Hamburg: „Macbeth“, Giuseppe Verdi (Zweite Besprechung)

Nur ganz wenige Versatzstücke braucht Regisseur (und seit letzter Saison Intendant der Hamburgischen Staatsoper) Tobias Kratzer für seine Inszenierung von Giuseppe Verdis genialer Shakespeare-Vertonung: Immer wieder wird ein großer Wohnzimmerteppich im an ein antikes Theater gemahnenden Halbrund der Bühne ausgelegt, ein Spiegel (zur Selbsterkenntnis) aufgestellt, eine Matratze auf den hölzernen Boden gelegt (das erinnert dann an Shakespeares Globe Theatre, in welchem auch ohne Kulissen gespielt wurde), einige Spielsachen liegen herum, die Mörder bekommen im starken Nieselregen Schirme. Alles ist dunkel gehalten auf dieser bedrückend-unheimlichen Bühne von Rainer Sellmaier, auch die Kostüme (ebenfalls von Rainer Sellmaier) weisen kaum Farbschattierungen auf. Das weiße Hemd von Macbeth sticht prominent aus dem Dunkel hervor; Bancos Uniformrock in Stahlblau und die schöne, kostbare, in kupfernen Tönen gehalten Robe mit Diadem der Lady für die Bankettszene stellen die wenigen, verschatteten Farbtöne dar. Der Chor nimmt wie im klassisch griechischen Theater auf den Stufen des steinern-hölzernen Amphitheaters Platz. Die Hexen sitzen den ganzen Abend inmitten des Chors. Sind sie alle (sind wir alle) Einflüsterer, gegenseitige Schicksalsboten? Denn diese Frage interessiert Tobias Kratzer an MACBETH am stärksten: Inwieweit sind wir Herrscher über unser Tun, unser Handeln, unserer Taten (ob gut oder böse). Wo sind wir im Leben falsch abgebogen, an welcher Stelle hätten wir noch die Kurve kriegen können? Warum glauben wir von Schicksalsmächten getrieben zu sein? Inwieweit bestimmen Religion, Ratschläge von Freunden und Feinden und andere äußere Einflüsse über unser Leben? Um die Allgemeingültigkeit seiner Fragen zu erläutern, verzichtet Tobias Kratzer natürlich auf ein konkretes Setting im schottischen Hochland; die Figuren agieren in teils ganz gewöhnlicher Alltagskleidung (die Lady zu Hause in ihrer schlabbrigen Strickjacke und den Ankle Skinny Jeans.

© Monika Rittershaus

Natürlich bleibt dem Inszenierungsteam durch Verdis konzis disponierende, prägnante Partitur mit den kurzen, die Handlung vorwärtsdrängenden Szenen nicht viel Raum, um diese Fragen zu beantworten. Deshalb hat man einen Teil der Ballettmusik, welche Verdi für die Pariser Fassung des Macbeth einfügen musste (und die meist gestrichen wird, auch wenn man – wie heutzutage üblich – die Pariser Fassung und nicht die Urfassung des Werks spielt) für diese Produktion beibehalten. Während dieser Ballettmusik – die übrigens von der Qualität her gar nicht zu verachten ist – stellt Tobias Kratzer eine Utopie vor, wie das Leben der Familie Macbeth und ihrer Freunde und Bekannten auch hätte aussehen können: Im Gegensatz zu vielen anderen Inszenierungen wird die Kinderlosigkeit von Macbeth und seiner Lady hier nicht thematisiert, sondern die beiden haben einen Jungen. In der Alternative während des Balletts spielen sie mit ihm, laden Fleance, den Sohn Bancos (den sie eben noch ermorden wollten), ein, machen Scherenschnitte. Macbeth umarmt Banco (den er bereits ermorden liess) immer wieder, unterhält sich freundlich mit König Duncan (den er selbst ermordet hat), mit Macduff und dessen Frau (die er auch ermorden ließ, genau wie auch ihre Kinder). Sie alle sind aus den vorangegangenen Szenen als Leichen auf dem Boden der Arena liegen geblieben und erheben sich nun für die Pantomime der Utopie. Doch bald treten die Erscheinungen auf, die Doubles, welche in der Utopie Macbeth und die Lady darstellten (Kompliment an die Maske, die glichen den Originalen aufs Haar!) singen die Partien der ersten, zweiten und dritten Erscheinung (wunderbare Stimmen von Christopher Jähnig und Inés López Fernández) und damit ist der utopische Ausflug vorbei, denn Macbeth schöpft wieder Hoffnung auf Machterhalt, wenn doch kein Mensch, der geboren wurde, ihm gefährlich werden kann (an Kaiserschnitt hat er nicht gedacht) und er sich nur fürchten müsse, wenn der Wald von Birnam sich bewege (an Tarnung durch Äste hat er auch nicht gedacht). Nochmals zurück zum Jungen, den Tobias Kratzer dem mörderischen Ehepaar zugesellt. Eigentlich macht das Sinn, denn auch der dynastische Anspruch eines jeden Usurpatoren und Diktators ist eine essenzielle Triebfeder des Bösen!

© Monika Rittershaus

Denn warum sollte sich Macbeth schon bei den ersten Prophezeiungen dermaßen erregen, dass Bancos Nachkommen herrschen werden, wenn er selbst doch eh keine Kinder hat? Dadurch dass Macbeth und die Lady eben einen Sohn haben, ergibt diese Konstellation stückdramaturgisch durchaus Sinn. 

Da das Auge also wenig von Kulissen abgelenkt ist, richtet sich der Fokus ganz auf die Ausführenden in dieser Arena der essentiellen Fragen des Daseins, des Schicksals und des Lebensziels. Für die schnellen Szenenwechsel hat der Lichtdesigner Michael Bauer eine Leiste mit Glühbirnen an der Rampe angebracht. Diese leuchten gleissend hell auf, wenn ein Szenenwechsel ansteht – und das ist in dieser Oper häufig. Das Licht blendet das Publikum und im Dunkel hinter der Glühbirnenleiste können die Agierenden neue Positionen einnehmen. Doch das ständige Blenden des Publikums bereitet diesem nicht nur Freude – viel halten immer wieder die Hände vor die Augen.

An dieser atmosphärisch sehr dichten Produktion des MACBETH hat die musikalische Seite enormen Anteil. Das Dirigat des Debütanten an der Hamburgischen Staatsoper, Tomáš Hanus (er debütiert übrigens im November an der Met in New York mit JENUFA), zeichnete sich durch enorme Detailgenauigkeit und sorgfältige Phrasierung aus, wirkte nie überhastet oder oberflächlich. Generalpausen wurden exakt ausgehalten. Die Musik wirkte wunderbar fein gesponnen, die Tempi eher getragen, was jedoch zu keinen Spannungsabbrüchen, sondern zu genauem Hinhören führte. Man entdeckte viel ganz Weiches, Fließendes, kunstvoll Verästeltes in dieser Partitur, welche das Philharmonische Staatsorchester Hamburg mit der gebotenen Sorgfalt interpretierte. Mit imposanter Dynamik sang, der von Alice Meregaglia einstudierte, Chor der Hamburgischen Staatsoper als Hexen, Mörder, Gäste und Vertriebene.

© Monika Rittershaus

Kartal Karagedik sang einen hervorragenden Macbeth: Neugierig, ambitioniert, ängstlich zweifelnd, hadernd, verunsichert und am Ende fatalistisch erweckte er all diese Bandbreite an Emotionen der Titelfigur zum Leben. Sein Bariton füllte die grosse Partie mit bestechendem Klang aus und hinterliess nachhaltigen Eindruck. Schade hatte man ihm die Sterbeszene Mal per me aus der Urfassung (diese starke Szene wird oftmals in die Pariser Fassung eingebaut) gestrichen. In der Partie der Lady hatte Nino Machaidze in der Premiere vom 12. September debütiert. Dies war nun also ihre vierte Vorstellung: Die Töne waren alle da, aber noch setze ich ein kleines Fragezeichen, ob diese Partie für die bis anhin eher in lyrischen Rollen reüssierende Sängerin (z.B. in den beiden Desdemonas von Rossini und Verdi oder als Luisa Miller ) wirklich der perfekte Einstieg zum Fachwechsel ins dramatische Fach darstellt. Es fehlte – verständlicherweise bei einem Fachwechsel – der Mut zum „dreckigen“ Gesang, auch – und das erstaunt dann doch mehr – die schwebend filigrane Entrücktheit, welche die Wahnsinnsszene Una macchia è qui tuttora prägen sollte. Da wirkte vieles noch ein wenig buchstabiert und auf Sicherheit ausgerichtet. Daneben waren aber auch viel Stimmschönheit, gekonnte Verzierungen, sichere und reine Höhen und saubere Läufe zu hören. Frau Machaidze wird bestimmt mit der Zeit, wenn sie stärker in die Rolle hineingewachsen ist, der Figur mehr Tiefe abringen können. Ganz wunderbar klang der runde, schwarze Bass von Alexander Vinogradov als Banco. Dovlet Nugeldiyev interpretierte mit seinem durchschlagskräftigen und strahlenden Tenor den Macduff mit einnehmender Kraft. 

Ans Ende gesetzt wurde, wie erwähnt, nicht die Sterbeszene der Urfassung, sondern die hohle C-Dur Chor-Hymne Vittoria! Vittoria! der Pariser Fassung, in welcher Malcolm (mit hell timbriertem Tenor: Colin Aikins) gefeiert wird. Aber Kratzer lässt es selbstredend nicht damit bewenden: Malcolm entledigt sich gleich der Combat-Jacke und zeigt sich im modisch eng geschnittenen smarten Designer-Anzug. Auch dieser eitle Geck wird nicht lange an der Macht bleiben, denn aus dem Bühnennebel bewegt sich Bancos Sohn, Fleance, auf Malcolm zu und die Hexen stehen auch schon bereit, um auf Fleance einzuwirken. Das Fatum schlägt also erneut zu, Geschichte wiederholt sich (leider) immer wieder. Ein starkes Ende einer packenden Opernaufführung!

Kaspar Sannemann 4. Oktober 2026


Macbeth
Giuseppe Verdi
Hamburgische Staatsoper

2. Oktober 2026

Regie: Tobias Kratzer
Tomáš Hanus
Philharmonisches Staatsorchester Hamburg