Frankfurt: „Ottone“, Georg Friedrich Händel

Die Kostümpracht ist zurück auf den Opernbühnen! Innerhalb von nur einer Woche haben gleich vier Premieren im Rhein-Main-Gebiet ihr Publikum mit einer opulenten Ausstattung überrascht, wie man sie in den vergangenen Jahren nur noch selten erleben konnte. Den Anfang machte das Staatstheater Darmstadt bei Andrea Chénier mit einem regelrechten Farbenrausch bei Rokoko-Roben und einer detailfreudigen Rekonstruktion von Alltagskleidung des späten 18. Jahrhunderts, so daß manche Bilder wirkten, als seien zeitgenössische Ölgemälde lebendig geworden. Dann folgte das Staatstheater Mainz, das in Lohengrin seine Protagonisten gänzlich unironisch in mittelalterliche Gewänder steckte. Am Staatstheater Wiesbaden führte die Regie zu Hoffmanns Erzählungen den Titelhelden in Traumbildern zurück in die Belle Époche. Und nun läßt auch die Oper Frankfurt Händels Ottone in seiner Entstehungszeit spielen. Ben Baur hat dazu Salons eines venezianischen Palazzos mit edler Ausstattung entworfen und die Protagonisten in nicht minder edle Kleidung des seinerzeitigen Adels gesteckt. Immer wieder werden die Kostüme gewechselt, so daß dem Publikum eine veritable Barock-Modenschau geboten wird. Weite Teile des Geschehens läßt die Regie bei Nacht spielen, so daß sich für Jan Hartmann die Gelegenheit bietet, alles in ein stimmungsvolles Licht zu tauchen. Dabei spielt sich die detailreiche Ausstattung nie in den Vordergrund. Sie bleibt stets geschmackvoll und grundiert lediglich das Geschehen.

Yuriy Mynenko (Ottone) und Jonas Müller (Emireno; verdeckt) sowie Iurii Iushkevich (Adelberto) und Tänzer
© Xiomara Bender

Jetske Mijnssen hat sich in ihrer Inszenierung dagegen entschieden, die wie üblich verwickelte Handlung um Verwechslungen, Täuschungen, Liebeshändel und Intrigen einfach in dem gewählten Setting einigermaßen plausibel auf die Bühne zu stellen. Sie geht vielmehr auf das Wesen der Barockoper ein: In Arien stellen die Protagonisten Gefühls- und Seelenzustände aus und zeigen ihre sängerische Virtuosität. Das Handlungsgerüst wird in Rezitativen abspult, die zügig zur nächsten Arie führen, und hat oft lediglich eine Alibifunktion. Mijnssen ist das Wagnis eingegangen, den Arien aus sich heraus Plausibilität zu geben, den jeweiligen Augenblick so intensiv auszuformen, daß der Handlungszusammenhang in den Hintergrund tritt. Da braucht es kaum noch Rezitative, die hier deutlich zusammengestrichen und gekürzt worden sind. Dieses Vorgehen habe die Figuren „etwas auf Treibsand gestellt“, bemerkt Mijnssen im Programmheft. Die von der Regie gewählte neue Rahmenerzählung bleibt undeutlich: Eine gelangweilte Adelsgesellschaft führt gegenüber der hinzukommenden Teofane eine Charade auf, in der Adelberto sich als der für sie ausgewählte, aber ihr nicht bekannte Verlobte Ottone ausgibt. Aus einer gespielten Rivalität wird zunehmend Ernst. Im Hintergrund zieht Adelbertos Mutter Gismonda intrigant die Strippen. Adelbertos eigentliche Verlobte Matilda erscheint als Betrogene. Das ist nicht besser und nicht schlechter als das vom Libretto vorgesehene Täuschungs- und Intrigenspiel, das eher zufällig den historischen römisch-deutschen Kaiser Otto II. und seine byzantinische Braut Teophanu zu Protagonisten macht und auf keine historisch verbürgten Ereignisse zurückgeht, sondern frei erfunden ist. Es gelingt der Inszenierung jedenfalls, die für die jeweilige Arie entscheidenden Gefühlzustände herauszuarbeiten und die jeweilige Szene situativ aus sich heraus zu beleben.

© Xiomara Bender

Wie die Ausstattung läßt sich auch die musikalische Umsetzung in einem Wort zusammenfassen: erlesen. Das Orchester, das auf historischen Instrumenten und in tieferer historischer Stimmung spielt, beweist unter der Leitung von Václav Luks einmal mehr seine Händel-Expertise. Präzise und unverkrampft zugleich gelingen beschwingte Tanzrhythmen ebenso wie wunderbar schwebende kontemplative Passagen. Phrasierung und Akzente sind auf den Punkt genau kalkuliert, wirken aber nie überzogen. Schöne Instrumentalsoli sind eingebettet in einen farbigen Tuttiklang.

Monika Buczkowska-Ward (Teofane; in der Mitte kniend) und Ensemble
© Xiomara Bender

Die Sänger werden dabei auf Händen getragen. In der Titelrolle gefällt Yuriy Mynenko mit einem saftigen Countertenor, der auch in der Höhenlage keine Schärfe kennt. Sein fruchtiges Timbre setzt sich gut ab von der schlankeren und helleren Stimme seines Fachkollegen Iurii Iushkevich, der seinen Rivalen Adelberto als Muster eines verzogenen Halbstarken gibt. Die Partie liegt für die Anlage seiner Stimme recht tief, so daß seine ätherische Höhenlage nur selten ihre Strahlkraft entfalten darf. Monika Buczkowska-Ward übertrifft als Teofane ihre starke Leistung in Händels Alcina im vergangenen Jahr. Sie stellt selbst die mit stupender Makellosigkeit servierten Koloraturen und Auszierungen in den Dienst einer musikalischen Rollengestaltung, die nicht einem oberflächlichen Affekt verhaftet ist, sondern dem Zuhörer glaubhaft und berührend ihre Figur nahebringt. So herausragend diese Leistung auch ist, so wenig bringt sie daneben die anderen weiblichen Partien zum Verblassen. Auf Augenhöhe durchlebt Cecilia Hall mit ihrem runden Mezzosopran die wechselnden Emotionen der hintergangenen Matilda von Enttäuschung über Wut bis zum Mitleid mit ihrem ungetreuen Verlobten. Zu diesen beiden jugendlich-frischen Stimmen steht der gereifte Mezzosopran von Paula Murrihy als ehrgeizig-durchtriebener Gismonda in einem reizvollen Kontrast. Ihre mit edelherbem Timbre ausgestattete Stimme ist mit den Jahren kraftvoller geworden, ohne an Beweglichkeit zu verlieren. Ihre enorme Bühnenpräsenz vereint sich mit der Fähigkeit zur intensiven Textgestaltung bei souveränem Einsatz der musikalischen Mittel. Jonas Müller schließlich glänzt in der Nebenrolle des Emireno mit seinem eleganten und höhensicheren Bariton.

Paula Murrihy (Gismonda) und Iurii Iushkevich (Adelberto; liegend) sowie Cecelia Hall (Matilda)
© Xiomara Bender

Es gibt Abende, die vor Spannung bersten, die emotional überwältigen, die zu Tränen rühren oder innerlich aufwühlen. Diese Produktion spielt auf einer anderen Ebene. Sie vermittelt mit perfekt aufeinander abgestimmten Zutaten einen Eindruck davon, was die Faszination gerade der Spitzenwerke des Barock auch jenseits einer nachvollziehbaren Handlung gegenüber den Werken etwa des Verismo ausmacht: Ausgefeilte Kunst bis zur Künstlichkeit, darin aber die Essenzen menschlicher Emotionen, präsentiert wie in einem kostbaren Gefäß. Nur selten gelingt das auf einem solchen Niveau. Das macht diesen Abend zu einem außerordentlichen Erlebnis.

Michael Demel, 13. Oktober 2026


Ottone
Oper in drei Akten von Georg Friedrich Händel

Oper Frankfurt

Premiere am 11. Oktober 2026

Inszenierung: Jetske Mijnssen
Musikalische Leitung: Václav Luks
Frankfurter Opern- und Museumsorchester