Mit William Forsythe und Sharon Eyal stehen zwei große Namen der Ballettwelt im Titel des neuen Ballettabends des Ballett am Rhein. Die von Forsythe 1987 für das Ballet de l’Opéra de Paris entwickelte Choreografie In the Middle, Somewhat Elevated und Strong von Sharon Eyal, uraufgeführt am 8. Dezember 2019 in der Berliner Staatsoper Unter den Linden, bilden nicht zuletzt auch durch die gewählten musikalischen Ansätze eine harmonische Einheit. Beide Werke werden von einem sehr schnellen, fast schon rhythmisch pulsierenden elektronischen Klangteppich begleitet, zu dem sich die Tänzerinnen und Tänzer in perfekter Synchronisation bewegen. Dennoch erlebt das Publikum zwei durchaus unterschiedliche Handschriften von zwei Ikonen der modernen Ballett-Choreografie.

William Forsythe beschäftigte sich damals unter anderem mit den Fragen, was ein menschlicher Körper zeigen kann und wie weit Sehgewohnheiten herausgefordert werden können. Der Fluss der Bewegungen stammt dabei in seiner Choreografie zu großen Teilen aus dem klassischen Ballett, entsprechend wird auch viel auf Spitze getanzt. Gleichzeitig wählte Forsythe für seine Arbeit eine für damalige Verhältnisse sehr neue Ausrichtung. In verschiedenen Soli, Duetten und Gruppenformationen begegnen sich die drei Tänzer und sechs Tänzerinnen in immer neuen Konstellationen, wobei sie nicht immer direkt zum Publikum gewandt sind. Dabei zeigen sie neben großartigen Drehungen und Sprüngen, die teilweise in recht schneller Geschwindigkeit ausgeführt werden, wie weit sich ein Körper unter Anwendung der klassischen Balletttechniken verbiegen lässt. Auch fast vierzig Jahre nach der Uraufführung wirkt In the Middle, Somewhat Elevated sehr frisch und man merkt der Choreografie nicht an, dass sie schon vor so langer Zeit entstanden ist. Das Stück gilt heute durchaus als Schlüsselwerk für zukünftige Choreografien. Schön ist es, hier nun neun hervorragende Tänzerinnen und Tänzer erleben zu dürfen, die In the Middle, Somewhat Elevated erneut in Düsseldorf und Duisburg auf die Bühne bringen, nach dem Choreografie bereits 1992 an der Rheinoper zu sehen war.

Das Bühnenbild beschränkt sich hierbei auf ein Minimum. Wie der Titel angibt, befindet sich in der Mitte der Bühne, etwas erhöht, eine goldene Kirsche. Dieses Element in einem ansonsten schwarzen Kasten ist das Überbleibsel der Idee, die prunkvolle Innendekoration der Pariser Oper auf der Bühne fortzusetzen. Mehr optisches Beiwerk bietet dagegen der zweite Teil des Abends: Alon Cohen hat für Strong ein hervorragendes Lichtdesign geschaffen, das die in Nebel getauchte Bühne immer wieder effektvoll ausleuchtet. Gleichzeitig wurde die Choreografie, die Sharon Eyal zusammen mit ihrem Co-Choreografen Gai Behar entwickelt hat, für die aktuellen Aufführungen in Düsseldorf und Duisburg auf eine Gruppe von 20 Tänzerinnen und Tänzern erweitert. Diese bewegen sich zu Beginn sehr langsam, während fast die gesamte Compagnie in eine Richtung schaut. Nur eine Person schaut woanders hin. Generell lösen sich bei Strong immer wieder einzelne Personen, teilweise mit Kleinigkeiten, teilweise mit sehr auffälligen Abwandlungen, aus der Gruppe heraus.

Große Sprünge sind hier nicht zu sehen, dafür erlebt der Zuschauer ein sehr rhythmisches Ballett, in dem die stete Wiederholung eine große Herausforderung für die Tänzerinnen und Tänzer darstellt. Diese lösen diese Aufgabe jedoch meisterhaft und zeigen in rund 45 Minuten eine Leistung, bei der sich die Energie des Abends kontinuierlich steigert. Am Ende scheint diese Energie auf die Zuschauer überzuspringen und bricht sich in einem riesigen Jubelsturm Bahn. Eindrucksvoll ist auch, dass ein solcher gelungener Ballettabend in der heutigen Zeit noch so viele Besucher ins Theater zieht: Die Premiere war bis auf wenige Plätze im dritten Rang ausverkauft. Diese Zuschauer durften sich über zwei unter die Haut gehende Choreografien freuen, die in Verbindung mit der elektrisierenden Musikauswahl zu einem großen Gesamtkunstwerk verschmelzen.
Markus Lamers, 1. November 2026
Forsythe / Eyal
Ballettabend mit den Choreographien „In the Middle, Somewhat Elevated“ von William Forsythe und „Strong“ von Sharon Eyal mit Musik von Thom Willems und Ori Lichtik
Ballett am Rhein – Opernhaus Düsseldorf
Premiere: 30. Oktober 2026
Sehenswerter Westart-Bericht in der ARD-Mediathek (abrufbar bis 31. Oktober 2028)
Weitere Aufführungen: 7. November, 13. November, 18. November, 19. November, 29. November, 4. Dezember, 21. April 24. April, 29. April und 17. Mai in Düsseldorf sowie 12. Dezember, 19. Dezember, 30. Dezember und 3. Januar im Theater Duisburg