Der Ring des Nibelungen wurde 2025 noch in Dortmund gespielt, ist aktuell bei der Oper Köln auf dem Plan und wird sehr ambitioniert aktuell in Wuppertal konzertant aufgeführt. Das Rheingold war an der Wupper am 19. Oktober zu hören. Jetzt folgte am 18. Februar der erste Tag des Bühnenweihfestspiels: Die Walküre.

Was ist seit Rheingold passiert? Wotan fürchtet in seiner Götterburg, dass Alberich dem Riesen Fafner den Ring und damit die Macht entreißen und gegen die Götter ausspielen könnte. So hat Wotan seine eigene Leibwache, die Walküren, gezeugt. Sie bringen die Seelen toter Kriegshelden von den Schlachtfeldern nach Walhalla. Er träumt aber von einem freien Helden, der Ring und Macht wiederbeschafft, sucht Erda, die Urmutter auf. Mit ihr zeugt er Brünnhilde, die ihn und seinen innersten Willen ohne Kompromisse verkörpert. Mit irgendeiner menschlichen Frau zeugt er als Weltenwanderer Siegmund und Sieglinde. Die alleinerziehende Mutter wird bald von Räubern überfallen und erschlagen. Hunding heiratet Sieglinde, die ihm von den Räubern zugeführt worden ist. Wotan hatte ihr als Wanderer bei der Hochzeit das Schwert Nothung in den gewaltigen zentralen Baum der Hütte gestoßen. Das alles wird in der Walküre nur erzählt.
Der erste Tag beginnt mit dramatischer Menschenjagd: in stürmisch schnellem 3/2 Takt mit dem Sturmmotiv im Bass, unruhig durch Quintolen-Sechzehntel stürmt Siegmund – Maximilian Schmitt – herein, Sieglinde (Sarah Wegener), bietet Labung seinem lechzendem Gaumen. Beide gestalten die Musik mit großem Ausdruck, Siegmund meist zusammen mit dem Violoncello, Sieglinde mit den Geigen, Brünnhilde später mit den Hörnern. Zu lyrischem Cello und zarter Violine also erzählen sich die beiden ihre Geschichte. Liebesmotiv und Wälsungen-Weh-Motiv wechseln sich ab. Ihre Psyche und Geschichte, ihr Beziehungsgeflecht werden durch die verschiedenen Leitmotive musikalisch verwoben und analysiert. Vorweggenommene Psychoanalyse? Das Orchester bringt sozusagen das Ungesagte, Unbewusste außerhalb des Textes auf die Bühne. 43 Leitmotive – musikalische Bausteine – sind im Klavierauszug aufgelistet: Walküren Ruf, Walküren Motiv, Siegfried-Motiv, Feuerzauber, Hunding-Motiv, Liebes- und Mitleid-Motiv, Wonnegesangs-Motiv , Wälsungenweh-Motiv, um nur einige zu nennen. Merkwürdigerweise ist das Hauptmotiv des gesamten Rings, die Gier, nicht mit einem eigenen musikalischen Leitmotiv belegt.
Hunding, der alte Haudegen (Kurt Rydl), kommt dazu. Angekündigt durch sein markantes Sechzehntelstaccatotriolen-Motiv tritt er von der Seite in hellem Lichtkegel aus den Vorhängen der Fenster zunächst in den Saal, sucht dann durchs Publikum auf die Bühne. Stimmlich immer noch gewaltig, allerdings nicht völlig frei von gewisser Rauheit und Brüchigkeit, nimmt man ihm den wüsten Hunding ab.
Die komplexe Erzählung ist dank Übertitelung gut nachzuvollziehen. Musikalisch bewegt sich die Unterhaltung der drei zwischen rezitativischen, nahezu kammermusikalischen Episoden und Ausbrüchen höchster Dramatik. Das Orchester begleitet sehr präsent und musikalisch unter dem stets exakten Dirigat von Patrick Hahn, der den riesigen Apparat (rund 90 Orchestermusiker) souverän im Griff hat. Sieglinde mischt den betäubenden Schlaftrunk für ihren Hunding, der in der Kammer schlafen wird. Während des orchestralen Zwischenspiels bestimmt Rotlicht die Szene – erinnernd an das verlöschende Feuer in Hundings Waldhütte. Das Schwertmotiv bereitet den musikalischen Höhepunkt vor, wenn Siegmund mit sagenhafter Intensität laut Wälse, mein Schwert ruft. Endlich kommt die Harfe dazu und das verliebte Paar genießt sich wie die ausbrechende Frühlingsnacht mit „Winterstürme wichen dem Wonnemond“ durch alle Tonarten: A-Dur, Des-Dur, Es Dur, C-C-Dur. Beim ersten Blick in die strahlenden Augen des Bruders erinnert sich Sieglinde an ihr Spiegelbild im Bach zu glücklicheren Zeiten, musikalisch ein stiller Höhepunkt höchster Intimität und Sensibilität auch des Orchesters. Vereint sind Liebe und Lenz. Die beiden geben sich zu erkennen. Siegmund zieht das Schwert zusammen mit dem gesamten Blech aus der Esche. Braut und Schwester ist Sieglinde jetzt ihrem Siegmund und mit großem Orchester stürmt sempre pìu allegro der Akt dem Ende entgegen. Zum ersten Mal Riesen-Applaus.
Wenn der Vorhang zum 2. Akt aufginge, sähe man hinten wildes Felsengebirge, das Orchester beginnt „heftig“. Hier jauchzte Brünnhilde (Stéphanie Müther) erstmalig ihr Hojotoho von der Empore herunter. Sie ist mit Wagners Werk vertraut, singt sein Werk von Bayreuth bis Tokyo. Ihre Isolde vor zwei Jahren im Barmer Opernhaus beeindruckte durch Kraft und Subtilität. Jetzt warnt sie als Brünnhilde Wotan (Michael Kupfer-Radecky) vor seiner spröden Frau. Die bürgerliche und prüde Fricka (Jennifer Johnston) mag die lachende Liebe Siegmunds und Sieglindes nicht ertragen. In einem veritablen Ehedrama, wie es viele kennen, aber nur wenige so singen, befürchtet Fricka, die immer wieder Betrogene, beim lockeren Lebenswandel ihres Gatten mit gekränktem Herzen und großer stimmlicher Präsenz das Ende der ewigen Götter, Ansehensverlust und Erosion göttlicher Macht. Nach dieser Ansage kriecht Wotan, der immer noch verheiratete Schürzenjäger, zu Kreuze, begibt sich unter den Pantoffel seiner Frau, fügt sich, gesteht seiner Lieblingstochter Brünnhilde alle seine Untaten und Fehltritte, beklagt sein Dilemma und befiehlt ihr, was Fricka von ihm verlangt hat: Siegmund nicht zu schützen. Brunhilde ignoriert seinen Befehl, Wotan selbst schützt Hunding mit seinem Speer und Siegmund stirbt. Wotan verflucht Brünnhilde, die ihm nicht gehorcht hat. Michael Kupfer-Radecky hat den Wotan schon in Bayreuth gesungen, singt bei den Dresdener Festspielen, an der Bayrischen Staatsoper, in Covent Garden, an der Opera Bastille in Paris. Hier in Wuppertal erschien er als lässiger Chef der Götterbande seriös im Frack, sang aus Noten vom Notenständer und hatte es trotz klaren, starken runden Baritons nicht immer ganz leicht gegen das gelegentlich doch kräftige Orchester, welches sich heute in glänzender Verfassung zeigte, sensibel auf den Dirigenten reagierte, delikates Pianissimo ebenso wie kräftiges warm glänzendes Forte Fortissimo sowie makellos und beseelt die zahlreichen Soli der Holz- wie Blechbläser bot. Ein Höhepunkt folgte dem nächsten: Wotan verzweifelt und will nur noch das Ende. Siegmund falle bestimmt er im Gedenken an den Hausfrieden. Brünnhilde kündigt Siegmund zunächst seinen Tod, verspricht ihm aber dann, dass sie ihn gegen den Willen des Vaters schützen will. Hunding taucht auf, die Hütte brennt. Sieglinde stirbt fast vor Angst, Siegmund faktisch unter Blitz und Donner, weil Wotan mit seinem Speer die ungehorsame Brunhilde stoppt, die danach schnell mit Sieglinde flieht. Wotan schickt Hunding zu Fricka, den Vollzug zu melden. Der aber sinkt auf Wotans verächtlichen Handwink hin sogleich tot zu Boden. Wütend droht der molto animato der Verbrecherin Brünnhilde furchtbare Strafe an, tritt ab unter Blitz und Donner, mehrfaches Fortissimo und Schluss ist! Grandioser Beifall!

Wotans Leibgarde, die Walküren, fachsimpeln laut lachend zwischen Heihaha und Hojotoho über frisch erschlagene Krieger und ihre Mähren, über deren Sättel die toten Helden hängen. Sie erwarten Brünnhilde. Helmwige (Ann-Kathrin Niemczyk), Gerhilde (Catharine Woodward), Ortlinde (Justyna Bluj) Waltraute (Gundula Hintz), Siegrune (Ekaterina Chayka-Rubinstein) Roßweiße (Hanna Larissa Naujoks), Schwertleite (Marta Herman) Grimgerde (Bettina Ranch) entfachten zusammen mit dem Riesenorchester von der Rampe der Bühne aus einen Klangrausch von ungewöhnlicher Intensität und Direktheit, ein analoges Immersionserlebnis, wie er so vielleicht nur in diesem akustisch zu Recht so berühmten Großen Saal der Historischen Stadthalle in Wuppertal erlebt werden kann und wahrscheinlich noch nie so gewaltig über den Zuhörer hier hereingebrochen ist, der sich inmitten der Musik kaum selbst mehr wiederfand. Brünnhilde kommt mit Sieglinde, erzählt von ihrer Revolution gegen den Vater. Die Schwestern erstarren vor Furcht, zeigen sich alles andere als solidarisch, bitten zuletzt aber Wotan gemeinsam um Gnade, vergeblich. Brünnhilde verkündet, dass die Sieglinde Siegfried gebären wird, der freie Wunschheld Wotans, der den Ring und die Macht zurück gewinnen könnte. Diese riesige Vokalsinfonie kann hier nicht in allen Einzelheiten dargelegt werden, die Aufführung beeindruckte aber tief. Am Ende unter immer wieder absteigendem Vertragsmotiv – die Motivnamen stammen nicht vom Komponisten- fehlten nicht die drei Speerstöße, mit denen Wotan den Flammenwall um seine Tochter anzündet, die inzwischen auf hohem Chorpodium schläft. „Wer meines Speeres Spitze fürchtet, durchschreite das Feuer nie“. Damit verabschiedet sich Wotan und verhalten geht mit dem Feuerzauber dieses 1870 uraufgeführte große Drama der Gegenwart nach 5 ¼ Stunden zu Ende.

Frenetischen, langanhaltenden Applaus mit Pfiffen, Bravi und Bravissimi, mit lang anhaltendem Beifall gab es für die Sängerinnen, Sänger, den bravourösen Dirigenten und das Orchester, welches keinen Vergleich scheuen muss.
Siegfried und Götterdämmerung folgen (22. Februar, 22. März 2026 jeweils 16:00 Uhr).
Johannes Vesper, 20. Januar 2026
Die Walküre-konzertant
Richard Wagner
Historische Stadthalle Wuppertal
18. Januar 2026
Dirigent: Patrick Hahn
Sinfonieorchester Wuppertal