Frankfurt: „Werther“, Jules Massenet

Wer derzeit die Internetseite der Oper Frankfurt aufruft, bekommt zunächst ein rot unterlegtes Angebot offeriert: „Für die Vorstellung von Massenets Werther am 4. April  erhalten Sie zwei Tickets zum Preis von einem!“ Nach einer fulminanten Wiederaufnahmepremiere lautet unsere Empfehlung: Fall Sie noch keine Karten gebucht haben, dann greifen Sie zu! Dafür gibt es mindestens fünf gute Gründe:

1. Es ist eine optisch attraktive, lebendige und eindringliche Inszenierung.
2. Für die Titelpartie hat die Oper Frankfurt mit John Osborn einen international begehrten Gast engagiert, dessen Stimme geradezu ideal für die Rolle ist.
3. An seiner Seite gibt das Ensemblemitglied Bianca Andrew als Charlotte ihr überzeugendes Rollendebüt.
4. Auch die übrigen Partien sind bis zur kleinsten Nebenrolle fabelhaft besetzt.
5. Das Orchester unter der Leitung von Felix Bender badet das Publikum förmlich in einem farbenreichen, kraftvollen Klang.

Bianca Andrew (Charlotte) und John Osborn (Werther) / © Barbara Aumüller

Nun die Langfassung:
Die ursprünglich an der Oper Amsterdam herausgebrachte Produktion des Werther gehört seit 2005 zu den Konstanten im Repertoire des Frankfurter Opernhauses. Es ist eine mustergültige, zeitlos frisch wirkende Inszenierung, die den Stoff klar entfaltet, einleuchtend, aber unaufdringlich deutet, ganz im Einklang mit den musikalischen Verläufen steht und starke Bilder präsentiert.

Bühnenbild und Kostüme von Wolfgang Gussmann verorten das Geschehen in der Entstehungszeit der Oper (nicht in der Entstehungszeit von Goethes Briefroman) und nehmen demonstrativ die bei Goethe beschriebenen Farben von Werthers Kleidung, blau und gelb, auf. Es gibt eine Innenwelt mit einem blau ausgeschlagenen klassizistischen Zimmer und eine Außenwelt, in der sowohl die Enge einer Kleinstadt aus symbolistisch vergrößerten Holzbauklötzen als auch immer wieder eine räumliche Weite als Sehnsuchtsmoment gezeigt werden. Da darf es dann zum Ende hin auch schneien, und obwohl das natürlich kitschig ist, entstehen so stimmungsvolle Bildeindrücke.

Bianca Andrew (Charlotte) und Sebastian Geyer (Albert) sowie Ensemble / © Barbara Aumüller

Regisseur Willy Decker nutzt die Ouvertüre, die beiden Zwischenaktmusiken und das Vorspiel zum dritten Akt, um mit Pantomimen die Protagonisten und Personenkonstellationen zu charakterisieren. Er stellt der von Werther schwärmerisch bewunderten lebhaften Familienidylle im Haus des Amtmanns eine steife, bigotte Dorfgesellschaft gegenüber, als deren Exponenten die Rollen von Johann und Schmidt stark aufgewertet sind. In Frack und Zylinder stelzen sie als ein komisch-unheimliches Duo infernale über die Bühne und scheinen die Handlung in ihr unerbittliches Ende zu treiben. Es sind diese beiden, nicht der im Libretto vorgesehene Amtmann, die Charlottes und Werthers Mondscheinromanze mit den Worten „Charlotte, denk, Albert ist zurück!“ abrupt beenden; es sind diese beiden, nicht der im Libretto vorgesehene „Bote“, die zu Albert und Charlotte kommen, um die Pistolen anzufordern – hier nur eine, mit der schon Werther in der inszenierten Ouvertüre herumhantiert und die sich wie ein fataler roter Faden durch die ganze Oper zieht. Zwischendurch ziehen die beiden eine Trennwand beiseite, um im Hause des Amtmanns Öffentlichkeit herzustellen, oder sie schleichen belauschend um die Protagonisten herum.

Jihun Hong (Schmidt), Pete Thanapat (Johann) und John Osborn (Werther) / © Barbara Aumüller

Die prägnante und schlüssige Personenregie hat sich auch in der Wiederaufnahme erhalten, was ein Verdienst von Alan Barnes ist, der wieder die szenische Leitung der aktuellen Aufführungsserie innehat. Zusammen mit der gekonnten Lichtregie von Joachim Klein, die vor allem starke Effekte auf dem hinteren Teil der Bühne erzeugt und den großgraphischen Effekt der Szenographie unterstützt, entstehen so beeindruckende Schlaglichter auf die Personen.

John Osborn ist nach seinem begeisternden Éléazar in La Juive erneut zu Gast in Frankfurt. Wieder zeigt sich, dass seine Stimme für das französische Repertoire des 19. Jahrhunderts ideal ist. Diese Tenorpartien liegen alle gefährlich hoch und verlangen eine exzellente Technik, die es dem Sänger erlaubt, mit einer „voix mixte“ perfekt fokussiert über ein großes Orchester zu kommen. Auch braucht es ein tragendes Kopfregister, das weder dünn noch scharf klingt. All das ist hier bei seinem Werther zu bewundern. Mühelos und konditionsstark werden noch die höchsten und längsten Passagen bewältigt, Spitzen- und Schlußtöne souverän und ohne Überdruck serviert. Neben der fulminanten Technik erweist sich Osborn auch als starker vokaler Gestalter, dem für Momente der Resignation und Verzweiflung eine ebenso abgestufte Farbpalette zur Verfügung steht wie für Momente der Leidenschaft und des Überschwangs.

Die Stärke seiner Stimme scheint den jungen Ulmer Generalmusikdirektor Felix Bender in seinem Hausdebüt am Pult des gut aufgelegten Orchesters herauszufordern, bei der Begleitung von Osborn dynamisch immer noch eine Schippe draufzulegen. Auch ansonsten kann man den Klang am besten mit dem Wort „vollmundig“ beschreiben, aber bei aller Intensität gut abgestuft und mit großer Frische.

John Osborn (Werther) / © Barbara Aumüller

Bender ist trotz seiner Neigung zum kraftvollen Sound ein rücksichtsvoller Begleiter und erlaubt etwa Bianca Andrew in ihrem Debüt als Charlotte ein ausgefeiltes Porträt mit vielen Zwischentönen zu zeichnen. Ihr klarer Mezzo überzeugt dabei in leidenschaftlicher Schwärmerei ebenso wie in Momenten trauernder Resignation.

Anna Nekhames fühlt sich in den Höhenlagen der Sophie hörbar wohl und nimmt mit unbeschwert silbrig-leichtem Klang für sich ein. Auch für sie ist es ein Rollendebüt, das sie überzeugend bewältigt.Die ersten Töne der Oper sind von Franz Mayer als Le Bailli zu hören, der bereits vor zehn Jahren in den Ruhestand gegangen, als Gast aber an seinem Stammhaus unverändert präsent ist, und über den wir vor fünf Jahren geschrieben haben: Sein Baßbariton scheint nicht zu altern. Da stimmt immer noch: Voll, rund und sonor gibt er die Partie, die er schon in den beiden letzten Wiederaufnahmen verkörpert hatte. Sebastian Geyer gibt mit kernigem Bariton seinen bewährten Albert. Ein klangstarkes Duo sind Opernstudiomitglied Jihun Hong mit attraktivem Tenor als Schmidt und Ensembleneuzugang Pete Thanapat mit dunklem Bariton als Johann.

Bianca Andrew (Charlotte; sitzend) und Anna Nekhames (Sophie; rechts stehend, mit der Hand auf dem Arm des Jungen) sowie Ensemble
© Barbara Aumüller

Das Publikum bedankt sich mit begeistertem und langem Schlußapplaus und feiert insbesondere John Osborn, Bianca Andrew und das Orchester.

Michael Demel, 7. März 2026


Werther
Lyrisches Drama in vier Akten von Jules Massenet

Oper Frankfurt

Aufführung am 6. März 2026
Premiere am 11. Dezember 2005

Inszenierung: Willy Decker
Musikalische Leitung: Felix Bender
Frankfurter Opern- und Museumsorchester

Weitere Aufführungen am 11. März sowie am 4., 9. und 17. April