Bilanz extra: Anmerkungen zur „Saison 2025/26“ in Nordrhein-Westfalen

Opernlandschaft Nordrhein-Westfalen:
Wenn man das Glück hat, in der dichtesten Opernlandschaft Deutschlands, Europas und der Welt zu leben, kann man nur dankbar sein. Zumal bei 33 besuchten Aufführungen nur ein kleiner Ausschnitt des reichen Angebotes erlebt werden konnte. Von diesen wiederum fanden 20 eine Besprechung im Opernfreund. Und weil wir gerade bei Zahlen sind, noch etwas Statistik: 31 Werke von 3 Komponistinnen und 19 Komponisten wurden in 12 Städten von Detmold bis Düsseldorf, von Münster bis Mönchengladbach gesehen und gehört (mit einmal Osnabrück außerhalb des Bundeslandes). Siebenmal war Wagner der Komponist, einschließlich zweier konzertanter Aufführungen, und fünfmal Verdi. Insgesamt kamen 31 verschiedene Werke vom Barock bis in die Gegenwart zur Aufführung. Angesichts dieses Reichtums ist es unmöglich, einzelne Aufführungen kritisch zu hinterfragen oder besonders positiv hervorzuheben, denn in jeder Aufführung zeigten sich eine hohe Professionalität und ein großes Engagement aller Ausführenden. Sicherlich können Stimmen, die sich in eher kleineren Häusern eindrucksvoll entfalten, auf den großen Bühnen der Welt kaum bestehen, und die städtischen Orchester in den kleinen Gräben entwickeln vielleicht nicht immer die Klangkultur der Berliner, Dresdner oder Münchner Staatsorchester. Doch diese Einschränkungen werden wettgemacht durch kluge Ensemblepflege und hingebungsvolle Leidenschaft aller Beteiligten. Und nicht jede Wiederentdeckung wird ihren Weg ins Repertoire finden und aktuelle Familienopern werden nicht in Ewigkeit bestehen. Manche Regie, manches Bühnenbild blieben blass, das aber ganz selten; und anderswo mussten Solisten oder Orchester erst warm werden; oder wo das Auge schon staunen durfte, war für das Ohr etwas Geduld gefragt. Videos, teils „fullscreen“ die komplette Bühne einnehmend, fügten sich zumeist sinnig in das Regiekonzept ein.

Kreativ sind die Theater, wenn es um die Gewinnung neuen Publikums geht. Die klassischen Abonnenten, die von der Bildungsoffensive früherer Jahre geprägt wurden, sterben aus. Jedes Theater, das seine Auslastung halten oder gar steigern kann, ist stolz darauf und beweist damit sein Existenzrecht. Anderen droht der städtische Rotstift; aber diese Aufteilung kann sich im nächsten Jahr wieder ändern.

Schließlich müssen doch noch drei Namen genannt werden. Zunächst Susanne Serfling und Heiko Trinsinger. Die Sopranistin identifiziert sich mit Leib und Seele mit ihren Rollen, ohne das musikalisch-künstlerische zu vernachlässigen. In Gelsenkirchen am MIR bewies sie das eindrucksvoll als Francesca in Rachmaninoffs Francesca da Rimini sowie als Senta in Der fliegende Holländer je nach Bedarf mit expressiver oder aufblühender, farbenreicher Stimme, die in allen Lagen sicher liegt und tragfähig ist. Trinsinger ist eine langjährige Stütze der Essener Oper. Für ihn gilt das Gleiche, was die Rollenidentifikation betrifft. Sein wandlungsfähiger und ausdrucksvoller warmer Bariton eignet sich für die Hauptrolle in Cardillac ebenso wie für Amfortas (Parsifal) und Jago (Otello). Wie Serfling macht er jede Aufführung zu einem Ereignis.

Wer in Kritiken so gut wie nie, aber in den Besetzungslisten an prominenter Stelle auftaucht, ist die Dramaturgie. Sie ist die hochgebildete Schnittstelle zwischen musikalischer Leitung, Regieteam und Publikum. Thomas Rufin erscheint als Idealbesetzung auf dieser Position. Mit kenntnisreichen Interviews und Beiträgen im Programmheft und ebenso freundlichen wie eloquenten Einführungen in die Aufführungen des Theaters Hagen bereitet er das Publikum präzise auf den bevorstehenden Abend vor.

Die oben geschilderten Eindrücke aus Nordrhein-Westfalen lassen sich gewiss auf andere Regionen übertragen; so legen es zumindest die Besprechungen von dort nahe. Sie wecken die Neugier und machen Lust, nicht nur die großen Namen an den sich selbst als wichtige Bühnen bezeichnenden Häusern sehen und hören zu wollen, sondern auch zwischen Münster und Mönchengladbach oder zwischen Flensburg und Freiburg das Außergewöhnliche zu suchen. Hier lassen sich Raritäten ebenso finden wie eine ungezwungene und heimelige Atmosphäre, uneitle Konzentration auf das künstlerische Ereignis und vielleicht die Stars von morgen.


Die Bilanz zog Bernhard Stoelzel.