Reisebilanz I: Tops und Flops der „Saison 2025/26“

Mit dem Fokus auf die Opernhäuser in der Region Rhein/Ruhr haben wir das Ende unserer Bilanzen zu einzelnen Häusern und Regionen erreicht. Wie im vergangenen Jahr präsentieren wir nun wieder Bilanzen von Kritikern, die im Laufe einer Spielzeit gezielt zu einzelnen, vielversprechenden Produktionen im In- und Ausland reisen. Den Anfang macht ein Rundblick über Produktionen in Deutschland und Österreich.


Beste Produktionen (Gesamtleistung):
Il pomo d’oro bei den Innsbrucker Festwochen Alter Musik: das (zwei Abende dauernde, achtstündige) längste Werk des Musiktheaters. Die seit 1668 nicht mehr vollständig aufgeführte Oper Pietro Antonio Cestis war nicht nur wegen der gelungenen Reanimierung und musikalischen Rekonstruktion Ottavio Dantones spektakulärer Höhepunkt der 50. Innsbrucker Festwochen der Alten Musik, sondern darüber hinaus ein theatergeschichtliches Ereignis, eine fulminante Inszenierung (Fabio Ceresa) mit überwältigenden Bühnenbildern Nikolaus Weberns und enormem Sängeraufgebot.

Als theatralischen Triumph der Hutschachtel darf man die fulminante Inszenierung an der Semperoper Dresden der Nino-Rota-Oper Der Florentiner Hut des Regisseurs Bernd Mottl  bezeichnen. Eine perfekte, ja virtuose Inszenierung. Unterhaltung pur, zumal auch Sänger und Dirigent begeisterten.

Größte Enttäuschung:
Martin Berger hat mit seinen absurden Text-„Modernisierungen“, ja Verunstaltungen, aber auch mit seiner Übertragung der Handlung ins Hier und Heute bzw. ins Utopia einer sozialistischen Diktatur namens Tschirikistan Lortzings Zar und Zimmermann verhunzt. Die quietschbunten Videovorführungen KI-generierter, quasi sozialistischer Propagandafilme samt fliegendem Einhorn im SF-Kitschformat sind geschmacklos. Die plakative und musicalhaft heutige Inszenierung (mit aktuellen politischen Anspielungen), in vorwiegend „erdbeersahnetortenhaftem“ Rosa ausgestattet, erweist Lortzings Komischer Oper (Singspiel) einen Bärendienst. Eine Blamage für die Deutsche Oper Berlin!

Ausgrabung des Jahres:
Die Ausgrabung und Vervollständigung der fünfaktigen Oper Il pomo d‘oro bei den Innsbrucker Festwochen Alter Musik an zwei aufeinanderfolgenden Tagen darf als Sensation bezeichnet werden. Das Stück wurde 1666 in Auftrag gegeben, um die Hochzeit von Leopold I. mit der Infantin Margherita Teresa von Spanien zu feiern. Die Oper war schon bei der Uraufführung 1668 ein beispielloses  Grossereignis des Musiktheaters und zugleich ein nahezu unaufführbares Unterfangen. Der enorme Aufwand, die Vielzahl von Rollen und nicht zuletzt das Fehlen der Musik zweier Akte ließen die Oper im Laufe der Zeit zur Legende werden, nicht zuletzt wegen der spektakulären wie theatergeschichtlich folgenreichen Bühnenbilder Giovanni Bononcinis (aufgerissenes Höllenmaul). Ottavio Dantone hat anlässlich des 50. Jubiläums der Innsbrucker Festwochen die fehlenden Teile rekonstruiert, sodass diese Festoper zum Jubiläum zum ersten Mal seit ihrer Uraufführung wieder komplett erklingen konnte.

Beste Wiederaufnahmen:
Andrea Chénier an der Deutschen Oper Berlin: John Dew, einer der faszinierendsten wie mutigsten, unkonventionellsten Musiktheater-Regisseure des letzten halben Jahrhunderts, hat für das Stück, gemeinsam mit dem Bühnenbildner Peter Sykora und dem  Kostümbildner José Manuel Vasquez eine so suggestive wie einleuchtende szenische Metapher entwickelt: eine kippbare Spielfläche, die oben die Welt des Adels darstellt, im Unterbau die Welt der Nichtadligen. Die Aufführung ist ein Farbrausch ironisierter Figuren der Französischen Revolution mit klugen, bewegenden Regieeinfällen.

Auch der Parsifal an der Deutschen Oper Berlin ist nach wie vor außergewöhnlich und sehenswert. Eine Parabel über religiösen Fanatismus, dargestellt anhand dreier historischer Bilder, dem Aufbruch zu den mittelalterlichen Kreuzzügen (1.Akt), einer aztekischen Menschenopferung (Akt 2) und der heutigen Gesellschaft (Akt 3). Alles ironisiert mit Mitteln der Zeitlupe und Massenverdichtung, „oberammergauhafter Anleihen“ (Jesu Tod am Kreuz und Kreuzesabnahme wird schon im Vorspiel I minutiös dargestellt) und Filmstudio-Atmosphäre mit plastischen Kulissen und Neonröhrenbeleuchtung. Beeindruckende Personen- und insbesondere Chorführung.

Beste Gesangsleistungen (Hauptpartie):
Die Sängerin der Titelpartie in der Salome in der Komischen Oper Berlin, die US-amerikanische Sopranistin Nicole Chevalier ist gesanglich überwältigend. Mit großer, ja durchschlagender, höhensicherer und warmer Stimme liefert sie eine der besten Interpretationen der Titelfigur ab, die ich je hörte. Der aus Augsburg stammende Bariton Günter Papendell (er gehört dem Ensemble der Komischen Oper an) singt und spielt den Propheten mit einer Intensität und Stimmgewalt, auch Wortverständlichkeit und Expressivität, wie man sie in dieser Partie nur selten erlebt hat.

Ein beeindruckendes Stimm-Phänomen noch immer ist Jordanka Derilova, wie sie als Isolde in der Tristan-Wiederaufnahme am Anhaltischen Theater in Dessau unter Beweis stellte. Sie sang die Isolde schon unter Johannes Felsenstein und ist immer noch und immer wieder eine furiose Sängerdarstellerin.  

Beste Gesangsleistungen (Nebenrolle):
Die chinesische Sopranistin Guanqun Yu sang an der Oper Frankfurt die kleine, aber feine Partie der Liú in Turandot. Ihre kristallklarer Gesang  ist sensationell, weil makellos in Stimmführung und in Notensicherheit, bei warmem, seelenvollen Ausdruck und „canto espressivo“.

Einen sängerischen Lichtblick in einer ansonsten trostlosen Produktion der Toten Stadt in der Staatsoper Hannover bot die Haushälterin Brigitta von Andrea Barać  Sie sang anrührend, großstimmig und doch kultiviert, dabei immer wortverständlich.

Nachwuchssänger des Jahres:
Jonas Müller ist neues Opernstudio-Mitglied der Oper Frankfurt, ein feiner, exzellenter Bariton. In der anspruchsvollen Rolle Guglielmos in der Neuinszenierung der Così fan tutte war er schlicht sensationell.

Beste Dirigate:
Thomas Guggeis, GMD der Oper Frankfurt, präsentierte seiner Lesart der Mozart-Oper Così fan tutte energiegeladen, präzise und feurig einen Mozart ohne Zopf, Allonge-Perücke und ohne alle Verzärtelung. Mit rasantem, vorwärtsdrängendem Tempo, hörbar an historisch informierter Aufführungspraxis orientiert, mit Schwung und hinreißenden Instrumentaldetails plädierte er für das Schlussstück der Da-Ponte-Trias als ein erstzunehmendes, radikales, um nicht zu sagen verstörendes Werk, das zu Unrecht so lange missverstanden wurde.

James Gaffigan, seit Beginn der Spielzeit 2023/24 Generalmusikdirektor der Komischen Oper Berlin, ließ seine neue Salome zu einer wahren Sternstunde werden.  Er hat das Stück mit nie nachlassender Kraft, dramatisch spannungsvoll vom ersten bis zum letzten Takt, rhythmisch zugespitzt, präzise, flott und klangprächtig dirigiert. Er lässt die Klangsinnlichkeit, die Melodik der Strauss’schen Musik, aber auch die modernen Dissonanzen gleichermaßen zu ihrem Recht kommen. Das Orchester der Komischen Oper Berlin spielt, als ginge es um sein Leben. Diese Salome war ein Klang-Rausch, eine musikalische Ektase.

Musikalisch war das (szenisch langweilige) Oratorium Der Triumph von Zeit und Erkenntnis im Bockenheimer Depot, der zweiten Spielstätte der Oper Frankfurt, ein Triumph der Händelschen Musik, denn Simone Di Felice, seit 2017/18 Kapellmeister an der Oper Frankfurt, hat mit Verve, Temperament, subtiler, stilbewusster Gestaltung und bekenntnishafter Emotionalität, dabei durchaus historisch informiert, Händels meisterhafter Partitur Rechnung getragen. 

Beste Regie:
Neben Bernd Mottls fulminantem Florentiner Hut von Nino Rota in Dresden faszinierte mich die so ganz andere, weniger kulinarische Lesart der Oper Das schlaue Füchslein von Leoš Janáček des Cottbuser Co-Schauspieldirektors Armin Petras. Er zeigt in seiner Inszenierung keinen intakten Wald, auch ist das Stück mitnichten ein (Kinder-)Märchen, sondern eher ein modernes, radikal anklagendes Gleichnis der Naturzerstörung. Zudem ist es ein Panoptikum überwiegend beschränkter Repräsentanten der Gattung Homo sapiens, das zum Pandämonium entfremdeter Menschen und Tiere in entfremdeter Natur und Zivilisation wird. Wie sagt es eines der Tiere: „Eine Schande der Tierwelt ist das Menschenvolk“.

Bestes Bühnenbild:
Der Bühnenbildner Friedrich Eggert hat die fabelhafte Mottl-Inszenierung der Nino Rota-Oper Der Florentiner Hut an der Semperoper in einem Bühnenbild ineinander und übereinander geschachtelter, aufklappbarer Geschenkpakete und Hutschachteln auf einer Drehbühne gezeigt, die verschiedene Innen- und Außenansichten erlaubt. Eine verschachtelte Welt in Schwarz-Weiß, mit nostalgischen Tapeten ausstaffiert.  Ein Feuerwerk an szenischer Phantasie!

Bester Chor:
Daer Chor der Deutschen Oper Berlin (Leitung Jeremy Bines) ließ sowohl in der Fedora-Übernahme, als auch in der Parsifal-Wiederaufnahme nichts zu wünschen übrig und bestach mit Präzision.

Flops der Saison:
Es sind derer so viele, dass ich nur einige aufliste:
Die regielich verblödelte Schweigsame Frau von Richard Strauss sowie die musikalisch wie stofflich überflüssige Pintscher-Uraufführung Das kalte Herz an der Staatsoper Berlin,
der Tannhäuser als Mittelalter-Mummenschanz im Theater Magdeburg,
der ins heutige Bandleader-Milieu übersetzte Falstaff und der Parsifal als absurdes, superkatholisches, spektakelhaftes Kirchen-Weihfestspiel an der Semperoper Dresden
sowie Händels szenisch bunt und hochglänzend, aber oberflächlich „aufgefritschte“ Version des Belshazzar an der Komischen Oper Berlin,
ein hochkarätig langweiliger Giulio Cesare an der Deutschen Oper Berlin
und eine sterile Turandot an der Oper Frankfurt als (Brethsches) Paradebeispiel veralteten Regietheaters.


Es reiste für Sie Dieter David Scholz.