Berlin: „Madama Butterfly“, Giacomo Puccini

In der inzwischen längst durch eine Neuproduktion ersetzten Carmen waren es die Orangen, die im letzten Bild durch die Luft flogen, in der seit 1987 auf dem Spielplan stehenden Madama Butterfly sind es die Teetässchen, die beim polternden Erscheinen von Onkel Bonze wie auf Kommando empor geworfen werden. Ansonsten haben die beiden Produktionen, für deren Optik Pier Luigi Samaritani an der Deutschen Oper verantwortlich war, nichts miteinander zu tun, denn während er für Carmen ein Ansichtskarten-Sevilla entworfen hatte, dominiert die Bühne für Butterfly weiße Seide in Unmengen, auch mal zum funkelnden Sternenhimmel werdend oder gar durch Nordlichter erstaunen machend, vor allem aber sich hinabsenkend auf das sich umarmend niederfallende Brautpaar oder über die Harakiri verübende Cio Cio San. Obwohl der Bühnenbildner in dieser Produktion zugleich auch Regisseur war, lässt sich das Primat des ersteren nicht leugnen, denn Personenregie oder gar die Rücksicht auf die Bedürfnisse von Sängern treten zurück hinter das Streben nach dem optischen Effekt, so wenn zwischen dem zweiten, den Sopran bereits übermäßig beanspruchenden Akt und dem dritten Aufzug dieser noch während des Zwischenspiels vor dem dritten Akt endlos lange durch wogende Nebelschwaden wallen muss, was sich allerdings von Wiederaufnahme zu Wiederaufnahme abschwächte, so dass in den Achtzigern Raina Kabaivanska noch tapfer, wenn auch murrend unermüdlich durch das Trockeneis stapfte, während sich in der nunmehr 151. Vorstellung Elena Stikhina auf zwei knappe Stippvisiten im Nebelmeer beschränkte, sich ansonsten auf allerlei häusliche Mühewaltung zurückzog.

© Bettina Stöß

Ob es eine Entscheidung des Regisseurs/Bühnenbildners oder des Dirigenten war, den Summchor aus dem Orchestergraben erschallen zu lassen, ist nicht mehr bekannt, jedenfalls nimmt ihm diese Positionierung einiges vom Vage-Unheimlichen, das er an sich haben sollte. Alles in allem ist das eine durchaus noch goutierbare, in keiner Weise den Spaß an der Aufführung verderbende Produktion, wenn die Besetzung eine entsprechend hochkarätige ist.

Wie bisher stets üblich, lassen sich bis auf das Protagonistenpaar alle Partien sehr gut aus dem immer ansehnlich und reich bestückten Ensemble besetzen. Das beginnt mit dem optisch wie akustisch angemessen bedrohlich auftrumpfenden Onkel Bonze von Byung Gil Kim, setzt sich über den seine komische Ader einmal verleugnenden Fürsten Yamadori von Jörg Schörner fort, und auch Burkhard Ulrich verlieh seinem Goro die passenden schleimig-fiesen Züge zu einem präsenten, durchdringenden Charaktertenor. Schon allein die mütterliche Wärme ihres Mezzosoprans ließ Karis Tucker zur idealen Suzuki und das Blüten-Duett zu einem der musikalischen Höhepunkte des Abends werden. Eine Lektion in Legatogesang, intelligenter Phrasierung, verbunden mit einem für die italienische Oper idealen Timbre präsentierte einmal mehr Markus Brück und machte aus dem Sharpless den gefühlten primo uomo des Abends. Mit Jonathan Tetelman hatte man zwar einen optisch hochattraktiven Pinkerton engagiert, der sich zugleich auf die Premiere des Trittico vorbereitete, und vielen werden seine kraftvollen, lautstarken Spitzentöne, die allerdings nicht in die Gesangslinie eingebunden und allzu grell waren, gefallen haben. Wer jedoch ein schönes italienisches Timbre, ein agogikreiches Singen, eine geschmackvolle Phrasierung erwartet hatte, der wurde enttäuscht.

© Bettina Stöß

Ganz und gar keine Enttäuschung war hingegen die Butterfly von Elena Stikhina mit sehr schöner, sehr farbiger und für die Partie so wichtiger Mittellage, mit der Fähigkeit, große Bögen zu singen, mit sicherer, ganz selten einmal ein wenig scharfer Höhe und dazu mit einer anrührenden Gestaltung der Figur, die zu Herzen gehen konnte. Ihr blondgelocktes Kind war Suki Rekow, verwechselbar mit dem in den Achtzigern, aber dann mindestens bereits das Kind des damaligen Kindes. Sicher durch das Bühnengeschehen leitete die Sänger Francesco Ivan Ciampa am Dirigentenpult und inspirierte das Orchester, so im kurzen Vorspiel zum zweiten Akt, zu stimmungsvollen musikalischen Momenten.   

Ingrid Wanja, 22. September 2023


Madama Butterfly
Giacomo Puccini

Deutsche Oper Berlin

151. Vorstellung am 21. September 2023 nach der Premiere am 20. Juni 1987

Inszenierung und Bühne: Pier Luigi Samaritani
Musikalische Leitung: Francesco Ivan Ciampa
Orchester der Deutschen Oper Berlin