Bonn: „Kafka-Fragmente“, György Kurtág

Die am 29. Oktober 2026 in Bonn aufgeführten „Kafka-Fragmente“ von György Kurtág sind sicher kein Mainstream, aber in der szenischen Umsetzung der Regisseurin Malin Nagel mit der lyrischen Sopranistin Marie Heeschen und der Geigerin Anna Neubert absolut spannendes Musiktheater. Aufführungen in Hamburg, Mainz und Köln wurden von Presse und Publikum gelobt, weitere Gastspiele sind geplant.

Der in Rumänien geborene Komponist Gyorgy Kurtág, der in diesem Jahr seinen 100. Geburtstag feierte, schrieb die Kafka-Fragmente 1985 bis 1987 und hat dem Team persönlich die szenische Umsetzung seines Werks gestattet. Ausgangspunkt sind Tagebuchnotizen Kurtágs von 1973, die sich mit der Bilderwelt Kafkas auseinandersetzen. Ergebnis waren die „Kafka-Fragmente“, die am 25. April 1987 bei den Wittener Tagen für Neue Kammermusik von der Sopranistin Adrienne Csengery und dem Geiger András Keller uraufgeführt wurden. Eigentlich sind sie ein Liederzyklus, besser Vokalzyklus, allerdings nicht mit Klavierbegleitung, sondern für lyrischen Sopran und Geige, und vertont wurden nicht Gedichte, sondern Tagebuchfragmente und Gedankensplitter Franz Kafkas. In der szenischen Umsetzung der Regisseurin Malin Nagel verkörpern Marie Heeschen (Sopran) und Anna Neubert (Violine) den Schriftsteller Franz Kafka und den Komponisten György Kurtág, die miteinander in einen Dialog treten.

In klassischen dreiteiligen Herrenanzügen mit Stehkragenhemden, mit streng gebändigten Haaren und sehr androgyn wirkend, setzten sie Beschäftigungen wie das Basteln von Figuren aus Streichhölzern und Alufolie auch szenisch um. Der Beginn war kaum zu merken, den erkannte man nur dadurch, dass das Raumlicht gedimmt und das weiche Licht einer einzigen Glühbirne auf die Protagonistinnen, die nebeneinander schweigend an einem Tisch bastelnd saßen, fiel. Erst nach etwa fünf Minuten, die unendlich lang erschienen, erhob sich Anna Neubert und begann auf ihrer Geige den Dialog mit Marie Heeschen. Durch die szenische Umsetzung haben für mich Text und die Musik erheblich an Bedeutung gewonnen. Es entstand surrealistisches Theater über viele Aspekte des Lebens. Heeschen und Neubert entfalteten in 38 unterschiedlich langen Einzelszenen ein ganzes Spektrum von Gefühlen und Assoziationen, von der akuten schweren Depression. „Geschlafen-aufgewacht-geschlafen-aufgewacht …“, im Ostinato, visualisiert durch ein aus Alufolie gebasteltes Püppchen, bis hin zu kurzen Alltagszenen, wie „Die Zuschauer erstarren, wenn der Zug vorbeifährt“, die nicht nur in Lautmalerei mit der Geige, sondern auch in der Bewegung der beiden Köpfe umgesetzt wurden. Die szenische Gestaltung ist mehr als eine Bebilderung und erleichtert einerseits den Zugang, ergänzt andererseits Facetten – zum Beispiel dadurch, wie die Protagonistinnen zueinander positioniert sind. Die Stimme und die Geige treten dabei in einem karg möblierten Raum in einen Dialog, indem sie miteinander kontrastieren oder einender ergänzen. Die Aussagen sind hochkonzentriert und verlangen den Solistinnen viel Ausdruck ab. Ich sehe in dem Stück Reflektionen über das Leben und seinen Sinn. Es hat mich zum Nachdenken angeregt.

Die Werkstattbühne der Bonner Oper mit ihren 125 Plätzen ohne Vorhang ist ein idealer Spielort für kleine, filigrane Formate, denn alle Zuschauer sind nahe an der Bühne. Mit wenigen Requisiten, hauptsächlich zwei Tischen, einem Stuhl, einem Beamer, einer Leinwand und einem alten Kassettenrecorder, der dazu diente, eingespielte Gesangspassagen mit abgeschnittenen Obertönen abzuspielen, entspann sich der surrealistische Dialog zwischen Stimme und Geige.

Die Geigerin und Performerin Anna Neubert, Mitglied verschiedener Ensembles für neue Musik, wie uBu und electroniciD, aber auch Performerin in Stücken der Jungen Opern am Rhein, gestaltete den Geigenpart, der ähnlich anspruchsvoll ist wie der Solopart in einem Violinkonzert, souverän. Niemand kann sich hier auf einem Orchesterbett ausruhen oder hinter dem Nebenmann verstecken! Während sie auswendig spielte, interagierte sie szenisch mit ihrer Partnerin. Witzig war der „Spickzettel“ mit den Noten, den Heeschen vor ihren Augen abrollte, während sie eine der Szenen spielte. „Mittlerweile kann ich das auch auswendig,“ lachte sie nach dem Konzert. Bei Kurtág ist keine Note vorhersehbar, daher ist der Part der Geigerin besonders anspruchsvoll. Auch der Gesangspart ist mit einem Stimmumfang von ungefähr drei Oktaven mit extremen Tonsprüngen, die teilweise zwei Oktaven überschreiten, und Sprechgesang, Flüstern und Schreien unfassbar schwierig. Marie Heeschens lyrischer Sopran ist ausgesprochen angenehm timbriert und zeichnet sich durch hohe Beweglichkeit und enormen Facettenreichtum aus. Die Textverständlichkeit war hervorragend. Heeschens Stimme ist sowohl für die innige Gestaltung lyrischer Passagen als auch für den expressiven Ausdruck bei exzentrischen Partien prädestiniert, was sie in hochkonzentrierter Form bei den Kafka-Fragmenten bewies. Ihre stimmliche Flexibilität zusammen mit ihrer darstellerischen Vielseitigkeit machten aus den Kafka-Fragmenten ein surrealistisches Abbild des Lebens.

© Lucie Schulze

Als Marie Heeschen 2022 den Preis der Bonner Opernfreunde bekam, war der Grund nicht nur ihre hinreißende Rollengestaltung unter anderem als Susanna in „Le nozze di Figaro“, Maria in „Westside Story“ und Tussy in „Marx in London“, der Jonathan Dove, der Komponist der Bonner Uraufführung, eigens Koloraturen auf den Leib geschrieben hatte, oder ihre Aufführung von Fanz Schuberts „Winterreise“ 2019 mit Julia Strelchenko am Klavier, sondern ihre ungewöhnliche Vielseitigkeit, die sie in ihrem eigenen Ensemble für Alte Musik Paper Kite und im Ensemble BRuCH für neue Musik bewiesen hatte. Ihre Karriere an der Bonner Oper krönte sie 2024 mit der Titelpartie in Händels „Alcina“. Ihre letzte Partie als Ensemblemitglied war die Prinzessin Lunatick in der 2024 uraufgeführten Kinderoper von Pierangelo Valtinoni. Bonner Opernfreunde bedauern das Ausscheiden Marie Heeschens aus dem Ensemble sehr, aber ich habe Verständnis dafür, dass sie sich jetzt auf ihre Projekte in der freien Szene und ihre ehrenamtliche Mitarbeit als Vorsitzende der Genossenschaft Deutscher Bühnen-Angehöriger GDBA NRW konzentrieren möchte. Die in Hamburg geborene Marie Heeschen bleibt in Bonn, denn nach zehn Jahren an der Bonner Oper wurde sie zur assimilierten Rheinländerin. Ihre Bonner Fangemeinde folgt ihr – die Werkstattbühne Bonn war voll besetzt. Wir haben einen Abend mit rund 70 Minuten hochkonzentriertem Musiktheater erlebt, der noch lange im Gedächtnis nachhallen wird. Vermutlich funktioniert die Vermittlung von Musik der Zeit am besten über Persönlichkeiten wie Marie Heeschen, die ihre Fangemeinde bei klassischen Formaten rekrutieren und dann zu Musik der Zeit locken, am besten.

Mehr zu Marie Heeschen: https://marieheeschen.com/  Mehr zum Veranstalter GEDOK / Köln: https://gedok-koeln.de/

Ursula Hartlapp–Lindemeyer 1. November 2026


Kafka-Fragmente
György Kurtág

Theater Bonn
Werkstattbühne
29. Oktober 2026


Regisseurin Malin Nagel
Marie Heeschen (Sopran)
Anna Neubert (Violine)