Frankfurt: „Carmen“, Georges Bizet

Rückblick auf ein „Event“

Als zu Beginn der dritten Vorstellung der Wiederaufnahmeserie die Erkrankung von Joseph Calleja und ein Ersatz für ihn als Don José angekündigt wird, stöhnt die Sitznachbarin zur Rechten auf und bemerkt ärgerlich, daß wohl die Vorstellung nur wegen des Tenor-Stars ausverkauft sei. Da irrt sie. Sämtliche der neun Vorstellungen dieser Serie waren und sind ausverkauft, auch die noch anstehende letzte am 31. Januar, bei der ebenjener Abraham Bretón als Don José regulär besetzt ist, der für den Startenor im Dezember zweimal kurzfristig eingesprungen war. Um es gleich zu sagen: Der junge Sänger, ehemaliges Opernstudiomitglied, ist dabei keine schlechte Besetzung. Seine Stimme ist höhensicher und durchaus attraktiv timbriert, wenngleich man sie von seinem letzten Einsatz in der Partie vor knapp zwei Jahren noch etwas frischer in Erinnerung hatte. So wenig aber seinetwegen die Vorstellung am 31. Januar ausverkauft ist, so wenig waren die vier Vorstellungen im Dezember wegen Calleja ausverkauft oder im Januar wegen AJ Gluckert. Auch nicht wegen Bianca Andrew, die im Dezember in der Titelpartie debütierte und mit schlankem Mezzo und schlanker Figur (darf man Körpermaße noch ansprechen, selbst wenn das positiv gemeint ist?) nahe an das Rollenbild herankam, welches Paula Murrihy in der Premiere 2016 erarbeitet hatte. Und die Karten für die Januar-Vorstellungen waren nicht deswegen restlos vergriffen, weil das Publikum mit Zanda Švēde eine stimmlich dunkler gefärbte, klangsattere Carmen bevorzugt hätte oder mit Nombulelo Yende die üppiger fließende Stimme für die Micaëla gegenüber der Dezember-Besetzung Alyona Rostovskaya, deren Timbre sie eher für das jugendlich-dramatische Fach prädestiniert und die für die Darstellung einer naiven Unschuld vom Lande ein wenig zu selbstbewußt klingt. Oder (um die Nennung der tragenden Rollen vollständig zu machen) wegen Kihwan Sim in seiner Paraderolle als Escamillo, in der er im Januar den erfolgreich darin debütiert habenden Erik van Heyningen abgelöst hat.

Bianca Andrew (Carmen) und Erik van Heyningen (Escamillo) / © Barbara Aumüller

Was – in Frankfurt wie andernorts – zu ausverkauften Vorstellungen von Carmen, Tosca, Butterfly und Co. führt, ist vielmehr eine Entwicklung, zu welcher der große Stimmen-Kenner Jürgen Kesting in der FAZ vom 2. Januar ausgerechnet den Frankfurter Intendanten Bernd Loebe zitiert: „Viele heutige Besucher sind Event-Besucher.“ Es gibt eben Blockbuster-Stücke, die eine sichere Bank sind: In dieser Spielzeit in Frankfurt stehen dafür elf ausverkaufte Tosca-Aufführungen, die ausverkaufte Carmen-Serie und die noch anstehende Butterfly-Serie, für die es nur noch Restkarten gibt. Große Namen in den Besetzungslisten? Fehlanzeige (von Calleja einmal abgesehen). Dafür rollendeckende, gute bis vorzügliche Besetzungen aus dem eigenen Ensemble und wenige Gäste. Die Stärke der Frankfurter Oper ist, daß diese Wiederaufnahmeserien sorgfältig wiedereinstudiert sind, szenisch wie musikalisch. Das Event-Publikum erhält Qualität. Es findet so womöglich Gefallen an dieser angeblich antiquierten Kunstform, wird auch zum Besuch weniger populärer Werke animiert. Und wenn nicht, sorgen die „Events“ jedenfalls für eine Quersubventionierung der Produktionen von weniger populären Werken, die ja in Frankfurt den Spielplan prägen.

Der genannte Beitrag von Jürgen Kesting steht unter der Überschrift „Welche Zukunft hat die Oper?“ und ist ein Sammelsurium bekannter Wehklagen, vom Verschwinden der „big voices“ bis zur Skepsis gegenüber dem „Regie-Theater“. Ein Seitenhieb gegen die Frankfurter Carmen scheint seine Schlußbemerkung zu sein, es sei eine „Absurdität, wenn … die Szene umgedeutet, verändert oder entstellt wird. Wenn Violetta in „La Traviata“ oder Carmen überleben.“ Spoiler für alle, welche die Produktion noch nicht gesehen haben: Carmen überlebt auf der Frankfurter Bühne. Genau das ist eine schöne Schluß-Pointe einer Inszenierung, in welcher der Regisseur (Zitat aus unserer Kritik der letzten Wiederaufnahmeserie) „das totgespielte Repertoire-Schlachtroß als temporeiche Revue“ serviert und „dabei den Charakter dieser von Bizet mit Schlagern gespickten Oper auf den Punkt“ trifft. Kesting mokiert sich über das In-den-Vordergrundstellen der Regie, welches er insbesondere an der Bindestrich-Benennung festmacht: „Warlikowski-Macbeth, Kosky-Meistersinger und Kratzer-Tannhäuser“. Ohne jede Frage bekommt das Publikum in Frankfurt eine Kosky-Carmen zu sehen, in der die wichtigsten Inszenierungsmerkmale dieses Erfolgsregisseurs besonders vorteilhaft zur Geltung kommen: keine Stückzertrümmerung, keine Übermalung der eigentlichen Handlung, sondern deren frische und gewitzte Präsentation vor einem reduzierten, aber wirkungsvollen Bühnenbild, auf den Punkt genau gesetzten Theatereffekte, mit guter Personen- und vor allem Chorführung und unter belebender Integration der kongenialen Choreographien von Otto Pichler.

Kelsey Lauritano (Mercédès), Andrew Bidlack (Remendado), Bianca Andrew (Carmen), Taehan Kim (Dancaïro) und Anna Nekhames (Frasquita)
© Barbara Aumüller

Event und „Regietheater“ sind also nicht zwingend Gegensätze. Und offenbar braucht es für die „Zukunft der Oper“ nicht dringend eine Renaissance der „big voices“. Kesting schreibt selbst, daß zwar die wenigsten Sänger heutzutage in den Riesensälen der MET oder dem Großen Festspielhaus in Salzburg „die Sound-Barriere“ durchdringen können, dabei aber verbreitet „leiser oder sanfter oder zarter … auch virtuos kunstvoller“ gesungen werde. Für die Größe des Frankfurter Zuschauerraumes mit seinen knapp 1.400 Plätzen waren jedenfalls die genannten Sänger durchsetzungsstark genug.

Dabei haben wir noch gar nicht von den Dirigenten gesprochen. Hier allerdings hat es nach der Ausnahmeleistung von Constantinos Carydis im Premierenzyklus niemand mehr vermocht, das Orchester auch nur näherungsweise an diesen klaren und zugleich blühenden Klang heranzuführen, der in den Vor- und Zwischenspielen die Atmosphäre der Handlungsorte spürbar gemacht hatte. Immerhin hat Jader Bignamini aktuell das Orchester gut im Griff und führt es in Koordination mit der Bühne sicher durch den Abend.

Diese Produktion mag nicht die Antwort auf die Frage „Welche Zukunft hat die Oper?“ sein. Sie sorgt aber dafür, daß sich zumindest während der Aufführungsdauer von drei Stunden die Frage erst gar nicht stellt.

Michael Demel, 28. Januar 2026


Carmen
Opéra comique von Georges Bizet

Oper Frankfurt

Premiere am 5. Juni 2016
Besuchte Vorstellungen: 21. Dezember 2025 u. a.

Inszenierung: Barrie Kosky
Musikalische Leitung: Jader Bignamini
Frankfurter Opern- und Museumsorchester