Antwerpen: „Carmen“, Georges Bizet

Lieber Opernfreund-Freund,

die Opera Ballet Vlaanderen macht seit gestern ihrem Namen alle Ehre und zeigt Georges Bizets Dauerbrenner Carmen angereichert mit Choreografien von Wim Vandekeybus, dem Gründer der Tanzcompanie Ultima Vez. Diese Symbiose der beiden Kunstformen reiß das Premierenpublikum am Ende des Abends von den Sitzen.

© OBV – Danny Willems

Schon zur Ouvertüre lässt Wim Vandekeybus den Stier in die Arena. Der charismatische mosambikanische Tänzer Horácio Macuacua begegnet uns an diesem Abend immer wieder – so ist der tödliche Ausgang der Geschichte omnipräsent – doch auch hier hat Vandekeybus ein As im Ärmel. Er zeichnet Carmen im schlichten Bühnenbild von Sylvie Olivé als willensstarke, freiheitsliebende Frau, als eine Art Halbgöttin, die von allen verehrt wird – und so darf sie den Angriff Don Josés am Ende auch überleben. Die ausufernden Choreografien sind ausdrucksstark und packend bis verstörend und werden präzise von Mitgliedern der Oper Ballet Vlaanderen und der Ultima Vez getanzt. Besonders beeindruckt mich die Versiertheit, mit der die tanzenden Kinder die schwierigen Bewegungen ausführen und sich nahtlos in die Gruppe der professionellen Tänzer integrieren. Doch die Dosis macht das Gift – und das allgegenwärtige Umtanzen der Sängerinnen und Sänger wirkt auf mich inflationär, dazu passen gerade in den ruhigen musikalischen Passagen die oft hektischen Bewegungen nicht wirklich. Und es zeigt sich im ewigen Getanze noch eine weitere Schwäche: ohne getanzte Unterstützung verharren die Protagonisten in allzu opernhaften Gesten und Rampengestehe. Man merkt deutlich: Vandekeybus führt nicht Regie, er choreografiert.

© OBV – Danny Willems

Doch das tut dem Genuss keinen Abbruch, zumal durchaus packend gesungen wird. Rollendebütantin Raeyann Bryce-Davis gibt ihre Carmen nicht präzise phrasiert und genau ausgesungen – sie zeigt sie als leidenschaftliche Frau, die viel Emotion transportiert und fasziniert mit beeindruckendem Tonumfang und – ganz dem Regieansatz folgend – divenhafter Bühnenpräsenz. Dabei rührt mich ihre düster-mystische Kartenarie am meisten. Ihr zur Seite steht eindrucksvoll Joel Prieto, dessen feines Timbre mich bisweilen an den großen Alfredo Kraus erinnert. Das verliert sich nur, wenn er in beeindruckender Höhe seinen Tenor mit allzu viel Druck führt. Gegen so viel geballtes Stimmvolumen ist der Bariton von Sakhiwe Mkosana, seit 2023 Mitglied im Opernstudio Frankfurt und der Escamillo des gestrigen Abends – ich muss es so deutlich sagen – chancenlos. Der junge Sänger verfügt zwar über selbstsicheres Auftreten, doch fehlt es ihm überdies an der für diese Partie notwendige Tiefe.

© OBV – Danny Willems

Wesentlich besser gefällt mir da die Micaëla von Maeve Höglund. Kostümbildnerin Isabelle Lhoas hat sie in ein madonnenblaues Gewand gesteckt, das an die in Lourdes verbreiteten Statuen der Muttergottes erinnert und nicht nur inhaltlich im Kontrast zur sündig-verruchten unangepassten Carmen, sondern auch optisch zu den geschmeidig fließenden Schnitten der weißen Bauwoll- oder schwarzen Satin- und Chiffongewänder der übrigen Protagonisten steht. Die amerikanische Sopranistin überzeugt mich mit klarem Gesang, feiner Höhe und facettenreicher Gestaltung. 

© OBV – Danny Willems

Keren Kagarlitsky gelingt ein durch und durch französisch anmutendes Dirigat. Sie betont die feinen Stimmführungen Bizets, ohne das eingewobene spanische Lokalkolorit zu vernachlässigen, zeigt Farbenreichtum und ausgewogene Dynamik gleichermaßen. Die wenigen Abstimmungsschwierigkeiten zwischen Bühne und Graben am gestrigen Abend schiebe ich auf das Premierenfieber – und vielleicht auf die Temperaturen im Saal, bei denen man sich wahrlich in Sevilla wähnt. Heiß her ging es ja auch auf der Bühne und das Publikum ist von den Socken.

Ihr
Jochen Rüth

30. Mai 2026


Carmen
Oper von Georges Bizet

Opera Ballet Vlaanderen

Premiere: Antwerpen, 29. Mai 2026

Regie: Wim Vandekeybus
Musikalische Leitung: Keren Kagarlitsky

Symfonisch Orkest Opera Ballet Vlaanderen

Trailer

weitere Vorstellungen: 31. Mai, 2., 3., 5., 7., 9., 10., 12. und 13. Juni 2026 in der Opera Antwerpen sowie am 20., 21., 23., 25., 26. und 28. Juni 2026 im Concertgebouw Brugge