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Angelika-Kaufmann-Saal

 (c) schwarzenberg.at

 

 

 

 

SCHUBERTIADE Juni/Juli 2018

Teil II

www.schubertiade.at

 

 

Im Rahmen der Reihe der kompletten Kammermusik von Johannes Brahms, die in den verschiedenen Phasen der Schubertiade zwischen März und Oktober 2018 erklingt, waren am 27.6. nachmittags die beiden Streichquintette op. 88 und op. 111 zu hören. Renaud Capucon und Guillaume Chilemme (beide Violine), Adrien La Marca und Gérard Caussé (beide Viola) sowie der Cellist Edgar Moreau fanden mit ihren kostbaren Instrumenten eine Ausdeutung, die das Publikum tief berührte. Nun hätte man ja bei diesen Individualisten, die nicht in einem festen Ensemble spielen, annehmen können, dass es Probleme im Zusammenspiel geben würde – keine Spur! Es wurde eine ausgesprochen gut ausgewogene Klangfülle erzielt, die zu den aufgeführten Werken aufs Beste passte. Im 1882 entstandenen F-Dur-Quintett erzeugten die Musiker im Eingangssatz eine Stimmung, die, um mit Hugo Wolf zu sprechen, „die Natur so geheimnisvoll, so feierlich still, so selig verklärt“ erscheinen ließ. Dem süffigen Grave mit den beiden fast tänzerischen Unterbrechungen folgte das stets gut durchhörbare, energiegeladene Finale, das das Quintett mit einer furios dargebotenen Coda abschloss. Acht Jahre später komponierte Brahms das G-Dur-Quintett, dessen Allegro mit wunderbar präsentierten Bratschen- und Geigen-Duos durchsetzt ist. In den beiden Mittelsätzen, im nachdenkliche Adagio und dem Allegretto anstelle eines Scherzos, gaben die Musiker die eher dunkle Stimmung mit spannungsreicher Ruhe wieder. Am Ende stand das mit blendender Virtuosität dargebotene Vivace, das das Quintett mit einem nun wirklich feurig zu nennenden Csárdás abschloss. Begeisterter Beifall. (GE)

Am Abend stellten Marlis Petersen und Stephan Matthias Lademann das Programm ihrer neuen CD mit dem Titel „Welt“ vor. Da konnte man nun vorwiegend selten zu hörende Kompositionen mehr und weniger bekannter Meister kennenlernen. Wer kennt denn schon „Das Los des Menschen“ von Sigurd von Koch (Text von Hans Bethge), Lieder von Hans Sommer („Herbstabend“, Text: Nora Gräfin von Strachwitz, oder „Gesang des Lebens“, Text: Otto Erich Hartleben), Schuberts „Cora an die Sonne“ (Text: Gabriele von Baumberg) oder Schumanns „Die Hütte“ (Text: Gustav Pfarrius)? Marlis Petersen besitzt einen durch alle Lagen ausgeglichen vollen Sopran, der sich mühelos bis in höchste Höhen schwingt; beeindruckend war daher besonders ihre Interpretation von Beethovens „Abendlied unter gestirntem Himmel“. Aber auch in der tieferen Lage trägt die Stimme gut. Große Intervall-Sprünge absolvierte sie höchst erfolgreich, z.B. in Sommers „Erinnerung“ oder von Kochs „Das Los des Menschen“). Das im Vorjahr so störend laute Atemholen hat sie inzwischen weitgehend abgestellt; geblieben sind allerdings nachlässige Intonationsfehler in der Mittellage und bei kleinen Notenwerten (z.B. Brahms‘ „Dämmerung senkte sich von oben“), das Kleben an den Noten und die körperliche Unruhe, die bei ruhigen Liedern (vor allem bei Schumanns „Mondnacht“ und Brahms‘ „Feldeinsamkeit“) die Spannungsbögen deutlich störte. Besonders gut gelangen u.a. Schuberts „Am See“, Clara Schumanns „Mein Stern“ und Brahms‘ „Serenade“. Insgesamt ließ ihr Gesang jedoch ziemlich kalt; da sprang kein Funke über. Und der versierte Pianist Stephan Matthias Lagemann begleitete unaufdringlich; da fehlten doch manchmal eigene Impulse. Mit Mozarts „Abendempfindung an Laura“ bedankten sich die Künstler für den freundlichen Beifall. (ME)

Es ist schon gute Tradition, dass während einer Schubertiade ein öffentlicher Meisterkurs für Liedgesang stattfindet. Diesmal boten Thomas Hampson und Wolfram Rieger jungen Sängern vom 25. bis 28. Juni die Gelegenheit, sich neben grundsätzlichen Verbesserungsmöglichkeiten Tipps und Schliff für Liederabende zu holen und ihre Fortschritte in einem kleinen Konzert dem Publikum vorzustellen. Da wurde an vier Vormittagen (und wie man hörte auch privat nachmittags weiter) wirklich hart gearbeitet an Körperhaltung, mentaler Einstellung, Aufeinanderhören, Textarbeit und, und, und. Jeder der zehn Teilnehmer (sechs Sänger und Sängerinnen sowie 4 Pianisten und Pianistinnen), die teilweise bereits ein sehr hohes Niveau aufwiesen (zwei sind schon in Festengagements), wurde zunächst mit Fragen konfrontiert wie „Warum habt ihr das Lied gewählt? Was sagt euch schon das Notenbild allein? Warum hat der Dichter dies geschrieben? Was für Vorstellungen habt ihr von dem Lied?“ Da ging es also gleich an handfeste Interpretation, nachdem eine aufrechte, entspannte Haltung und freiere Tongebung durch einfache Übungen erreicht worden waren. „Ihr müsst die Phrasierung vorausdenken, mindestens zwei bis zu acht Takte voraushören, erst dann wird konzentriert mit Spiel oder Gesang begonnen.“ Da waren sich die beiden Meister einig; ebenso war klar, dass sie natürlich in so wenigen Tagen nur Denkanstöße zu technischer Verbesserung oder anderer interpretatorischer Auffassung geben können. Was die einzelnen Teilnehmer dann daraus letztendlich machen, wird sich im Laufe der Zeit zeigen.

Am 29.6. war es dann soweit: Fünf der Sängerriege (ein vielversprechender Bariton musste wegen eines Konzerttermins vorher abreisen) präsentierten die hart erarbeiteten Lieder. Da konnte man gleich bei Isabel Pfefferkorn (Mezzo) und Hanna Bachmann eine Entwicklung innerhalb der wenigen Tage erkennen, bei zwei Schubertliedern, aber vor allem bei Strauss‘ „Epheu“, das deutlich an Aussage und Klang gewonnen hatte. Die Schweizerin Flurina Stucki begeisterte mit ihrem voll timbrierten Sopran, der in zwei „Mignon“-Liedern (Wolf) große Ruhe ausstrahlte und bei „Malven“ (Strauss) große Flexibilität bewies; Alena Sojer begleitete sicher. Die übrigen Sänger wurden alle von dem hoch einzuschätzenden Pianisten Daniel Gerzenberg unterstützt: Der Bassbariton Matthias Hoffmann bestach durch Schuberts „Kriegers Ahnung“ mit großer Steigerung bis zum ruhigen Schluss und den gelungenen großen Spannungsbögen in Mahlers „Urlicht“. Aus Mahlers „Scheiden und Meiden“ und Strauss‘ „Himmelsboten“ machte Susan Zarrabi mit ihrem charakteristischen, farbigen Mezzo jeweils gelungene kleine Geschichten mit passender Mimik und Gestik. Schuberts „Die Nebensonnen“ und „Der Leiermann“ gestaltete der amerikanische Bariton Sean Michael Plumb mit schöner Tongebung intensiv und setzte mit Strauss‘ „Heimliche Aufforderung“ einen gelungenen Schlusspunkt. Das Publikum war zu Recht begeistert.

Als Dank aller Aktiven an das Publikum wegen seiner Ausdauer während der insgesamt fünf Tage gab es, von allen gesungen sowie Rieger und Gerzenberg vierhändig gespielt, Schuberts „Kantate zur Genesung der Irene Kiesewetter“, ein wunderbarer Abschluss des Kurses. (ME)

Fester Bestandteil aller Schubertiaden sind die berühmten Liederkreise von Franz Schubert. So gab es am 30.6. „Die schöne Müllerin“ in einer durchgehend fesselnden Interpretation von Christoph Prégardien und Malcolm Martineau – eine Sternstunde des Liedgesangs. Der seit 1993 regelmäßig bei der Schubertiade auftretende, erfahrene Liedsänger gab die letztlich unendlich traurige Geschichte vom unglücklich verliebten Müllerburschen in allen unterschiedlichen Stimmungslagen mit einer unglaublichen Spannungsdichte wieder. Dazu trugen ganz wesentlich auch die ausgezeichnete Textverständlichkeit und die technisch sichere Führung seines lyrischen Tenors mit den wunderbaren Piani in den Höhen bei. Kleine Gesten und passende Mimik unterstützten den beinahe schon vollendet zu bezeichnenden Vortrag. Im ersten Teil des Liederkreises, wenn Hoffnung und Sehnsucht des Müllerburschen noch das Geschehen bestimmen, erlaubte sich Prégardien einige zusätzliche Verzierungen, die vor allem die vielen variantenreich präsentierten Strophenlieder bereicherten. Dass der Liederabend von so besonderer Güte war, lag auch an der prägenden Mitgestaltung durch den bewährten Liedbegleiter Malcolm Martineau, der mit vollendeter Technik alle Nuancen der Darstellung durch den Sänger nicht nur erfasste, sondern durch eigene Impulse zum das Publikum begeisternden Gesamtergebnis beitrug. Eine inhaltlich passende Zugabe war Schuberts „Der Jüngling und der Tod“. (GE)

Es ist erstaunlich, dass es Intendant Gerd Nachbauer und seinem Team immer wieder gelingt, Weltklasse-Künstler – auch der jüngeren Generation – für die Schubertiade zu gewinnen. So waren es am Vormittag des 1.7. zum Abschluss der von uns besuchten Schubertiade der Pianist Igor Levit, der Geiger Ning Feng und der Cellist Daniel Müller-Schott, die beide Klaviertrios von Franz Schubert ausdeuteten. Von Beginn an wurde schnell deutlich, dass man wirklich Kammermusik vom Feinsten erleben durfte. Es drängte sich kein Instrument nach vorn, vor allem nicht das Klavier – stets eine große Gefahr bei Klaviertrios. Nein, Igor Levit passte sich glänzend an und stellte seine hohe Kunst auf „seinem“ Instrument in den Dienst des Ensembles. Das gilt in gleichem Maße für die ausgezeichneten Streicher, die gemeinsam mit dem Pianisten durch fein abgestimmte Dynamik, sensible Tempo-Übergänge und überhaupt für eine in jeder Phase stimmige Wiedergabe der beiden Trios sorgten. Sie folgten in ihren Deutungen durchaus der Charakterisierung von Robert Schumann, der das Trio Es-Dur D 929 „mehr handelnd, … dramatisch“ und das B-Dur-Trio D 898 „dagegen leidend, … lyrisch“ bezeichnet hat. Da gab es im B-Dur-Trio die charakteristischen sehnsuchtsvollen Aufschwünge im Eingangssatz, „seliges Träumen“ (wieder Schumann) im Andante oder im Es-Dur-Trio Hochdramatisches im variantenreichen Andante con moto, Spritziges im Scherzando mit einem passend schroff servierten Trio sowie der Gestaltung dienende hohe Virtuosität im begeisternden Finale. Beifall, der sich zu Ovationen steigerte. (GE)                                      

 

Fotos: © Schubertiade

Marion und Gerhard Eckels 2. Juli 2018

 

Weitere Schubertiaden in Schwarzenberg: 25.8.-1.9.2018

und in Hohenems: 12.-15.7.2018 + 3.-9.10.2018

 

 

SCHUBERTIADE 2018

Juni/Juli 2018 – Teil I

www.schubertiade.at

Hohes Niveau

Wie schon seit über 40 Jahren konnte man nun erneut im akustisch hervorragenden Angelika-Kauffmann-Saal in Schwarzenberg/Vorarlberg Liederabende und Kammermusik vom Feinsten sowie einen Meisterkurs erleben.

Für uns begann es am 23.6. mit dem seit seinem Debüt in Schwarzenberg 2012 als junger Lied- und Opernsänger steil Karriere machenden Schweizer Tenor Mauro Peter und dem bereits fast 40 Jahre hier wirkenden Altmeister Helmut Deutsch am Flügel. Die Beiden hatten eine interessante Mischung aus Bekanntem und Unbekanntem von Franz Schubert sowie bekannte Gedichte in relativ unbekannter Vertonung von Franz Liszt zusammengestellt. Mauro Peter begeisterte sofort durch seine technisch nahezu perfekt geschulte, samtweiche Stimme, die er mit bester Legato-Kultur, reiner Intonation und sehr guter Diktion zu führen versteht. Ausdrucksstark gelang die Rückert-Vertonung „Daß sie hier gewesen“; erste dramatische Akzente setzte Peter mit „Über Wildemann“ (Schulze) und dem Aufschrei des „Herzens“ in „Die Liebe hat gelogen“ (von Platen). Er genoss sichtlich das Spiel mit der Sprache, u.a. in „Hoffnung“ (Schiller) und „Fischerweise“ (von Schlechta); einziger kleiner Wermutstropfen des Abends war bei letzterem die stellenweise ein wenig zu laute Begleitung für die verhältnismäßig tiefen Stellen des Liedes. Interessant waren dann die Liszt-Lieder: Der spannungsgeladene „König in Thule“ (Goethe) wurde zu einem Höhepunkt des Abends; die einführenden, fast schrägen Klavierakkorde in „Vergiftet sind meine Lieder“ (Heine) führten auch den Tenor zu höchster Dramatik, während er in „Die drei Zigeuner“ (Lenau) die unterschiedlichen Typen gut herausarbeitete. Besonders schienen Peter die abschließenden „Tre Sonetti del Petrarca“ zu liegen, in denen er nochmals seine sicheren, traumhaft sanft aus dem piano anschwellenden Höhen zur Geltung bringen konnte. Aber erst durch die stets aufmerksame und versierte Begleitung von Helmut Deutsch wurden alle Lieder zu einem Generationen übergreifenden gemeinsamen Erlebnis. Den variantenreichen Strophenliedern Schuberts wurde er ebenso gerecht wie den höchst anspruchsvollen Vor- und Zwischenspielen bei Liszt. Beide Künstler bedankten sich für den begeisterten Applaus mit Schuberts „Nachtviolen“ und „Liebhaber in allen Gestalten“. (ME)

Am Vormittag des 24.6. erlebte man das seit seinem Ersten Preis im ARD-Wettbewerb 2012 weltweit erfolgreiche Armida Quartett (Martin Funda, Johanna Staemmler, Teresa Schwamm, Peter-Philipp Staemmler). Das junge Berliner Quartett nennt sich nach der Oper „Armida“ des „Vaters des Streichquartetts“ Joseph Haydn. Das Programm der Matinee enthielt allerdings kein Haydn-Quartett, sondern begann mit der „Sonata à quattro Nr. 4 d-Moll“ von Alessandro Scarlatti. Dessen barocke „Quartettsonaten“ sind ausdrücklich für vier Streicher ohne eine Continuo-Gruppe konzipiert und können deshalb als Vorläufer des klassischen Streichquartetts angesehen werden. Bereits bei diesem kurzen viersätzigen Werk wurde deutlich, dass das Quartett bei schöner Transparenz im fugierten Eingangssatz durchweg über eine exquisite Klangbalance verfügt. Anschließend gab es das Klarinettenquintett B-Dur op.34 von Carl-Maria von Weber, in dem Jörg Widmann bestechende Virtuosität zeigte, ohne die Streicher zu dominieren. Obwohl von Weber offensichtlich darauf bedacht war, die Klarinette in den kammermusikalischen Satz einzubinden, stand das Blasinstrument dann doch naturgemäß im Vordergrund. So konnte man sich an unbeschwertem, fröhlichem Musizieren erfreuen, ohne dass es für die Musiker mit den aberwitzigen Tempi in den Ecksätzen und im Scherzo irgendwelche technischen Probleme zu geben schien. Im Gegenteil, wie Widmann die vielen chromatischen Auf- und Abgänge meisterte, das hatte ganz hohes Niveau. Den zweiten Teil des Kammerkonzerts füllte Schuberts letztes Streichquartett G-Dur D 887 aus, das wegen seiner Ausdehnung – es dauert fast 60 Minuten – und der enormen technischen Schwierigkeiten sehr hohe Anforderungen stellt. Das nicht leicht aufzunehmende Quartett, in dem die Grenzen der kammermusikalischen Möglichkeiten bis ins Letzte ausgelotet werden, erfuhr eine technisch nahezu vollkommene, durchgehend spannungsreiche Interpretation der jungen Musiker, denen man eine bereits reife Durchdringung des Quartetts attestieren kann. Überaus eindrucksvoll waren beispielsweise die in allen Sätzen immer wieder ausbrechenden Klangwellen geradezu sinfonischen Ausmaßes. Im Gegensatz dazu gab es friedliche, fein abgestimmte piano-Passagen wie im Trio des Scherzos. Schließlich forderte das rasante Finale zu Begeisterungsstürmen heraus, mit dem sich das Publikum bei den Künstlern bedankte. (GE)

Seit 1986/1990 konzertieren immer wieder Thomas Hampson und Wolfram Rieger in Schwarzenberg, so auch am Abend des 24.6. mit einem anspruchsvollen Lied-Programm. Im ersten Teil erklangen nach „An die Leier“, wo dem Sänger statt Heldenliedern immer nur Liebesgesänge gelingen, nicht so häufig zu hörende Schubert-Lieder, die sich mit Gedichten von Johann Mayrhofer und Friedrich von Schiller aus dem Bereich der griechischen Mythologie befassen. In diesen tiefernsten, inhaltlich eher schwierigen Liedern zeigte der vielseitige Bariton seine hohe Gestaltungskunst und sein ausgeprägtes Ausdrucksvermögen in bestechender Weise. Sein perfektes Legato-Singen, seine Textgenauigkeit und die technische Vollkommenheit – alles Mittel seiner vollendeten Darstellung – machten die Lieder in ihrem jeweiligen Stimmungsgehalt zu künstlerisch herausragenden Erlebnissen. Dazu trug Wolfram Rieger am Klavier in vollendeter Weise bei, indem er auf jede Nuance des Sängers einging und so mit ihm zusammen die geschilderte Wirkung erzielte. Die beiden Künstler sind in ihrer gemeinsamen Durchdringung der zu interpretierenden Lieder dermaßen eng miteinander verbunden, dass dies auch den nach der Pause erklingenden spätromantischen „Sieben frühen Liedern“ von Alban Berg zugutekam. Diese Lieder aus dem Jahr 1907 stellen durch ihre meist freie Tonalität mit komplizierten Intervallsprüngen und weit ausholenden Melodiebögen hohe Anforderungen, die Hampson und Rieger exzellent meisterten. Hier fiel besonders auf, dass der Bariton die sängerische Gestaltung mehr als sonst bei ihm üblich mit Gesten unterstützte. Völlig zu Hause fühlte er sich dagegen bei den vier abschließenden Rückert-Liedern von Gustav Mahler, von denen das großartige „Um Mitternacht“ und das ergreifende „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ tiefe, nachhaltige Eindrücke hinterließen. Für den jubelnden, wie in der Oper mit Bravo-Rufen durchsetzten Beifall dankten die bedeutenden Künstler mit dem Rückert-Lied „Liebst du um Schönheit“ und dem „Wunderhorn“-Lied „Wer hat dies Liedlein erdacht?“. (GE)

Am Nachmittag des 25.6. überzeugte das 1996 gegründete Jerusalem Quartet (Alexander Pavlovsky, Sergei Bresler, Ori Kam, Kyril Zlotnikov) mit eindrucksvollen Interpretationen des Streichquartetts B-Dur KV 458 „Jagdquartett“ von Wolfgang Amadeus Mozart und des Streichquartetts Nr. 1 „Kreutzersonate“ von Leos Janácek. Das Mozart-Quartett wurde keineswegs zum Einspielen missbraucht, sondern vom namensgebenden Hornmotiv des frischen Eingangssatzes an mit allen Feinheiten ausmusiziert. Das hochdramatische Janácek-Quartett, in dem es um die tödlich endende Dreiecksgeschichte in Tolstois Novelle geht, spielten die Musiker mit einer Eindringlichkeit, die Ihresgleichen sucht. Sie stellten die sehr unterschiedlichen Stimmungen krass gegeneinander, was besonders im 3.Satz, wenn die Eifersucht hochkocht, erschütternde Wirkungen zeigte. Man meinte förmlich zu spüren, dass die „handelnden“ Personen an ihren Gefühlen zu zerbrechen drohten, was noch durch das vorgeschriebene extensive „sub ponticelli“-Spiel (nah am Steg) unterstrichen wurde, bei dem mehr Geräusche als Töne erzeugt werden. Dass ausgerechnet jetzt eine Cello-Saite riss, tat der Intensität des Musizierens keinen Abbruch. Nach kurzer Unterbrechung ging die hochdramatische Entwicklung unvermindert bis zur Tötung weiter, bis das Quartett mit dem reuigen „Monolog“ des Täters fast versöhnlich mit einem Klang „wie eine Orgel“ (Janácek) zu Ende ging. Nach der Pause gab es dann Schuberts großes Streichquintett C-Dur D 956, bei dem der Cellist Gary Hoffman das Klangbild erweiterte. Auch bei diesem ausgedehnten Werk konnte man bewundern, mit welch kluger Ausgewogenheit die Musiker die unterschiedlichen Klangfarben in allen Sätzen auszumalen wussten. Sie zeichneten die „himmlischen Längen“ des Adagio mit enormer, anhaltender Spannungsdichte nach, bis sie das Quintett nach dem schroffen Presto mit dem beruhigenden Trio in das lebendige Finale mit dem furios gesteigerten Schluss führten. Starker, jubelnder Applaus. (GE)

Abends waren die vor allem im Opernbereich herausragende Anja Harteros und der hochkarätige Wolfram Rieger als Begleiter mit einem Liedprogramm von Schubert und Brahms zu erleben. Die Sopranistin mit der sympathischen Ausstrahlung überzeugte durch intensive Gestaltung der kleinen Form „Lied“, wobei in nur wenigen Strophen ganze Operndramen abgehandelt werden müssen. Leider traten dabei aber auch kleine Fehler zutage, die im Opernalltag überhaupt nicht auffallen. Es ging um das Anschleifen einiger Töne von unten, besonders wenn es sich um mit Konsonanten anlautende Wörter handelte; dazu kam gelegentliche Unsauberkeit in der Mittellage (z.B. bei Schuberts „Die Liebe hat gelogen“ oder Brahms‘ „Wie rafft ich mich auf in der Nacht“). Neben ausgezeichneter Artikulation und profunder Technik verfügt ihre Prachtstimme über eine interessant timbrierte Mittellage und glasklare Höhen, die sie mit vielen Nuancen einsetzte. Besonders gut gelangen ihr die Brahms-Lieder wie „Liebestreu“, in dem sie das Zwiegespräch zwischen Mutter und Tochter mit starkem Aufschwung versah, das intensive „Auf dem Kirchhofe“ oder der schelmische „Gang zum Liebchen“. Für mich war das „Ereignis“ des Abends Wolfram Rieger, der mit seinem unglaublichen Gespür für musikalische Zusammenhänge wunderbare Teppiche für die Sängerin ausbreitete wie z.B. bei Brahms‘ „Es träumte mir“ oder Schuberts „Der Jüngling an der Quelle“, zwischen den Strophen Stimmungswechsel vorweg nahm z.B. bei Schuberts „Suleika I“ das kommende „Flüstern“ im Text, und traumhafte Vollendungen aller Lieder bot. Das war meisterhaft. Das versierte Publikum applaudierte stark, aber nach einer Zugabe (Brahms: „Dein blaues Auge“) verlangte es nicht nach mehr. (ME)

Das war am nächsten Nachmittag (26.6.) bei Anne Sofie von Otter und Kristian Bezuidenhout am Hammerklavier ganz anders. Die beiden hatten einen bunten Liederstrauß von Mozart über Schubert bis zu Lindblad und Berwald gebunden. Die erfahrene Mezzosopranistin begann mit Mozart, wobei sie ihre nach wie vor schlanke Stimmführung bestens präsentierte. Mit besonderer Emphase kam u.a. „Als Luise die Briefe ihres ungetreuen Liebhabers verbrannte“ daher, mit starker Mimik und fein variiert „An Chloe“. Bei den 19 (!) Strophen von Schuberts „Viola“ gelang dem Duo ein großer Spannungsbogen, der bis zu den abschließenden, schwächer werdenden Wiederholungen im Klavier anhielt. Das im Klang zarte Hammerklavier passte zu den Liedern und der nie forcierten klaren Stimme hervorragend. Dazu kam, dass Kristian Bezuidenhout sehr gut auf die Sängerin einging, aber durchaus auch eigene Impulse setzte, besonders bei „Viola“. Bei Schuberts „Die Sterne“ ließ von Otter diese ausdrucksvoll blitzen, aber auch sanft schweben; den Schlusspunkt im Programm bildete „Im Walde“, bei dem sich die stürmische Melodie bis zu hymnischen Klängen steigerte, die beide Künstler mit Überzeugung darboten. Zu Recht erklangen vier Lieder von Adolf Fredrik Lindblad im schwedischen Original, das volksliednahe „Sommardag“, die „Nattviolen“ mit großer innerer Entwicklung, das ruhig geführte „Swanvits Sang“ und „En ung flickas morgonbetraktelse“ („Eines Mädchens Morgengedanken“) mit lockeren Koloraturen. Von Franz Berwald steuerten sie das eingängige „Lebt wohl ihr Berge“, eine differenziert gesungene „Romanze“ im schwedischen Original und das temperamentvoll im französischen Original dargebrachte „En parcourant les doux climats“ bei. Kristian Bezuidenhout hatte über die Liedbegleitung hinaus noch drei kürzere Schubertstücke dabei: Da gab es zunächst das Allegretto c-Moll D 915 und das Adagio G-Dur D 178, die dem Pianisten Gelegenheit boten, seine technischen und interpretatorischen Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Bis dahin stand ich dem Hammerklavier etwas skeptisch gegenüber, aber Bezuidenhout hat mich mit seinem intensiven Ausdruck, aber auch variantenreichen Anschlag überzeugt. Besonders im Adagio kamen die ruhige Gelassenheit, der lebhafte Mittelteil mit kräftigen Akkorden und Arpeggien sehr gut zur Geltung. Im Andante molto aus der Klaviersonate Es-Dur D 568 nutzte er diese Gegensätze sinnvoll aus. Mit drei Zugaben bedankten sich die Künstler bei den begeisterten Zuhörern: „An Silvia“, „Leise, leise, kleine Laute“ und der Melodie „Life is neither good nor bad“ aus Bernsteins „Candide“. (ME)

Fotos (c) Schubertiade

Marion und Gerhard Eckels 27. Juni 2018

 

 

 

Schwarzenberg (Bregenzerwald)

SCHUBERTIADE 2017

August/September 2017 Teil II

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Am Nachmittag des 30.8. erlebten wir Marlis Petersen und Camillo Radicke mit Liedern von Schubert, Schumann und Strauss, die sich vor allem um Blumen und im Mittelteil unter dem Motto „Kleine Pastorale“ um Sennerinnen und Schäfer drehten. Da durfte natürlich der beliebte „Hirt auf dem Felsen“ nicht fehlen; dazu kam Paul Meyer auf die Bühne des akustisch für Liederabende und Kammermusik einmaligen Angelika-Kaufmann-Saals und servierte wunderbar geschmeidige Kantilenen auf seiner Klarinette. Nicht nur im virtuosen, den Beifall des Publikums zwangsläufig provozierenden Schlussteil, sondern auch im elegischen Mittelteil korrespondierten Sopranistin und Klarinette aufs Feinste miteinander. Und das gelang, obwohl die Sängerin hier wie überhaupt im ganzen ersten Teil des Konzerts etwas verkrampft wirkte. Das mag auch daran gelegen haben, dass sie allzu sehr an den Noten klebte. Besonders störte die sonst so kluge Gestaltung der Lieder das ständige, hörbare Atemholen; das gilt auch für das wiederholte, nervöse Haare-aus-dem-Gesicht-Streifen. Einige technische Nachlässigkeiten äußerten sich z.B. in leichten Unsauberkeiten bei den vermeintlich unwichtigen Tönen. Bei Strauss‘ Blumenliedern im 2.Teil wirkte Marlis Petersen wie ausgewechselt und geradezu gelöst, nachdem sie nach den ersten beiden Liedern das Notenpult demonstrativ zur Seite gestellt hatte. Bravourös meisterte sie schwierigste Intervall-Sprünge à la Zerbinetta und andere sängerische Finessen; jetzt kam auch das zur Geltung, womit die als Lulu oder Violetta gefeierte Sopranistin überall so begeistert, ihre leuchtenden Höhen. Zur insgesamt angemessenen Ausdeutung der Lieder trug auch der sensibel und mitfühlend spielende Pianist bei, der in den starken Beifall des Publikums einbezogen wurde. (GE)

Mit einem reinen Schubert-Programm glänzten Michael Volle und Helmut Deutsch am 1.9. nachmittags. Vier klug ausgewählte Lieder nach Gedichten von Friedrich von Schiller als Einstieg klärten gleich, dass die große Bassbariton-Stimme durch den Hans Sachs in Bayreuth noch vor einer Woche für den Liedgesang nicht beeinträchtigt war; mit „Gruppe aus dem Tartarus“ loteten beide Künstler die ganze Bandbreite der Tongebung differenziert und mit stufenweise ansteigender Entwicklung aus. Unter vier Liedern nach Texten von Johann Mayrhofer ragte „Uraniens Flucht“ nicht nur wegen seiner Länge (27 Strophen, ca. 18 Min.) heraus: Da wurde die Götterwelt der Mythologie mit breiter Farbpalette als große Opernszene deutlich charakterisiert und absolut textverständlich dargebracht. Mit solchen Raritäten wird das Publikum an normalen Liederabenden meist nicht konfrontiert, so etwas gibt es eben (fast) nur bei der Schubertiade. Nach der Pause stand eine Gruppe „Wasser- oder Schifferlieder“ an, darunter das köstliche, das Fischergewerbe besingende „Fischerlied“, der „Schiffer“, bei dem Helmut Deutsch den Kahn ordentlich ächzen ließ, und „Der Strom“ mit durchgängiger Wellenbewegung, vom Pianisten dynamisch raffiniert phrasiert. Mit vier italienischen Gesängen, in denen Volle nicht nur zeigte, dass er auch elegante Verzierungen beherrscht („L’incanto degli occhi“), sondern auch sein darstellerisches Talent noch einmal unter Beweis stellen konnte („Il modo di prender moglie“), endete der eindrucksvolle Lieder-Nachmittag. (ME)

Am Abend gab es ein Kammerkonzert mit Weltklasse-Niveau: Das Belcea Quartet (Corina Belcea, Axel Schacher, Krysztof Chorzelski, Antoine Lederlin), derzeit „Ensemble in Residence“ im Pierre-Boulez-Saal in Berlin, hält sich schon längere Zeit in der ersten Reihe der Streichquartette weltweit. Es bewies seine Klasse zunächst mit einer packenden Interpretation von Schuberts düsterem d-Moll-Quartett D 810 „Der Tod und das Mädchen“. Im besonders dunklen 1.Satz betonte das seit 2011 in der genannten Besetzung spielende Ensemble die beruhigenden Aufhellungen, um anschließend den berühmten Variationssatz mit dem Lied-Thema mit großen dynamischen Gegensätzen auszudeuten. Über das Totentanz-ähnliche Scherzo mit dem versöhnlichen Trio ging es in das rasend schnelle Schluss-Presto mit furios gespieltem Finale. Nach der Pause kam der Cellist Jean-Guihen Queras hinzu, um mit dem Belcea Quartet das ausgedehnte Streichquintett C-Dur D 956 zu musizieren. Im Eingangs-Allegro wurden die wunderschönen Kantilenen mal von den beiden Geigen, mal von Bratsche und Cello I oder auch von beiden Celli, jeweils von den anderen delikat begleitet, genüsslich ausgekostet. Das Zentrum des Quintetts, das Adagio, erhielt durch die Musiker mit unglaublich leise beginnenden dynamischen Steigerungen und geradezu ins Nichts zurückgehenden Abschwüngen eine selten zu erlebende Intensität. Dass sich hierbei das wie selbstverständlich perfekte Zusammenspiel zeigte, sollte man ebenso erwähnen wie die technische Brillanz, über die alle verfügen. Auf das mit hoher Virtuosität dargebotene Scherzo folgte das fast fröhliche Finale mit einem fulminant servierten Schluss, der den jubelnden Beifall des enthusiasmierten Publikums herausforderte. Nebenbei sei noch bemerkt, dass die digitale Welt nun auch die Konzertpodien erreicht hat: Alle hatten anstelle der Papiernoten ein kaum merkbar zu bedienendes Tablet auf ihren Pulten. (GE)

Am Abend des 2.9. gab es den für uns in diesem Jahr die Schubertiade abschließenden Liederabend mit Julia Kleiter und Christoph Prégardien, die gemeinsam mit Michael Gees am Klavier das „Italienische Liederbuch“ von Hugo Wolf aufführten. Und wie sie dies taten! Sie beschränkten sich nicht darauf, die vielen kostbaren Musik-Miniaturen nur zu singen, sondern sie machten die Inhalte durch kleine szenische Andeutungen, besonders in der Mimik deutlich – auch und gerade dann, wenn die andere oder der andere sang. Von ersten gegenseitigen Liebeserklärungen ging es über nicht durchweg ernst gemeinten Streit („Ich hab‘ in Penna einen Liebsten wohnen“) bis zur anrührenden Versöhnung („Nun lass uns Frieden schließen, geliebtes Leben“). Das wurde in allen Teilen, den witzigen und nicht wenigen ernsten so überzeugend ausgespielt und so glaubhaft musikalisch gestaltet, dass man fast hätte annehmen können, es steht ein echtes Liebespaar auf der Bühne, wenn man nicht wüsste, dass es sich bei den beiden Künstlern um Nichte und Onkel handelt. Für beide gilt, dass sie mit perfekter Textverständlichkeit ihre ausgeprägte Gesangstechnik stets in den Dienst der Gestaltung stellten, die Sängerin mit ihrem ausdrucksvollen, in den höheren Lagen schön aufblühenden Sopran und der Sänger mit seinem prägnanten, in allen Lagen ausgeglichenen Tenor. Er gefiel besonders in den lyrischen Passagen, während die dramatischen Höhen nicht mehr ganz mühelos gelangen. Das „Italienische Liederbuch“, dem im Titel eigentlich „…der Liebe“ hinzugefügt werden müsste, wirkte auch deshalb so überzeugend, weil der Pianist ebenbürtiger Partner bei der erfolgreichen Ausdeutung war. Das Publikum war begeistert und bekam zwei Duette als Zugaben, Schumanns „Er und Sie“ und Schuberts „Licht und Liebe“. (GE) 

Für alle, denen die vielen Liederabende nicht reichten, gab es vom 31.8. bis 1.9. an jedem Vormittag die Möglichkeit, einen Meisterkurs zu begleiten, der am 2.9. mit einem Abschlusskonzert endete, bei dem man sich davon überzeugen konnte, dass an guten Nachwuchssängern kein Mangel ist. Thomas Quasthoff und Justus Zeyen berieten junge Sänger mit ihren Pianisten über die Tage, wobei sie nicht in deren Technik eingreifen wollten („…dafür ist die Zeit viel zu kurz“), sondern darauf Wert legten, „mehr Emotionen rauszulassen“: „Ich muss in Ihren Gesichtern lesen können, was Sie singen“ (Quasthoff). Quasthoff und Zeyen gaben sich unendlich viel Mühe mit den Einzelnen, um aus jedem das Beste heraus zu holen; teils behutsam, teils sehr direkt wurde immer wieder auf grundlegende Nachlässigkeiten wie z.B. schlechte Haltung, zu starkes Vibrato oder unausgeglichene Vokale hingewiesen, wobei beide Professoren immer darauf achteten, zum Ausgleich durch Scherze und viel Lob ein gutes Arbeitsklima zu schaffen. Sechs Duos hatten sich angemeldet, eines fuhr nach dem ersten Tag ab, da es den Anforderungen einer Meisterklasse doch noch nicht gewachsen war. Die anderen fünf Paarungen arbeiteten hoch konzentriert, so dass man als passiver Teilnehmer des Kurses tatsächlich zum Abschlusskonzert eine deutliche Verbesserung der jeweiligen Schwächen feststellen konnte. Dabei waren bei den Sängern außer Deutschland Spanien, USA und China vertreten, bei den Pianisten Polen und die USA. Falls Deutsch zur Verständigung nicht ausreichte, ging man nahtlos ins Englische über. Besonders eindrucksvoll waren die Unterschiede, die bei den Begleitern heraus gearbeitet wurden; da merkte man erst, wie wichtig und absolut ebenbürtig der Pianist gegenüber dem Sänger sein muss, um ihn zu tragen und schon mit den einleitenden Takten auf den richtigen Weg zu bringen, nicht nur im Tempo, sondern auch in Bezug auf die geistige Vorbereitung für die musikalische Gestaltung des Textes. Wenn eine Übereinstimmung beider nicht erreicht ist, kann es sonst passieren, dass divergierende Tempi, nicht passende Phrasierungen oder Agogik den Fluss eines Liedes total zerstören.

Fidelus/Ware/Walsh/Fischer/Zhang/Merk/Pertz/Gómez Ruiz/Rollinson

Im Abschlusskonzert gelangen Julia Katherine Walsh (Sopran) und Clarin Merk „Wanderers Nachtlied II“ am besten, Manuel Gómez Ruiz (Tenor) und Jonathan Ware „Der Musensohn“ sowie Nina-Maria Fischer (Sopran) mit demselben Pianisten „Die junge Nonne“. Ein Versprechen für die Zukunft waren der blutjunge Bassist Gabriel Rollinson und Elenora Pertz mit Brahms‘ „Sapphischer Ode“; die ausgereifteste Leistung boten die Mezzosopranistin Yajie Zhang und Piotr Fidelus mit dem eindrucksvollen „Der Tod und das Mädchen“ sowie Mahlers „Urlicht“. Nach starkem Applaus bedankten sich alle Kursteilnehmer bei ihren Lehrern mit der als Überraschung einstudierten „Nachtigall“ aus Brahms‘ Liebeslieder-Walzern. Es war eine spannende Woche, in der die vielen Zuhörer gern auch ein paar Sonnenstunden drangaben. (ME)

Marion und Gerhard Eckels, 4. September 2017

Fotos: Schubertiade

 

 

 

SCHUBERTIADE August/September 2017 Teil I

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Spitzenklasse

Die bereits seit Mai 1976, also seit mehr als 40 Jahren, in Schwarzenberg und Hohenems im österreichischen Bundesland Vorarlberg stattfindende Schubertiade hat in Fachkreisen einen geradezu legendären Ruf. Dort in traumhaft schöner Umgebung trifft sich regelmäßig eine eingeschworene Gemeinde, die in fast familiärer Atmosphäre Liederabende, Meisterkurse und Kammermusik vom Feinsten genießt – und es sind schon lange nicht mehr nur Werke von Franz Schubert zu erleben. Immer wieder gelingt es dem Leiter der Schubertiade Gerd Nachbauer, international bekannte Sängerinnen und Sänger der Spitzenklasse sowie renommierte Kammer-Ensembles zu gewinnen.

Den Auftakt bildeten für uns am 25.8. René Pape und der Pianist Camillo Radicke. Man war sehr gespannt, wie der hervorragende Wagner-Sänger sich bei seinem Schwarzenberg-Debüt als Liedsänger schlagen würde. Die Antwort: Ausgezeichnet. Er setzte seinen großvolumigen Prachtbass stark differenzierend ein; dabei bestach er durch beste Textverständlichkeit und traumhaft klingendes Aussingen der Konsonanten. Im ersten Teil des Programms kamen die Klassiker Mozart (Kantate KV 619), Beethoven (Gellert-Lieder) und Schubert (Heine-Lieder) zu Wort und Ton. Nachdem in Beethovens „Die Liebe des Nächsten“ die Spitzentöne noch etwas aus der Linie fielen, strahlte das folgende „Vom Tode“ eine große Ruhe aus, indem Pape nach zartem Piano-Beginn zu gleichmäßig fließender Steigerung fand. Bei Schubert schien er sich dann noch mehr zuhause zu fühlen; besonders anrührend gelang das intensive „Ihr Bild“. Interessant war der zweite Programmteil, der mit Liedern von Roger Quilter (1877-1953) und Jean Sibelius äußerst selten zu Hörendes bot. Bei den im englischen Original gebrachten Quilter-Songs konnte der Bassist seine gestalterischen Fähigkeiten weiter ausspielen: Die eingängigen Melodien wurden weich ausgesungen; ein traumhafter pianissimo-Schluss bei „O mistress mine…“ gelang ebenso gut wie ‚starker‘ Wind in „Blow, blow, thou winter wind“. Die sich anschließenden sechs Sibelius-Lieder in deutscher Übersetzung kamen geschmeidig mit großem Legato, langem Atem, aber auch kraftvollen Ausbrüchen daher. Den Abschluss bildete „Be still, my soul“, eine Hymne nach einem Thema aus „Finlandia“, die der Sänger ausdrucksstark präsentierte. Großen Anteil an dem Abend hatte Camillo Radicke am Flügel, der mit leichter Hand z.B. die perlenden Läufe in „Die Stadt“ glitzern ließ, ebenso kraftvolle Akkorde zu „Die Ehre Gottes in der Natur“ beisteuerte und stets die sichere Grundlage für die kleinen unterschiedlichen Szenen bot. Das kundige Publikum war begeistert und klatschte drei Zugaben heraus, darunter Schuberts interessantes Melodram „Abschied von der Erde“. (ME)

Seit ihrem Abschied aus dem Musiktheater-Bereich im April 2015 macht Elisabeth Kulman mit ambitionierten, außergewöhnlichen Lied-Programmen von sich reden – so auch am 26.8. Der erste Teil des Liederabends mit dem Pianisten Eduard Kutrowatz war Robert Schumann gewidmet. Es erklangen in gewöhnungsbedürftiger Reihenfolge bekannte Lieder wie Goethes „Nachtlied“ oder Eichendorffs „Mondnacht“; eingestreut waren fünf der acht Lieder aus „Frauenliebe und –leben“ sowie weitgehend selten zu hörende Vertonungen von Gedichten der Namensvetterin Elisabeth Kulmann (1808-1825), einer deutsch-russischen Dichterin. Außerdem hörte man für Klavier solo zwei Stücke aus den „Kinderszenen“ sowie „Warum?“ aus den Fantasiestücken. Der letztgenannte Titel stand unausgesprochen über dem ersten Konzert-Abschnitt, denn ein Zusammenhang der einzelnen Kompositionen ließ sich nur mühsam herstellen. Die in Österreich beliebte Mezzosopranistin verfügt über eine in allen Lagen gut ansprechende, klare Stimme ohne besondere Charakteristika; man vermisst das sonst oft in dieser Stimmlage zu hörende satte Mezzo-Timbre, was weiter nicht verwunderlich ist, hat sie ihre Karriere doch als Sopran begonnen. So erreichte sie gemeinsam mit ihrem pianistischen Partner viel über die Gestaltung, wobei ihr die ruhige Stimmung von „Süßer Freund“ oder „Kinderwacht“ besonders lagen, während ihr „An meinem Herzen, an meiner Brust“ allzu verhalten geriet. Einige Manierismen in „Nun hat du mir den ersten Schmerz getan“ und vor allem in der berühmten „Mondnacht“ waren bei aller ruhigen Stimmführung doch störend. Der zweite Konzertteil überzeugte trotz der überraschenden Zusammensetzung der Lieder mehr als der erste. Hier waren Liedern von Franz Schubert, dabei Schillers „Dithyrambe“, deren drei Strophen über den Konzertteil verteilt erklangen, Vertonungen von Erich-Kästner-Gedichten des 1941 geborenen österreichischen Komponisten Herwig Reiter gegenüber gestellt. Jetzt kam die Ruhe in Schuberts „Am Tage Aller Seelen“ oder „Wehmut“ wie von selbst, ohne in das eher aufgesetzte Gestalten des ersten Teils zurückzufallen. Bei Goethes lustigem „Schweizerlied“ und den ironischen, mitfühlenden Alltagsbeobachtungen Kästners, kongenial durch die Komposition unterstützt, ging die Sängerin deutlich mehr aus sich heraus, sodass „Sachliche Romanze“ und „Für die Katz“ geradezu witzig rüberkamen. Das begeisterte Publikum schloss den anwesenden Komponisten in den starken Beifall mit ein. (GE)

Als bestens aufeinander eingestimmt präsentierten sich am 27.8. Piotr Beczala und Helmut Deutsch mit einem Programm des ausgehenden 19. und frühen 20. Jahrhunderts. Teil 1 war italienischen Kompositionen vorbehalten: Nach drei Arien aus „Arie di Stile Antico“ von Stefano Donaudy, die Beczala die Möglichkeit boten, die ganze Bandbreite und vielfarbige Palette seines warmen Tenors vorzustellen, folgten zunächst vier echte Volkslieder von Ermanno Wolf-Ferrari (u.a. das rhythmisch-flotte „O si che non sapevo“). In den sechs sich anschließenden Ottorino-Respighi-Lieder trumpfte der Sänger in „Lagrime“ zunächst passend opernhaft auf mit strahlenden Höhen, schier endlosen Bögen und einem traumhaften Wechsel von forte zu piano auf dem letzten Wort „… morta“; mit solchen Finessen zeigte er sein großes Können in gesanglicher Gestaltung. Helmut Deutsch breitete Beczala jeweils den entsprechenden Klangteppich einfühlsam aus, auf dem dieser mit bester Diktion und gesangstechnisch auf voller Höhe, mit eleganten Übergängen und lockeren Verzierungen spielte. Durch sein sensibles Eingehen auf den Sänger, gute Tempo- und Agogik-Vorgaben bei den Vorspielen sowie die Lieder passend zu Ende führenden Nachspielen trug der Altmeister der Klavierbegleitung entscheidend zum großen Erfolg des Abends bei, der im zweiten Teil polnischen Komponisten gewidmet war: Sechs Lieder von Karol Szymanowski, sieben von Mieczyslaw Karlowicz und vier von Stanislaw Moniuszko stellten die beiden Künstler im polnischen Original vor. Dabei musizierten sie die Steigerungen innerhalb der Lieder von Szymanowski absolut einheitlich; von Karlowicz‘ Liedern gefiel besonders „Vor der ewigen Nacht“ mit dramatischem Anklang. Sehr unterhaltsam waren Moniuszkos „Die Spinnerin“, deren „Arbeit“ man in den flinken Klavier-Rotationen hörte, bis „der Faden riss“, und die Vertonung des „Heidenröslein“ mit Nonensprung (?), die Beczala mit Augenzwinkern sang. Mit stilistisch unterschiedlichen Zugaben bedankten sich die Künstler für den stürmischen Beifall; manche Zuhörer waren „enttäuscht“, da es nicht „wie in Zürich“ sieben – so hörte man aus dem Publikum -, sondern wie bei der Schubertiade üblich nur drei Zugaben gab. (ME)

Anders als bei den wenigen Kammermusik-Abonnements, die es noch gibt, kann man bei der Schubertiade immer wieder Werke für besonders zusammengesetzte Kammer-Ensembles hören. So erklangen am Nachmittag des 29.8. Antonin Dvoraks Streichquintett op.77 und Schuberts Oktett F-Dur D 803. Das Streichquintett ist insofern ein Unikat, als zu dem Streichquartett nicht wie sonst eine weitere Viola oder ein weiteres Cello tritt, sondern ein Kontrabass. Das ergibt ein „echtes“ Bassfundament, das allerdings dem Cello mehr als sonst im Quartett melodische Entfaltungsmöglichkeiten eröffnet. Davon machte Clemens Hagen dann auch Gebrauch, ohne dass sich durch ihn und den versierten Kontrabassisten Roberto di Ronza gegenüber den Geigerinnen Gergana Gergova und Baiba Skride sowie der Bratscherin Veronika Hagen eine unpassende Basslastigkeit entwickelte. Obwohl die beiden Geigerinnen nicht ständig mit den beiden Mitgliedern des Hagen-Quartetts zusammen musizieren, wurde in dem teilweise geradezu sinfonisch anmutenden Quintett ausgezeichneter Zusammenklang erreicht. Die bei Dvorak üblichen slawischen Elemente kosteten die technisch über jeden Zweifel erhabenen Musiker ebenso wie die sinfonischen Ausbrüche temperamentvoll aus. Nach der Pause kamen mit Paul Meyer (Klarinette), Marco Postinghel (Fagott) und Alejandro Núnez (Horn) hochkarätige Solisten hinzu, die alle Schuberts Oktett mit nie nachlassender Spielfreude präsentierten. Besonders beeindruckte bei ihrem Schubertiade-Debüt die bulgarische Geigerin Gergana Gergova, die wie schon im Dvorak-Quintett die 1. Violine spielte, durch souveräne Führungskraft und sichere Virtuosität, die allerdings bei allen anderen ebenso zu bewundern war. Im ausgedehnten Variationssatz kam jeder einmal solistisch an die Reihe, bis sich alle zum wirbeligen Finale verbanden, mit dem die Musiker Beifallsstürme des begeisterten Publikums hervorriefen. (GE)

Am Abend beglückten Violeta Urmana und Helmut Deutsch mit einem klassischen Programm: Schubert, Mahler und Strauss. Vom zupackenden Vorspiel des Pianisten an disziplinierte Violeta Urmana ihren zum Sopran neigenden Opern-Mezzo gekonnt; sie offerierte die zehn Naturbilder Schuberts mit größter Natürlichkeit, so dass schon zur Pause emphatischer Jubel aufbrandete. Das lag auch am letzten Lied, an der ausdrucksstarken Gestaltung des „Erlkönigs“, die der Begleiter besonders hart mit stets Unruhe suggerierendem Pochen anging, während die Sängerin die verschiedenen Personen hervorragend charakteristisch herausarbeitete. In „Erlafsee“ beispielsweise „kräuselten“ beide kongenial das „Gewässer“ durch „frische Winde“. Die fünf Rückert-Lieder von Gustav Mahler wurden von dem Duo sehr spannend teils mit viel Ruhe („Ich atmet’ einen linden Duft“), teils mit dramatischen Aufschwüngen („Um Mitternacht“) bestens dargeboten. Die Strauss-Lieder und überhaupt den ganzen Abend könnte man unter dem Aspekt der Schlusszeile des Liedes „Wie sollten wir geheim sie halten“ sehen: „…bis in die tiefsten Falten sei allen unser Herz enthüllt“. Wie immer in Schwarzenberg belohnten drei Zugaben den stürmischen Applaus. (ME)

Marion und Gerhard Eckels, 30. August 2017

Fotos: Schubertiade

 

 

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