DER OPERNFREUND - 51.Jahrgang
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Budapest, Miklós Bánffy Bühne in den Eiffel Art Studios

 

 

L’INCORONAZIONE DI POPPEA

13.3. (Premiere am 10.10.2020

Stream der Vorstellung vom 26.11.2020)                                   

Um ein Jazzquintett musikalisch erweiterte Fassung

 

Ende der 70ger Jahre hatten Nikolaus Harnoncourt und der allzu früh verstorbene Jean Pierre Ponnelle in Zürich mit ihrer exemplarischen Interpretation der drei großen Bühnenwerke Monteverdis eine wahre Renaissance des Cremoneser Meisters eingeleitet. Der prunkvolle und festliche Stil der damaligen Inszenierungen ist in der heutigen Zeit längst überholt und man möchte als Zuschauer auch nicht die reale Welt eines Kaisers Nero (Kaiser von 54 bis 68) vorgesetzt bekommen. Das Problem jeder Aufführung der Poppea (italienisch: Mohnblume) besteht darin, dass die Oper lediglich in zwei kargen Abschriften aus Neapel und Venedig erhalten ist. Und Monteverdi dürfte auch nicht völlig allein an der Komposition gearbeitet haben, sondern, wie es auch in damaligen Malerwerkstätten üblich war, von seinen Schülern (unter ihnen Francesco Cavalli, Benedetto Ferrari und Francesco Scarati) unterstützt worden sein.

Das aber bedeutet für eine Aufführung, eine eigene Instrumentation und Harmonisierung zu schaffen. Und diese Aufgabe fiel dem jungen ungarischen Komponisten Máté Bellas (1985*) zu, dessen neue Orchestrierung die ursprünglichen Rezitative nicht veränderte. Von den seit 1904 entstandenen zwölf Rekonstruktionsversuchen von Monteverdis Partitur, griff Bellas auf die kritische Ausgabe des italienischen Komponisten und Musikwissenschaftlers Gian Francesco Malipiero (1882-1973) von 1931 zurück. Er komponierte für die Aufführung jedoch neue Ritornelle und ein Jazzquintett für Trompete, Tenorsaxophon, Kontrabass, Klavier und Schlagzeug, welches von Kornél Fakete-Kovács (1970*) arrangiert wurde. Das Ergebnis kann sich hören lassen! Dem Komponisten Bellas ist mit seiner „Poppea“ eine moderne und spannende Neuinterpretation gelungen. Dem Dirigenten Gergely Vajda wiederum gelang der Spagat, den Zusehenden diese beiden nur scheinbar konkurrierenden Musikensembles, nämlich das Orchester der Ungarischen Staatsoper sowie das Kornél Fekete-Kovács Quintett, gekonnt als eine musikalische Einheit vorzuführen. Das Libretto des italienischen Juristen, Librettisten und Dichters Giovanni Francesco Busenello (1598-1659) orientierte sich an den „Historien“ und „Annalen“ von Tacitus (um 58-um 120), den „Kaiserviten“ Suetons (70-122) sowie der „Römischen Geschichte“ von Cassius Dio (163-235).

Busenello zeigte die Ereignisse des kaiserlichen Aufstiegs nach den Regeln des klassischen Dramas an einem einzigen Tag. Die umstrittene Moral der Handlung und die einleitende Rivalität der drei allegorischen Charaktere Fortuna, Virtu und Amor werden am Ende der Oper nur durch die Liebe des Kaiserpaares zueinander gemildert. Lediglich eine Einblendung gegen Ende der Oper verrät, dass Nero in einem Wahnanfall seine zum zweiten Male schwangere Gattin in den Bauch trat, woran sie starb und er daraufhin seine Geliebte (Statilia Messalina) heiratete. Die dreiaktige Oper wurde für die Aufführung radikal gekürzt und in zwei Abschnitten von einer gesamten Spieldauer von knapp 130 Minuten geteilt. Regisseur András Almási-Tóth führte die zeitlose Geschichte um Liebe, Intrige und Eifersucht in den abstrakten Bühnenbildern von Lili Izsák vor. Krisztina Lisztopád kleidete die Mitwirkenden, mit Ausnahme der Allegorien, alle in heutige Kostüme. Zu Beginn der Oper sitzen Fortuna und Virtu auf zwei Kunststoffpodesten in gelb und blau, auf denen sich ein riesiger gelber Schwimmreifen in Form eines Seepferdchens bzw. ein blauer Sessel befinden. Auf dem roten Podest in der Mitte schläft (noch) Amor. Dieses wird später zum Liebesbett von Nero und Poppea. Ein Regenbogen links oben, senkrechte Leuchtstofföhren auf der rechten Seite und in der Mitte eine Unzahl an rosafarbenen Luftballons sollen die Welt dieser Allegorien versinnbildlichen.

Nach der Pause wird die Geschichte in einer völlig Neuordnung des Bühnenraumes weitererzählt. Der Orchestergraben verschwindet. Die Bühne zerfällt und driftet an die Seiten, während Auditorium und Orchester, nachdem die Stuhlreihen entfernt wurden, nach vorne rücken und in die Spielaktion eingebunden werden. Dort, wo sich vor der Pause die nach Art eines Amphitheaters ansteigenden Sitzreihen befanden, hat nun das Jazzquintett Platz genommen. In der Mitte der Bühne bleibt nur ein großes weißes Podest, auf welchem Nero am Ende der Aufführung Poppea krönt. Zunächst überreichen Libertino und Littore Nero die abgeschlagene Hand des toten Seneca, Alle Sänger bewegen sich auf den verstreuten Bühnenteilen und zwischen dem Publikum bis zum Ende der Oper umher. Bori Keszei, die einige Jahre auch an der Wiener Staatsoper in kleinen Rollen auftrat, war eine hinreißende und ehrgeizige Poppea, und, obwohl noch verheiratet, wild entschlossen, an der Seite ihres Geliebten Kaiserin zu werden. Ihr heller Sopran wurde beiden Gesichtern dieser faszinierenden Persönlichkeit, der skrupellosen Intrigantin wie der verführerischen Geliebten, gerecht. Tenor Tibor Szappanos war ein würdevoller Kaiser Nero, dem es bisweilen schwer fiel, seine Leidenschaften unter Kontrolle zu halten. Auch er ist noch verheiratet und muss sich erst von seiner ersten Gattin Octavia trennen, bevor er Poppaea Sabina ehelichen kann. Es fällt ihm schwer, seine Leidenschaften zu kontrollieren. Als verstoßene Gattin Octavia konnte sich Andrea Szántó mit ihrem warmen Mezzosopran einem kleinen Flirt mit Ottone, dem Geliebten von Poppea, nur schwer entziehen.

Krisztián Cser verkörperte diesen mit schauspielerischer Verve und wohligem Bass. Eszter Zemlényi gefiel als Drusilla, die den untreuen Ottone verzweifelt liebt, der seinerseits jedoch Octavia wie auch Poppea nachstellt, mit gut geführtem Sopran. Hausbassist Péter Fried war ein würdiger Philosoph Seneca und Erzieher Neros, der seinen Selbstmord anordnet und ihm Drogen übermitteln lässt. Weshalb dieser mit seinen Händen Tai-Chi-Bewegungen ausüben muss, lässt sich freilich nicht nachvollziehen. Sterbend wir er in eine Badewanne gelegt mit einem schwarzen Tuch bedeckt und mit dampfender Säure übergossen. Sopran Mária Farkasréti gefiel in der komischen Rolle der Nutrice, der Amme Octavias. Ein Wiedersehen gab es auch mit Mezzosopran Bernadett Wiedemann in der Rolle von Poppeas Vertrauter Arnalta, die mit ihrer Gestaltungskraft jeden ihrer Auftritte zum Erlebnis werden ließ. Die drei Allegorien wurden von Countertenor Zoltán Daragó als Amore, Sopran Diána Kiss als Fortuna und Mezzosopran Andrea Brassói-Jőrös als Virtu anmutig gespielt und dynamisch und mit Impetus gesungen. Die Musikstudenten Attila Varga-Tóth und Lőrinc Kósa durften ihren Tenor bzw Bariton noch als Hauptmann Liberto und als Gerichtsdiener Littore vorführen. In der kleinen Rolle des Lucano war noch Tenor Gergely Dargó zu erleben. In dieser Fassung wurden die Rollen des Pagen Valletto, des Hoffräuleins Damigella, sowie der Götter Pallas Athene. Merkur und Venus gestrichen. Ebenso wurde auf die zwei Tribunen, zwei Konsuln, zwei Soldaten und Senecas Angehörige verzichtet.

Alle Mitwirkenden sangen übrigens mit Mikroports. Der Vorteil gegenüber einer üblicher Weise 3 ¾ Stunden dauernden Aufführung dieser Fassung der Oper lag in der stärkeren Konzentration auf lediglich drei Paare in diesem Bäumchenwechseldichspiel unter Verzicht auf die Diener- und Götterebene, was Monteverdis Oper auch in der heutigen Zeit unter Einbeziehung einer moderat modernen musikalischen Aufbereitung auch für ein größeres Publikum anhörens- und ansehenswert macht. Ich hatte bei Betrachtung des Streams den Eindruck, dass im Theater nur eine kleine Anzahl von Zusehenden, geschuldet den strengen Corona Maßnahmen, die auch das Kulturleben in Budapest bestimmen, saß. Obwohl Monteverdi nicht gerade zu meinen Lieblingskomponisten zählt, muss ich gestehen, dass diese gekürzte und musikalisch aufbereitete Fassung auch mir gefiel.

                                                                                            

Harald Lacina, 15.3.

                                          

Fotocopyright: János Kummer / Hungarian State Opera

 

DEAD MAN WALKING

 (Premiere am 16.9.2020)

Aufführung am 27.2.2021

Respektable Inszenierung eines US-amerikanischen Klassikers

 

Das Theater an der Wien zeigte die erste Oper des äußerst produktiven US-amerikanischen Komponisten und Pianisten Jake Heggie (31.3.1961) bereits 2007. Die Erinnerung an diese Aufführung ist beim Rezensenten noch wach, da er sich diese Produktion mindestens dreimal angesehen hatte. Gleichwohl ist dies jedoch die einzige von Heggies bislang zehn Opern, die ihren Weg auch auf Bühnen außerhalb der Vereinigten Staaten von Amerika geschafft hatte. Neben Wien wurde sein vielversprechender Erstling auch in Sydney, Montréal, Dublin, Kopenhagen, Madrid, Malmö, Bielefeld, Dresden, Erfurt, Hagen und Schwerin gezeigt. Das zweiaktige Libretto (insgesamt 18 Szenen) samt Prolog stammte von dem US-amerikanischen Dramatiker Terrence McNally (1938-2020), der hierzulande vor allem mit seinem Stück „Master Class“ über Maria Callas bekannt wurde. Der Librettist verarbeitete in seinem Libretto das gleichnamige Buch der US-amerikanischen katholischen Ordensschwester und Aktivistin gegen die Todesstrafe, Helen Prejean (21.4.1939), das 1995 mit Sean Penn und Susan Sarandon verfilmt wurde. Er änderte jedoch den Namen des Verurteilten Matthew Poncelet in Joseph de Rocher und ergänzte einen Prolog, in welchem der Mord selbst gezeigt wird, sodass beim Publikum kein Zweifel an der Schuld des Täters entstehen kann.

Die Uraufführung fand am 7. Oktober 2000 im War Memorial Opera House in San Francisco statt. Nach zwei Aufführungen im September des Vorjahres hat die Ungarische Staatsoper das Werk wieder aufgenommen und am 27.2.2021 auch online gestreamt. Der ungarische Titel der Oper „Ments meg, Uram“ bedeutet so viel wie „Errette mich Herr“ und zielt anders als der Ruf „Dead Man Walking“, der den Verurteilten auf seinem Weg aus der Todeszelle zum Hinrichtungsort begleitet, auf die Hoffnung des Verurteilten auf Vergebung seiner Tat und Erlösung. Das Orchestervorspiel wird durch ein langsames, sich steigerndes Motiv eingeleitet, welches später immer wieder leitmotivartig auftaucht. Heggies Musikstil erinnert an jenen des US-amerikanischen Komponisten Carlisle Floyd (11.6.1926*) und ist gekennzeichnet durch einen Stilmix aus Jazz, Blues und Gospel, melodiösen Linien, manch ungewohnten Rhythmen und schwankenden Harmonien, wobei er dennoch stets tonal bleibt. Allerdings, und dieser Vorwurf bleibt auch nach Betrachtung des Streams aufrecht, wurde der Komponist dem vordergründigen Thema der Todesstrafe nicht gerecht, da er dieses zwar handwerklich gekonnt, lediglich in Zuckerwatte bettete. Andere Themen der Oper wie Schuld, Reue, Vergebung, Liebe und Zuneigung werden ebenfalls angeschnitten und mit gefühlvollen bis hochdramatischen Ausdrucksmitteln musikalisch versehen.

Dirigent Kornél Thomas legte sein Augenmerk am Pult des Orchesters der Ungarischen Staatsoper auf die besonders vielfältige und reiche Farbenpalette sowie die nuancierten Tempi in Heggies Musik. Regisseur András Almási-Tóth erzählte die Geschichte um den Mörder Joseph de Rocher in teils stilisierten, teils projizierten Szenenbildern von Norbert Tóth, Zsombor Czeglédi und Balázs Fügedi, während Krisztina Lisztopád für die authentischen Kostüme verantwortlich zeichnete. In der packenden Hinrichtungsszene, der die Angehörigen der Opfer beiwohnen, wird Joseph de Rocher auf ein Bett festgebunden und während er die Anwesenden noch um Verzeihung bittet, sieht man sein übergroßes Herz bis zum finalen Stillstand pochen… Die Choreographie stammte von Eszter Lázár. In dieser Produktion treten auch die beiden ermordeten blutverschmierten Opfer (Zsombor Bodó und Eszter Asbolt) immer wieder als schemenhafte Geister tanzend auf. Erst nachdem Joseph de Rocher seine Tat gestanden hat verschwinden sie wieder. Andrea Meláth stattete die Rolle der katholischen Ordensschwester Helen Prejean mit ihrem anschmiegsamen, warmen Mezzosopran aus, während Kammersänger Máté Sólyom-Nagy, Ensemblemitglied des Theaters Erfurth seit der Spielzeit 2002/03, den Todeskandidaten im Angola Staatsgefängnis, Joseph de Rocher, glatzköpfig mit Tattoos auf den Unterarmen und mit erdigem Bariton trotzig und verzweifelt mit wahrer Inbrunst sang. Mezzosopran Katalin Károlyi oblag die schwierige Rolle der Mutter des Mörders, Mrs. Patrick De Rocher, immer Nahe der Tränen in ihrem in der Höhe doch etwas schrillem Vortrag. Gabriella Fodor gefiel als Sister Rose, einer Mitarbeiterin und engen Freundin der Ordensschwester Helen, mit ihrem ausdrucksstarken Sopran. Tenor József Mukk und Bassbariton Antal Cseh ergänzten als maliziöser Father Grenville und allmächtiger Gefängnisdirektor George Benton. Tenor Péter Balczó und Sopran Andrea Brassói-Jőrös in den Rollen von Howard und Jade Boucher, den Eltern des ermordeten jungen Mannes, konnte man den Schmerz und die unsägliche Wut über den Verlust ihres Sohnes nachempfinden.

Bariton Csaba Szegedi und Sopran Beatrix Fodor, als Ehepaar Owen und Kitty Hart, beklagten wiederum den gewaltsamen Verlust ihrer Tochter. Die beiden Elternpaare hören vom Zuschauerraum aus der völlig gebrochenen Mutter des Mörders, Mrs. Patrick de Rocher, nicht ohne Zwischenrufe, zu. Tenor Gergely Ujvári und der Maltese Rafael Abebe-Ayele mit seinem Knabensopran waren als der ältere und der jüngere Halbbruder von Joseph de Rocher zu sehen. Die übrigen Rollen wurden gesanglich wie darstellerisch ausgezeichnet interpretiert von Bariton Róbert Rezsnyák (A Motor Cop / First prison guard), Bariton Máté Fülep (Second prison guard), Mezzosopran Xénia Sárközi (Sister Lilianne / Sister Catherine), Tenor János Vince sowie den vier Bässen Géza Zsigmond, Attila Gulyásik, Sándor Dobos und Attila Fenyvesi (Mithäftlinge 1-5) in orangefarbener Gefängniskluft. Aus dem Chor ergänzten noch Altistin Dorottya Győrffy und Sopran Eszter Magyari als First Mother und Mrs. Charlton sowie die Statistin Zsuzsanna Szeőke, die in der Rolle der Nurse eine Todesspritze am Arm des Delinquenten anbringt bevor auch sie sich zurückzieht. Der Chor der Ungarischen Staatsoper sowie der Kinderchor waren von Gábor Csiki und Nikolett Hajzer bestens einstudiert und sangen mit Mund-Nasen-Maske. Bei allen möglichen Einwänden, die man hinsichtlich der Musik erheben könnte, ist der Ungarischen Staatsoper mit dieser Inszenierung doch ein respektabler Wurf gelungen! Bravo!

Ein witziges Detail ereignete sich dann noch während des Verbeugungsprozederes. Der Dirigent wollte dabei, wie sonst üblich, die Hände seiner Nachbarn ergreifen, welche diese jedoch – wohl aus Angst vor einer möglichen Ansteckung – zurückzogen… „Zu Tode gefürchtet, ist auch gestorben!“

 

Harald Lacina, 1.3.2021

Fotocredits: Péter Rákossy

 

 

 

Levente Gyöngyösi (8.6.1975*)

A Mester és Margarita

13.2.2021 (Lifestream der szenischen Uraufführung).                   

Ein gefälliger Stilmix vereinfacht Bulgakows Klassiker

Während der Renovierungsarbeiten am altehrwürdigen Miklós Ybl-Haus der Ungarischen Staatsoper in der Andrássy út 22 hat diese von der ungarischen Regierung den 22.000m2 umfassenden ehemaligen Reparaturkomplex der Nordbahn in der Kőbányai út 30 im 10. Bezirk erworben. Dieser umfasste fünf Hallen, in welche das nach Graf Miklós Bánffy von Losoncz (1873-1950), einem ungarischen Großgrundbesitzer, Politiker und Autor historischer Romane benannte Theater, eine ehemalige Lokomotivhalle, integriert ist. Es bietet Platz für 400 Besucher. Der Komplex enthält auch die Sándor Hevesi-Probebühne in der Größe der Bühne des Opernhauses, benannt nach dem ungarischen Dramatiker, Übersetzer, Regisseur und Theaterdirektor Sándor Hevesi (1873-1939) und das nach dem Dirigenten Ferenc Fricsay (1914-63) benannte Studio für Aufnahmen. Neben dem Umzug aller neun Produktionswerkstätten der Ungarischen Staatsoper, aller Sets, Kostüme und Requisiten enthalten die neuen Eiffel Art Studios auch eine Gedenkhalle für János Feketeházy (1842-1927), den Bauingenieur der eisernen Dachkonstruktion des ungarischen Opernhauses. Nähere Informationen: https://www.opera.hu/en/about-us/eiffel-art-studios-8211-the-opera8217s-new-art-complex/

 

Levente (Jonathan) Gyöngyösi wurde am 8.6.1975 in Klausenburg (Kolozsvár / Cluj-Napoca - Rumänien) geboren und kam wenige Wochen vor Ausbruch der rumänischen Revolution (1989) nach Budapest, wo er sein Musikstudium am Béla Bartók Konservatorium mit den Schwerpunkten Komposition (István Fekete Győr) und Klavier (Katalin Sweitzer) begann und später an der Ferenc Liszt Musikakademie bei György Orbán fortsetzte. Seit dem Jahr 1999 ist er als Continuo-Spieler ständiges Mitglied des Budapester Orfeo-Orchesters und unterrichtete zwischen 2002 und 2010 Musiktheorie an der Budapester Musikakademie. Seit 2018 arbeitet er als freiberuflicher Komponist für das Budafoki Dohnányi Orchester.Bekannt wurde er vor allem als Chorkomponist. 2008 erhielt er den Artisjus-Preis, den der Verfasser dieses Berichtes ebenfalls (2005) erhalten hatte.

Der bekannteste Roman des sowjetischen Schriftstellers Michail Bulgakow (1891-1940), „Der Meister und Margarita“, wurde bereits von Rainer Kunad (1936-95) und später von York Höller (1944*) als Oper vertont. Nun hat sich Levente Gyöngyösi an diesen gewaltigen Stoff herangewagt und seine Version als Opernmusical bezeichnet. Seine erste Oper, "A gólyakalifa" (Der Storchenkalif), nach dem Roman von Mihály Babits (1883-1941), wurde 2005 an der Ungarischen Staatsoper uraufgeführt.   

Am 24.6.2017 erfolgte zunächst eine konzertante Aufführung des neuen Opermusicals im Rahmen des Miskolc Opern Festivals. Das zweiaktige Libretto stammte von Szabolcs Várady (1943*) und basiert auf dem von Robert Bognár (1947*) und András Schlanger (1961*) erstellten Szenario. Die beiden Protagonisten sind in der Oper jünger als im Roman, etwa Ende 20. Von den drei Hauptthemen des Romans, der Liebes-, Passions- und Gesellschaftsgeschichte, wurde vor allem letztere stark vereinfacht.

   

Zum Inhalt: Der erste Akt spielt in Moskau um 1930. Die Menschen gehen ihrem fleißigen sowjetischen Leben nach. Mikhail Masterov beendet sein Buch über Pontius Pilatus, aber die sowjetische Schriftstellervereinigung unter dem Vorsitz von Berlioz verbietet Buch und Autor. Margarita Nikolaevna, die Protokollführerin, verliebt sich in Masterov, d.h. den Meister, der aber von der Polizei in eine Irrenanstalt gesperrt wird. Hierauf erscheint Woland, Satan selbst, und präsentiert sich den Schriftstellern Berlioz und Ivan als Professor für schwarze Magie. Er lässt vor ihren Augen das erste Kapitel des Meisterbuchs, in dem sich Pilatus, Jesus und der Hohepriester Kaiphas im Jerusalem des 1. Jhd. treffen, erstehen. Woland prophezeit den Tod von Berlioz, der sofort eintritt. Durch diesen Schock wird Ivan verrückt und gleichfalls in die Irrenanstalt gesperrt. Margarita, zurückgelassen, will Selbstmord begehen, wird aber von Wolands Dienern gerettet. Ungebetene Gäste ziehen in Berlioz leer gewordene Wohnung und planen eine Sonderaufführung im Varieté-Theater, welches auf einer Tafel in Leuchtschrift auf Russisch „Zirkus und Varieté" genannt wird.

Dem Publikum wird vorgegaukelt, wie man schnell reich wird. Nachdem ihnen alles genommen wurde, werden auch sie verrückt. Der zweite Akt spielt in der Irrenanstalt von Professor Strawinsky. Iwan überredet den Meister, seinen Roman fortzusetzen. Matthäus Levi versucht, Jesus zu töten, um sein Leiden am Kreuz zu lindern, aber er scheitert und wird gefangen genommen. Auf Pilatus Befehl tötet der Leibwächter Judas und lässt die Bestrafung wie einen Selbstmord erscheinen. Wolands Diener übermitteln Margarita eine Einladung ihres Meisters. Wenn sie die Rolle der Gastgeberin beim Vollmondball spielt, wird ihr Geliebter, der Meister, zu ihr zurückgebracht. Bei Satans Ball sind alle berühmten Mörder und Schurken der Geschichte anwesend. Margarita wird tatsächlich zu ihrem Geliebten und als Wolands Geschenk zum Meister zurückgebracht. Matthäus Levi erzählt Woland, er solle den Meister und Margarita mitnehmen. Im ewigen Konflikt von Licht und Schatten beleuchtet Woland dann das Wesentliche ihrer Geschichte: Sie können nicht ohne einander existieren, so wie das Gute ohne das Böse keine Bedeutung hat.

Der Meister und Margarita nehmen Satans Angebot an und verschwinden aus Moskau.

 

Der Komponist Gyöngyösi bietet für sein Opernmusical ein großes Sinfonieorchester, dreifache Holzbläser, 4 Hörner, 4 Trompeten, unzählige Schlaginstrumente und in einer Hard-Rock-Sequent auch 2 E-Gitarren, eine Bassgitarre und 2 Synthesizer auf. Der Reiz der Musik entsteht durch eben diese Verschmelzung von zeitgenössischer Opernmusik, inspiriert von Mozart und Verdi als Ausdrucksmittel der Protagnisten dieser Oper, und Rock-, Varieté- und Musicalmusik, als Stilmittel von Woland und seiner Entourage, aber auch von Pilatus. Barocke Musikanklänge wechseln sich mit romantischen Opernarien, sowjetische Marschmusik mit rockigen Duetten ab. Die eingängigen Melodien quellen kraftvoll aus dem Orchestergraben und aus den Kehlen der Singenden. Dazu mischen sich noch gewaltige Chorszenen. Es gibt in diesem Opernmusical 10 Hauptfiguren, die von 2 Sopranen, 1 Countertenor, 4 Tenören, 1 Baritonen und 2 Bässen gesungen werden. Nach den Worten des Komponisten in einem Interview mit Diána Eszter Mátrai handelt es sich um eine „männlich zentrierte Oper, aber diese Männer drehen sich alle um eine Frau“.

Aufgrund der Vielzahl der Personen mussten folgerichtig auch mehrere Rollen von einer Person übernommen werden. Alle Mitwirkenden sangen mit Micropods versehen und spielten, ohne Abstufung, mit Aplomb: Tenor Péter Balczó (der Meister / der wandernde Philosoph Jeshua Ha-Nozri), Sopran Orsolya Sáfár (Margarita, Sekretärin der Sowjetischen Literaturgesellschaft), Bassist Péter Kálmán (Woland), Bassbariton István Kovács (Irrenhausdirektor Professor Stravinsky / Poncius Pilátus), Bassbariton András Hábetler (Berlioz, Vorsitzender der Sowjetischen Literaturgesellschaft /Hohepriester Kajafás), Tenor Donát Varga (Ivan, ein obdachloser Autor / Lévi Máté), Tivadar Kiss (Chorleiter Fagót). In kleineren Rollen waren noch Sopran Ildikó Szakács (Hexe Hella), Countertenor Zoltán Gavodi (schwarze Riesenkatze Behemót), Schauspielerin Alexandra Likovics (Annuska / Sklavin), Bassist Jenő Dékán (Kritiker Latunszkij / Júdás), Bass András Kőrösi (Polizist / Afranius, Chef des Geheimdienstes), Bass András Kiss (Pflegeleiter / Ratten tötender Zenturio), Tenor Bence Gulyás (Hausmeister Boszoj), Mezzosopran Éva Várhely (Krankenschwester in der Nervenklinik) und Bass Balázs Csémy (Conferencier).

Einige Studierende der Musikakademie traten in nachstehenden Rollen auf: Róbert Erdős (1. Krankenpfleger / der betrunkene New Yorker Vampir Jimmy) – Boldizsár Zajkás (2. Krankenpfleger / der betrunkene New Yorker Vampir John), András Farkas (1. Mann / Betrunkener / Monsieur Guillotine), Balázs Papp (2. Mann / ein wichtiger Kamerad / Kaiser Nero), Gabriella Rea Fenyvesi (Junge Frau im Varietétheater / Lucrezia Borgia), Alexandra Ruszó (Putzfrau).

An der Aufführung wirkten noch Eszter Bako, Sára Nagyhegyi, Noémi Takács, Laura Tomasovszky, Vilmos Picard und Zsolt Szlavkovszki, als Akrobaten des Ungarischen Luftgymnastikverbandes sowie als Tanzende des Ungarischen Nationalballetts Csilla Arany, Ildikó Boros, Sofia Demesh, Zsófia Gyarmati, Erika Kolotova, Eszter Lovisek, Zsuzsanna Papp, Lilla Purszki, Ágnes Riedl, Sára Weisz, Levente Bajári, Victor Gonzalez-Perez, Péter Hajdu, Noel Ágoston Kovács, Leo Lecarpentier, Louis Scrivener, Roland Vékes Ricardo M. Vila und Dmitry Zhukov mit.

Für die ausgelassene Choreographie sorgte Péter Lajos Túri, die akrobatische Choreographie lag in den Händen von Tünde Vincze. Der unter dem Logo Kentaur tätige Künstler László Erkel (1965*) kreierte das stalinistisch-totalitär wirkende Bühnenbild und die, den jeweiligen Zeitepochen, entsprechenden Kostüme. Für die raschen Szenewechsel setzte er eine Drehbühne ein, auf der sich ein Stahlgerüst mit Stufen an den Seiten und in der Mitte befand. Die passende Einleuchtung der Szenen hatte János „Madár“ Madarász über. Gábor Csiki leitete wieder einmal versiert den Chor der Ungarischen Staatsoper. Dirigent Gábor Hollerung kam die schwierige Aufgabe zu, die unterschiedlichen Musikstile, die während der Aufführung sehr rasch wechselten, zu einem harmonischen Gefüge zu formen, sodass keine Längen entstanden und das Hybrid „Opernmusical“ formvollendet erklang. Dem 1981 geborenen Schauspieler und Regisseur Vajk Szente gelang es die drei Handlungsstränge nachvollziehbar und stringent auf die Bühne zu stellen und er schreckte auch nicht vor drastischen Szenen zurück wenn, beispielsweise, das abgeschlagene Haupt von Berlioz auf dem Boden erscheint und eine Tänzerin diesen – wie Salome – ergreift und mit ihm tanzt.

Witzig fand ich den Einfall Margarita in einer Szene auf einem Besen – wie Mary Poppins – über die Bühne fliegen und dabei auch noch singen zu lassen. Die Aufführung dürfte vor Publikum gespielt worden sein, das lässt zumindest der Applaus nach den beiden Akten vermuten. Anders als bei uns, wo die Kulturtempel trotz der hervorragenden Sicherheitskonzepte, nach dem Willen einer an Kultur offenbar nur wenig interessierten Bundesregierung weiterhin geschlossen halten müssen! Hierzulande kann man auch ohne EU keinerlei Entscheidungen treffen! Anders als in Ungarn, wo man bereits – auch ohne Zustimmung der EU – den russischen Covid-19-Vektorimpfstoff Sputnik V angekauft hat! Ob dieses Opernmusical wirklich der große Wurf von Komponist Levente Gyöngyösi geworden ist, wird die Zukunft zeigen. Die sich in traditionellen Bahnen bewegende Musik überfordert jedenfalls die Zuhörenden nicht.

                                                                                           

Harald Lacina, 16.2.21

                                                                                   

Fotocredits: Péter Rákossy

 

 

BUDAPEST/MÜPA 

Budapester Wagnertage 2019 mit Adam Fischer

20. Juni; 21. Juni, 22. Juni; 23. Juni 2019

 

Die Texte zum „Ring des Nibelungen“ sind zum größten Teil bereits in den 1840-Jahren in Dresden entstanden, nach dem sich Richard Wagner von der deutschen Sagen-Literatur, der griechischen Mythologie und von der Umgebung der Stadt hat anregen lassen. Insbesondere das Elbsandsteingebirge und der Fluss hat den jungen Kapellmeister beeindruckt, so dass die Sachsen, „der Rhein sei eigentlich die Elbe“, reklamieren.

Im Zürcher Hotel „Baus“ hat Richard Wagner 1835 sein „tetralogisches Gedicht“ vor Freunden und anderen Interessierten mit großem Erfolg gelesen. Auch in Triebschen wurde der Text zum Ring mehrfach vorgelesen. Bereits 2011 hatte Adam Fischer, ob gezielt ist uns nicht bekannt, an diese Lesungen der Wagner-Texte angeschlossen und den „Ring des Nibelungen“ ohne die früheren schwülstigen Theateraufführungen des Beginns des 20. Jahrhunderts sowie gewisser Unsäglichkeiten des Regietheaters aufgeführt.

Nun haben wir in der Zwischenzeit Richard Wagners wunderbare Musik und viele Möglichkeiten der Videoinstallationen erhalten. Deshalb hat Adam Fischer die Voraussetzungen des Bartok-Saals im Budapester Müvészetek Palotája (Palast der Künste), kurz „MüPa“, für halbszenische Aufführungen Wagnerscher Musikdramen erschlossen. Mit dieser Aufführungsform konzentrierte Adam Fischer sich und seine Zuhörer auf das Wesentliche der Wagnerschen Texte und auf die Musik des Meisters und kupierte damit deren Verfremdungen von zum Beispiel Castorfs Bayreuther oder der des Chemnitzer Feministinnen-Quartetts und anderen.

Vergleichbar mit einem Restaurator, der unter der Übermalung eines Gemäldes das tatsächliche Bild des Künstlers der Mitwelt erschließt, hat uns Adam Fischer einen neuen und damit eventuell den wahren Richard Wagner nahe gebracht.

Für 2019 hatte man Hartmut Schörghofer mit einer Überarbeitung des „Ring des Nibelungen“ betraut. Aufgeführt wurde diese Neufassung in zwei Zyklen vom 13. Bis zum 16, Juni und vom 20. Bis zum 23. Juni. Dazu hatte Adam Fischer hervorragende Sängerinnen und Sänger des Wagnerfachs zur Mitwirkung verpflichtet.

Für die halbszenische Darbietung traten die Sängerinnen im schwarzen Abendkleid und die Sänger, bis auf Ausnahmen, im Frack auf. Gesungen wurde auf hohem Niveau. Natürlich könnte man den hervorragend Gesang der Catherine Förster als Brünnhilde, der Camilla Nylund als Sieglinde, des Gerhard Siegel als Mime und des Stefan Vinke als Siegfried herausheben. Aber das wäre ungerecht, weil eigentlich durchweg Spitzenleistungen geboten wurden. Selten hat man so geschlossene Walküren-Gruppen und so wunderbare Trios von Rheintöchtern und Nornen erleben können.

Da die Agierenden nur wenige Aktionen auszuführen hatten, wurde überwiegend direkt zum Publikum mit einer selten erlebten Textverständlichkeit agiert. Auch fehlte die Ablenkung einer Bühnendarstellung, so dass sich der Wagner-affine Besucher den inneren Zusammenhang des Werkes in einer seltenen Weise erschließen konnte. Soweit erforderlich, standen dem Besucher die Original-Texte sowie in einer ungarischen Übersetzung zur Verfügung.

Ergänzt wurde die Wagnersche Musik von Video-Installationen von Hochgebirgspanoramen und einigen Gegenwartsbezügen und von Tänzern mit zum Teil hochkreativen Szenen.

An jedem Abend wurden die Agierenden frenetisch gefeiert. Nach der Götterdämmerung wollte das Stakkato-Klatschen und die stehenden Ovationen insbesondere für Adam Fischer kein Ende nehmen

 

Bilder (c) Balint _Hirling

Thomas Thielmann, 26.6.2019

 

 

 

DAS RHEINGOLD

am 13. Juni 2019

 

Gestern Abend begann der Palast der Künste (MÜPA) in Budapest erneut mit der 11 Jahre alten Inszenierung des „Ring des Nibelungen“ von Richard Wagner, die man vor zwei Jahren eigentlich schon einschläfern wollte. Aber der Publikumswiderspruch war so stark, dass sich der Künstlerische Leiter der seit Jahren aus aller Welt Wagner-Interessierte anziehenden Wagner-Tage, Maestro Ádám Fischer, mit seinem Produktionsleiter und casting director Tamás Bátor vornahm, die hier schon oft kommentierte halb-szenische Hartmut Schörghofer-Produktion aufzufrischen. Es ging nun darum, ihr ein face-lifting zu geben, wie Fischer bei einem Empfang nach dem „Rheingold“ sagte. Die beiden jeweils nur viertägigen „Ring“-Zyklen im Juni waren innerhalb kürzester Zeit ausverkauft. Es hat sich mittlerweile offenbar herumgesprochen, welch exzellente musikalische - mit dem Ungarischen Radio Symphonie Orchester - und gerade auch sängerische Qualität die Wagner-Tage im herrlichen und akustisch beeindruckenden Béla-Bartók-Saal des MÜPA zu bieten haben.

Mit neuen Akteuren wie Máté Vajda für das Licht, Corinna Crome für die Kostüme, dem Szupermodern Filmstúdio Budapest für die wichtigen Videos, Gábor Vida für die beeindruckende sowie dramaturgisch stets sinnhafte Choreographie und - last but not least - mit dem Dramaturgen Christian Baier (der ursprüngliche Dramaturg Christian Martin Fuchs war unterdessen verstorben) wurden insbesondere die Kostüme der Damen und die Videos auf den drei großen Screens verändert, bzw. ganz neu aufgesetzt. Das hatte natürlich auch Konsequenzen für die Personenregie. Und diese war sensationell! Man merkte zu keinem Moment das Fehlen einer szenischen Produktion, so intensiv waren die Akteure gezeichnet, mit ebenso starker Mimik, die aber zu einem guten Teil auch auf die persönlichen Rollenerfahrungen einiger Protagonisten zurückzuführen sein dürfte. Die Herren waren bis auf Loge alle im Frack. Das mag in einer halb-szenischen Aufführung in Ordnung sein. Wenn aber Alberich mit Mime um den Tarnhelm streitet, und letzterer dabei spektakulär zu Boden geht, passt der Frack nicht mehr dazu, und man fragt sich, warum - wie dem Loge - nicht auch den beiden eine einfachere und damit zu ihrem „Stand“ besser passende Kluft gewährt wurde. Hier hätte ein bisschen mehr "Inszenierung" gut getan.

 Immerhin waren neun von den 14 Solisten Ungarn. Hervorstach Péter Kálmán, der wohl v.a. in Zürich singt, mit seiner Interpretation des Alberich, und zwar stimmlich wie darstellerisch. Eine großartige Rollenstudie wurde da geliefert, die den Sänger m.E. unter die besten Alberiche unserer Zeit einreiht. Der alte Haudegen Christian Franz, noch aus der Zeit Ádám Fischers in Bayreuth und seit Beginn der Wagner-Tage dabei, sang einen fast genialen Loge, beherrschend und mit oft schönem tenoralem Timbre - man glaubt es kaum! Ich erlebte ihn schon vor vielen Jahren in Rom als Loge, und auch dort war er beeindruckend und „spielführend“. Manchmal streifte Franz allerdings die Grenzen einer auch noch zu laut werdenden Deklamation. Aber das kennen wir ja von ihm. Johan Reuter war ein stimmlich guter, aber darstellerisch etwas zu passiver Wotan. Gerhard Siegel stellte wieder einmal eine Luxusbesetzung für die kleine Rolle des Mime dar - der Siegfried steckt ihm immer noch in der Kehle. Er wird „seinen Abend“ eh im „Siegfried“ bekommen.

Atala Schöck sang eine besorgte und stimmschöne Fricka und Per Bach Nissen einen kantablen Fasolt, wenn er auch etwas intensiver in der Darstellung hätte sein können. Hier wurde ja, ganz anders als bei Katharina Wagner im Januar bei ihrer „Walküre“ in Abu Dhabi, den Sängern frei gelassen, Emotionen zu zeigen, bzw. waren diese sogar dezidiert erwünscht. Walter Fink, auch ein alter Recke der Wagner-Tage, orgelte mit seinem abgründigen Bass wieder den Fafner. Zsolt Haja sang den Donner mit klangvollem Bariton bei bester Intonation und Szabolcs Brickner den Froh mit baritonal unterlegtem, kräftigem Tenor und deshalb eindrucksvoller als sonst üblich. Lilla Horti gab eine Freia mit durchschlagskräftigem und gleichwohl leuchtendem Sopran bei guter Optik, den Geschmack Fasolts adelnd. Die bewährte Erika Gál sang aus einer imaginären Ferne die Erda. Sie brach optisch bestechend aus einer Erdscholle heraus, wie die Patschamama in Südamerika, die dort direkt aus der Erde herauswachsend dargestellt wird.

Ganz exzellent agierten und sangen die stimm- und auch sonst schönen und attraktiv bemalten Rheintöchter mit Eszter Wierdl als Woglinde, Gabriella Fodor als Wellgunde und die aparte Kálnay Zsófia als Flosshilde mit klangvollem Mezzo, der nach mehr Wagner in den kommenden Jahren klingt… Hinzu kam eine äußerst phantasievoll choreografierte Tanzgruppe, die vor allem hinter den Screens interessante Formationen gestaltete, die die jeweilige Handlung oder Musik optisch unterstrichen. Leider verpuffte die Dramatik des Finales, weil die Götter viel zu früh hinter den Screens verschwanden und damit der hohle musikalische Pathos ihres hier eigentlich vorgesehenen Aufstiegs nach Walhall nicht nachvollziehbar war - zumindest für Wagner-Neulinge. Loge schien das Publikum um Entschuldigung zu bitten…

Es war dennoch ein ganz starker Abend, vor allem wegen der Qualität von Fischers Dirigat und den allesamt sehr wortdeutlichen Sängern. Es gab lang anhaltenden und schließlich rhythmischen Applaus des Publikums. Dieses „Rheingold“ zeigte einmal mehr, dass Richard Wagner unter Ádám Fischer am MÜPA zu den allerersten Adressen des Bayreuther Meisters in Europa gehört. Die Bezeichnung „Donau-Bayreuth“ hätte durchaus ihre Berechtigung. Schön, dass Maestro Fischer es noch so lange machen will, wie er kann. Das versicherte er emotional glaubhaft auf dem Empfang, auf dem auch der Generaldirektor des MÜPA, Csaba Káel, und der Regisseur Hartmut Schörghofer sprachen und der Erste Konzertmeister, Vilmos Oláh, stolz und begeistert seine erst kürzlich als Leihgabe erhaltene Stradivari vorführte.

 

Mal sehen, wie es heute mit der „Walküre“ weitergeht, in der die große Catherine Foster als Brünnhilde erwartet wird, die man leider bisher immer noch nicht in Wien zu hören und sehen bekam.

 

Fotos (c) János Posztós, Müpa Budapest

Klaus Billand, 14.6.2019

 

 

 

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