Piacenza: „Der fliegende Holländer“, Richard Wagner

Lieber Opernfreund-Freund,

mehr als 180 Jahre hat es nun gedauert, bis das Teatro municipale di Piacenza den Mut aufbringt, dem heimischen Publikum Richard Wagners fliegenden Holländer vorzustellen. Das ist umso lobenswerter, da Wagners Werke auf den Bühnen südlich der Alpen nicht halb so präsent sind wie hierzulande. Die in Koproduktion mit dem Teatro Comunale Pavarotti-Freni di Modena entstandene Produktion wird vor allem dank der Videoeinspielungen von Luca Attilii zum bejubelten Erfolg – und musiziert wird auch nicht schlecht.

© Gianni Cravedi

Schlicht genial muss man die Komposition der Videos, mittels derer Luca Attilii ganze Schiffe auf die Bretter der Bühne in Piacenza bringt, nennen. Sie werden in weiten Teilen auf eine Gaze projiziert; dadurch entsteht die Illusion, dass die Personen dahinter sich in den gezeigten Videos befinden. Ein phänomenaler Effekt! Kulissen im eigentlichen Sinne gibt es dagegen kaum und auch von Regiearbeit mag man bei Matteo Mazzonis allzu statisch wirkender Umsetzung fast nicht sprechen. Wenig Interaktion zwischen den Protagonisten, stattdessen viel Herumgestehe und opernhaft-simple Gesten zum Gesang: vielleicht hatte der aus Jesi stammende Regisseur Bedenken, dass zu viel Aktion in Kombination mit Attiliis gefilmten Bildern die Inszenierung überfrachten könnten – aber bewegen hätte er sich die Sängerinnen und Sänger doch lassen können. Sei‘s drum – der Abend gelingt auch ohne ausgefeilte Personenregie und so kann sich das Sängerpersonal zumindest auf den Sangespart konzentrieren. Denn der gerät mehr als passabel.

© Gianni Cravedi

Dass die Titelfigur eine vielschichtige Gestalt ist, die aus tiefstem Herzen auf Erlösung hofft, merkt man schon am Eröffnungsmonolog, den Rollendebütant Claudio Sgura voller Inbrunst vorträgt. Sein klanggewaltiger Bariton klingt stellenweise schon fast zu kultiviert für die düstere Gestalt, doch die dunklen Farben, die er beimischt, zeigen den Holländer eben nicht als furchteinflößenden Untoten, sondern als seelenvolle, gebrochene und facettenreiche Figur. Die Senta der südafrikanische Sopranistin Johanni van Oostrum steht den Holländer in puncto Farbenreichtum in nichts nach, betört mich in der Holländerballade noch mit anbetungswürdigen Piani, um in den Duetten mit Erik oder dem Holländer zu voluminöser Hochform aufzulaufen. Zwar erscheint mir ihre Höhe an manchen Stellen ein wenig scharf, doch punktet sie mit der reinsten Diktion des Abends und stemmt die kraftraubende Partie bei bester Textverständlichkeit. Die bringt auch Sorin Coliban als ihr Bühnenvater Daland mit, der seine Rolle fast schelmisch und mit gereiftem Bassbariton präsentiert. Die beiden Tenöre des Abends lassen keine Wünsche offen: Ian Koziaras Erik kommt kraftstrotzend-männlich daher, voller Verve stürzt sich der gebürtige US-Amerikaner in die Rolle des geschassten Geliebten, scheut weder Herausforderungen in Bezug auf Höhe noch auf fein-differenzierte Gestaltung. Das macht neugierig auf den Lohengrin, der er Anfang kommenden Jahres in Lüttich singen wird. Gelungen ist schließlich auch der verträumt-verliebte Steuermann von Paolo Antognetti, für den der Italiener einen klangschönen, höhensicheren Tenor mitbringt. 

© Gianni Cravedi

Der musikalische Leiter des Abends ist auch in Deutschland kein Unbekannter, schließlich hat Martijn Dendievel derzeit den Posten des Chefdirigenten bei den Hofer Symphoniker inne. Dass der aus Belgien stammende Dirigent einen ausgesprochen präzisen Wagner präsentiert, hört man schon in den ersten Takten des Vorspiels. Ausgewogene Dynamik und klare Stimmlinienführung prägen seine Interpretation, die nie auf bloße Klanggewalt setzt, sondern immer wieder ausgesprochen spätromantische Akzente setzt. Ähnliche Genauigkeit hätte ich mir auch von den Damen und Herren des Chores unter der Leitung von Corrado Casati gewünscht. Die singen zwar wunderbar – nur eben nicht immer im besten Timing. Aber das ist Meckern auf höchstem Niveau – dieser Olandese volante kann sich durch die Bank durchaus sehen und hören lassen!

Ihr
Jochen Rüth

7. November 2026


Der fliegende Holländer
Oper von Richard Wagner

Teatro municipale di Piacenza

Premiere: 6. November 2026

Regie: Matteo Mazzoni
Musikalische Leitung: Martijn Dendievel

Orchestra dell’Emilia-Romagna Arturo Toscanini