Barocke Reise durch die Zeiten
Zum letzten Mal wurde diese bemerkenswerte Musiktheaterkreation von Eric Gauthier in der Staatsoper am Silvesterabend aufgeführt. Die Choreografie erinnert hier daran, dass im Zeitalter des Barocks das Fest sehr populär war. Dem tragen die opulente Bühnenausstattung von Susanne Gschwender und die Kostüme von Gudrun Schretzmeier Rechnung. Die damalige Festmusik des Adels übt auch auf das heutige Publikum immer noch eine faszinierende Wirkung aus. Für La Fest hat der Dirigent Benjamin Bayl Arien, Ensembles, Chöre und Tänze aus der Zeit von 1600 bis 1760 ausgewählt. So entstand berührende Musik aus der Feder von 21 Komponisten. Die neue Partitur folgt der Dynamik eines Festes, die Dramaturgie der Kontraste triumphiert.

Diana hat hier Geburtstag. Sie wird 90 Jahre alt. Minuziös wird ihr Leben erzählt. Andernorts bereiten sich Paare auf ein Fest vor, ein frischverliebtes Paar zieht sich mehrfach um, die Gastgeberin möchte ihre Gäste unbedingt selber begrüßen. Die überaus wandlungsfähige Mezzosopranistin Diana Haller füllt ihre Rolle hier glaubwürdig aus. Die Frau möchte sich zurückziehen, was bei den Gästen ein babylonisches Verwirrspiel hervorruft. Pünktlich zum Dessert taucht die Gastgeberin dann wieder auf. Eric Gauthier taucht dieses fast traumwandlerische Geschehen in eine beeindruckende tänzerische Hypnose, der Bewegungs- und Ausdruckszauber erreicht immer wieder neue Höhepunkte. Ein paar Stunden später finden plötzlich alle Paare zusammen. Jeder Tanzpartner spielt virtuos mit den Möglichkeiten des Lebens. Ein junger Mann, der vergeblich einen Tanz mit Diana ersehnt, singt sich die Seele aus dem Leib. Alle fühlen sich im Tanz miteinander verbunden, was stellenweise sogar dämonische Züge annimmt. Ein kleines Mädchen vertreibt dann die nächtlichen Dämonen mit einem berührenden Lied. Die Gastgeberin verbindet sich mit dem Kind, das sie sehr gut kennt. Zuvor ist sie selbst einer großen Torte entstiegen. Zu Johann Sebastian Bachs „Air“ aus der dritten Orchestersuite in D-Dur dröhnt auf einmal Donnerhall. Die Liedmelodie des Air kosten über ruhig schreitendem ostinato artigen Bass die Violinen fast allein aus. Außerdem erklingt das harmonisch überaus vielschichtige „Chaos“ aus der Orchestersuite Les Elements von Jean-Fery Rebel. Atonale Dissonanzen werden hier in den barocken Rahmen in kontrapunktisch raffinierter Weise eingebettet. Luftballons fallen herab, der Countertenor spielt mit Fröschen. Es ist eine fast surrealistische Szene, bei der es sogar Faschingsschlangen regnet. Diana nimmt das Kind zuletzt in den Arm. Sie hat deswegen keine Angst mehr vor der Zukunft.
Diese letzte Szene berührt den Zuschauer ganz unmittelbar. Es erklingt zudem „Smile“ von Charlie Chaplin mit dem Text von John Turner und Geoffry Parsons. Diana Haller imponiert nicht nur bei der Arie „Alto giove“ aus der Oper Polifemo von Nicola Porpora mit leuchtkräftigen Koloraturen. Und der Countertenor Yuriy Mynenko gestaltet die Arie „Vedro con mio diletto“ aus der Oper „Giustino“ von Antonio Vivaldi mit viel Sinn für Al-fresco-Technik und ebenmäßige Kantilenen. Ein weiterer Höhepunkt ist die Arie „Rimembranza crudel“ aus der Oper „Germanicus“ von Georg Philipp Telemann, wo die facettenreiche Sopranistin Alma Ruoqi Sun alle Register zieht. Der Tenor Alberto Robert gewinnt dann der Arie „Ihr sanften Winde“ aus der Oper Ulysses von Reinhard Keiser betörende Klangfarben ab. Und der famose Staatsopernchor Stuttgart (Leitung: Bernhard Moncado) fesselt das Publikum bei „Dell’aura al sussurrar“ aus der Oper Dorilla in Tempe von Antonio Vivaldi mit imponierender Strahlkraft, die immer heller leuchtet. Und auch der gewaltige Chor „Jealousy, eternal pest“ aus dem Oratorium Hercules von Georg Friedrich Händel verfehlt hier seine Wirkung nicht. Dabei dominiert immer wieder kraftvolle Leidenschaft. Und auch die weiteren Gesangssolisten Elliott Carlton Hines (Bariton) und Luiza Willert (Sopran) ergänzen das Ensemble mit einringlicher Gestaltungskraft. Vom Geisterkeller über den Flüstersport, Partyspiele, Hochzeit, Eifersuchtsexplosionen, Rausch, psychoaktive Frösche bis zu intensiver Gebärdensprache wird bei dieser Inszenierung wirklich fast alles geboten. Gegenüber der Premiere vor zwei Jahren fällt sogar trotz kleiner szenischer Schwächen eine noch größere dramaturgische Geschlossenheit auf. Clara Schwind gestaltet das Kind überaus glaubwürdig. Und die Tänzer Aycan Ersal, Rosalia Pace, Sarah Kiesecker, Chiara Viscido, Simox, Matthias Kass, Luis Eduardo Sayago und Jonathan Alexander Reimann beeindrucken das Publikum mit ebenso halsbrecherischen wie hochvirtuosen Einlagen! Weitere Höhepunkte sind unter anderem die Aria aus den Goldberg-Variationen von Johann Sebastian Bach sowie der machtvolle Chor „Venus laughing through the skies“ aus dem Oratorium Theodora von Georg Friedrich Händel. „Vive la race de nos rois“ aus der Oper Achante et Cephise von Jean-Philippe Rameau zeigt den Staatsopernchor Stuttgart ebenfalls in bestem Licht. Französische Klassizität triumphiert, der Elan der Tanztypen ist mitreißend.

Viel Jubel des Publikums für diese Silvestervorstellung, bei der die Barock-Fans im Foyer in allen möglichen Kostümen wieder ausgiebig flanieren konnten.
Alexander Walther, 4. Januar 2026
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La Fest
Musiktheaterkreation von Eric Gauthier
Staatsoper Stuttgart
Besuchte Aufführung: 31. Dezember 2025
Premiere: 3. Dezember 2023
Choreografie: Eric Gauthier
Dirigat: Benjamin Bayl
Staatsorchester Stuttgart