Bereits bei der Uraufführung 2023 in Stuttgart war die Oper Der Räuber Hotzenplotz von Sebastian Schwab ein großer Erfolg und war auch in der letzten Spielzeit dort noch zu sehen. Sie beruht auf dem gleichnamigen Kinderbuch-Klassiker von Otfried Preußler. Schwab und seine Librettistin Elena Tzavara haben die Vorlage ziemlich genau eins zu eins in ihrer Familienoper, wie sie sie nennen, umgesetzt. Herausgekommen ist ein Werk, das Kinder und Erwachsene gleichermaßen anspricht. Die Musik ist durchweg sehr eingängig bis hin zur Ohrwurmqualität. Sie ist eine Mischung aus vielen Stilen, Da gibt es die großen Operngesten mit veritablen Arien, Swing-Anklänge, Musical-Elemente oder lyrische Melodien. Vom großen Orchesterklang, über Schlagwerk-Sequenzen und Akkordeon-Einsätze bis hin zu bayerischer Blasmusik spannt sich der musikalische Bogen, der von Stefan Klingele und den Bremer Philharmonikern zu einem stimmigen Ganzen gebündelt wird.

Regisseurin Frieda Lange zaubert mit ihrer Inszenierung ein zweieinhalbstündiges Vergnügen auf die Bühne. Die ungebrochene Umsetzung der Vorlage ist wegen des hohen Wiedererkennungswerts ein Vorteil für die vielen Kinder im Publikum, die bei den zahlreichen Interaktionen auch begeistert mitmachen. „Seid ihr schon alle da?“ ist der klassische Satz aus dem Kasperle-Theater, der auch hier nicht fehlt. Die Bühne ist durch einen Steg um den Orchestergraben dicht an die Zuschauer herangezogen. Das eigentliche Bühnenbild von Hanna Rode ist phantasievoll und abwechslungsreich. Da gibt es einen düsteren Wald mit unterirdischen Schlupflöchern für Hotzenplotz, den Brunnen, in dem die in eine Unke verzauberte Fee Amaryllis haust und natürlich das Schloss des Zauberers Petrosilius Zwackelmann. Das sieht aus, als wäre es aus zerknittertem Stanniolpapier gefertigt. Am Ende wird es mit Pyroeffekt in die Luft gesprengt, worauf Zwackelmann resignierend in die Kantine geht, um Nudeln mit Tomatensoße zu essen. Eigentlich liebt er ja Kartoffeln, auch wenn er sie immer selber schälen muss (was er in seiner großen Arie heftig beklagt). Aber die laufen als große Figuren über die Bühne und geben dem Zauberer ordentlich Kontra. Es sind viele gute Einfälle, die diese Inszenierung auszeichnen. Die tiefe Freundschaft zwischen Kasperl und Seppel wird sehr poetisch und anrührend verdeutlicht, unterstützt auch von der hier sehr lyrischen und schönen Musik. Und auch Hotzenplotz hat seine empfindsame Seite, wenn er Mitleid beim Verlust von Kasperls Mütze zeigt.

Die Kostüme (ebenfalls von Hanna Rode) sind sehr wirkungsvoll. Vor allem Zwackelmann mit seinen riesigen Armen und seinem silbrigen Kleid macht Eindruck, ebenso die Fee Amaryllis (Ulrike Mayer), bei der man nur den Kopf in dem riesigen Unkenmaul sieht.

Der Spaß, den wahrscheinlich alle gehabt haben, überträgt sich auf die Darstellung. Fabian Düberg als Zwackelmann erinnert in Gestik und Mimik mitunter an Otto Waalkes. Wenn er sich in einem wie improvisierten Rap über Buxtehude auslässt, und ins Publikum ruft „Ich sag Buxte und ihr…“ antwortet dieses begeistert mit „Hude“. Dübergs Rollenporträt mit expressiv-grellem Tenor ist ein durchgängiges Kabinettstückchen. Avi Fagerfjäll und Elias Gyungseok Han sausen als Kasperl und Seppel schon mal mit dem E-Scooter über die Bühne und sind eine Variation von Max und Moritz.. Zum Einstieg sieht man sie mit der Großmutter (Natalie Jurk) in einer Karaoke-Nummer. Ian Spinetti gibt den Wachtmeister Dimpfelmoser stimmstark mit skurriler Autorität. Und der Räuber Hotzenplotz? Christoph Heinrich ist in dieser Rolle eine Klasse für sich. Ausdrucksvoll in Stimme und Mimik, aber vor allem auch in seiner ausgefeilten Körpersprache liefert er ein facettenreiches Rollenporträt. Ein Räuber, der auch sympathische Seiten hat. Fazit: Diese Produktion ist ein Vergnügen für jedes Alter.
Wolfgang Denker 26.Oktober 2026
Der Räuber Hotzenplotz
Oper von Sebastian Schwab
Premiere am 25.10.2026
Theater Bremen
Inszenierung: Frieda Lange
Musikalische Leitung: Stefan Klingele
Bremer Philharmoniker
Weitere Vorstellungen: 27. Oktober, 1., 4., 6., 12., 20., 28, November, 3., 19., 22. 26., 30. Dezember 2026, 23. Februar 2027