Das Musiktheater im Revier eröffnet die neue Intendanz mit einer äußerst radikalen und zugleich raffinierten Neuinterpretation von Alban Bergs Wozzeck. Von Büchner bleibt in der Gelsenkirchener Inszenierung zwar wenig übrig. Dennoch gelingt es ihr, mit Bergs Musik und Libretto Fragen nach der gewalttätigen Animalität der Gesellschaft und nach kollektiver Schuld am Holocaust zu stellen. Die musikalische Umsetzung ist dabei von hoher Qualität. Es bleibt nur zu hoffen, dass das MiR auch weiterhin so ambitionierte und innovative Inszenierungen wie diese auf die Bühne bringt.

Wozzeck ist schuldig, wir alle sind schuldig
Moderne Opernregie ist dem Spannungsverhältnis zwischen der Freiheit der Inszenierung und den Vorgaben von Musik und Libretto ausgesetzt. Eine Regie kann die Handlung in einen völlig neuen Kontext stellen. Sie kann eine Oper sogar gegen ihren ursprünglichen Sinn wenden.
Ein überzeugendes Beispiel ist Barrie Koskys Bayreuther Inszenierung von Die Meistersinger von Nürnberg aus dem Jahr 2017. Die häufig mit deutschem Nationalismus verbundene Handlung wird dort in den Kontext der Nürnberger Prozesse gestellt. Aus dem Wettbewerb der Meistersinger wird ein Gerichtsverfahren. Die Frage nach dem besten Sänger wird durch die Frage nach Schuld und Verantwortung ersetzt. Solche Neuinterpretationen gelingen nur dann, wenn die neue Deutung konsequent mit Libretto und Musik verbunden bleibt.
Die italienische Regisseurin Ilaria Lanzino hat sich in Gelsenkirchen für eine ähnlich gelagerte radikale Neuinterpretation für Wozzeck entschieden, den sie in das nationalsozialistische Deutschland versetzt und zu einem Menschen macht, der für den Holocaust mitverantwortlich ist. Die Gesamtwirkung unterscheidet sich so sehr von der bei Büchner und Berg, dass man von der Entstehung eines völlig neuen Werks sprechen kann. Und doch, und genau darin liegt der Zauber der Opernregie, bleiben Libretto und Musik weitgehend unangetastet.

Um die Radikalität und Raffinesse von Lanzinos Inszenierung vollständig würdigen zu können, ist es sinnvoll, kurz die Handlung der Vorlage vorzustellen. Der Titelheld, ein vom militärischen und medizinischen Regime drangsaliertes und schikaniertes Wesen, steht auf der untersten Stufe der Gesellschaft. Durch die Figuren des Hauptmanns und des Doktors wird er ständig gedemütigt und seiner Menschlichkeit beraubt: Dem Doktor dient er als Versuchskaninchen für Experimente, die untersuchen sollen, was ein Mensch alles ertragen kann.
Darüber hinaus wird er ständig von apokalyptischen Halluzinationen und Wahnvorstellungen geplagt. Seine Partnerin Marie, mit der Wozzeck ein uneheliches Kind hat, betrügt ihn mit dem Tambourmajor, von dem sie als Geschenk Ohrringe erhält. Wozzeck bemerkt diese neuen Ohrringe und wird von Eifersucht besessen. Während Marie ihren Verrat an Wozzeck bereut, beschließt ihr Partner, sie zu töten. Nach dem Mord mit einem Messer bleibt jedoch Blut an seiner rechten Hand zurück, wodurch er sich als Täter verrät. Es folgt Wozzecks Selbstmord.
In der Gelsenkirchener Inszenierung ist Wozzeck Teil der Hierarchie des industrialisierten Massenmords an den Juden. In der ersten Szene der Oper, aus der Lanzino die Rasur des Hauptmanns gänzlich weggelassen hat – was zu einer erheblichen Abweichung vom Libretto führt –, phantasiert der schikanierte Wozzeck sich in gewaltvolle Szenen, in der er selbst Herr und nicht Opfer ist: In einem Moment der Träumerei nimmt er dem Hauptmann die SS-Mütze und die Peitsche ab und stellt sich vor, wie er einen Menschen auspeitscht, der noch elender und gedemütigter ist als er selbst. Der Doktor führt Experimente an jüdischen Häftlingen durch, und Wozzeck erhält ein Gehalt dafür, dass er ihm assistiert. Marie erhält die Ohrringe nicht vom Tambourmajor, sondern nimmt sie aus dem Koffer einer deportierten Jüdin.

Lanzinos Ziel ist es in all diesen Fällen, Wozzeck von der Erzählung über ein Individuum in eine Erzählung über die gesamte Gesellschaft zu verwandeln. In der Inszenierung gibt es keinen verrückten Einzelnen, sondern die gesamte Gesellschaft ist Teil einer verrückten Maschinerie. Für den Holocaust ist nicht nur Wozzeck schuldig, sondern durch die faschistische Struktur alle.
Zuweilen gelingt diese Umdeutung erstaunlich einfach und ohne viel Aufwand. Dafür muss das Libretto in den metaphorischen Passagen wörtlich und in den wörtlichen metaphorisch gelesen werden. Wenn Wozzeck beispielsweise sagt: „Es ging der Rauch auf vom Land, wie ein Rauch vom Ofen“, fällt es nicht schwer, sich den Rauch aus den Schornsteinen der KZ-Lager vorzustellen. Ebenso lässt sich das Libretto mit dem Holocaust in Verbindung bringen, wenn Wozzeck zu Marie sagt: „Eine Sünde, so dick und breit, muss stinken, dass man die Engel zum Himmel hinausräuchern könnte.“ Oder wenn Marie ihren Sohn mit einem Lied erschreckt, in dem es heißt, dass der „Zigeunerbub“ ihn holen und ins „Zigeunerland“ bringen werde, passt das zu den rassistischen Vorstellungen des Nationalsozialismus.
Am raffiniertesten erschien mir die Neuinterpretation von Wozzecks Blut an der rechten Hand nach dem Mord an Marie: In diesem Moment beginnen die einzelnen Figuren, mit der rechten Hand den Hitlergruß zu zeigen. „Blut an den Händen haben“ wird so ein konkretes Bild kollektiver Schuld. Nicht nur Wozzeck hat Blut an den Händen. Die gesamte Gesellschaft ist beteiligt.

Doch die Umdeutung hat auch ihre Grenzen. Am deutlichsten zeigt sich das beim Mord an Marie. Im Original ist diese Szene der dramatische Höhepunkt der Oper. In Gelsenkirchen begeht Marie stattdessen Selbstmord. Sie kann ihre Schuld nicht länger ertragen, Teil der nationalsozialistischen Vernichtungsmaschinerie zu sein.
Diese Lösung wirkt weniger überzeugend. Sie erklärt Maries Tod zwar innerhalb des neuen Konzepts, schwächt aber die ursprüngliche Dramaturgie. Gerade weil Berg den Mord musikalisch und dramatisch so konsequent vorbereitet, verliert die Szene durch die Veränderung an Wucht. Hier setzt sich die neue Interpretation nicht als eine im Einklang stehende Überlagerung des Originals, sondern gegen die innere Logik des Originals durch.
Zum Gesamteindruck trägt auch das Bühnenbild von Martin Hickmann bei. Es wird von einer schwarz-goldenen, ovalen Wand dominiert, die sich im Laufe der Aufführung horizontal öffnet, sodass in ihrer Mitte ein schmaler Spalt entsteht, aus dem Rauch dringt. Symbolisch steht der Spalt für Wozzecks latentes Bewusstsein all der Verbrechen, die geschehen, für das ständige Unbehagen, das Gefühl, dass etwas nicht stimmt, das Gefühl der Mitschuld.
FOTO 007 – BESCHREIBUNG: Simon Stricker, Martin Homrich
Musikalische Gewalt und Klarheit
Simon Stricker verkörpert Wozzeck auf hervorragende Weise; sein Sprechgesang wirkt in zornigen Momenten buchstäblich furchteinflößend, was in der Deutung von Wozzeck als aktivem Täter besonders wichtig ist. Susanne Serfling verleiht Marie trotz gelegentlicher Intonations- und Rhythmusungenauigkeiten eine sinnliche und provokative Präsenz. Die extreme Stimmgewalt und der kaltblütig selbstbewusste Ausdruck des Doktors (Philipp Kranjc) wirken äußerst abstoßend, genau wie diese Figur tatsächlich ist. Matthew Peña wirkt als Hauptmann dagegen weniger überzeugend. In der anspruchsvollen, zugleich grotesken und grausamen Partie bleibt er sowohl darstellerisch als auch gesanglich stellenweise unsicher.
Sowohl die Inszenierung als auch die gesanglichen Darbietungen wären nichts ohne die außergewöhnliche Leistung des Orchesters. John Warner lässt sowohl die massive klangliche Wucht der großen spätromantischen Besetzung als auch intime kammermusikalische Passagen zur Geltung kommen. Die brutale, apokalyptische Monumentalität der Blechbläser wechselt sich ab mit grotesken Walzern, die von den Streichersolisten angeführt werden. Das Ergebnis ist ein sich ständig wandelnder Klangraum, mal halluzinativ trüb, mal harmonisch klar, so wie die Inszenierung im Ganzen, die zwischen überzeugenden Neudeutungen und Adaptionen und dunkel bleibenden Einfällen ein furioses Ereignis darstellt.
Šimon Kinc, 6. Oktober 2026
Wozzeck
Alban Berg
Musiktheater im Revier Gelsenkirchen
Besuchte Aufführung 4. Oktober 2026
Premiere: 27. September 2026
Regie: Ilaria Lanzino
Musikalische Leitung: John Warner
Neue Philharmonie Westfalen