Buchkritik: „Wahnfried“, Sven Friedrich

Das Haus ist mehr als ein Museum oder eine Künstlervilla. Man muss sich also nicht darüber wundern, dass im Lauf seiner Geschichte schon mehrere Bücher darüber geschrieben wurden, zumal seit 2015 ein seinerzeit umstrittener Neubau neben dem Altbau steht – kurz vor der Schließung des Hauses kamen die Erinnerungen Manfred Egers, des ersten Museumsdirektors, heraus, der es 1976 eröffnete, danach ein Baubüchlein mit einem Text des Nachfolgers, schließlich eine vor Allem von Verena Naegele (nicht den auf dem Cover als Autoren firmierenden beiden Herren) geschriebene Monographie von Alt- und Neubau, in dem seltsamerweise kein Gruß, Nach- oder Vor-Wort des amtierenden Museumsleiters zu lesen war. Merkwürd’ger Fall, wie Wagner gesagt hätte.

Nun aber hat Sven Friedrich, der seit 1993 das Bayreuther Richard-Wagner-Museum leitet und den Neubau wie die Neukonzeption des Inhalts des Altbaus als wissenschaftlicher Direktor zu verantworten hat, pünktlich zum 150jährigen Bestehen der Festspiele und im 152. Jahr des zumindest teilweisen Bestehens von Haus Wahnfried, eine Mono-Biographie der Institution selbst vorgelegt, wie sie bislang noch nicht vorlag. In einigen Teilen wurde der Text zwar schon an anderem Ort (besagtem Büchlein im selben Verlag) publiziert, doch die Gründungsgeschichte des Museums (wie sie kürzer schon 2011 bei Manfred Eger zu lesen war) und die Ereignisse der letzten Jahrzehnte sind ein zudem durch eine reiche wie gute Bildausstattung akzentuiertes Zubrot, das man so in keiner anderen Druckschrift finden wird. Neu ist auch der allgemeine Zugang zur Museums- und Konzeptionsgeschichte, damit auch zu Wagner selbst, wie er zumal unter dem Direktor Sven Friedrich praktiziert wurde. Man kann ihn mit einem einfachen Wort charakterisieren: Ideologiekritik. Denn der Autor verhehlt an keiner Stelle, dass der Begeisterung für die Einzigartigkeit der künstlerischen Werke Richard Wagners das Korrektiv durch einen durch die deutsche Geschichte geschärften Blick an die Seite gestellt werden muss; dass sich während der Aufführung des Ring oder des Tristan besagte Ideologiekritik selbst dann verflüchtigt, wenn man es, wie in Barrie Koskys Bayreuther Meistersinger-Inszenierung, mit einem Zugang zu tun hat, der Wagner wesentlich schärfer sieht als, sagen wir, Wolfgang Wagner, ist indes ein Effekt, der im Widerspruch zwischen der deutlich ausgesprochenen Kritik an Wagners Gedankengut und seiner Rezeption so zu verschwinden droht wie die Trennung zwischen Wagner selbst und seiner Rezeption. Irrt man sich oder verstellt der Blick auf den Ideologen Wagner nicht bisweilen den historisch kritischen Blick auf die gelegentlich unübersehbaren Unterschiede zwischen Wagner und seinen Anbetern? Dass Wahnfried heute kein Museum ist, in dem dem „Meister“ nur gehuldigt wird, ist im Übrigen nicht neu. Friedrich weist auf Manfred Egers Lieblingsmotto „Fakten und Fairness“ hin, mit dem Eger, beispielsweise, 1984 seine durchaus revolutionäre Ausstellung zum seinerzeit in Bayreuth kaum diskutierten Gebiet „Wagner und die Juden“ veranstaltete. Durchaus nicht nebenbei: Es war dies die erste von vielen Aktionen, die in Friedrichs Direktionszeit auffällig zunahmen, um, lange vor Michel Friedmans Festspielauftritt und entgegen seiner uninformierten Meinung, dass mit ihm in Bayreuth ein neues Kapitel der Aufklärung beginne, dem Thema „Wagner und der Antisemitismus“ mit Symposien und Konzerten gerecht zu werden. Auch davon liest man im neuen Buch. Im Übrigen frönt man keiner Nostalgie: Unwiederbringlich Verlorenes wird als Verlorenes markiert, auch wenn man gelegentlich inkonsequent verfuhr, indem man denn doch einiges „künstlich wiederherstellte“ wie Cosima Wagners Lila Salon oder Teile der Gartenanlage.

Auf solche Gedanken könnte man kommen, wenn man Wahnfried zur Hand nimmt, in dem es vor Allem um die Geschichte des Museums seit der Eröffnung im Jahre 1976 geht. Es will ausdrücklich keine „Rechenschaft“ oder „Bilanz“ sein, sondern eine „Selbstvergewisserung als notwendige Grundlage einer Zukunftsperspektive“. Friedrich erzählt flüssig und dort, wo Selbsterlebtes eine Rolle spielt und wo es passt, mit ironischem und mild sarkastischem Humor. Ein Beispiel gefällig? „Gelegentliche jugendliche Naivität vermochte er [der damalige Bayreuther Oberbürgermeister Dieter Mronz] durch seine unnachahmliche Fähigkeit, bei Bedarf allein durch Blicke die gefühlte Raumtemperatur innerhalb von Sekunden um zehn Grad fallen zu lassen, zurechtzurücken und öffnete so den Blick für die tatsächlichen Weiten des gelegentlich unergründlichen Bayreuther Kosmos“.

Das Leitmotiv – man könnte es auch als „Wehret dem Wagner-Kult“ bezeichnen – zieht sich durch alle Kapitel, beginnend mit der Vor- und Frühgeschichte der Wagner-Sammlung und des Nationalarchivs, das aus Helena Wallems Glasenapp-Gedenk- und Wagner-Kultraum herauswuchs und nach dem ersten Weltkrieg einen ersten Höhepunkt mit der im Damenflügel des Bayreuther Neuen Schlosses installierten, noch reichlich kultigen Gedenkstätte erlebte. Die Hausgeschichte Wahnfrieds wird dabei ebenso mit Bildern beleuchtet wie die Aktionen der zweiten Nachkriegszeit. Mit nicht weniger als 148 Fotos wurde auch ein ästhetisch schönes Buch vorgelegt. Weniger schön ist Friedrichs Beobachtung, dass die – wohl als reaktionär einzuordnenden – Tendenzen der 20er Jahre bis in die 80er Jahre wirksam waren; immerhin gesteht der Autor seinem gelobten und gewürdigten Vorgänger zu, dass die Ausstellung Wagner und die Juden wichtig, wenn auch, was stimmt, relativierend war. Berichtet wird sowohl von der Einrichtung des „Klingenden Museums“ wie von Wagners Bibliotheken, von der spektakulären Bühnenbildsammlung, von Konzertereignissen, auch von Niederlagen wie dem juristisch absurden Verlust von Wagners Bayreuther Kompositionsklavier an die Stadt Leipzig, von „Kuriosa“, unter denen die schön schrecklichen Wagner-Aufnahmen des wahnsinnigen Wagnerianers Sirach van Bodegraven (dessen Name gnädig verschwiegen wird, aber soviel historische Genauigkeit muss sein) eine Art Spitze darstellen. Erzählt wird von herausragenden Konzertereignissen, wobei die tragisch verstorbene Maria Radner ein Foto geschenkt bekommt – auch für derart bewegende Episoden (ich denke an den wunderbaren Liederabend, den sie noch kurz zuvor in Wahnfried gab) ist Platz in einem Buch, das zwischen Report, Analyse und Geschichtsschreibung changiert. Die Publikationen wie die Ausstellungen passieren Revue, der Neubau wird wie die museale und schließlich selbst museal gewordene, einem „Herbarium“ gleichende Ausstattung des „alten“ Wahnfried präsentiert und gewürdigt. Man wird als Leser gleichsam Zeuge von diversen Metamorphosen: zwischen dem alten, halb alten und neuen Bayreuth, dessen Ästhetik und Didaktik sich notwendigerweise mit der Präsentation ändern musste. Auch das weit unter der sichtbaren Oberfläche, der „Spitze des Eisbergs“, wie Friedrich schreibt, existierende und nicht minder spannende Reich der Sammlungen des Richard Wagner-Nationalarchivs wird beschrieben: mit Hinweis auf die digitalen Welten, die nicht alles, aber sehr Vieles erschließen; Museum heute ist ja in bestem Sinne auch virtuell oder was man so heißt. So kann man schon seit Jahren auf der Homepage des Museums https://www.wagnermuseum.de/sammlung-online/ und des Archivs nicht weniger als 12000 Richard und Cosima Wagner betreffende Dokumente (Briefe, Handschriften, Aufzeichnungen und vieles andere) barrierefrei anschauen, außerdem 5400 Fotos aus 49 Nachkriegs-Inszenierungen, die Teil der „Zustiftung Wolfgang Wagner“ sind, außerdem anhand von 1700 Datensätzen die wichtigsten Materialien der Zustiftung erkunden, die man als wissenschaftlicher Benutzer im Archiv einsehen kann. Von diesen Möglichkeiten konnte man vor zehn Jahren nur träumen, aber es gilt auch: „Mag diese Erleichterung den Nutzern auch sehr willkommen sein, so bedauern wir doch gelegentlich die auf diese Weise nun häufiger ausbleibenden Besuche von Kolleginnen und Kollegen.“ Mag sein, dass sich manch Leser des Buchs animiert fühlt, zum ersten Mal das weite Reich zu erkunden und dort erst einmal fasziniert steckenzubleiben.

Nicht virtuell sind die Besucher, die weniger strömen als man sich’s am grünen Tisch ausdachte. In einer kurzen wie genauen Analyse werden die drei Publikümer charakterisiert. Der Befund ist ernüchternd: Das Festspielpublikum ist immer weniger geneigt, sich so etwas Anstrengendes wie einen Museumsbesuch anzutun und mit inhaltlichen Aspekten behelligt zu werden – zumal dann, wenn es um so etwas Unangenehmes wie die hitlersche Wagner-Rezeption geht, die seit 2015 und erstmals in Bayreuth am Ort präsentiert wird. Mag sein, dass viele Besucher, die das Haus nach 2015 besuchten, deshalb keine Lust auf eine weiteren Besuch haben, weil ihnen die Konzeption und ästhetische Zurichtung nicht gefällt. Sven Friedrich begründet wieder sehr genau, wie man warum und wieso zu jenen Lösungen kam, die von Manfred Egers vollgestopftem und bisweilen dunklem Museum denkbar weit entfernt sind. Es muss ja nicht jedem gefallen, es mag auch sein, dass jede Zeit die Museen hat, sie sie verdient, doch muss man dem noch amtierenden Museumsdirektor zugestehen, dass er den eklatanten, durch den zweiten Weltkrieg, Wieland Wagners Wohnung und den Neubau von 1976 entstandenen Mangel an Originalsubstanz des Hauses Wahnfried nicht mit den Mitteln eines Wagner-Disneylands zu kaschieren trachtete. Aufklärung tut manchmal weh; das neue Haus Wahnfried ist für diese Weisheit ein gutes Beispiel, auch wenn man schon vorher wusste, dass das alte Wahnfried 1945 und in den Jahren danach zerstört wurde, so dass sich die Bauleute von 2011 bis 2015 bei der überraschenden Auffindung der letzten Originalspuren des Wagnerhauses wie pompejanische Archäologen fühlen konnten. Ob es freilich, wie Wolfgang Wagner und mit ihm Sven Friedrich meinten, unausweichlich, ja geradezu konsequent war, dass Wahnfried von den Bomben der Alliierten getroffen wurde: über diese Frage könnte man stundenlang diskutieren, ohne zu einem eindeutigen Ergebnis zu kommen, oder, um die zitierten Ausschnitte aus den Reden des Festakts zur Eröffnung des Museums im Jahre 1976 aufzunehmen: Es gibt nicht nur einen (antisemitischen, linken, rechten oder konservativen) Wagner. Gehört, wie Friedrich nicht müde wird zu betonen, die Rezeptionsgeschichte zu Wagner wie Tristan zu Isolde, müssten auch jene „progressiven“ (wie man in der DDR sagte) Anteile des Wagnerschen Denkens und Werks reflektiert werden, die bis 1883 auch in Wahnfried ansässig waren. Als Bundespräsident Walter Scheel am Vortrag der Museumseröffnung im Festakt zum 100. Jahr der Festspiele auf dem Grünen Hügel, nicht während der Museumseröffnung am 24. Juli 1976, die nach Überzeugung etlicher Besucher ketzerische Meinung äußerte, dass Wagner neben Mussorgsky und Verdi nur einer der bedeutenden „Tonkünstler“ seiner Zeit gewesen sei und er „aus den Wolken des Mythos“ heruntergeholt werden müsse, um „mit der Demokratie versöhnt“ zu werden, schüttete er, falls das möglich ist, das Kind nur halb mit dem bekannten Bad aus.

Dass, wer Wahnfried heute betritt, es nicht allein mit Wagners Wohnhaus, auch mit dem seiner Sippe zu tun hat, ist eine Feststellung, die sich trotz nach(richard)wagnerscher Neubauten nicht von selbst zu verstehen scheint und das Beharren auf eine kritische Auseinandersetzung mit dem Wagner-Umkreis verständlich macht. Der Rest ist Musikgeschichte, und auch sie wird, nicht zuletzt mit der Interaktiven Partitur im Untergeschoss, beleuchtet, so dass auch ein Laie und einer jener „Wagnerkenner“, die Friedrich meint, wenn er von seelisch verirrten Enthusiasten und Existenzen spricht, plötzlich begreift, wie genial und genau der Künstler Wagner vorging, als er seine Partituren schrieb.

Am Ende aber werden alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter namentlich genannt, die dem Museum und dem von ihm nicht trennbaren Archiv jemals angehörten oder noch angehören. Um nur eine zu nennen: Erika Duschner. Frau Duschner, wie ich sie damals nannte, war die erste, die dem Autor dieser Zeilen in seiner ersten Bayreuther Zeit, an einem sonnenhellen Wintertag, die Eintrittskarte überreichte, bevor er sich im „Klingenden Museum“, im ansonsten leeren, sonnenhellen Saal, das gewünschte Siegfried-Idyll anhörte. Plötzlich begann es, ganz sacht, zu schneien. Die nächsten Minuten waren schlicht magisch.

Das Ereignis war zu unwichtig, um im neuen Buch verewigt zu werden, zumal der Herr Direktor, falls er dies liest, an diesem Ort zum ersten Mal davon erfährt – aber es war auf seine Weise einzigartig und zugleich typisch. Einiges von dem, was jenseits von Ideologiekritik und (milder) Ironie seit 50 Jahren in Wahnfried vor sich ging, hat glücklicherweise seinen Platz im Jubiläumsband erhalten: neben der rational festgehaltenen Museumshistorie.

Frank Piontek, 6. Oktober 2026


Sven Friedrich: Wahnfried – 50 Jahre Richard-Wagner-Museum 1976–2026
Hrg. von der Richard-Wagner-Stiftung Bayreuth

Deutscher Kunstverlag, Berlin 2026
191 Seiten, 148 Abbildungen