Frankfurt: „La Juive“, Fromental Halévy

„Können Sie sich die Buh-Rufe erklären?“ fragt die Dame im Nachbarsitz sichtlich irritiert, als sich im Schlussapplaus beim Auftritt des Inszenierungsteams unter den bis dahin einhelligen Jubel plötzlich deutlich vernehmbare Unmutsbekundungen mischen. Erklären schon, aber teilen nicht. Denn Tatjana Gürbaca hat in ihrer Regiearbeit auf das Libretto von Eugène Scribe vertraut und die verwickelte Geschichte um Judenverfolgung, Schuld und Rache zur Zeit des Konstanzer Konzils im 15. Jahrhundert klar und eindringlich auf die Bühne gestellt. Auf den ersten Blick sieht das wie eine typisch unübersichtliche Opernhandlung aus: Der Jude Éléazar lebt als Goldschmied in Konstanz. Der Kirchenfürst Brogni hatte vor Jahren in Rom die beiden Söhne des Goldschmieds hinrichten lassen. Bei einem Überfall neapolitanischer Truppen auf Rom hatte Éléazar die Tochter des seinerzeitigen Magistrats aus den Flammen gerettet und fortan als sein eigenes Kind im jüdischen Glauben erzogen. Diese ist inzwischen erwachsen geworden und unterhält eine Liebschaft mit Léopold, einem christlichen General, der sich ihr gegenüber als Jude ausgibt. Tatsächlich ist er aber mit Eudoxie, der Nichte des Kaisers verheiratet. Dass das Publikum vor der verwickelten Personenkonstellation nicht kapituliert, ist ein Verdienst der Regisseurin. In ihrer ausgefeilten Personenführung zeichnet sie vielschichtige Porträts der fünf Hauptfiguren, ohne in die Falle politisch korrekter Zuordnungen zu tappen –  von wegen guter Jude hier, böser Kirchenfürst dort. Der dem Stück innewohnende Fatalismus, dieses unausweichliche Zusteuern auf ein schlimmes Ende ohne Versöhnung, wirkt bei ihr auch dadurch besonders beklemmend, dass dem Publikum durch die zwingend herausgearbeitete Ambivalenz der Protagonisten eine Haltung eigener moralischer Überlegenheit vorenthalten wird. Zugleich schildert die Regisseurin die mörderische Judenfeindschaft eines aufgepeitschten Mobs in großer Deutlichkeit.

© Monika Rittershaus

Was Teile des Publikums irritiert haben mag, ist das gewählte Setting. Das beginnt mit der unklaren zeitlichen Verortung. Im ersten Akt zeigen die Kostüme von Silke Willrett heutige Alltagskleidung. Dann treten mehr und mehr einzelne Figuren in mittelalterlichen Gewändern auf. Schließlich mündet das Ganze in einem surrealen Totentanz mit zombiehaft bleich geschminkten Choristen und Mitwirkenden in Totenschädelmasken. Einen weiteren Grund für den Publikumsunmut mag das Einheitsbühnenbild von Klaus Grünberg geboten haben. Es zeigt das sich nach oben verjüngende und leicht nach hinten gekippte Skelett eines kathedralartigen Baus in grauer Sichtbetonoptik. Unwirtlich ist dieser Ort und meist unbarmherzig kalt ausgeleuchtet. In Frankfurt konnte man zuletzt bei Giulio Cesare ein ungleich ausgefeilteres Licht-Design bewundern. Daß am rechten Bühnenrand ein paar Plastikscheite nach Märchenparkmanier im Kunstlicht rötlich vor sich hinglimmen, wirkt für eine solche Produktion erstaunlich billig.

Gerard Schneider (Léopold; mit dem Rücken zum Betrachter), John Osborn (Éléazar; im Hintergrund stehend) und Ambur Braid (Rachel; in der Bildmitte) / © Monika Rittershaus

Wie so oft bei Gürbacas Arbeiten steckt hinter all dem viel Gedankenarbeit. Man kann das in einem ausführlichen Interview mit Regisseurin, Bühnenbildner und Kostümbildnerin im Programmheft nachlesen und erkennt, wie das Produktionsteam zu seinem intellektualisierenden Ansatz haufenweise Assoziationen hatte, von denen es nun meint, man könne sie auf der Bühne problemlos nachvollziehen. Kann man aber nicht. Kulissen und Kostüme erscheinen grob und nicht selten unansehnlich. Mein Kunstlehrer pflegte zu sagen: „Kunst kommt von ‚können‘. Käme sie von ‚wollen‘, hieße sie ‚Wunst‘.“ Gerade bei der Ausstattung überwiegt phasenweise das Wollen. Um der Inszenierungsleistung gerecht zu werden, muß man aber hier neben der gelungenen Charakterisierung der Hauptfiguren noch einige wirkungsvolle Show-Effekte anführen, etwa die geschickte Integration von Ballettmusik zur Untermalung eines Wochenschau-Helden-Stummfilms über die siegreichen Taten des Feldherrn Léopold oder den Coup am Schluß, Rachel zu ihrer Hinrichtung aus dem Schnürboden herabstürzen zu lassen. Daß sich die im Programmheft von der Regisseurin gewünschte Assoziation – „wie ein Komet aus dem Himmel“ – dabei nicht einstellt, schadet nicht. Effekt macht das trotzdem. Zudem muß man dem Produktionsteam dankbar dafür sein, keine tagespolitischen Anspielungen untergebracht zu haben, obwohl die Versuchung dazu groß gewesen sein muß.

Ungeteilten, stellenweise sogar frenetischen Beifall erhält dagegen zu Recht die musikalische Seite. Henrik Nánási demonstriert am Pult des glänzend aufgelegten Orchesters, warum Halévys Komposition als eine der besten Hervorbringungen der Gattung Grand opéra gilt und etwa von Richard Wagner glühend bewundert wurde. Klar und transparent präsentieren die Musiker die manigfachen Farbabschichtungen des Klanges, flexibel und auf den Punkt genau im Einklang mit der Szene gestaltet der Dirigent die Tempi. Der von Tilman Michael vorbereitete Chor präsentiert sich in atemberaubender Homogenität, mit leuchtenden Piani und kraftvollen, aber niemals lärmenden Forte-Ausbrüchen. Allein dafür lohnt sich bereits ein Besuch der Produktion.

Simon Lim (Kardinal Brogni) und John Osborn (Éléazar) / © Monika Rittershaus

Mehr noch lohnt er sich, weil mit John Osborn ein grandioser Sängerdarsteller den Éléazar gibt. Er ist für seinen hell timbrierten und höhensicheren Tenor bekannt, zeigt hier jedoch ein eine beinahe veristische Intensität in der Gestaltung seiner Partie. Seine große Arie im vierten Akt „Rachel, quand du Seigneur la grâce tutélaire“ ist der Höhepunkt eines musikalisch reichen Abends. Ambur Braid durchglüht mit jugendlich-dramatischem Sopran regelrecht die Gefühlswelt seiner Ziehtochter Rachel, der titelgebenden Jüdin. Im Kontrast dazu brilliert Monika Buczkowska mit staunenswerter Koloraturgeläufigkeit als Eudoxie, ihre Widersacherin um die Gunst des Fürsten Léopold. Gerard Schneider muss sich in dieser Partie mit seinem bronzen getönten Tenor auf für ihn ungewohntes Belcanto-Terrain begeben und schlägt sich bei der Bewältigung exaltierter Höhen achtbar. Abgerundet wird dieses typenmäßig ausgezeichnet gecastete Quintett durch Simon Lim, der den Kardinal Brogni mit sarastrohaftem Baß die nötige Sonorität verleiht. Lediglich zwei Nebenrollen verzeichnet die Besetzungsliste: Sebastian Geyer gibt mit kernigem Bariton einen fiesen Bürgermeister Ruggiero. Seine kurzen Einsätze als Albert nutzt Danylo Matviienko mit virilem Wohllaut, um in Erinnerung zu bringen, warum er sich von seinem Intendanten größere Rollen gewünscht hatte. Dafür ist es nun zu spät: Er hat inzwischen an der Semperoper in Dresden angeheuert und verläßt das Ensemble zum Saisonende.

Ambur Braid (Rachel) / © Monika Rittershaus

Diese Produktion beglaubigt musikalisch den außerordentlichen Rang von Halévys Grand opéra als viel zu selten gespieltes Spitzenwerk des 19. Jahrhunderts. Die Inszenierung unterstützt das durch eine ausgefeilte Charakterisierung der Hauptfiguren und erzählt die verwickelte Geschichte klar und gut nachvollziehbar. Dafür verzeiht man der Ausstattung ihre Neigung zum Euro-Trash.

Michael Demel, 19. Juni 2024


La Juive
Oper in fünf Akten von Fromental Halévy

Oper Frankfurt

Premiere am 16. Juni 2024

Inszenierung: Tatjana Gürbaca
Musikalische Leitung: Henrik Nánási
Frankfurter Opern- und Museumsorchester