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BERLIN BALLETT

 

 

Performance beim Staatsballett

PLATEAU EFFECT

7.9.2019

Kein Tanz nirgends

Einen verstörenden Auftakt der neuen Saison bot das Staatsballett, nunmehr unter der Doppelleitung von Sasha Waltz und Johannes Öhman, am 6. 9. 2019 in der Komischen Oper mit der Premiere des Tanzstückes Plateau Effect. Man kann nur hoffen, dass dieser Abend nicht Programm ist für die in dieser Spielzeit noch zu erwartenden Neuproduktionen.

Choreograf, besser: Arrangeur der gezeigten Aktionen ist Jefta van Dinther. Er lässt neun Tänzer, vorwiegend Mitglieder des Corps de ballet und Demi-Solisten in lässigen Wühltisch-Klamotten, zunächst regungslos vor einer grauen Stoffwand verharren (Bühne: Simka), einen Song anstimmen, langsam den Stoff greifen und diesen in Schwingungen versetzen, so dass sich Falten und wallende Flächen bilden. Von seiner Aufhängevorrichtung gelöst, wird die riesige Stoffbahn zu einem Berg zusammengerollt, dann wieder auseinander gerissen und an Schnüren aufgehängt mit dem Effekt spitzer Zeltdächer. Unverständliche, sich bis zu Schreien verstärkende Stimmen ergeben eine bedrohliche Zuspitzung, die mehr und mehr in eine chaotische, gar apokalyptische Atmosphäre kippt. Unkontrolliert und hektisch rennen die Tänzer über die Bühne, zerren die Stoffbahn bis in den Orchestergraben. Zuckende rote Lichter (Minna Tikkainen) setzen Alarmsignale, mehr und mehr ist die Szene gänzlich in Dunkelheit getaucht. Zur flackernden Beleuchtung korrespondiert das Sound Design von David Kiers in stupider Monotonie und enervierender Lautstärke.

Am Ende wechseln die Befindlichkeiten der Interpreten (um die Bezeichnung Tänzer zu vermeiden) zwischen Erschöpfung, Lähmung und neu aufkommender Aggression. Mit 60 Minuten ist der Abend eigentlich zu kurz, gefühlt aber viel zu lang.

 

Bernd Hoppe 8.9.2019

Bilder folgen

 

 

 

 

 

Balanchine – Forsythe – Siegal

Premiere 4. 5. 2019

 

Der neue dreiteilige Abend des Staatsballetts ist kontrastreich und dürfte in den Repertoireaufführungen mit geteilten Publikumsreaktionen aufgenommen werden. Die Premiere am 4. 5. war ein einhelliger Erfolg, was freilich nichts aussagt, denn im Saal saßen viele Anhänger und Freunde der beteiligten Künstler. Am Beginn stand ein Klassiker von George BalanchineTheme and Variations auf den letzten Satz von Tschaikowskys Suite für Orchester Nr. 3 G-Dur op. 55, uraufgeführt 1947 beim New York City Ballet. Das Stück ist eine Hommage an den Großmeister des klassischen Balletts, Marius Petipa, indem es das Bewegungsvokabular dieser Gattung vorführt. Dies gestaltete sich als eine Demonstration von Eleganz und Präzision auf der leeren, nur mit drei Kristall-Lüstern geschmückten Bühne. Von bestechender Wirkung sind Elsie Lindströms hinreißend schöne Kostüme in hellgrauen, bläulichen und silbernen Farbtönen. Im Mittelpunkt steht ein Solopaar, das mit Maria Kochetkova a.G. und Daniil Simkin nur zur Hälfte ideal besetzt war. Denn so reizend die Russin in der kürzlich gezeigten Sylphide wirkte, so fremd schien sie in diesem Idiom, das hoch gewachsene, langgliedrige Ballerinen verlangt.

Ihre flinken Pirouetten und die graziöse Variation kamen nicht genügend zur Geltung durch ihren geradezu untersetzt wirkenden Körper. Ganz anders der neue Erste Solotänzer der Compagnie, der mit federleichten und hohen Sprüngen brillierte. Der finale Pas de deux bei reduziertem Licht (Perry Silvey) atmete wunderbare Abendstimmung und Simkin konnte hier mit mühelosen Hebungen der Partnerin noch einmal seine Klasse demonstrieren. Umgeben ist das Paar von vier Solistinnen (Iana Balova, Cécile Kaltenbach, Krasina Pavlova, Luciana Voltolini) und dem Corps de ballet, die für immer wieder neue und attraktive Formationen sorgen. Paul Connelly leitete mit erfahrener Hand die Staatskapelle Berlin, die sich danach schon verabschiedete, denn die nächsten beiden Darbietungen wurden von eingespielten Klangcollagen begleitet. Das dürfte eher die jüngere Generation begeistern, die derart monotone und stupide Exzesse cool finden mag. Ältere Zuschauer, zu denen ich mich zähle, empfinden sie doch als Zumutung und enervierend.

The Second Detail von William Forsythe stammt aus dem Jahre 1991 und erlebte seine Uraufführung 1991 beim National Ballet of Canada. 2006 wurde die Choreografie erstmals beim Staatsballett gezeigt, schon damals auf Thom Willems’ irritierende Geräuschkulisse. In einem weiß ausgeschlagenen Raum agieren die Tänzer in hellen Trokots (Yumiko Takeshima) und absolvieren ein ähnliches Bewegungsmaterial, wie es Balanchine verordnet. Der Tanz ist temporeich, streng symmetrisch und sehr auf Geometrie bedacht, bietet am Ende noch ein attraktives Bild, wenn eine Tänzerin in extravagantem weißem Kleid (entworfen vom Modedesigner Issey Miyake) alle Blicke auf sich zieht.

Mit einer Uraufführung endete der Abend – Oval vom amerikanischen Choreografen Richard Siegal, der auch das Objekt entwarf, welches optisch die dunkle Bühne bestimmt. Es ist ein in der Höhe schwebender Ring, der digitale Lichtfelder und -raster aufweist, auch in grünen oder roten Farben leuchtet, kreisen oder gekippt werden kann. Die Tänzer in hautengen, körperfarbenen Latex-Trikots (UY Studio), darunter Elisa Carrillo Cabrera, Ksenia Ovsyanick, Vladislav Marinov, Ross Andrew Martinson, Federico Spallitta, Dominic Whitbrook, Lucio Vidal, Vahé Martirosyan), ähneln Außerirdischen, finden immer wieder zu neuen Duett-Formationen. Ein Männertrio, das sich umkreist und in bizarren Posen verbindet, fällt besonders auf. Die Klangfolie ist ein Auftragswerk und stammt von Alva Noto – brummende, elektrisch knisternde, glucksende Geräusche, die ermüden und das Ohr des Zuschauers auf eine harte Probe stellen.

 

Bernd Hoppe 7.5.2019

Bilder (c) Staatsballett

 

 

Gautier Dance Stuttgart

zu Gast im Haus der Berliner Festspiele

 

11.3.2019

 

Im Januar des vergangenen Jahres gastierte die von Eric Gauthier gegründete Stuttgarter Dance Company mit Marco Goerckes Choreografie Nijinski erstmals in der Hauptstadt. Der große Erfolg klingt bei den Berliner Tanzfreuden noch heute nach, so war der zweite Auftritt des Ensembles im Haus der Berliner Festspiele ausverkauft und in der Resonanz ähnlich euphorisch wie vor einem Jahr. Mega Israel war der stimmige Titel des dreiteiligen Abends, der Arbeiten bedeutender israelischer Choreografen enthielt.

Das Programm eröffnete Uprising von Hofesh Shechter, uraufgeführt 2006 in London, mit sieben Tänzern, die barfuß in verschieden farbigen T-Shirts und hellen Hosen Emotionen zwischen Annäherung und Abwehr vermitteln. Dies führt bis zur Aggression und brutalen körperlichen Attacken. Konsequent bedient Shechter das Spannungsfeld zwischen ernstem Kräftemessen, harmlosen Scherzen und intimer Zärtlichkeit.

Das choreografische Vokabular umfasst auch Bilder von stark pathologischer Wirkung, wenn die Tänzer in Krämpfen zuckend am Boden liegen, schreien oder Sprünge von bizarren Verrenkungen zeigen. Eine Szene erinnert an Häftlinge, die im Gefängnishof im Kreis marschieren. Shechter war auch für den Sound mit lärmenden, hämmernden Schlägen verantwortlich, in welche sich am Ende überraschend ein kurzer Ausschnitt aus einer Mozart-Sinfonie schiebt. Die Männer bilden zu diesen Klängen ein patriotisches Gruppenbild mit einem Tänzer, der ein rotes Fähnchen schwenkt.

Den zweiten Teil, Killer Pig von Sharon Eyal-Gai Behar, bestritten sechs Tänzerinnen in hautfarbenen Trikots. Das Stück erlebte seine Uraufführung 2009 in Oslo und zeigt die bekannte Handschrift der Choreografinnen mit roboterhaften, ermüdend gleichförmigen Bewegungen, deren synchrone Ausführung gleichwohl imponierte. Manche Figuren erinnern an Jogging, andere an katzenhaft gewandte Gänge auf dem Catwalk. Ungewöhnlich ist die Einbeziehung von klassischem Vokabular, wie Pirouetten und grand jétés, als Zitate aus bekannten Balletten. Immer wieder versuchen einzelne Individuen aus der Gemeinschaft auszubrechen, werden jedoch schnell wieder in das Kollektiv eingeholt.

Nach der Pause gab es mit Minus 16 ein Stück vom Altmeister der israelischen Tanzästhetik, Ohad Naharin, der mit seiner Batsheva Dance Company Geschichte schrieb. Minus 16 umfasst Ausschnitte aus Zachacha von 1998, Anaphaza von 1993 und Mabul von 1992. Es beginnt mit einer solistischen tour de force eines Tänzers, der chaplinesken Slapstick, Breakdance-Effekte und artistische Glanzstücke zu einem Mix von überwältigender Wirkung vereint. Danach sieht man 18 Tänzer in schwarzen Anzügen im Halbkreis auf Stühlen, was an Béjarts Bolero erinnert. Zu orientalisch anmutenden Gesängen entledigen sie sich ihrer Jacken, Hosen und Schuhe – der Kleiderberg in der Mitte des Kreises weckt Assoziationen an den Holocaust. Später gibt es auch lyrische Szenen von anrührender Sanftheit, wie das träumerische Duo auf Pergolesis Stabat Mater. Und das Finale, in welchem wild stampfende Tänzer aus dem Zuschauerraum Besucher auf die Bühne holen und mit ihnen einen ausgelassenen Tanzwirbel von überschäumendem Temperament entfachen, lässt den Abend im Publikumsjubel enden.

 

Bern Hoppe 12-4-2019

Bilder (c) Gautier Dance Stuttgart

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

La Sylphide

22. 3. 2019

 

Verletzungsbedingt konnte Daniil Simkin, der neue Star der Compagnie, in der Premiere die Partie des James nicht tanzen. Am 22. 3. war er wieder hergestellt und gab ein begeistert aufgenommenes Rollendebüt. In der Erscheinung eher zart und im Wesen träumerisch, überraschten sein Jähzorn und die Aggressivität gegenüber der Hexe Madge (prägnant: Aurora Dickie). Tänzerisch war er die Erfüllung in seiner Gewandtheit, den hohen Sprüngen und der flinken Fußarbeit. Bravourös seine Variationen im 1. und 2. Akt. Auch darstellerisch wirkte er stark, vor allem im Ausmalen des Entsetzens und der Verzweiflung über den Tod der Sylphide. Wieder gab Maria Kochetkova als Gast die Titelrolle – sie schien mir in dieser Aufführung noch leichtfüßiger und reizender, so dass der Abend noch mehr romantischen Zauber atmete als die Premiere.

 

Längere Besprechung der Premiere siehe weiter unten.

Bernd Hoppe 23.3.2019

 

Le Corsaire

Staatsoper Berlin am 14. 3. 2019

Der Nachwuchs glänzt

Eben hat Naxos das Ballett Le Corsaire in der Produktion des Wiener Staatsballetts auf DVD veröffentlicht, da gastierte das Landesjugendballett Berlin im Rahmen seiner regelmäßigen Auftritte in Berliner Theatern mit diesem Stück in der Staatsoper Unter den Linden. Erfreulich, dass das Ensemble dort Gastrecht bekommen hatte, und der triumphale Erfolg des Abends, der Tanz auf höchstem Niveau bot, rechtfertigte dies auf beeindruckende Weise.

Der Künstlerische Leiter des Institutes, Gregor Seyffert, hatte die Choreografie besorgt und sich dabei am historischen Vorbild Marius Petipa orientiert. Das Ballett mit der Musik von Adophe Adam und Ludwig Minkus (die hier vom Band eingespielt wurde) gehört zu den anspruchsvollsten des klassisch-romantischen Repertoires und einmal mehr erstaunten die Studenten der unterschiedlichen Jahrgänge mit ihren exquisiten Leistungen. Da waren weder Nervosität, Unsicherheiten oder gar Patzer zu bemerken. Professionell und mit stupender Perfektion absolvierten die Interpreten selbst die schwierigsten Figuren. Und derer gibt es viele in dieser Choreografie – seien es die Fouettées und Pirouetten der Tänzerinnen oder die Sprünge und Hebungen der Tänzer. Immer wieder wurden die Soli und Variationen, die Pas de deux und Pas de trois mit rauschendem Beifall des Publikums belohnt. Auch die Gruppentänze  – vor allem im Traumbild des Pascha Seyd – waren von staunenswerter Synchronität und in den vielen Halbsoli präsentierten sich hoffnungsvolle Talente.

Kaum kann man einen Namen von der Besetzungsliste herausheben, aber die Palme gehört wohl doch der 17jährigen Elena Iseki in der weiblichen Hauptrolle der Medora. Die Tochter einer japanischen Tanzlehrerin und eines Russen hat bereits einen Vertrag beim Staatsballett Berlin in der Tasche und vielleicht wird man sie dort als Dornröschen sehen können, denn der Tschaikowsky-Klassiker wird für die nächste Saison als Neuproduktion vorbereitet. Sie ist bezaubernd grazil, technisch vollendet und hat schon jetzt die Aura einer Primaballerina.

Auch die zweite weibliche Rolle, Gulnare, war hochrangig besetzt mit Paola de Oliveira Rihan, die mit perfekt auf dem Punkt gedrehten Foettées und schnellen Pirouetten brillierte.

Jinnosuke Tanaka als Korsar Conrad, der Titelheld des Balletts, glänzte mit seiner enormen Sprungkraft und geradezu artistischen Effekten. Bravourös seine grand jétés à la manège und die phänomenalen Hebungen im berühmten Pas de deux des 2. Aktes mit Medora.

Nicht weniger imponierte Haruto Goto als sein Kamerad Ali, dem in diesem Highlight wesentliche bravouröse Teile zufielen, was die Nummer zum Pas de trois erweiterte.

Gleichfalls auf hohem Niveau Masaaki Goto als kraftvoll-sportiver Birbanto und Pedro Oliveira Rihan als Lanquedem sowie die Odalisken von Frieda Kaden, Luiza Tomé Salvador und Anna Yeh, die in ihren schwierigen Variationen brillierten.

Der Abend endete im Jubel und weckte die Hoffnung auf einen weiteren glanzvollen Auftritt der Ballettschule in der nächsten Saison.

 

Bernd Hoppe 16.3.2019

Fotos (c) Jan Revazov

 

 

La Sylphide

1.3. 2019

Romantisches Erbe beim Staatsballett Berlin

Das romantische Ballett La Sylphide mit der Musik von Herman Severin Løvenskjold und der Choreografie von August Bournonville wurde in Berlin schon mehrfach gezeigt – 1982 vom Ballett der Deutschen Oper und 2008 beim Staatsballett Berlin. Dort gab es nun eine Neuproduktion, die vom langjährigen Künstlerischen Leiter des Königlich Dänischen Balletts, Frank Andersen, und seinen Assistentinnen Eva Kloburg und Anne Marie Vessel Schlüter, beide gleichfalls Spezialistinnen für den Bournonville-Stil, einstudiert wurde. Damit war eine authentische Wiedergabe des Geschehens um den jungen James garantiert, der zwischen seiner Verlobten Effie und einer seltsamen Sylphide hin- und hergerissen ist und das fremde Wesen am Ende durch das tückische Werk der Hexe Madge verliert. Marie í Dali verantwortete die romantische Ausstattung von märchenhaftem Zauber – im 1. Akt ist es ein rustikaler Raum mit hölzernem Gebälk, der später mit weißen Blütengirlanden geschmückt wird, denn die Vorbereitungen für die Hochzeit von James mit Effie sind in vollem Gange. Doch zunächst ist er in einem Lehnsessel am Kamin eingeschlafen, zu seinen Füßen sitzt die Sylphide, die ihn liebt und küsst, nach seinem Erwachen aber durch den Kamin entschwindet. James ist gefangen von ihrem Liebreiz und folgt ihr in den Wald, während Effie untröstlich zurückbleibt. Die zauberische Waldlandschaft im 2. Akt mit einem schottischen Hochgebirge im Hintergrund ist ein Juwel atmosphärischer Bühnengestaltung. In giftig grünes Licht (Ellen Ruge) ist der Kessel getaucht, in welchem Madge ihren Zaubertrank braut und einen rosa Schleier webt, welcher der Sylphide zum Verhängnis wird. Denn auf Geheiß der Hexe hüllt James sie in den Schleier ein – ihrer Freiheit beraubt, muss sie sterben. Bald darauf sieht man sie, von ihren Schwestern getragen, durch die Luft schweben – ein besonders wirkungsvoller Effekt der Bühnentechnik.

Für die Titelrolle wurde die russische Tänzerin Maria Kochetkova als Gast verpflichtet. Sie ist ein zartes Geschöpf, reizend und petite, kokett und verspielt, leichtfüßig und gewandt. Das ätherisch-überirdische Wesen freilich entdeckte ich bei ihr nicht, sie blieb mir insgesamt zu heiter und auch tänzerisch nur im soliden Bereich. Von den erkrankten Daniil Simkin hatte Marian Walther die Rolle des James übernommen, die er souverän ausfüllte und vor allem in seiner Variation im 2. Akt mit exakter Fußarbeit, schnellen Schritten und hohen Sprüngen brillierte. Seine Effie war in Gestalt von Alicia Ruben ein beinahe noch kindliches Mädchen, Ulian Topor als ihr Begleiter und späterer Bräutigam Gurn nahm durch seine sympathische Erscheinung für sich ein. Die Hexe Madge war hier nicht en travestiebesetzt, sie ist auch nicht festgelegt auf ein bestimmtes Geschlecht, aber mir scheint sie dennoch in der Interpretation durch einen männlichen Tänzer (wie Michael Banzhaf 2008) reizvoller. Hier war es Aurora Dickie, die sich jede Übertreibung versagte, aber dennoch eine Gestalt von plastischer Kontur auf die Bühne brachte. Überraschend scheint sie in dieser Version am Ende mit ihrer dämonischen Aura sogar James zu Tode zu bringen. Perfekt studiert präsentierte sich das Corps de ballet – ob als schottische Landsleute oder als luftige Sylphiden.

Henrik Vagn Christensen brachte mit dem glänzend aufgelegten Orchester der Deutschen Oper Berlin die Musik des norwegischen Komponisten zu effektvoller Wirkung. Schwung, Brillanz, Schmiss und sublime instrumentale Details vereinten sich zu einer attraktiven Klangpalette. Ganz zu Recht wurden Dirigent und Orchester am Ende vom Premierenpublikum wie die Tänzer herzlich gefeiert. Dennoch verließ man die Premiere mit nur einer Stunde Tanz etwas unbefriedigt. Der ursprünglich vorgesehene Anhang, nämlich der 3. Akt aus Bournonvilles Napoli, der dann leider gestrichen wurde, hätte dem Abend ganz sicher noch einen virtuosen Höhepunkt verliehen.

 

Bernd Hoppe 3.8.2019

 

 

Van Dijk/Eyal

15. 2. 2019

Stupide Monotonie beim Staatsballett Berlin

Der neue Abend des Staatsballetts – van Dijk/Eyal – ist nur eine halbe Premiere, denn deren zweiter Teil, das Tanzstück Half Life von Sharon Eyal und Gai Behar, findet sich schon seit September des vergangenen Jahres im Repertoire der Compagnie und wurde inzwischen bereits ein Dutzend Mal gezeigt.

Die Kreation der in Jerusalem geborenen Choreografen, die 2017 vom Koeniglich Schwedischen Ballett Stockholm uraufgeführt wurde, irritierte erneut durch die stupide Monotonie von sich ewig wiederholenden profanen Bewegungen. Zunächst zeigen diese ein Tänzer und eine Tänzerin in knappsten Trikots (Rebecca Hytting), bis sich endlich von rechts eine elfköpfige Tänzergruppe herein schiebt. Deren Bewegungsduktus erinnert in seinen Gliederverrenkungen und Körperverschiebungen an Behinderte. Wie unter Stromschlägen zucken und schlottern die Leiber, werden die Augen schreckhaft aufgerissen – alles noch apokalyptisch verstärkt durch die peitschenden Schläge einer immer mehr anschwellenden Lärmfolie von Ori Lichtik. Ein geradezu blasphemischer Einfall sind die trippelnden Füße und schwanengleichen Armbewegungen als Zitat aus Tschaikowskys Klassiker, als wollten Eyal und Behar das Publikum damit für den Mangel an wirklichem Tanz entschädigen. Aber dieser Einschub bleibt marginale Episode, und bald fällt das Bewegungsspektrum zurück in das sattsam Bekannte. Immer wieder schließt sich die Gruppe Schutz suchend zusammen. Angstvoll nach oben gerichtete Blicke signalisieren Gefahr und Bedrohung. Einen gewissen Sog kann man dem Stück nicht absprechen, vor allem aber nicht den Tänzern ihr bedingungsloses Engagement und die staunenswerte Präzision.

Am Beginn des neuen Abends stand die Uraufführung des Tanzstücks Distant Matter von Anouk van Dijk, die gemeinsam mit Paul Jackson und Claus den Hartog auch für die Bühne und das Licht verantwortlich zeichnete. Eine weiße Stoffbahn, in grelles Weiß getaucht, fällt hinten herab und bedeckt die Mitte der Bühne bis an die Rampe wie ein Catwalk. Der Orchestergraben ist überdeckt, denn die Musik von Jethro Woodward kommt vom Tonträger. Sie besteht zunächst nur aus Geräuschen wie Knistern und Rauschen, die aber später zu hämmerndem, klopfendem Lärm anschwellen, der in seiner enervierenden Monotonie zur harten Prüfung wird.

Jessica Helbach erdachte bizarre schwarze Kostüme aus Stoff, Lackleder und Tüll, die an extravagante Designer-Kreationen denken lassen. Man sieht ein langes Kleid, eine kurze Hose, ein Sport-Shirt, Leggins, einen Astronautenhelm... Die holländische Choreografin lässt die Tänzer anfangs tatsächlich wie Models auf dem Laufsteg posieren. Danach sieht man immer wieder Reihen, die sich auflösen und neu formieren. Das choreografische Vokabular besteht aus hektischem Laufen und Hüpfen, bewegungslosem Verharren, slow motion-Figuren, Körperskulpturen in Silhouettenwirkung, animalisch anmutendem Kriechen auf dem Boden. Den letzten Teil des Stückes absolvieren die Tänzer in schwarzer Unterwäsche – zu sehen sind trancehafte und pathologische Bewegungen, Stürze und am Ende eine Tänzerin, die eins wird mit der weißen Wand im Hintergrund und darin verschwindet. Die exzellenten Tänzer des Staatsballetts sahen sich am Schluss vom Premierenpublikum euphorisch gefeiert.

 

Bernd Hoppe 16.2.2019

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Der russische Choreograf Alexei Ratmansky ist kein Unbekannter beim Staatsballett Berlin – 2014 überließ er der Compagnie sein für das New York City Ballet geschaffene Grand Divertissement Namouna. Bei der zweiten Arbeit in Berlin widmete er sich der Rekonstruktion von Marius Petipas Grand Ballet La Bayadère – ein neuerlicher Versuch des Russen, sich nach Versuchen in Moskau, New York, Amsterdam, Zürich und Mailand mit den Werken des legendären Choreografen auseinanderzusetzen. Man darf nicht an Rudolf Nurejews oder Natalia Makarowas Versionen in Paris und beim New Yorker ABT denken, wenn man das Stück nun in der Lindenoper erleben kann. Auf deren bravouröse Szenen mit geradezu artistischen Schwierigkeiten wartet man hier vergeblich. Bei der Uraufführung 1877 in St. Petersburg, die dort 1900 eine Neueinstudierung erfuhr, wurde anders getanzt – delikater, feingliedriger, ziselierter. Das nun sehen zu können ist das große Verdienst dieser Neuproduktion. Und für den Kenner ist es aufregend festzustellen, was in dieser Deutung neu ist, was fehlt, was umgestellt wurde. Vor allem der 1. Akt im heiligen Hain mit dem Ritual des heiligen Feuers irritiert durch die fast durchgehende Konzentration auf die Pantomime, die ungewohnt reiche Zeichensprache und den Verzicht auf den poetischen Pas de deux zwischen Nikia und Solor, der beider Liebe so eindrücklich zeichnet. Einzig der Fakir Mahdawaja von Vladislav Marinov fällt durch seine vitale Körpersprache und die enorme Sprungkraft auf. Immerhin darf sich die Titelheldin bei ihrem Entree mit einem Tanzsolo einführen und Polina Semionova empfängt vom Premierenpublikum dafür den ersten Szenenbeifall. Die Erste Solotänzerin des Ensembles ist eine Erscheinung von rassiger Schönheit und hoheitsvoller Aura, dazu mimisch und gestisch von beredter Aussagekraft. Neben ihr bleibt der Solor von Alejandro Virelles in der Ausstrahlung blass. Im Königreich der Schatten, dem berühmten Kernstück des Balletts, hat er dann auch Gelegenheit, technisch zu brillieren. Er absolviert seine Variationen im Pas de deux mit Nikia zuverlässig, kommt aber über ein solides Niveau nicht hinaus. Semionova dagegen bezaubert in ihren Soli mit Eleganz und zarter Innigkeit, ohne es an Bravour fehlen zu lassen, die in dieser Deutung vor allem in der reichen Fußarbeit verlangt wird. Als ihre Rivalin Gamsatti ist Yolanda Correa die zweite Trumpfkarte der Besetzung. Sie trägt den 4. Akt im Palast des Radscha, wo ihre Vermählung mit Solor stattfinden soll, glänzt mit virtuosen Variationen im Rahmen des Pas de deux mit Solor, die in späteren Deutungen schon im 2. Akt zu sehen waren. Dass diese nun in das letzte Bild verlegt sind, wertet den sonst tänzerisch mageren Schlussakt deutlich auf. Das spektakuläre Solo des Goldenen Gottes freilich fehlt – es wurde erst 1948 für eine Fassung von Nikolai Subkowski in Leningrad erfunden. Neu ist dagegen die Figur des Toloragwa, Solors Freund, der von ihm Teile des Pas de deux mit Gamsatti übernimmt. Alexej Orlenco kann die anfänglich statuarische Rolle mit tänzerischer Energie verwandeln und sich mit Nikias Schatten sogar zu einem zweiten Paar vereinen.

La Bayadère ist auch eine Herausforderung für das Corps de ballet, das im Schattenreich schier unzählige Arabesken zu zelebrieren hat – und das mit absolut höchster Präzision und Synchronität. Den 32 Tänzerinnen gelang dies bis auf minimale Unsicherheiten höchst eindrucksvoll. Auch die drei Solo-Schatten (Iana Balova, Aurora Dickie, Krasina Pavlova) wussten mit virtuosen Auftritten zu imponieren.

Was die Aufführung einzigartig macht, ist ihr Schauwert von luxuriösem Prunk, wie man es seit Medvedevs/Burlakas historischem Nussknacker nicht mehr gesehen hat. Jérome Kaplan schuf opulente Bühnenbilder – ein indischer Tempel inmitten üppiger exotischer Vegetation, kunstvolle Wände aus holzgeschnitzten Intarsien, der majestätische Palast des Radscha vor der Kulisse des Himalaya, das Wolken verhangene Bergmassiv im Schattenreich, die Säulenhalle des Radscha, eingerahmt von Soffitten in dekorativer Ornamentik. Unbeschreiblich ist die Pracht der Kostüme aus kostbarsten Seidenstoffen in schimmernden Goldtönen von vielerlei Abstufungen und Schattierungen, schillernden Farben in delikaten Nuancen und Facetten. Es ist eine Orgie – und doch stets gefasst im ästhetischen Rahmen.

Schließlich hat auch die Staatskapelle Berlin hohen Anteil am großen Erfolg der Premiere (4. 11. 2018). Sie lässt unter Victorien Vanoosten die Musik von Ludwig Minkus in ihrem schwelgerischen Melos und dem exotischen Parfüm aufblühen, ohne deren dramatische Akzente zu vernachlässigen.

Bernd Hoppe 6.11.2018

 

 

Das NDT zu Gast in Berlin

am 11.10.2018

 

Das letzte Gastspiel des Nederlands Dans Theater in Berlin machte mit dem NDT 1 bekannt. Nun stellte sich die jüngere Kompanie mit den Nachwuchstänzern als NDT 2 im Haus der Berliner Festspiele vor (11. 10. 2018). Der Abend bot ein vielseitiges und abwechslungsreiches Programm mit vier Arbeiten, die eigens für dieses Ensemble geschaffen wurden.

Als Auftakt sah man Mutual Comfort des rumänischen Choreografen Edward Clug von 2014 auf Musik von Milko Lazar. Das kurze Stück bezieht seine Spannung aus dem Wechsel von abrupten und fließenden Bewegungen, aus dem Kontrast von klassischen Figuren und bizarren Verrenkungen. Mit der Präzision von Automaten absolvierten die Tänzer Sad Case der beiden Hauschoreografen der Kompanie, Sol Léon und Paul Lightfoot. Die Kreation stammt bereits aus dem Jahre 1998 und vereint Elemente künstlerischer Gymnastik, des Slapstick und Break Dance sowie Formationen à la Pina Bausch. Wie unter Stromstößen zittern die Körper, groteske Wirkungen ergeben sich auch durch watschelnde, trippelnde und zappelnde Bewegungen. Die Interpretation in ihrer akrobatischen Perfektion und stupenden Synchronität wurde vom Publikum enthusiastisch aufgenommen.

Nach der Pause machte man Bekanntschaft mit einem weiteren Stück von Marco Goecke, dessen Werke auch vom Berliner Staatsballett getanzt werden. Wir sagen uns Dunkles ist sein geheimnisvoller Titel. Die musikalische Folie bildet eine Collage aus Kammermusik von Schubert und Schnittke sowie Songs der Band Placebo. Die typische Handschrift des deutschen Choreografen – das pathologische Zappeln, die wirbelnden Drehungen, die rasend schnellen Figuren, die dann plötzlich in slow motion umschlagen – war auch in dieser 2017 für das NDT geschaffenen Arbeit erkennbar. Leider kommt „Dunkles“ nicht nur im Titel des Stückes vor, sondern es bestimmte in der Gestaltung von Udo Haberland leider auch die im fahlen Halbdunkel ablaufende Aufführung.

Zum Schluss noch einmal Sol Léon und Paul Lightfoot mit ihrer neuen Kreation Subtle Dust, die im März dieses Jahres ihre Uraufführung in Den Haag erlebte. Musik von J. S. Bach schafft hier eine sanftere Atmosphäre und tatsächlich sieht man auch emotionale Tanzduos in diesem Stück, das dennoch hinsichtlich des Tempos, der Radikalität und Rasanz gegenüber den Vorgängern keine weitere Steigerung bedeutete.

Bilder (c) Joris Jan Bos / Rahi Rezvani

Bernd Hoppe 13.10.2018

 

 

SCHWANENSEE mit Polina Semionova

Ein zauberhafter Abend

20.09.2018
 

An diesem sommerlich warmer Septemberabend sitzen nicht alle draußen bei Wein und Bier. Die Tanzfans strömen lieber in die nun wieder von allen Wasserschäden befreite Deutsche Oper Berlin, steht doch „Schwanensee“ mit Berlins Darling und Superstar Polina Semionova auf dem Programm.

Im Vorjahr wurde sie mit dem seltenen Titel „Berliner Kammertänzerin“ geehrt. Nun hat sie die Fachzeitschrift „Tanz“ nach einer Umfrage unter internationalen Fachkritikern zur Tänzerin des Jahres 2018 gekürt. Schon  2007 wurde ihr diese undotierte, aber hochgeschätzte Ehrung zuteil.

Im November 2005 habe ich sie erstmals als Schwanenkönigin –mit Vladimir Malakhov als Prinz Siegfried – erlebt und dann im „Neuen Merker“ geschrieben: „Mit Polina Seminova hat er (Malakhov) eine Partnerin, wie sie graziler, schöner und animierender kaum sein könnte.“

Polina Semionova (c) Sandra Hastenteufel

Nach 10 Jahren ging bekanntlich die Zusammenarbeit mit ihrem Entdecker in die Brüche, und sie wechselte zum American Ballet Theater (ABT). 2014 kehrte sie nach Berlin zurück, ohne sich wieder fest ans Staatsballett zu binden. Nach einjähriger Babypause 2016/17 – auf dem damaligen Höhepunkt ihrer Karriere – tritt die Startänzerin seit April 2017 wieder als heiß geliebter Gast in den klassischen Balletten an den drei Berliner Opernhäusern auf.

Speziell ihretwegen eilen die Fans nun zur 217. Aufführung des Dauerbrenners „Schwanensee“, eine Choreographie von Patrice Bart (nach Iwanow und Petipa). Sie alle wollen diese fabelhafte Schwänin in der Doppelrolle Odette / Odile erleben. Es wird eine großartige Aufführung, immer wieder brandet der Zwischenbeifall auf.

Nicht ohne Grund. Noch mehr ist Polina in diese Rolle hineingewachsen, bringt zusammen mit ihrem Können auch ihre Lebenserfahrung mit hinein. In dem frisch engagierten Kubaner Alejandro Virelles –  zuletzt Erster Solotänzer beim Bayerischen Staatsballett und hier in seinem Rollendebüt – hat sie  auch einen überzeugenden Partner. Dem athletischen, ausdrucksstarken Tänzer, der sich beim Beifall bescheiden zurückhält, merkt wohl niemand an, dass er die Rolle des Prinzen Siegfried zumindest in Berlin zum ersten Mal interpretiert. Die beiden harmonieren vorzüglich, und bei den Hebungen, wenn das Publikum den Atem anhält, kann sie sich voll auf ihn verlassen. Auch die Soli gelingen beiden bestens.

Zunächst aber – bei den zu seiner Geburtstagsfeier gebotenen diversen Tänzen – zeigt er sich als Trotzkopf gegenüber seiner königlichen Mutter, die ihn vergöttert. Sarah Brodbeck als neu engagierte Solotänzerin im langen weißen Kleid füllt diese Rolle mit Verve aus. Das gilt auch für Alexej Orlenco als bösartiger, tänzerisch sehr wendiger Premierminister von Rotbart. Der gerade zum Demi-Solotänzer beförderte Murilo de Oliveira als Siegfrieds eifersüchtiger Freund Benno von Sommerstein punktet nicht nur mit seinen spagatartigen Sprüngen. Eine insgesamt vollwertige, ja festliche Besetzung.

Auch scheint mit dem Amtsantritt des neuen Intendanten Johannes Öhman, dem sich Sasha Waltz 2019/20 als Ko-Intendantin hinzugesellen wird, ein frischer Wind durch das personell von 84 auf 93 Tänzerinnen und Tänzer aufgestockte Staatsballett Berlin zu wehen. Das anfängliche „Nummernballett“, das mich früher mitunter gelangweilt hatte, wirkt jetzt – nicht nur wegen der farbenfrohen Kleider ((Bühnenbild und Kostüme: Luisa Spinatelli) deutlich lebhafter. Alle Tänzerinnen und Tänzer sind offenbar mit neuem Spaß bei der Sache.

Dennoch geht nichts über die Szenen mit den beiden Liebenden. Zunächst Polina Semionova als zerbrechlich-melancholische Schwanenkönigin Odette, die angstvoll vor Prinz Siegfried zurückweicht und sich zunächst keine Gefühle gönnen will. Wie sie langsam Vertrauen fasst und Liebe spürt, ist in dieser tänzerischen Vollkommenheit fast zum Weinen schön.

Doch wie anders kommt sie als schwarze Schwänin Odile daher. Als selbstbewusste Verführerin, temperamentvoll und mit blitzenden Augen. Sie wirbelt auf einem Bein, ist sich ihrer Macht sicher, und „natürlich“ kann Siegfried ihr nicht widerstehen. Siegfrieds erstem vergessenen Treueschwur folgt nun ein zweiter. Als seine weiße Schwänin im Bilde erscheint, bricht er reuevoll zusammen, hat aber noch Kraft genug, um den bösen Geist alias Premierminister, zu erwürgen.

All’ das vollzieht sich zu der wunderbaren Musik von Peter I. Tschaikowsky. Die Dirigentin  Alevtina Ioffe macht auch das Orchester der Deutschen Oper Berlin munter und achtet sehr auf die Tanzenden. Beim Schlussjubel für das neue Traumpaar, das noch einmal am 11. Oktober zu erleben ist, wird auch sie gut bedacht.

Weitere Aufführungen  von Schwanensee in anderer Besetzung siehe unter www.staatsballett-berlin.de. Übrigens gibt es im September zwei Tickets zum Preis von einem! Codewort: Iwanow

Copyright: Enrico Nawrath

Ursula Wiegand 23.9.2018

Besonderer Dank an unseren Kooperationspartner MERKER-online

 

 

Premiere 7.9.2018

Verstörender Saisonauftakt beim Staatsballett

Celis/Eyal heißt der neue Abend des Staatsballetts, der am 7. 9. 2018 in der Komischen Oper Premiere hatte und vom Publikum überraschend euphorisch und ohne jeden Widerspruch aufgenommen wurde. Er zeigt zwei Arbeiten von zeitgenössischen Choreografen, die mit ihren Kreationen seit Jahren für kontroverse Meinungen sorgen. Das Tanzstück Your passion is pure joy to me des Belgiers Stijn Celis auf eingespielte Musik von Pierre Boulez, Nick Cave, Gonzalo Rubalcaba und Krzysztof Penderecki wurde 2009 beim Goeteborg Ballet uraufgeführt. Auf der bis zu den Brandmauern leeren Bühne (ebenfalls von Celis) agieren drei Tänzerinnen und vier Tänzer in weißen T-Shirts und verschiedenfarbigen Röcken und Hosen (Kostüme: Catherine Voeffray).

Später werden für Sekunden mehrere Bildtafeln vom dem Schnürboden herabgelassen, die aber sofort wieder verschwinden. Die Bedeutung dieser Aktion erschloss sich dem Zuschauer nicht. Es gibt auch tänzerisch viel szenischen Leerlauf, stehendes Verharren, tastende Schritte, flatternde Hände, Marschieren in der Reihe, Bodengymnastik, zuckende Bewegungen, stürzende Körper. Gegen Ende sieht man ein Paar im Wechsel von enger Umklammerung als Ausdruck der Zuneigung und barschen Reaktionen als Zeichen von Abwehr.

Diesem insgesamt problematischen Einstieg folgte das Tanzstück Half Life der in Jerusalem geborenen Choreografen Sharon Eyal und Gai Behar, das 2017 vom Koeniglich Schwedischen Ballett Stockholm uraufgeführt wurde. In knappsten Trikots und mit Körpertattoos (Rebecca Hytting) zeigen zunächst ein Tänzer und eine Tänzerin in stupider Monotonie sich ewig wiederholende profane Bewegungen, bis sich endlich von rechts eine elfköpfige Tänzergruppe herein schiebt. Deren Bewegungsduktus erinnert in seinen Gliederverrenkungen und Körperverschiebungen an Behinderte. Wie unter Stromschlägen zucken und schlottern die Leiber, werden die Augen schreckhaft aufgerissen – alles noch apokalyptisch verstärkt durch die peitschenden Schläge einer immer mehr anschwellenden Lärmfolie von Ori Lichtik.

Ein geradezu blasphemischer Einfall sind die trippelnden Füße und schwanengleichen Armbewegungen als Zitat aus Tschaikowskys Klassiker, als wollten Eyal und Behar das Publikum damit für den Mangel an wirklichem Tanz entschädigen. Aber dieser Einschub bleibt marginale Episode, und bald fällt das Bewegungsspektrum zurück in das sattsam Bekannte. Immer wieder schließt sich die Gruppe Schutz suchend zusammen. Angstvoll nach oben gerichtete Blicke signalisieren Gefahr und Bedrohung. Einen gewissen Sog kann man dem Stück nicht absprechen, vor allem aber nicht den Tänzern ihr bedingungsloses Engagement und die staunenswerte Präzision.

Bernd Hoppe 11.9.2018

Bilder (c) Jubal Battisti / Staatsballett

 

 

 

Landesjugendballett Berlin: Happy Birthday!

Anlässlich seines einjährigen Bestehens lud das Landesjugendballett Berlin an der Staatlichen Ballettschule am 4. 6. 2018 zu einer großen Geburtstags-Gala in die Volksbühne ein. Gekommen waren Gratulanten aus dem In- und Ausland als Mitglieder von Junior-Compagnien, und sie alle zeugten vom außerordentlich hohen Leistungsniveau der jungen Tänzer. Sie in ihrem Enthusiasmus, ihrer Passion, ihrem Idealismus erleben zu können, riss das Publikum im Saal immer wieder zu Beifallsstürmen hin. Das abwechslungsreiche, dreistündige Programm von der Klassik bis zur Moderne hatte hohen Unterhaltungswert und demonstrierte eindrucksvoll die Vielseitigkeit der Interpreten.

Sogleich der spektakuläre Auftakt mit zwei Berlinern legte die Messlatte hoch. Elena Iseka und Haruto Goto tanzten den Grand Pas de deux aus Don Quixote in der Choreografie von Petipa in staunenswerter Perfektion. Da sah man von ihr brillant auf dem Punkt gedrehte fouettés, von ihm Sprünge von artistischer Schwierigkeit. Mit Marco Goeckes All long dem day am Ende des ersten Programmteils bewies die Compagnie in einem rasanten Wirbel auch ihre Souveränität im Modern Dance. Erst vor drei Wochen hatte sie mit diesem Stück in seiner ganz eigenen, flatternden Bewegungssprache bei der Gala des Staatsballetts Polina & Friends Furore gemacht und überzeugte auch an diesem Abend mit stupender Körperbeherrschung und perfekter Synchronität. Und natürlich oblag dem Landesjugendballett Berlin auch das Finale mit Gregor Seyfferts hinreißender Arbeit Die Zukunft beginnt jetzt auf die Musik von Ravels Bolero. In diesem Défilé wirken die Schülerinnen und Schüler des 1. bis 9. Ausbildungsjahres mit und zeigen in einer mitreißenden Parade das ganze choreografische Vokabular – angefangen von einfachen Exercicen an der Stange, in denen die reizenden Kinder als Anfänger Zeugnis ihrer Begabung abgeben und mit ihrer Leidenschaft für den Tanz berühren. Über schwierige Gruppenformationen führt der Vorbeimarsch bis zu den virtuosen Highlights der berühmten Pas de deux. Dieses Finale ist angesichts seiner Steigerung in Tempo und Bravour immer wieder von überwältigender Wirkung.

Die ersten Gäste, Stanislava Pincekova, Viktorie Dembicka und David Lampart, kamen vom Bohemia Ballett Prag und zeigten ein Stück von Marika Hanusová mit dem Titel Trio, das in nervösem Bewegungsduktus eine komplizierte Dreierbeziehung schildert. Von diesem Ensemble sorgten später Pavlina Kopecka und Kristian Pokorny mit Aubers Grand Pas Classique in der technisch immens schwierigen Choreografie von Viktor Gsovsky für einen umjubelten Höhepunkt. Mitglieder des NRW-Juniorballett Dortmund zeigten in zwei Beiträgen von Godani und Peng Wang vital-sportiven und vor Energie berstenden Tanz. Das Bayerische Junior Ballett München machte mit einer (deutlich von Kylián beeinflussten) Arbeit von Marek Svobodnik, Petite Corde auf Musik von Mozart, bekannt, in der sieben Paare mit viel Witz und Spielfreude agierten.

Aus dem Ausland kamen neben den Pragern noch Marjolaine Laurendeau und Cohen Aitchison-Dugas vom Junior Ballett Zürich, die mit dem expressiv getanzten Pas de deux Behind the Mirror von Filipe Portugal einen lyrischen Ruhepunkt setzten, sowie Karla Andressa S. do Carmo und Remilton S. Nunes vom Balé Experimental do Corpo de Dança do Amazonas aus Brasilien mit einem Duo, das zwischen slow motion und abrupten Schüttelbewegungen wechselt und eine problematische, zur Trennung führende Partnerbeziehung beschreibt.

Grandios der Auftritt von zehn Mitgliedern der Junior Company des Niederländischen Nationalballetts, die im Pas de six und der Tarantella aus Bournonvilles Napoli südliches Temperament und überschäumende Lebensfreude einbrachten. Das lange nicht in Berlin gezeigte Stück wäre auch für das Staatsballett eine Empfehlung.

Bernd Hoppe 6.6.2019

 

 

 

 

 

 

 

Doda/Goecke/Duato

Premiere 24. Mai 2018

Duatos Abschied

Noch einmal hatte das Berliner Publikum Gelegenheit, eine Arbeit des Intendanten des Staatsballetts Nacho Duato zu sehen, bevor der Spanier zum Ende der Spielzeit die Berliner Compagnie verlassen wird. Der Beitrag stand am Ende des dreiteiligen Ballettabends  der am 24. 5. 2018 in der Komischen Oper Premiere hatte, und trägt den Titel Por vos muero. Er wurde 1996 bei der Compania Nacional de Danza in Madrid uraufgeführt, als Duato dem Ensemble als dessen Leiter vorstand. Auf vitale, rhythmisch pulsierende Musik aus dem Spanien des 15. und 16. Jahrhunderts zelebrieren die Interpreten, unter ihnen Elisa Carrillo Cabrera, Ksenia Ovsyanick und Rishat Yulbarisov, in schwarz-blauen Kostümen (Duato in Zusammenarbeit mit Ismael Aznar) Tänze von höfischer Galanterie, aber auch ausgelassener Lebensfreude. Sinnlichkeit ist hier in strenge Form gegossen.

Vor diesem Finale musste man zwei schwierig zu goutierende Stücke überstehen. Vor allem der Einstieg mit was bleibt von Gentian Doda auf eine lärmende Klangcollage von Joaquin Segade erwies sich auf der diffus beleuchteten Bühne von Nicolás Fischtel als Prüfung. Klopfende, brummende, donnernde und hämmernde Geräusche hatten eine enervierende Wirkung, ebenso die überkurzen Sequenzen zu Beginn, die nach wenigen Momenten immer wieder den schwarzen Vorhang fallen lassen. Auf der Bühne von Yoko Seyama sind weiße Schnüre gespannt, welche die Tänzer in weißen, unkleidsamen Kostümen von Angelo Alberto wie ein Spinnennetz einkreisen. Oft finden sie sich zu einer Gruppe zusammen und fallen wieder zusammen. Sie marschieren im Gleichschritt und erinnern mit ihren pathetisch ausgebreiteten Armen gelegentlich an sozialistische Denkmäler von Widerstandskämpfern. Alle überragt Vladislav Marinov mit spektakulären Sprüngen und stupender Körperbeherrschung.

Das Stück ist von zähem Fluss, hat keine Spannung und kaum Höhepunkte. Am Ende bleibt ein Berg von ineinander verschlungenen, schlotternden Leibern – die Einstimmung auf das folgende Sück Pierrot lunaire auf Musik von Arnold Schönberg in der Choreografie und Ausstattung von Marco Goecke. 2010 in Rotterdam uraufgeführt, zeigt es die sattsam bekannten pathologischen Zuckungen als Stilmittel des ehemaligen Stuttgarter Choreografen. Für den jungen Gruppentänzer Konstantin Lorenz, der kürzlich auch in der Gala Polina & Friends aufgefallen war, ist das eine fordernde Aufgabe, die er Respekt gebietend meistert. Wie eine Marionette wird er vom Choreografen geführt, während Soraya Bruno, Xenia Wiest, Nikolay Korypaev, Alexander Shpak und Mehmet Yumak als Doubles synchrone Bewegungen ausführen. Der Abend fand vor allem bei jugendlichen Besuchern Zustimmung, für Duatos Abschied von Berlin hätte man sich freilich eine opulentere Produktion gewünscht.

Bernd Hoppe 29.5.2018

Bilder (c) Fernando Marcos

 

 

Polina lädt ein

Wenn Startänzer befreundete Partner zu einer Ballett-Gala einladen, verspricht das stets ein Tanzfest der Sonderklasse. Beim Staatsballett gab es solche Abende bereits in der Malakhov-Ära, nun folgte am 17. 5. 2018 Polina Semionova mit ihrem Programm Polina & Friends in der Lindenoper. Mit seinen diversen Tanzstilen bot dieses interessante Kontraste und fand die jubelnde Zustimmung des Publikums im ausverkauften Haus.

Die Starballerina selbst hatte mit vier Beiträgen von der Klassik und Neoklassik bis zur Moderne großen Anteil am Erfolg der Veranstaltung, die sie in sehr persönlicher Art zu einer Hommage an die Compagnie machte, wo sie ihre Laufbahn begonnen hatte. So ließ sie es sich nicht nehmen, zu Beginn des Abends das Publikum in deutscher Sprache und ungemein sympathisch zu begrüßen, um noch einmal auf die Bedeutung des Berliner Staatsballetts für ihre internationale Karriere hinzuweisen. Zum Auftakt bot sie mit Daniel Camargo, ehemals Erster Solotänzer des Stuttgarter Balletts und seit 2016 Principal Dancer beim Dutch National Ballet, den Pas de deux aus Le corsaire in der Choreografie von Marius Petipa. Ein spektakuläreres Entrée war kaum denkbar, denn der Brasilianer überwältigte mit Sprüngen von artistischer Bravour und sie glänzte an seiner Seite mit aristokratischer Noblesse. Ähnlich imponierend war der Pas de deux aus Kenneth MacMillans Manon, ein signature piece der Semionova, bei dem ihr Friedemann Vogel, Erster Solist des Stuttgarter Balletts, zur Seite stand. Er hatte zuvor bereits das Solo Mopey in der Choreografie von Marco Goecke absolviert – eigenwillig in seinen schüttelnden, flatternden, zuckenden Bewegungen. Als Des Grieux konnte Vogel dagegen den leidenschaftlichen jugendlichen Liebhaber geben und er hatte in der kapriziösen Manon der Semionova die ideale Partnerin. Eine weitere Facette ihres Könnens zeigte die Tänzerin im zweiten Teil im Duett Without Words auf Musik von Franz Schubert in der Choreografie von Nacho Duato. Dieser sensible Pas de deux mit den typischen Bewegungselementen des Choreografen – abgewinkelte Glieder, zusammen fallende Körper – wirkte in der Programmfolge wie ein lyrisches Intermezzo. Mit ihrem Partner Ivan Zaytsev vom Mikhailovsky Theater St. Petersburg bestritt sie auch die offiziell letzte Nummer des Programms – das Duett Cantata auf Musik der Gruppe Assurd in der Choreografie von Mauro Bigonzetti. In diesem temperamentvollen, leidenschaftlichen Tanz sah man stupende Würfe und Schleuderfiguren. Vor dem geplanten Defilee aller Solisten wartete die Gastgeberin noch mit einer Überraschung auf und zeigte jenen Beitrag, der am Beginn ihrer Berliner Jahre stand – das Solo Demo auf einen Song von Herbert Grönemeyer (Choreografie: Rudi Reschke), in welchem sie das virtuose Vokabular der Klassik demonstrieren und danach sogar den Komponisten auf der Bühne begrüßen konnte.

Verdienstvoll, dass die Startänzerin auch jungen Kollegen des Staatsballetts die Gelegenheit für einen Auftritt ermöglichte. Danielle Muir und Konstantin Lorenz boten mit romantischer Allüre im Pas de deux aus Giselle eine beachtliche Talentprobe. Auch Schülerinnen und Schüler der Staatlichen Ballettschule Berlin sowie des Landesjugendballetts Berlin bekam die Chance, bei der Gala mitzuwirken. Und dieser Beitrag, All Long Dem Day in einer Choreografie von Goecke, fand dann auch enthusiastisches Echo beim Publikum. In einem rasanten Wirbel zeigten die Nachwuchstänzer ihr großes Potential, das für die Zukunft hoffen lässt.

Polina Semionovas Bruder Dmitry Semionov war in zwei Beiträgen zu sehen – mit der Ersten Solistin des Staatsballetts Ksenia Ovsyanick im Duett Intimate Distance (Choreografie: Jiri Bubenicek), das gleichermaßen Nähe und Distanz wie Zuneigung und Aggressivität beschreibt, und mit der Ersten Solistin des Semperoper Ballett Svetlana Gileva in dem Pas de deux Elegie aus Schwanensee, in dem sich Odette-Zitate mit eigenen Erfindungen des Choreografen Xin Peng Wang mischen. Man hofft, den charismatischen Tänzer in seiner Hamlet-Aura wieder öfter auf den Berliner Bühnen zu sehen.

Zwei Principal Dancer vom San Francisco Ballet ergänzten die internationale Solistenriege. Die Russin Maria Kochetkova und der Italiener Carlo Di Lanno zelebrierten den Pas de deux aus Dornröschen – sie mit einer kapriziösen und er mit einer bravourösen Variation. Entbehrlich war dagegen ihr Solo Degunino auf eine Choreografie von Marcos Morau – eine Zappelnummer mit marionettenhaften Bewegungen. Aber dies war auch der einzige Schwachpunkt eines insgesamt glanzvollen Abends, zu dem man Polina Semionova und dem Staatsballett herzlich gratulieren darf.

Bernd Hoppe 18.05.2018

 

ROMEO UND JULIA

29. April 2018

Tanz von Kraft und Energie

Eine neue choreografische Version von Prokofjews Romeo und Julia muss sich stets mit den Schöpfungen von John Cranko, Kenneth MacMillan und John Neumeier messen. Auch die Neuproduktion des Staatsballetts Berlin in der Choreografie von Nacho Duato fordert diesen Vergleich heraus. In einigen Aspekten kann sie mit den großen Vorbildern durchaus standhalten. Die Gruppenbilder haben Kraft und Energie, die Kampfszenen Dramatik und Spannung. Das choreografische Vokabular fußt auf der neoklassischen Tradition, auffällig sind die häufig abgewinkelten Unterarme – eine Spezialität des Spaniers. Prüfstein jeder Choreografie zu Prokofjews Klassiker ist die Balkonszene, Duatos Deutung, die 1998 in Madrid zur Premiere kam, hat Schwung und bietet attraktive Schleuderfiguren. Auch der Abschied der Liebenden besitzt emotionale Dichte. Nach der Pause gibt es weniger inspirierte Bilder, wie die kurzen Episoden vor dem Vorhang. Und die akustische Untermalung der Tänze mit Johlen, Händeklatschen und Pfiffen ist ebenso entbehrlich wie der markerschütternde Schrei der Amme beim Anblick der vermeintlich toten Julia (Beatrice Knop mit strenger Aura). Eigene Erfindungen Duatos sind die Harlekine, die sich beim Fest der Capulets unter die Gäste mischen und ein Divertissement aufführen, das personifizierte Gift, das von den beiden Tänzern Alexander Shpak und Dominic Whitbrook dargestellt wird, sowie die schwarzen Fackelträger in der Gruft. Gänzlich missglückt ist das Finale mit dem Doppelselbstmord des Paares, der geradezu sachlich abgehandelt wird und beim Zuschauer keine Empfindungen auszulösen vermag.

Optisch leidet die Produktion unter dem recht ärmlich wirkenden Bühnenbild von Jaffar Chalabi (nach Carles Puyol und Pau Renda) mit einer niedrigen Mauer im Hintergrund und einer holzgetäfelten Bühneneinfassung mit Fenster- und Türausschnitten. Anfangs schwebt ein seidener Plafond mit dem Wappen von Verona über dem Geschehen, der die insgesamt zu dunkel ausgeleuchtete Szene (Brad Fields) erhellt, bald aber als Vorhang herabfällt. In der extrem dunklen Gruft werden die schwarzen Fahnenträger und Trauernden von den Wänden geradezu verschluckt. Die Kostüme von Angelina Atlagic sind dagegen stimmig in ihrer zeitlosen Eleganz mit angedeuteten Renaissance-Ornamenten.

Solistisch wird die Aufführung dominiert von Polina Semionova in der weiblichen Titelrolle. Sie prägt den Abend mit einer mitreißenden Darstellung der Julia, ist in der Auftrittsszene jugendlich ausgelassen und übermütig, reift dann heran zu einer hingebungsvoll Liebenden, die in den Armen von Paris wie eine leblose Marionette hängt, sich in ihrer Verweigerung dieses Mannes zu furiosen Ausbrüchen steigert. Das letzte Bild in der Gruft lebt einzig von ihrer erschütternden Gestaltung der Julia, deren unfassbarem Schmerz und der übermenschlichen Verzweiflung beim Anblick des toten Romeo. Polina Semionova ist herangereift zu einer großen Charakterdarstellerin.

Neben ihr wirkt der Gasttänzer Ivan Zaytsev vom Mikhailovsky Theater St. Petersburg als jugendlicher Romeo ausgesprochen blass in der Ausstrahlung. Gegen seine tänzerische Leistung ist nichts einzuwenden, seine Sprünge sind kraftvoll und hoch, auffällig die katzenhafte Gewandtheit, mit der er sich Julia bei der ersten Begegnung nähert. Aber sein mimischer Ausdruck bleibt zu verhalten, zeigt keine Entwicklung. Da weiß Arshak Ghalumyan als sein Freund Mercutio mit starken Auftritten mehr zu überzeugen – zu Beginn vital und schalkhaft, später tragisch endend durch Tybalts heimtückischen Mord. Andere Choreografen haben diese Todesszene freilich packender zu gestalten gewusst. Mercutios Freund Benvolio gibt Nikolay Korypaev gleichfalls jugendliches Temperament.

Den Tybalt zeichnet Federico Spallitta als prägnanten Charakter – aggressiv, fies, gefährlich. Etwas aufgewertet in Duados Choreografie scheint der Paris von Olaf Kollmannsperger, der mit Julia einen ausgedehnten Tanz zu absolvieren hat. Auch deren Eltern sind mit Alexej Orlenco als herrischem Lord Capulet mit wilden Zornesausbrüchen und Aurora Dickie als eleganter Lady Capulet einprägsam geführt.

Paul Connelly gibt mit der Staatskapelle Berlin Prokofjews Musik in all ihrer Schärfe und Dramatik wieder, scheut dabei auch nicht harte Dissonanzen und lärmende Klangballungen. Das Premierenpublikum am 29. 4. 2018 nahm die Neuproduktion, Duatos letztes Abend füllendes Stück beim Staatsballett Berlin, mit großer Zustimmung auf.

Bern Hoppe 2.5.2018

Foto (c) Fernando Marcos / Staatsballett Berlin

 

 

 

DORNRÖSCHEN

21. Vorstellung am 3.7.2016

Premiere am 13.2.2015

Repertoiretauglich

Woran misst sich der Wert einer Produktion, an der Zustimmung oder Verdammung durch die tatsächlichen oder selbsternannten Kenner oder an der jubelnden Begeisterung eines durchschnittlichen Publikums, zu dem, handelt es sich um Tschaikowskis „Dornröschen“, auch viele Kinder gehören? Die erste Choreographie des neuen Chefs des Berliner Staatsballetts, Nacho Duato, nach dem mehr oder weniger intensiv nahegelegten Abgang des alten, Vladimir Malakhov, war von den Berliner Ballettomanen im Februar 2015 mit einiger Enttäuschung aufgenommen worden, einmal weil es sich lediglich um eine Übernahme aus Petersburg (Premiere Dezember 2011) handelte, außerdem und vor allem aber wegen der sehr konventionellen Inszenierung, die mehr auf kalten Prunk als auf eine sinnvolle Gestaltung der Charaktere Wert zu legen schien.

In der als nachmittägliche Familienvorstellung ausgeschriebenen Aufführung am 3.7. beeindruckten tatsächlich erst einmal und im Prolog vor allem die wunderbaren Kostüme von Angelina Atlagic in schönen Farbabstimmungen und mit viel kostbar erscheinendem Glitzer versehen. Ihnen nicht nach stand das Bühnenbild zumindest des zweiten Akts mit der sich senkenden Dornenhecke, auf der urplötzlich üppige Rosen erblühten. Das alles trug bereits erheblich dazu bei, dass die bösen Vorahnungen angesichts der vielen Vorschulkinder im Publikum, die Vorstellung würde nicht ungestört verlaufen, sich als falsch erwiesen. Der höchst eindrucksvolle Auftritt der mit ihren bösen Höllengeistern die Bühne mit einem schwarz flatternden Tuch überziehenden Carabosse, getanzt von Rishat Yulbarisov, mag dazu auch beigetragen haben.

Für Ballettkenner besonders interessant war der Nachmittag wegen des Auftritts zweier Tänzer aus dem Petersburger Mikhailovsky-Theater in den Partien des Liebespaares. Als Aurora weckte Angelina Vorontsova nicht die Aufmerksamkeit der Ballettfreunde, sondern auch der Boulevardpresse, war es doch ihr damaliger Freund, der als mutmaßlicher Auftraggeber eines Säureattentats auf seinen Ballettchef, der ihn und seine Freundin nicht genügend bei der Rollenvergabe berücksichtigt haben sollte, vor einigen Jahren zu sechs Jahren Lagerhaft verurteilt worden war.

Angelina Vorontsova tanzte eine sehr mädchenhafte, beinahe kindliche Aurora voll nobler Anmut mit weich fließenden Bewegungen. Einen sportiven, kraftvollen Prinzen Desiré gab Leonid Sarafanov mit sympathischer Ausstrahlung. Viel tänzerische Autorität strahlte die Fliederfee von Sarah Mestrovic aus, viel Charme die Katzen Danielle Muir und Ulian Topor und Keckheit und Frische Marina Kanno (auch Blauer Vogel), Alexander Abdukarinow und Alexander Shpak als Diener-Trio. Manchmal etwas zu laut, wenigstens in den vorderen Parkettreihen, tönte es aus dem Orchestergraben unter Robert Reimer

Fotos Yan Revazov

4.7.2016 Ingrid Wanja      

 

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