Buchkritik: „Marktgräfliches Opernhaus Bayreuth“

Wie viele Bücher über das Markgräfliche Opernhaus braucht der Mensch? Die Frage gebt verloren, wie es in einer auch in Bayreuth häufig aufgeführten, in Nürnberg spielenden Oper heißt – denn ein Bauwerk, dem ein voluminöses Buch gewidmet werden kann, und das im Untertitel das Epitheton „Weltrang“ verliehen bekommt, ist so faszinierend, dass im Lauf der Jahre immer noch neue Erkenntnisse hinzukommen können, die uns das Exzeptionelle immer besser begreifen lernen.

Im Fall des Bayreuther Opernhauses, das 2012 den Welterbe-Titel der Unesco geschenkt bekam, liegen ein halbes Dutzend Veröffentlichungen vor, in denen es weniger um die operngeschichtlichen und musikwissenschaftlichen Aspekte des Hauses geht, die in weiteren Bänden inzwischen gründlich erörtert wurden. Zu Zeiten Markgräfin Wilhelmines und Markgraf Friedrichs erlebte es seine erste Glanzzeit, deren bauliche Hinterlassenschaft auch noch nach 275 Jahren in höchst ungewöhnlicher Weise erhalten ist, weil kein Theaterbrand, kein Abriss des unzeitgemäß gewordenen Hauses, kein Weltkrieg und keine Nachkriegszeit das Denkmal des „besterhaltenen Logentheaters italienischer Manier, wie es sich so in seinem Ursprungsland Italien nirgendwo mehr findet“, zerstörte. Wir finden den Satz in einer neuen, voluminösen Publikation, die dreierlei thematisch bündelt. Dabei bedingten sich Erforschung, Instandsetzung und Restaurierung des Opernhauses, so dass die Historiker nun wesentlich schlauer sind als all jene, die das Haus vor dem Jahr 2009 im Innersten zu kennen meinten.

Das Buch kam als als fünfter Band innerhalb der seit 25 Jahren unregelmäßig erscheinenden Reihe “Baudokumentationen der Bayerischen Schlösserverwaltung“ heraus, in der es, nach dem Aschaffenburger Pompejanum, das zweite in Franken befindliche Bauwerk behandelt. Zum einen wird klar, dass um 1750 der Stil des italienischen Hochbarock auch auf dem Gebiet der Theaterarchitektur in den fränkischen Gebieten en vogue war, zum zweiten haben wir es bei der Technik, mit der das Haus samt Innenausstattung in nur vier Jahren hochgewuchtet wurde, um altehrwürdige lokale Handwerkskunst zu tun. Erst die neuerliche Erforschung der Archivalien hat uns, zusammen mit der Millimeteranalyse und sodann der überaus genauen Restaurierung, ein Bild der Erbauung gegeben, das alle Teilbereiche – vom Sandsteinboden über die Holzränge und ihre Fußböden zum gewaltigen Dachwerk – umfasst. Einzelnes wurde bereits früher skizziert, doch was nun auf 351 Seiten reichhaltigst bebildert, wenn auch gelegentlich textlich redundant ausgebreitet wird, wird das opus magnum zur Bau-, Kolorierungs- und (Ab-)Nutzungsgeschichte des Hauses und all seiner Einzelteile bleiben. Der mikroskopische Blick der Restauratoren, die in ihren Teilkapiteln über die jeweiligen Restaurierungsfelder und -probleme berichten, macht deutlich, dass die ephemere, also an sich nicht für die Ewigkeit gebaute Architektur und Ausstattung des Logenhauses zwar im Baukastenverfahren zusammengesetzt, aber gleichzeitig hochqualitativ ausgeführt wurde: bis hin zum Dachstuhl, der den Rang des Hauses als Weltkulturerbe mit seinen gleichfalls außergewöhnlichen Ausmaßen bis zum letzten Balken hin bestätigt; die Beiträge zum Dachstuhl können den genauen Darstellungen des Skeletts des Ständerbaus des Logenhauses, dessen Konstruktion erstmals genau visualisiert wird, zur Seite gestellt werden. Erst die Restaurierung, die im Band genauestens dokumentiert wird, brachte spektakuläre Funde zutage wie den eines Erfrischungs- und Löschwasser-Brunnens innerhalb des Logenhauses. Erst die genaue Sicht auf die architektonischen Verklammerungen konnte Einblicke in die ursprüngliche Planung eines vierten Rangs als Stehparkett bringen – und beide Funde führen uns in eine spannende Soziologie des höfischen Opernwesens des Absolutismus hinein. Für den Kunstfreund ist der Band schon  deshalb wertvoll, weil nicht allein Details einzelner Malereien und Skulpturen in ihrem von störenden und zerstörenden Übermalungen und Schmutzschichten neugefassten Zustand präsentiert werden, sondern auch die  Einzelgemälde, also dias Deckengemälde es Logenhauses und die Tondi, in prächtigen und großen Fotos gezeigt werden, die sie, trotz der vorerwähnten Publikationen, erstmals in der gedruckten Literatur optimal erfahrbar machen. Zur weiteren Klärung tragen die Beiträge bei, in denen es um die Neugestaltung des Bühnenproszeniums (als Rückbau zur ursprünglichen Bühneneinfassung war dies der wohl gravierendste Eingriff in die im 19. und 20. Jahrhunert überarbeitete Substanz des Hauses) und die Neuerfindung des Bühnenbilds und des -vorhangs  ging, die als Teile des Gesamtkunstwerks zwischen der Szene und dem Zuschauerraum, dem Präsentierten und dem Publikum vermittelten und nach wie vor vermitteln. Auch hier bringt der Band Neues – so wie die sieben Tabellen, in denen sämtliche nachweisbaren Spezialisten, die zwischen 1756 und 1771 am Bau und seiner weiteren Nutzung beteiligt waren, komplett gelistet werden: vom Ober-Director von Bassewitz über den Hofposamentier G.C. Herrmann zum einfachen Bediensteten Abraham Costany. So erfährt der Opernbetrieb eine Integration in die Stadt- und Hofgeschichte der Markgrafschaft Bayreuth, wie sich gleichzeitig Bauforschung, Personalwesen, Handwerkstechnik, Kunstgeschichte und Architektur harmonisch ergänzen. Anders als in  Harmonie hätte ein derartiger Stein- und Holzbau in der kurzen Zeit von vier Jahren auch nicht entstehen – und in der doppelten Zeit restauriert und recht eigentlich entdeckt werden können.

Frank Piontek, 26. Januar 2023


Markgräfliches Opernhaus Bayreuth.

Erforschung, Instandsetzung und Restaurierung eines barocken Festtheaters von Weltrang 2009-2019

351 Seiten, Bayerische Schlösserverwaltung

München 2023

978-3-941637-74-0