Frankfurt: „Doktor und Apotheker“, Carl Ditters von Dittersdorf

Diese Kritik beginnt nicht mit einer Beschreibung der Regie (gewitzt und locker), der Leistungen der Sänger (rollendeckend und spielfreudig) oder einer allgemeinen Einführung zu einem in Vergessenheit geratenen Stück (hübsche Petitesse), sondern mit einer Hommage auf den Bühnen- und Kostümbildner Kaspar Glarner. Die Disposition des Spielplans hat es so gefügt, daß derzeit an der Oper Frankfurt zeitgleich zwei Arbeiten von Glarner zu bewundern sind, an welchen man die Kreativität und Vielseitigkeit des Künstlers exemplarisch studieren kann. Am großen Haus gibt es ein rauschendes Rokoko-Kostümfest in den kongenialen Kulissen einer detailverliebt nachgebauten Barocktheaterbühne (Le postillon de Lonjumeau). Im Bockenheimer Depot ist nun eine Neuproduktion eines Singspiels aus der Zeit der Wiener Klassik zu erleben, in welchem Glarner wie in einem bewußten Kontrast dazu ein Bühnenbild zeigt, das aus skizzenhaften Schwarz-Weiß-Zeichnungen von Häuserfronten, Stadtsilhouetten und Innenräumen besteht. Der Coup dabei ist, daß sämtliche Requisiten ebenfalls als (scheinbar) zweidimensionale Schwarz-Weiß-Skizzen erscheinen und selbst da, wo sie tatsächlich räumliche Tiefe besitzen, sich durch schwarz-weiße Bemalung in das Gesamtbild einfügen.

Ebbelwoi im Gerippten: Božidar Smiljanić (Apotheker Stößel), Kelsey Lauritano (Claudia) und Peter Marsh (Hauptmann Sturmwald) / © Barbara Aumüller

Das Spiel mit Zwei- und Dreidimensionalität hatte Glarner vor vielen Jahren in Frankfurt schon einmal mit seinem Bühnenbild für Dallapicolas Prigioniero ausprobiert. Die Idee mit den Schwarz-Weiß-Skizzen mag er sich bei Achim Freyers legendärem Bühnenbild zu Ruth Berghaus‘ Inszenierung des Barbier von Sevilla an der Staatsoper Berlin geholt haben (einen guten Eindruck des Vorbilds bietet dieser Trailer der Lindenoper). Jedoch kopiert Glaner diese reizvolle Idee nicht bloß, sondern entwickelt sie zum einen weiter, zum anderen gibt er ihr Frankfurter Lokalkolorit. Die Weiterentwicklung besteht im Einsatz von Videoprojektionen (Jorge Cousineau). Gleich zu Beginn sieht man eine gezeichnete Sonne am oberen Rand des Prospekts aufgehen und im Zeitraffer über den Bühnenhimmel bis zum imaginierten Abend ziehen. Zwischendurch kommt es zur Interaktion von Bühnenpersonal mit einem Zeichentrickhund, der zur Erheiterung des Publikums sein Bein an der gezeichneten Häuserwand hebt. Ein Streit auf der Bühne wird vom Sich-Zusammenbrauen dunkler Wolken begleitet, die sich in einem gewaltigen Zeichentrick-Gewitter entladen. Für Lokalkolorit sorgt im ersten Akt der Ausschank von Ebbelwoi aus einem schwarz-weißen Bembel in ebensolche Gerippte. Im zweiten Akt schließlich wird als Kulisse eine sehenswerte Skizze des Römerbergs samt Gerechtigkeitsbrunnen hereingefahren.

Auf dem Römerberg: Božidar Smiljanić (Apotheker Stößel) und Thomas Faulkner (Doktor Krautmann) / © Barbara Aumüller

Glaners Kulissen sind in vielen Inszenierungen bereits die halbe Miete und oft noch mehr als das. Von der ambitionierten Frankfurter Uraufführung zu Arnulf Hermanns Der Mieter im Jahr 2017 etwa ist vor allem Glaners kongeniales Bühnenbild mit seiner Staunen machenden Verquickung von Videoprojektionen und Bühnenaktion in Erinnerung geblieben. Die kürzlich an der Berliner Lindenoper gezeigte Produktion von Kurtags Fin de partie fand ihre wesentliche Stütze in Glaners absolut werkadäquater Bildsprache, die bereits für sich genommen einen Besuch gelohnt hatte. Seine Kulissen und Requisiten samt Verquickung mit Bühneneffekten und Videoprojektionen sind so stark und bildmächtig, daß man dahinter die Regieleistungen verkennen mag, wirkt das Agieren der Darsteller in Glaners paßgenauen Spielwiesen doch geradezu zwangsläufig.

Hier nun sind es gewitzte Kulissen für ein unbeschwertes Volkstheater, welches Ute M. Engelhardt mit leichter Hand und treffsicherem Timing arrangiert. Die Handlung bietet die Konstellation einer zeittypischen Komödie. Doktor und Apotheker sind verfeindet. Der Sohn des Doktors liebt die Tochter des Apothekers. Diese soll aber mit einem Offizier verheiratet werden. Mit List und Tücke wird dies vereitelt. Schließlich finden die Liebenden zueinander und auch die Väter versöhnen sich.

Lubov Karetnikova (Rosalie), Elizabeth Reiter (Leonore), Kelsey Lauritano (Claudia), Peter Marsh (Hauptmann Sturmwald) und Božidar Smiljanić (Apotheker Stößel) / © Barbara Aumüller

Glanerts Kostüme haben die Handlung von der Entstehungszeit einhundert Jahre nach vorne an das Ende des 19. Jahrhunderts verlegt. Die Regisseurin nimmt das zum Anlaß, einen gegen arrangierte Ehen gerichteten Satz vom Schluß des Stückes („Die Frauen müssen wählen können“ – gemeint ist: ihren Ehemann) zu einer Parole für das Frauenwahlrecht zu machen. Das ist aber schon die einzige historisch-politische Zutat. Im Übrigen findet Engelhardt mit ihren gut aufgelegten Darstellern großen Spaß an einer typischen Komödienhandlung mit Verkleidungen, Täuschungen und Mißverständnissen samt einer Brise Slapstick. Die Verlegung der Handlung von Wien nach Frankfurt ist ein hübscher Einfall. Kurios allerdings wirkt es, daß die Regie die Figur eines Hauptmanns mit dem sprechenden Namen Sturmwald als britischen Offizier mit englischem Akzent zeichnet, wo doch auch die übrige Besetzung sämtlich aus Nichtmuttersprachlern besteht, was sich in den vielen Sprechtexten dieses deutschen Singspiels nicht verbergen läßt.

Gesungen wird tadellos. Man erlebt insbesondere die Weiterentwicklung einiger Stammmitglieder des hauseigenen Ensembles. In den Titelpartien duellieren sich Božidar Smiljanić als Apotheker Stößel und Thomas Faulkner als Doktor Krautmann mit ähnlich gefärbten Baßbaritonen, die inzwischen verglichen mit den jeweiligen Anfängen der Sänger an Volumen und Schwärze gewonnen haben. Bemerkenswert auch die Reife und Fruchtigkeit, die Elisabeth Reiters vormals quecksilbrig-leichter Sopran inzwischen bekommen hat. Sie ist in der Rolle der Leonore als Teil des „seriösen Paares“ Michael Porter als Gotthold zugeordnet, dessen lyrischer Tenor schon seit einiger Zeit Weiterungen in das jugendlich-heldische Fach aufzeigt. So heben sich beide gut vom „Buffo-Paar“ ab, das mit dem hellen Sopran von Libov Karetnikova als Rosalie und dem zupackend-frischen Tenor von Andrew Bidlack als Sichel adäquat besetzt ist. Großen Eindruck macht Kelsey Lauritano als Stößels Ehefrau Claudia. Man hat sie in Frankfurt oft in Hosenrollen erlebt. Nun stellt man fest, daß sie neben einer sonoren Mittel- und Tiefenlage auch über eine klare Höhe verfügt, mit der sie das Porträt einer resoluten Gattin und Mutter beglaubigt. Peter Marsh setzt seinen hell timbrierten Spieltenor samt authentischem Akzent wirkungsvoll für den „englischen“ Offizier Sturmwald ein. Mit kernigem Bariton macht Sakhiwe Mkosana als Polizeikommissär auf sich aufmerksam.

Happy End: Lubov Karetnikova (Rosalie), Andrew Bidlack (Sichel), Elizabeth Reiter (Leonore), Michael Porter (Gotthold), Kelsey Lauritano (Claudia), Božidar Smiljanić (Apotheker Stößel) und Thomas Faulkner (Doktor Krautmann) / © Barbara Aumüller

Das Orchester unter der Leitung von Alden Gatt kann nicht verbergen, daß Dittersdorf selbstredend nicht an seinen Zeitgenossen Mozart heranreicht. Diesen unfairen Vergleich hat Ulrich Schreiber in seiner „Kunst der Oper“ gezogen. Das Programmheft druckt sein vollständiges Kapitel zu „Doktor und Apotheker“ ab. Das ist erstaunlich, denn die Einschätzungen der musikalischen Qualität dort sind geradezu niederschmetternd. Da ist etwa von der „Überschaubarkeit seiner musikalischen Gedanken“ die Rede, und die Abwertung des Stücks als „kleines Pendant zu Mozarts Figaro“ wird mit einer ganzen Kaskade unvorteilhafter Vergleiche vorgenommen: kurzphrasig die Melodien, redundant und schwatzhaft die Stimmführung, ausgetrocknet die „italienische Bravour seiner Rhythmen“. Wenn man das vor der Aufführung gelesen hat, ist man dann umso erstaunter über den frischen Drive, den das Orchester erzeugt, über manch originellen Instrumentierungseffekt und die Eingängigkeit der „überschaubaren musikalischen Gedanken“.

Man würde diesen Abend gerne für ein unbeschwertes Theatervergnügen empfehlen, jedoch sind wie üblich sämtliche Vorstellungen im Bockenheimer Depot ausverkauft. Wer die Frankfurterische Version dieses saftigen Stückes Volkstheater erleben möchte, wird an der Abendkasse auf Restkarten hoffen müssen.

Michael Demel, 16. März 2025


Doktor und Apotheker
Singspiel in zwei Akten von Carl Ditters von Dittersdorf

Oper Frankfurt im Bockenheimer Depot

Vorstellung am 10. März 2025
Premiere am 8. März 2025

Inszenierung: Ute M. Engelhardt
Musikalische Leitung: Alden Gatt
Frankfurter Opern- und Museumsorchester

Trailer