Hagen: „Ich, Ich, Ich! (Je suis narcissiste)“, Raquel Garcia-Tomas (zweite Besprechung)

© Leszek Januszewski

An komische Opern trauen sich zeitgenössische Komponisten meist nicht heran. Mit den Klängen der Gegenwart lassen sich leichter Tragik und Dramatik auf die Bühne bringen. Umso erstaunlicher ist der Erfolg von Raquel Garcia-Tomas Oper Je suis narcisste, die 2019 in Madrid uraufgeführt wurde. Die Inszenierung der deutschen Erstaufführung, die 2024 in Gießen unter dem deutschen Titel Ich, Ich, Ich Premiere hatte, wurde jetzt an das Hagener Theater übernommen.

Librettistin Helena Tornero hat sich eine turbulente Geschichte ausgedacht, die in 85 Minuten über die Bühne geht: Die gestresste Eventmanagerin Klothilde leidet unter Narzissmus und lässt sich vom Therapeuten Dr. Tempesta behandeln. Das weitere Geschehen hat dann mit der Ich-Sucht aber nicht mehr viel zu tun und wechselt zwischen Rückblenden und Gesprächen in der Praxis: Klothilde erwischt ihren Freund Guido beim Fremdgehen mit einem Liftboy. Kurz darauf verstirbt Guido auch noch, und bei seiner Beerdigung trifft Klothilde auf dessen anderen Geliebten. Für zusätzlichen psychischen Stress sorgt der Tod von Klothildes Katze. Das ist nur ein Teil der Geschichte, man sieht aber: Es geht sehr abwechslungsreich zu.

Das trifft auch auf die Musik zu: Zu Eröffnung gibt es ein jazziges vierstimmiges Ensemble. Die Komponistin Raquel Garcia-Tomas nutzt gekonnt die Elemente, die für eine komische Oper benötigt werden: Schneller Gesang, der rhythmisch pfiffig begleitet wird, außerdem originelle Instrumente und Zitate aus anderen Opern. Als zusätzliches Element gibt es kleine elektronische Zuspielungen. Dirigent Steffen Müller-Gabriel lässt das Philharmonische Orchester Hagen, dass in kleiner Besetzung antritt sehr pointiert und gewitzt musizieren. Auch die gut gewählten Tempi treiben das Stück voran.

Insgesamt erlebt man ein unterhaltsames Stück mit vielen tonalen Klängen, das beim Publikum gut ankommt. Da Gelächter und Applaus während der Aufführung meist nur in einzelnen Ecken des Zuschauerraums aufflackern, hat man aber den Eindruck, dass sich hier vor allem Freunde, Bekannte und Verwandte der Sänger amüsieren.

© Leszek Januszewski

Das Bühnenbild des Ausstatter-Teams von Prisca Baumann und Kerstin Grießhaber ermöglicht mit seinen zwei V-förmig aufgestellten Wänden schnelle Szenenwechsel auf der Drehbühne. Die Kostüme überzeichnen die Figuren. Die Regie von Ute M. Engelhardt, die in Hagen von Linnéa Unverzagt einstudiert wird, bringt die Figuren und die Geschichte in ihrer Skurrilität gut auf die Bühne.

Der starke darstellerische und sängerische Einsatz der vier Akteure trägt wesentlich zum Erfolg der Aufführung bei: Polina Artsis singt die Klothilde sehr textverständlich, was bei einer komischen Oper nicht zu unterschätzen ist. Zudem trumpft sie kräftigem Mezzo auf. Bariton Tomi Wendt entwickelt den Therapeuten Tempesta sehr aus dem Text heraus. Bei ihm hat man oft den Eindruck, dass er gar nicht eine fremde Komposition singt, sondern ganz natürlich improvisiert. Sehr wandlungsfähig in Stimme und Spiel sind die beiden anderen Akteure: Nieke Tiecke gefällt mit ihrem schönen lyrischen Sopran, Anton Kuzenok mit seinem klangvollen Tenor.

Man darf gespannt sein, ob sich diese Oper vielleicht wirklich zu einem Erfolgsstück entwickelt, denn in der gerade begonnen Saison wird sie auch noch in Hannover (22. Oktober 2026) und Kaiserslautern (15. Mai 2027) gespielt.

Rudolf Hermes 17. September 2026

Erste Besprechung


Ich, ich, ich!
(Je suis narcissiste)
Komische Oper von Raquel García-Tomás
Text von Helena Tornero, Übersetzung von Arno Lücker

Theater Hagen
Premiere am 12. September 2026

Inszenierung: Ute M. Engelhardt
Musikalische Leitung: Steffen Müller Gabriel
Philharmonisches Orchester Hagen