Mönchengladbach: „Einhörner gibt es hier nicht!“, André Parfenov

Wenn vor der Vorstellung im Theatersaal ein aufgeregtes Gemurmel vieler anwesender Kinder zu hören ist, ist Weihnachten meist nicht mehr weit. Bereits seit vielen Jahren lockt das Gemeinschaftstheater Krefeld-Mönchengladbach in der Advents- und Weihnachtszeit Großeltern, Eltern und Kinder ins Theater und legt damit den Grundstein für die Zuschauer von morgen. Die hochwertigen Familienproduktionen haben sich inzwischen als feste Weihnachtstradition etabliert und sprechen auch über die Stadtgrenzen hinaus viele Menschen an. Bisher konzentrierte man sich hierbei meist auf Märchen in den Sparten Schauspiel, Oper und Ballett. In diesem Jahr ist jedoch erstmals ein eigens komponiertes Musical zu sehen, in dem ein großes Orchester mit 20 Musikerinnen und Musikern der Niederrheinischen Sinfoniker zum Einsatz kommt. Am 29. November 2025 feierte Einhörner gibt es hier nicht! eine gelungene Uraufführung im Großen Saal des Theaters Mönchengladbach. Das Stück ist noch bis Weihnachten dort zu sehen.

Mit Einhörner gibt es hier nicht! schuf Susanne Seefing eine zauberhafte Geschichte über einen Prinzen, der sich zum Geburtstag ein Einhorn wünscht, da nur dieses ihn verstehen könne. Doch im gesamten Königreich ist kein Einhorn zu finden, was den Prinzen zu einem Wutanfall verleitet, da sein Geburtstagswunsch nicht erfüllt wurde. Daraufhin schicken ihn die Königin und der König selber auf die Suche nach einem Einhorn. Im Wald begegnet er stattdessen der schüchternen Halimia, die nur durch ihre Handpuppe spricht, dem lässigen Knut mit seiner Vespa und dem freundlichen Trollpatsch. Da diese noch nie etwas von Einhörnern gehört haben, fragen sie die gedankenlesende Fee. Dabei erfährt der Prinz, dass seine Mutter große Teile des Waldes abholzen lässt, um ein noch größeres Schloss zu bauen. Gemeinsam mit seinen neuen Freunden macht er sich auf den Rückweg ins Schloss, um seinen bislang nicht erfüllten Geburtstagswunsch einzulösen. Da er im Wald inzwischen Freunde gefunden hat, die ihn verstehen, besteht sein Wunsch nun nicht mehr in einem Einhorn. Doch was soll er sich stattdessen wünschen und wie reagieren seine Eltern darauf?

© Matthias Stutte

Diese Geschichte wird in der Inszenierung von Ulrich Proschka sehr liebevoll umgesetzt, mit einigen wenigen, aber gut platzierten Mitmachaktionen für die jungen Zuschauer. Das Bühnen- und Kostümbild von Christine Knoll gefällt ebenfalls und beinhaltet bei der Vespa-Fahrt durch den Wald eine gelungene Videoeinspielung als besondere optische Überraschung. Die Idee, ein interaktives, märchenhaftes Musical für die Kinder von heute zu schreiben, existierte bei Frau Seefing schon lange, wie sie uns in einem Gespräch vor der Premiere verriet: „Musiktheater für Kinder zu machen liegt mir sehr am Herzen und ich konnte mich beim Schreiben aus einem großen Erfahrungsschatz bedienen. Kinder sind das ehrlichste und zugleich anspruchsvollste Publikum. Ein Bühnenstück schreiben zu dürfen, in dem ich die mir wichtigen Themen Diversität, Neurodiversität, Inklusion, bedingungslose Freundschaft und dem Schutz von Rückzugsorten in einer märchenhafte Geschichte etablieren kann war eine wunderbare Aufgabe.“ Bereits in den Vorjahren waren die beiden von Frau Seefing bearbeiten Stücke Die kleine Seejungfrau Rusalka und Die Schöne und das Biest als Kinderoper am Theater Krefeld-Mönchengladbach zu sehen. Mit Einhörner gibt es hier nicht! wurde nun erstmals eine völlig neue Geschichte von ihr als Bühnenstück für die ganze Familie geschrieben. Da das Stück eine gute Portion Humor besitzt, kann es auch erwachsene Zuschauer über 70 Minuten hinweg durchaus begeistern.

© Matthias Stutte

Begeistern kann auch die Musik, die von André Parfenov speziell für dieses Musical komponiert wurde. Es wird eine große Bandbreite an Musikstilen bedient: Von der großen Musicalballade über Rock und Pop bis hin zu einer netten Rap-Nummer und Jazz ist alles vertreten. Die Musikstücke sind hierbei stehts gut auf die Handlung abgestimmt. Frau Seefing verriet uns, dass der gesamte Entstehungsprozess fließend war und sich über rund fünf Jahre erstreckte. Zunächst erdachte sie die Geschichte, skizzierte das Libretto und erschuf die Charaktere. Dies geschah in regem Austausch mit Kindern aus ihrem Umfeld, jungen Kulturschaffenden und der hauseigenen Dramaturgin des Stücks. Parallel dazu wurde mit dem Texten der Gesangsnummern begonnen. Sobald ein Song oder Ensemble fertig getextet war, beschrieb sie André Parfenov die entsprechende Szene, in die das Lied eingebettet ist, und er begann nach gemeinsamer Auswahl der Musikrichtung mit der Komposition. Nachdem alle Gesangstexte vertont waren, haben sich die beiden noch über die instrumentalen Musikstücke wie Umbaumusik, Melodram, Applausmusik und Exitmusik ausgetauscht, bevor Herr Parfenov schließlich mit dem Arrangieren begann. Herausgekommen ist eine große Musicalpartitur, die oft sehr märchenhaft daherkommt und durch 20 Musiker und Musikerinnen der Niederrheinischen Sinfoniker unter der musikalischen Leitung von Anton Brezinka mit Violine, Bratsche, Cello, Kontrabass, E-Bass, Flöte, Klarinette, Oboe, Fagott, Trompete, Horn, Schlagzeug und Klavier einem „großen Musical” in nichts nachsteht.

© Matthias Stutte

Mit Tobias Wessler als Knut, Jeanne Jansen als Halima, Gabriela Kuhn als Trollpatsch, Antonia Busse als Königin und Markus Heinrich in der Doppelrolle des Königs und der Fee stehen auf der Bühne ganz wunderbare Darsteller des Musiktheaterensembles, die sowohl gesanglich als auch schauspielerisch überzeugen. Da Ramon Mundin, der als Prinz zur Premiere vorgesehen war, auf Grund intensiveren Proben zu Roméo et Juliette nicht wie geplant vollständig einsatzbereit war und die alternierende Gastbesetzung Pascal Schürken am Premierenwochenende in Hairspray am Staatstheater Darmstadt auf der Bühne stand, wurde die Rolle des Prinzen zur Premiere von Ramon Mundin lediglich aus dem Orchestergraben gesungen. Auf der Bühne wurde er Prinz ganz wunderbar von Henning Kallweit aus dem Schauspielensemble verkörpert, der hier auch die Sprechtexte übernahm. Bei den weiteren Aufführungen im freien Verkauf wird der Prinz dann durch Pascal Schürken verkörpert. Hinzu kommen noch über 20 Vorstellungen speziell für Schulen und Kindergärten. In der Rolle des Trollpatsches wird zukünftig alternierend auch Susanne Seefing zu sehen sein. Auf die Frage, wie es ist, in einer selbst geschriebenen Rolle auf der Bühne zu stehen, sagte sie: „Am schönsten ist es zu erleben, wie alle meine Bühnenfiguren lebendig werden. Jede einzelne Figur meiner Geschichte ist mir ans Herz gewachsen: Der emotionale Prinz, die schüchterne Halima, der coole Knut, der freundliche König, die überforderte Königin, der Minister und Dragqueen Fee. Nun zu sehen, wie sie von unserem hinreißenden Ensemble liebevoll mit Leben gefüllt werden, ist ein unfassbar schönes Gefühl. Der gutmütige steppende Trollpatsch, die Identifikationsfigur für die ganz jungen Kinder leitet alle Mitspielaktionen an. Das Animieren der Kinder wird eine große Freude für meine Doppelbesetzung Gabriela Kuhn und mich darstellen. Und jede Vorstellung wird eine neue Wundertüte an Reaktionen aus dem Zuschauerraum sein!“

© Matthias Stutte

Dies hat bei der Premiere auf jeden Fall schon sehr gut geklappt, denn die jungen Zuschauerinnen und Zuschauer hatten sichtlich Freude an diesem neuen Musical. Dass die Darsteller und Darstellerinnen nach der Vorstellung noch für Fotos im Kostüm mit den jungen Gästen zur Verfügung standen, rundet den positiven Gesamteindruck des Nachmittags ab. Insgesamt ist Einhörner gibt es hier nicht! ein Musical mit schönen Botschaften, die sich ganz natürlich aus der Handlung ergeben, und das in Kombination mit wunderbarer Musik und erstklassigen Darstellerinnen und Darstellern auf der Bühne. Dieses Stück kann man allen Familien mit Kindern ab ca. 5 Jahren nur wärmstens ans Herz legen.

Markus Lamers, 30. November 2025


Einhörner gibt es hier nicht!
Musical für Kinder ab 5 Jahren von Susanne Seefing (Idee, Dialog- und Gesangstexte) und André Parfenov (Musik)

Theater Mönchengladbach

Uraufführung: 29. November 2025

Inszenierung: Ulrich Proschka
Musikalische Leitung: Anton Brezinka
Niederrheinische Sinfoniker

Interview mit Susanne Seefing

Weitere Aufführungen: 7. Dezember, 13. Dezember, 14. Dezember und 26. Dezember