Lieber Opernfreund-Freund,
mit Ravel im Doppelpack beschenkt die Opéra Royal de Wallonie-Liège seit gestern ihre Besucher. Der turbulenten Komödie L’heure espagnole (Die spanische Stunde) stellt die Produktion die tiefgründige Geschichte vom Kind und dem Zauberspuk (L’enfant et les sortilèges) zur Seite. Regisseur Jean-Louis Grinda und dem spielfreudigen Ensemble gelingt damit ein unterhaltsamer Opernabend.

1925 wurde L’enfant et les sortilèges im Opernhaus von Monte-Carlo uraufgeführt und genau 100 Jahre später, anlässlich des 150. Geburtstags von Maurice Ravel, entstand genau dort dieser Doppelabend, der nun an der koproduzierenden ORWL zu sehen ist. Außer dem Komponisten haben die beiden Werke nur gemeinsam, dass Uhren darin eine gewisse Rolle spielen – der Lauf der Zeit und die Vergänglichkeit des Augenblicks also. Jean-Louis Grinda versucht deshalb erst gar nicht erst, die beiden Kurzopern künstlich zu vereinen, sondern präsentiert zwei eigenständige Werke im jeweils eigenen Bühnenbild, das den beiden Stücken ihren jeweiligen Charakter lässt.

L’heure espagnole ist eigentlich schon eine Übertreibung, dauert das 1911 entstandene Werk doch – wie auch der zweite Teil des Abends – statt der titelgebenden Stunde nur gut 45 Minuten. Es erzählt die Geschichte der zumindest sexuell in ihrer Ehe unzufriedenen Uhrmachergattin Concepciòn, die alle Mühe hat, ihre Liebhaber zu koordinieren und in Wanduhren zu verstecken. Der feingeistige und ihr eigentlich zu romantische Dichter Gonzalve und der beleibte Finanzmogul Don Iñigo buhlen um ihre Gunst, ehe sie erkennt, dass eigentlich die Muskeln des Mauleseltreibers Ramiro viel eher das sind, wonach sie sucht. Im Comic-Stil erzählt Grinda diesen Schwank, bemüht boulevardkomödienartige Tür-auf-Tür-zu-Spielchen und bespielt die bunte Bühne von Rudy Saboughi in ausgelassener Manier. So kann sich die Komödie bestens entfalten, Anne-Catherine Gillet ihren feinen Sopran, Patrick Bolleire seinen beweglichen Bass und Ivan Thirion seinen farbenreichen Bariton vorzüglich präsentieren.

Nach der Pause wird es nicht nur musikalisch vielschichtiger, auch wenn Jean-Louis Grinda auf eine Psychologisierung der Fantasie lyrique, wie Ravel sein Werk bezeichnet hat, verzichtet. Und doch entwickelt die Geschichte um das widerspenstige Kind, an dem sich die Gegenstände, die es zerstört, und die Tiere, die es gequält hat, rächen wollen, bis sie seine gute Seele erkennen, einen ganz eigenen Zauber. Dafür sorgen neben dem präzise platzierten und fein abgestimmten Licht von Laurent Castaingt auch die Choreografien von Eugénie Andrin, die drei Tänzer in faszinierender Weise präsentieren. Aya Wakizono überzeugt mich gesanglich in der Rolle des ungezogenen Görs ebenso, wie mich Marie Kalinine mit halsbrecherischen Koloraturen verblüfft. Für die Rolle der Mutter bringt die junge Lotte Verstaen einen satten Alt mit, während Pierre Doyen seinen wandlungsfähigen Bariton zeigt.

Im Graben lässt es Jean-Yves Ossonce französisch funkeln, legt den musikalischen Witz der Spanischen Stunde frei, um in der zweiten Hälfte des Abends die musikalische Tiefgründigkeit von L’enfant et les sortilèges gekonnt vor voll besetztem, am Ende begeistert applaudierenden Haus aufzublättern.
Ihr
Jochen Rüth
30. Oktober 2026
L’heure espagnole
L’enfant et les sortilèges
Opern von Maurice Ravel
Opéra Royal de Wallonie-Liège
Premiere: 29. Oktober 2026
Regie: Jean-Louis Grinda
Musikalische Leitung: Jean-Yves Ossonce
Orchestre de l’Opéra Royal de Wallonie-Liège
weitere Vorstellungen am 31. Oktober sowie am 3., 6. und 8. November 2026