
Diese Produktion war im Puccini-Jahr 2024 herausgekommen, im Juli jenes Jahres berichteten wir darüber. Nun wurde sie zum Hundertjahresjubiläum des Werks (Puccini war 1924 gestorben, die Uraufführung unter Toscanini fand 1926 statt) wieder aufgenommen (und auch Puccinis nach Liùs Tod in den Mond, der in dieser Oper eine so bedeutende Rolle spielt, projiziertes Porträt wurde wieder gezeigt).
Ich darf meinen seinerzeitigen Eindruck einer gelungenen Regie von Davide Livermore in der Betreuung der Wiederaufnahme durch Laura Galmarini bestätigen, woran das Bühnenbild von Eleonora Peronetti, Paolo Gep Cucco und Livermore selbst ebenso starken Anteil hat wie die überaus phantasievollen Kostüme von Marina Fracasso, die suggestive Beleuchtung von Antonio Castro und die bei Livermore unabdingbaren Videos von D-WOK. Warum ein (übrigens ausgezeichnet bewegtes) Drahtpferd in allen drei Akten auftreten muss, blieb mir auch bei diesem Wiedersehen ein Rätsel, ebenso, warum der vom entfesselten Mob seiner Kleidung vollständig beraubte persische Prinz mit einem rosa Luftballon in der Hand in den Tod gehen muss. Umgekehrt war es mir vor zwei Jahren entgangen, dass das Kind, welches die Schriften mit der Lösung der Rätsel in Händen hält, Calaf die Lösung der dritten und letzten Frage zuflüstert. Wohl ein Symbol dafür, dass ein Teil von Turandots Seele unbewusst ja doch auf Erlösung hofft.
Diese Auffassung des Regisseurs von einer doch nicht vollkommen eisumgegürteten Prinzessin war von Anna Netrebko gesanglich und darstellerisch meisterhaft umgesetzt worden. Dieser Linie zu folgen ist nicht einfach, wie man an der Interpretation von Anna Pirozzi sehen konnte. Die Künstlerin verfügt über einen großen Stimmumfang mit entsprechendem Volumen, und ihr Sopran kommt mühelos über entfesselte Orchester- und Chorwogen hinweg, ohne dass die schneidend-metallische Komponente überhand nimmt. Soweit alles in Ordnung, ihre Darstellung folgte allerdings dem fast überall zu sehenden Klischee der Unbezwingbaren, was ihren Stimmungsumschwung, dessen Realisierung schon Puccini so viele Probleme bereitet hatte, wenig glaubwürdig macht. Warum Roberto Alagna, der in zwei Monaten seines 63. Geburtstag begehen wird, unbedingt immer noch den Calaf singen will, bleibt ein Rätsel. Die Stimme, die ja trotz aller Ausflüge ins dramatische Fach im Kern immer eine lyrische geblieben ist, wird so schonungslos unter Druck gesetzt, dass kaum mehr Reste dieses einstmals unvergleichlich betörenden Timbres zu hören sind. Was will der Künstler sich und uns beweisen? Und gibt es ihm nicht zu denken, dass sich nach „Nessun dorma“ keine Hand rührte (auch wenn dankenswerterweise vom Dirigentenpult nahtloses Weiterspielen verlangt wurde) und er beim Schlussapplaus den geringsten Beifall unter den Protagonisten erhielt? Maria Angela Sicilia hatte offenbar die Größe des Hauses unterschätzt und war im 1. Akt kaum zu hören, während sie Liùs große Szene im 3. Akt besser im Griff hatte und berührend gestaltete. Die stimmliche Verfassung von Riccardo Zanellato entsprach der hinfälligen Figur des Timur. Die Minister Biagio Pizzuti (Ping), Paolo Antognetti (Pang) und Francesco Pittari (Pong) sangen anständig, hinterließen aber keinen bleibenden Eindruck. Gregory Bonfatti profitierte als Altoum davon, dass er seine beschwörenden Worte an Calaf im Bühnenvordergrund singen darf. Sehr sonor klang der Mandarin von Alberto Petricca, pünktlich kam der Todesschrei von Haiyang Guo als persischer Prinz.

Uneingeschränktes Lob wieder für den Chor des Hauses unter Alberto Malazzi, aber viele Bedenken gegen die von Nicola Luisotti vom Orchester des Hauses geforderte knallige Lautstärke.
Eine Woche später die alternative Besetzung, die bei Sopran und Tenor Anlass zu manchen Überlegungen gab. Der polnisch-amerikanische Sopran Ewa Plonka verfügt über kein hochdramatisches Material und führt die Stimme demgemäß lyrischer, aber ohne besondere Schwierigkeiten, sich gegen Chor und Orchester durchzusetzen. An ihr gefiel, dass sie den Vorgaben der Regie überzeugender folgte als Pirozzi und die Verletzlichkeit der Prinzessin in der Schlussszene berührend interpretierte. Umgekehrt besaß Angelo Villari die richtige Spintostimme für den unbekannten Prinzen, und man erfreute sich als Zuhörer zunächst an seiner kraftvollen, viril timbrierten Stimme. Leider stellte sich im Verlauf des Abends heraus, dass seine Gestaltung der Phrasen gleichförmig blieb und es seinem Auftreten an szenischer Beweglichkeit fehlte. Wo im gleichen Kostüm der eine fesch aussah, wirkte der andere nur unbeholfen. Ach, hätte man die Vorzüge von Tenor und Sopran der jeweiligen InterpretInnen kreuzen können…

Maria Angela Sicilia hatte nun stimmlich besser in die Rolle der Liù gefunden, und mit Adolfo Corrado erschien ein kraftvoll-schönstimmiger, auch als Interpret sensibler Timur auf der Bühne. Die übrigen stimmlichen Leistungen entsprachen denen der Premiere, ebenso die des Chors (positiv), als auch die des musikalischen Leiters (negativ).
Beifallsversuche nach „Nessun dorma“ und (bei der zweiten Vorstellung) lauter, wenig abgestufter Applaus.
Eva Pleus 18. April 2026
Turandot
Giacomo Puccini
Teatro alla Scala
Besuchte Vorstellungen am 1. (Premiere) und 8.4.2026
Regie: Davide Livermore
Musikalische Leitung: Nicola Luisotti
Orchestra del Teatro alla Scala