Dresden, Konzert: „Elektra“, Richard Strauss

Tatort Palast!

Im Jahr 1909 erlebt an der Dresdner Hofoper unter Ernst von Schuch Elektra, eine Oper von Richard Strauss, ihre Uraufführung – ein atemberaubender Thriller; Ort der Handlung: der Palast von Mykene.

Noch vor Vollendung der Salome besucht Strauss auf Anraten eines Freundes 1903 in Berlin eine Aufführung der Tragödie Elektra von Hugo von Hofmannsthal, basierend auf dem Text von Sophokles, mit der legendären Gertrud Eysoldt in der Titelrolle unter der Regie von Max Reinhardt. Der Komponist spürt sofort die großartigen Möglichkeiten der Thematik für eine Realisierung auf der Opernbühne, „…erkannte ich wohl den glänzenden Operntext (der es nach meiner Umarbeitung der Orestszene tatsächlich geworden ist)“. Hugo von Hofmannsthal weitet diese Szene aus, so dass Strauss ein Zwischenspiel, in welchem Elektra den zurückgekehrten Bruder betrachtet, einfügen kann. Danach wiederholt sie den Namen Orests noch drei Mal, voller Zärtlichkeit, bevor wieder ihre Rachegedanken Oberhand gewinnen.

© Oliver Killig

 Für Strauss ist klar: Nur eine Oper kann nach Salome kommen. „Sinfonische Dichtungen machen mir gar keine Freude mehr“. Trotz einiger Bedenken, ob er „unmittelbar nach Salome (uraufgeführt 1905) die Kraft habe, einen in vielem so ähnlichen Stoff in voller Frische zu bearbeiten“, nimmt er wieder Verbindung zu Hugo von Hofmannsthal auf. Beide kennen sich schon seit einer Begegnung im Haus des Dichters Richard Dehmel 1899 in Berlin. Kurze Zeit darauf treffen sie sich wieder in Paris. Die Vertonung eines fertiggestellten Ballettlibrettos Der Triumph der Zeit lehnt der Komponist allerdings ab. Jetzt aber überrascht der Dichter mit dem Bekenntnis, er könne sich Elektra in der Musik ungleich gewaltiger vorstellen als in der Dichtung, sieht er doch auch für sich die Chance, durch die Zusammenarbeit mit Richard Strauss seinem Dramentext durch eine Opernfassung eine größere Wirkung und Verbreitung zu verschaffen. Das wird der Grundstein einer intensiven Freundschaft zweier großer Künstler und einer der erfolgreichsten Arbeitsgemeinschaften der Operngeschichte. Es entstehen bis zum Tod von Hugo von Hofmannsthal 1929 sechs Textvorlagen für Opern von Richard Strauss, die heute zu den Meisterwerken des 20. Jahrhunderts zählen.

„Jedoch der Wunsch, dieses dämonische, ekstatische Griechentum des 6. Jahrhunderts Winckelmannschen Römerkopien und Goethescher Humanität entgegenzustellen, gewann das Übergewicht über die Bedenken, und so ist Elektra sogar noch eine Steigerung geworden in ihrer Geschlossenheit des Aufbaus, in der Gewalt der Steigerungen“ (Richard Strauss). Schon am 16. Juni 1906 schreibt Straus an Hofmannsthal: „Ich beschäftige mich bereits mit der ersten Szene der Elektra, es geht aber noch etwas schwer von der Hand.“

© Oliver Killig

In der Elektra gelingt es Strauss mit den Mitteln motivischer Arbeit, Harmonik und raffinierter Instrumentation die Titelheldin so darzustellen, dass es Züge eines Psychogramms hat, wir werden Zeugen einer Obsession, die mit dem Tod der Protagonistin endet. Elektra, besessen von der Rache an ihrer Mutter Klytämnestra und deren Liebhaber Aegisth für den Mord an ihrem Vater Agamemnon, ist nach der einführenden Mägdeszene bis zur eigenen, rauschhaften Selbstvernichtung ständig im Zentrum des Bühnengeschehens.

 Das Orchester ist mit 110 Musikern riesig besetzt. Der berühmte Elektra-Akkord, eine hochdissonante, grelle bitonale Übereinander Schichtung von E-Dur und Cis-Dur, Ausdruck der Extremsituation von Elektra, sprengt den Rahmen der Tonalität. Die Musik ist deutlich härter, dissonanter und blockhaft konzentrierter als in Salome. Stilistisch stellt die Oper mit ihren polytonalen Passagen und ihren gewaltigen Klangballungen den modernen Höhepunkt im Schaffen von Richard Strauss dar. Hier durchbricht er die Grenze von der Spätromantik zum Expressionismus. In derselben Zeit entwickelt Arnold Schönberg die Zwölftontechnik. Im Kontrast zu den psychologisch aufgeladenen Harmonien: „…ich bin in ihnen immer wieder an die äußersten Grenzen der Harmonik, psychischer Polyphonie (Klytämnestras Traum) und Aufnahmefähigkeit heutiger Ohren gegangen.“ erklingt wiederholt das den heroischen, aber tragischen Helden charakterisierende Agamemnon-Motiv, ein wuchtig instrumentierter Es-Dur-Akkord, Rache für den heimtückischen Mord einfordernd.

Ein grelles, scharfes Motiv d-a-f im Fortissimo, endend mit einem unheimlichen Wirbel der Großen Trommel auf dem Ton d in Pauke und Bassklarinette, eröffnet die Mägdeszene, eine Art kommentierendes Vorspiel, das uns sofort in das grausige Geschehen hineinzieht. „Wo bleibt Elektra? Ist doch ihre Stunde, die Stunde, wo sie um den Vater heult, dass alle Wände schallen.“ Von Beginn an herrscht eine düstere, unheimliche Atmosphäre, Elektras Rachegedanken ziehen sich wie ein Leitfaden durch die ganze Oper. In ihrem großen Monolog singt sie von ihrem Vater, seiner Ermordung, ihrem Leid und beschwört den Tag der Vergeltung: „Vater! Agamemnon, dein Tag wird kommen. Von den Sternen stürzt alle Zeit herab, so wird das Blut aus hundert Kehlen stürzen auf dein Grab!“ Ein wunderbarer Gegenpart dazu ist die jugendliche Schwester Chrysothemis, die, statt auf Rache zu sinnen, auf ein glückliches Leben hofft. „Kinder will ich haben. … Ich bin ein Weib und will ein Weiberschicksal.“  Sie teilt die Rachsucht der Schwester nicht, möchte die Vergangenheit ruhen lassen und sehnt sich nach Normalität. Elektras Versuch, sie zu überzeugen, dass sie beide den Meuchelmord am Vater rächen müssten, bleibt erfolglos. Nach einem Zwischenspiel, in dem sich einmal mehr die raffinierte Instrumentationskunst des Komponisten zeigt, folgt der große Auftritt Klytämnestras, nach Strauss keine alte verwitterte Hexe, sondern eine schöne, stolze Frau von 50 Jahren. Ihre Zerrüttung soll eine geistige sein, keineswegs ein körperlicher Verfall. Im Gespräch mit Elektra, verführt durch deren heuchlerische Worte, offenbart sie ihre Albträume, ihren Zustand am Rande des Wahnsinns. Elektra schleudert ihr schonungslos die in ihren Augen einzig mögliche Lösung entgegen: die Tötung der Mutter, d.h. Klytämnestras.  Das Erscheinen des Bruders Orest, das jubelnde, liebevolle Wiedererkennen führt in den mörderischen, letzten Abschnitt der Oper. Orest weiß, dass ihm die Rache auferlegt ist: „Ich will es tun, ich will es eilig tun!“. Der Tod von Klytämnestra und Aegisth rückt szenisch in den Hintergrund. Nach kurzem Kampf, den martialischen Todesschreien singt Chrysothemis „Es fängt ein Leben für dich und mich und alle Menschen an“ und Elektra beginnt einen ekstatischen Freudentanz, an dessen Ende sie tot zusammenstürzt. (In den griechischen Mythen wird der Fluch der Götter über Tantalos und seine Nachkommen, sich gegenseitig umzubringen, durch die Tat des Orest aufgelöst.)

© Oliver Killig

Am 11. September 1908 schließt Strauss die Komposition ab, 11 Tage später beendet er die Niederschrift der Partitur. Die Uraufführung der Elektra folgt am 25. Januar 1909 im Königlichen Opernhaus in Dresden unter Ernst von Schuch. In seinen Erinnerungen schreibt Strauss: „Der Erfolg der Premiere war, was ich wie gewöhnlich, erst nachträglich erfuhr, ein anständiger Achtungserfolg. …Jetzt gilt vielen Elektra als Höhepunkt meines Schaffens. Andere stimmen für Die Frau ohne Schatten! Das große Publikum schwört auf den Rosenkavalier. Man muß zufrieden sein, als deutscher Komponist es so weit gebracht zu haben.“

Unmittelbar nach der Uraufführung beginnt die Oper ihren Siegeszug um die Welt. Am 15. Februar 1909 präsentiert die Königliche Hofoper zu Berlin das Werk, dirigiert von Leo Blech, am 24. März folgt die Premiere in Wien. Heute ist Elektra fester Bestandteil des Repertoires der großen Opernhäuser der Welt.

Eine fantastische, halbszenische Aufführung mit einer auf allen Positionen erstrangigen Sängerbesetzung gelang am Sonntagabend im Dresdner Kulturpalast unter Leitung von Sir Donald Runicles, seit 2026 Chefdirigent der Dresdner Philharmoniker. Mit großer Übersicht und Sachkenntnis führt er den gewaltigen, makellos agierenden Orchesterapparat und die Solisten. Allerdings hätte ich mir gelegentlich ein wenig mehr Rücksicht auf die Sängerinnen und Sänger gewünscht. So hatte doch Karita Mattila als Klytämnestra, szenisch großartig, textlich mit eigenartig gefärbten Vokalen, einige Mühe, sich gegen das Orchester durchzusetzen. Die Überraschung des Abends war für mich Aušrinė Stundytė als Elektra, in einer der anspruchsvollsten Partien der Opernliteratur. Sehr differenziert vom Piano bis zum äußersten Fortissimo, eine perfekt geführte Stimme bis in die höchsten Lagen, mit klarer, eindringlicher Deklamation und gestisch zurückhaltend beherrscht sie das Bühnengeschehen. Sie bleibt bei allen blutrünstigen Rachegedanken eine menschlich anrührende Frau. Stimmlich ebenbürtig Elisabeth Teige als Chrysothemis, eine ideale Gegenspielerin, die einfach nur aus dem Teufelskreis von Mord und Rache ausbrechen will und sich nach einem ruhigen Privatleben sehnt. Albert Pesendorfer ist ein stimmgewaltiger Orest. Auch der Aegisth mit Thomas Blondelle, die Mägde mit Stephanie Wake-Edwards, Anna Lapkovskaja, Sarah Castle, Nina Bezu, Hailey Clark sind ebenso wie die Nebenrollen außergewöhnlich gut besetzt. Dazu kommt der MDR-Rundfunkchor in der Einstudierung von Thomas Eitler-de Lint.

Der Wunsch des Komponisten, „das Spiel der Darsteller auf größte Einfachheit zu beschränken“, wird in der szenischen Einrichtung und einer die Gesamtwirkung unterstützenden Lichtregie von Silke Sense eindrucksvoll realisiert.

Das Publikum ist zu Recht begeistert und feiert die Mitwirkenden mit lang anhaltendem Beifall.

Bernd Runge, 15. März 2026


Elektra
Richard Strauss
Kulturpalast Dresden

Dirigat: 15. März 2026

Donald Runnicles
Dresdner Philharmonie