt sind, und in Cavalleria rusticana ist es wiederum der Wein, der auch die Hemmungen löst, aber zu einem tödlichen Duell führt. Denn Turridu hat mit seiner früheren Geliebten Lola angebandelt, obwohl er inzwischen Santuzza geschwängert hat. Lola ist aber mittlerweile mit Alfio verheiratet. Die unglückliche Santuzza verpetzt Lolas Affäre bei Alfio, der sich rächen will. Alfio stellt den betrunkenen Turridu zur Rede, der daraufhin Alfio zum Duell auffordert. Dieses – hinter der Bühne ausgeführt – bezahlt Turridu mit seinem Leben. Das Ganze spielt sich auf einem sizilianischen Dorf ab, wo Ehre und Blutrache noch Geltung besitzen. Das gleichzeitig stattfindende Osterfest bildet einen starken Kontrast dazu. Für diesen Konflikt zwischen gesellschaftlichen Vorgaben und individuellen Begehrlichkeiten hat Pietro Mascagni eine illustrative Musik mit gesanglichen Melodien, schwungvollen Rhythmen und einer ebenso farbigen wie süffigen Orchestrierung komponiert.

© Sinah Osner

 Beim Bajazzo (der deutsche Titel von I Pagliacci) hat Nedda noch einen Verehrer mehr als zuvor Lola, was die Sache erschwert, zumal es zwei Handlungsebenen gibt: Die der Commedia dell„arte-Schauspielertruppe und die des Schauspiels, das sie aufführen. Nedda ist mit Canio, dem Leiter der Truppe, verheiratet. Aber Ensemblemitglied Tonio macht keinen Hehl aus seiner Leidenschaft ihr gegenüber. Außerdem versucht Silvio aus dem Dorf, wo die Truppe gerade gastiert, Nedda zur Flucht zu überzeugen. Tonio belauscht die beiden und verpetzt sie bei Canio. Während der abendlichen Vorstellung ist es Peppes Rolle, mit Nedda zu flirten. Canio kann seine Wut auf sie nicht bezähmen, verwechselt Realität und Spiel und ersticht nicht nur Nedda, sondern auch den zur Hilfe eilenden Silvio. Er als Künstler hat sich von der Wirklichkeit inspirieren lassen, wie Tonio nichtsahnend im Prolog singt und damit die theatrale Doppelbödigkeit vorausnimmt. Die Realität ist brutaler als es die gespielte Commedia dell’arte, die auf Auflösung der Konflikte beruht, zeigen möchte. Leoncavallos Musik klingt herber und expressiver als Mascagnis.

Die Inszenierung beider Stücke verortet die Handlung in der Mitte des 20. Jahrhunderts, als die Filmregisseure Fellini oder Rosselini begannen, auch das Leben der einfachen Menschen in ihrem Milieu einfangen zu wollen. Ein sehr wirkungsvolles, variables Bühnenbild (Julia Katharina Berndt) mit zwei räumlichen Elementen, die für jede Szene zu neuen Konstellationen arrangiert werden können, sorgt für Abwechlung. Dazu schaffen Säulen mit Gewölbebögen, die von der Decke herabgelassen werden können, zusätzlich Räume. Berndt hat auch die Kostüme entworfen; sie sind typisch für diese Epoche, angemessen für die Rollen und insgesamt geschmackvoll. Zu Beginn der Cavalleria sieht man Santuzza von außen die Dorfkirche betreten, die sich dann dank Drehbühne zum Publikum öffnet. Liebevoll handgemalte Buntglasfenster erzeugen Atmosphäre, während ein überlebensgroßes Kruzifix mit einer krass realistischen Darstellung des Gekreuzigten bedrohlich wirkt. Doch die vorgesehene Trauung mit Turridu wird von Lola unterbrochen, die ihn auf dem Altar sich räkelnd verführt. Die Gemeinde schwenkt das Brautkleid, dessen sich Santuzza daraufhin entledigt hat, als Trophäe. Als Turridu präsentiert sich das neue Ensemblemitglied Daniel Schliewa.

© Sinah Osner

 Er singt seine einleitende Siciliana nicht, wie vorgesehen, unsichtbar von hinten oder von der Seite, sondern in jener Altarnummer mit Lola. Er gestaltet seine Partie mit einer obertonreichen schönen Stimme, nicht ganz durchsetzungsfähig, aber engagiert und mit vielen Schattierungen überlegt gesungen. Ein Tenor mit Potenzial, der noch von sich Reden machen wird, wenn er es weiter entfaltet. Abgesehen von diesem ersten Auftritt Lolas und Turridus wird die Geschichte von Regisseurin Pamela Recinella ansonsten geradeheraus und mit viel Einsicht in die Figuren und ihre Beziehungen zueinander erzählt. Ein starkes Bild gibt es im Intermezzo, wo Santuzza sich verzweifelt an das zum Boden gelassene Kruzifix klammert. Sie wird gesungen von Serenad Uyar, und wie diese Frau liebt, verzweifelt, fleht, hasst! Mit ihrem strahlenden und üppigen Sopran steht sie im Mittelpunkt des Dramas. Insu Hwang als  Alfio mit ebenso kernigem wie elegantem Bariton, Gundula Hintz als Santuzzas Mutter Lucia mit volltönendem und warmem Alt sowie Hyejun Melania Kwon, die mit strahlendem, verführerischem Sopran die Lola gibt, runden das Solistenquintett überzeugend ab.

Nach der Pause beginnt  I Pagliacci dort, wo die Cavalleria  endete. Doch kein Kreuz, sondern ein Trapez hängt herab, denn die vier Mitglieder der Schauspieltruppe werden von vier Artisten (Johanna von Dobbeler, Jonas Roth, Mikkel Stamp und Sven Stutzenberger) ergänzt. Diese sorgen für viel Lebendigkeit beim Auftritt der Truppe. Dass die Protagonisten nur Puppen einer höheren Macht sind, wird dadurch angedeutet, dass Tonio im Laufe der Handlung mit Marionetten hantiert. Und das führt zum Höhepunkt dieser Inszenierung: Auf der kleinen Bühne der Truppe spielen die Artisten die Charaktere der Commedia dell’arte als Marionetten, die von den Sängern von einer Galerie über der Bühne geführt werden. Eine überraschende Lösung, die die Doppelbödigkeit der Handlung noch einmal betont.

© Sinah Osner

Das Theater Hagen gönnt sich den Luxus, nur zwei Ensemblemitglieder in beiden Opern mitwirken zu lassen, und zwar Serenad Uyar und Insu Hwang. Uyar singt im Bajazzo die Nedda und Hwang den Tonio.  Auch hier lässt die Hagener Sopranistin ihre Stimme aufblühen und die frustrierte, zwischen Liebe zu Silvio und Treue zum Theater wankende und den Tonio verachtende Nedda ebenso überzeugend darstellen wie die kecke Colombina. Ihren heimlichen Liebhaber gibt Manos Kia mit seinem dunklen und virilen Bariton; beide ergänzen sich in ihrer großen Szene sehr gut. Hwang darf als enttäuschter Tonio bzw. Taddeo auch einmal rauere Töne anschlagen, nachdem er für seinen ausdrucksvoll gesungenen Prolog spontan Applaus erhielt. Mit frischem, klarem und lebendigem Buffo-Tenor ist Anton Kuzenok die Idealbesetzung für Peppe/Harlekin. Der Star des Abends ist jedoch Aldo di Toro, ein Spinto-Tenor, dessen überwältigende Stimme fast zu groß für das Hagener Haus ist. Dafür hat man selten die Gelegenheit, eine so kraftvolle, strahlende, trotz ihres Volumens sauber geführte Stimme zu hören! Auch darstellerisch ein Theaterdirektor in der Midlife-Crisis, wie er im Buche steht. Maßgeblich zum Erfolg des Abends tragen der Chor und der Extrachor des Theaters bei, die von Julian Wolf erfolgreich einstudiert wurden und mit viel Stimmgewalt zu großen Steigerungen fähig sind und dabei aktive Mitspieler sind. Bewundernswert tonrein und klangvoll ist der Kinderchor des Theaters Hagen unter der Leitung von Caroline Piffka; es ist eine Freude, den begabten jungen Menschen, die zu so später Stunde selbstsicher auf der Bühne agieren, zuhören zu dürfen. Dagegen klang das Philharmonische Orchester Hagen zunächst ganz ungewohnt so, als spiele es vom Blatt ein unbekanntes Stück; es wird dafür wohl einen Grund gegeben haben. Es fand aber zu seinen Qualitäten zurück und ließ sich von Sebastian Lang-Lessing zu differenziertem, farbigem, leidenschaftlichem und klangprächtigem Spiel anfeuern. Das Premierenpublikum bedankte sich lange bei allen Beteiligten für diesen äußerst hörens- wie sehenswerten Abend.

Bernhard Stoelzel, 4. Oktober 2026


Cavalleria rusticana
Oper von Pietro Mascagn
i
Pagliacci
Oper von Ruggero Leoncavallo

Theater Hagen
Premiere: 3. Oktober 2026

Regie: Pamela Recinella
Musikalische Leitung: Sebastian Lang-Lessing

Philharmonisches Orchester Hagen