In der Vergangenheit wurde von der Oldenburgischen Staatsoper bei den Inszenierungen von Gioachino Rossinis komischer Oper Il Barbiere di Siviglia meistens viel Fantasie investiert. Zwar ist 1995 Georg Rootering mit seiner Überfrachtung an Gags weit über das Ziel hinausgeschossen, wenn er etwa zum Ständchen des Grafen eine Heerschar falscher Heinos mit Sonnenbrille und Blondperücke auftreten ließ, aber Ideen hatte er. Und auch 2013 sorgte Regisseur Ronny Jakubasck für eine Überraschung, indem er den „Barbiere“ in eine märchenhafte Unterwasserwelt verlegte und die Figuren in Kraken, Fische und Hummer verwandelte. Aber dieses Konzept erwies sich als stimmig und ging weitgehend auf.
Aber eigentlich braucht der Barbiere di Siviglia keine besonderen Zutaten, um ihn irgendwie „aufzupeppen“. Rossinis Meisterwerk braucht „nur“ mit flinkem Spielwitz, mit mimischer Komik und mit burleskem Charme versehen zu werden, dann funktioniert es fast von selbst.

Wie hält es denn nun Regisseur Lars Marcel Braun in der aktuellen Inszenierung? Die Fantasie hält sich hier in Grenzen. Das beginnt schon mit dem relativ reizlosen Bühnenbild von Victor Labarthe d’Arnoux. Es zeigt einen leeren Raum mit schäbiger Holzvertäfelung, darüber graue kahle Wände. Im Hintergrund sieht man ein über eine Leiter zugängliches Podest, das vielleicht Rosinas Zimmer sein könnte, aber eher wie ein Maler- oder Baugerüst wirkt. Wird im Hause des Dr. Bartolo vielleicht gerade renoviert, weil der sein Mündel Rosina heiraten will? Eine riesige Hochzeitstorte wird jedenfalls schon mal von Figaro geliefert. Dieser Figaro sieht in seinem gestreiften Anzug eher wie ein Winkeladvokat aus. Rosina fällt mit ihrer üppigen roten Mähne auf, Almaviva könnte auch als Barockengel durchgehen, mutet in seiner Soldatenverkleidung in Unterhosen aber etwas lächerlich an. Aber ansonsten sind die Kostüme von Selina Tholl angemessen.

Auch die Inszenierung von Lars Marcel Braun ist durchweg unspektakulär und im Grunde konservativ. Die Personenführung schwankt zwischen Statik und Gewusel. Insgesamt fehlt oft der feine Witz. Die absurden Bewegungen, die alle bei Rosinas Musikstunde ausführen müssen, liefern ihn jedenfalls nicht. Für diese Musikstunde schiebt Almaviva ein Klavier auf die Bühne, aus welchem Figaro heraussteigt und in dem später der lästige Musiklehrer Basilio wie in einem Sarg entsorgt wird – Klappe zu, Affe tot. Die heimlichen Briefchen, die ausgetauscht werden, haben hier die Größe von Tapetenrollen Die Auftritte der Musiker bei Almavivas Ständchen und die der Nachtwache sind vergnüglich ausgefallen. Für die Führung des Chors und der Statisten hat Braun jedenfalls ein gutes Händchen. Am Ende jedes Aktes wird die Konfettikanone betätigt – wir sind ja in einer fröhlichen Oper.

Das wird hauptsächlich bei der musikalischen Seite deutlich. Eric Staiger erweist sich am Pult des Oldenburgischen Staatsorchester als umsichtiger und kompetenter Rossini-Dirigent. Schon die Ouvertüre unterstreicht die Meriten seiner Interpretation: Ein durchsichtiger, sehr differenzierter Klang, fein gesetzte Akzente und mitreißender Schwung. Staiger hält die Spannung und Präzision über die gesamte Aufführung und sorgt so für ein ungetrübtes Rossini-Vergnügen. Allein das irrwitzige und temporeiche Finale des 1. Aktes ist eine Meisterleistung, bei der er Solisten, Chor und Orchester zu einer imponierenden Einheit zusammenschweißt.

Bei den Sängern, vor allem bei den tieferen Stimmen, kann man sich über hervorragende Leistungen freuen. So gibt etwa Chanhee Cho einen persönlichkeitsstarken, agilen Dr. Bartolo mit markantem Bassbariton und bemerkenswerter Beherrschung des Parlando. Nicht weniger beeindruckend ist der Basilio von Seungweon Lee, der die Verleumdungsarie (La calunnia“) mit heimtückischem Ausdruck zu einem Kabinettstückchen macht. Und Aksel Daveyan kann mit seinem virilen und klangschönen Bariton als Figaro uneingeschränkt überzeugen. Gleich mit seiner gewitzten Auftrittsarie, („Largo al factotum“), einer der wohl berühmtesten Bariton-Arien der gesamten Opernliteratur, kann er begeistern. Bei seinem stilsicher vorgetragenen Ständchen „Ecco ridente in cielo“ führt der Chinese Leilei Xie seinen geschmeidigen und schmelzreichen Tenor ins Feld. Diesen ersten guten Eindruck kann er im Laufe der Aufführung weitgehend bestätigen. Die Koloratursopranistin Penelope Kendros hat in Oldenburg u.a. als Olympia in „Hoffmanns Erzählungen“ begeistert. Als Rosina setzt sie besonders mit ihrer Arie „Una voce poco fa“ einen Glanzpunkt. Marija Jokovic und Seun Jin Park fügen sich als Berta und Fiorello bestens ins Ensemble ein. Ein Sonderlob gebührt dem von Thomas Bönisch bestens einstudierten Herrenchor. Insgesamt lohnt sich ein Besuch, vor allem aber musikalisch.
Wolfgang Denker, 19. April 2026
Il Barbiere di Siviglia
Oper von Gioachino Rossini
Oldenburgisches Staatstheater
Premiere am 18. April 2026
Inszenierung: Lars Marcel Braun
Musikalische Leitung: Eric Staiger
Oldenburgisches Staatsorchester
Weitere Vorstellungen: 23., 29. April, 16., 22., 25. Mai, 16., 17. Juni, 3. Juli 2026