Die schwarzen Scheinwerfer
Vor vielen, vielen und noch mehr Jahren gab es an der Wiener Staatsoper einen Running Gag: Was schenkt man Herbert von Karajan zum Geburtstag? Antwort: Einen schwarzen Scheinwerfer. Und wüsste man nicht, dass Barrie Kosky seine Wiener Inszenierung von Verdis „Macbeth“ vom Juni 2021 nicht schon fünf Jahre davor in Zürich gezeigt hat, könnte man vermuten, er habe in den Rumpelkammern der Staatsoper nach diesen schwarzen Scheinwerfern gesucht und sie gefunden.

Sehr nützlich bezüglich der Sparsamkeit – man taucht die Szene drei Stunden lang permanent in Schwarz, verzichtet auf jede weitere Ausstattung, es gibt kein was, wo, warum, man braucht im Grunde nichts als Macbeth, die Lady und einen Chor, der – wenn er Shakespeares Hexen verkörpert – nackt ist. Spart die Kostüme (aber vielleicht muss man Schmerzensgeld für die Nudität zahlen?).
Man weiß, wie gewissenlos Regisseure heutzutage agieren, aber müsste ein Mann, der auch nur das geringste Gefühl für ein Stück, einen Dichter hätte, nicht davor zurückschrecken, eine Geschichte so gar nicht zu erzählen? Kein Bankett, wieder nur Macbeth und die Lady (sie haben zwei Sesseln auf der Bühne), keine Geister der Ermordeten, die Sänger dürfen sich ein wenig beuteln, wenn sie Schockhaftes vermitteln wollen. Dass jemand, der von Macbeth möglicherweise nichts weiß, auch nicht das Geringste verstehen wird – wen stört das heutzutage? Mit „So schlimm wie andere Inszenierungen ist es nicht“, wollte man mich trösten. Möglich. Aber schlimm genug.
Aus dieser schwarzen Welt tauchte – wenn er auch im langen schwarzen Kaftan wie ein Mönch wirkt, bevor er ganz zum Schluß in einem T-Shirt dasitzt, damit man die symbolischen Rabenfedern besser sieht – da taucht eine veritabler Macbeth auf. Einer, der laut Kosky auf sein Schicksal nicht neugierig ist, weil er es (vielleicht) ohnedies nur als Alptraum noch einmal erlebt. Aber wie Etienne Dupuis das singt und spielt, ist bemerkenswert. Er hat den Posa in der „Don Carlo“-Premiere und zuletzt in der jüngsten Serie der Staatsoper gesungen, aber sonst trotz einiger Hauptrollen noch nie so reüssieren können wie hier. Ein prachtvoller, samtiger Bariton, der gleicherweise durch seine Kraft (nicht zuletzt im Durchhalten) wie durch seine Ausdrucksmöglichkeiten besticht. Besonders viel darf er in dieser Inszenierung nicht spielen, wo ihn seine Lady am Nasenring herumführt, aber man glaubt ihm die permanente Verzweiflung, die kaum je durchbrochen wird. Was mit seiner Figur eigentlich geschieht, weiß nur jener, der das Werk kennt – Koskys Inszenierung bleibt da alles schuldig.
Seine Lady war Anastasia Bartoli (mit „der“ Bartoli nicht verwandt), eine Italienerin, die man nur als „rassig“ bezeichnen kann und die ihre Rolle in jeder Hinsicht furios anpackte. Technisch hat sie sich wohl auf die Attacke und auf triumphierende Spitzentöne spezialisiert, die enorme Wirkung machen. Wo es ans Mezzavoce oder gar ins Piano geht, ist diese Bartoli nicht ganz sattelfest, aber in „Mörderpartien“ (wie dieser Lady oder Abigaile oder Odabella) wird sie immer reüssieren, Zusammen mit Dupuis gab sie ein Paar ab, das den Abend lohnte.

Im übrigen kam nur Alexander Vinogradov als Banco, obzwar auch wie ein schwarzer Mönch wirkend, zur Geltung. Er hat nicht die Statur eines mächtigen slawischen Basses, wohl aber die profunde Stimme und das kratzige Timbre. Der Macduff des Najmiddin Mavlyanov hat seine berühmte Arie ziemlich niedergeschrien.
Bemerkenswert und hörenswert Francesco Ivan Ciampa am Pult der Wiener Philharmoniker, der mit seinem Schwung aus dem Orchestergraben sowohl zur Klangschönheit wie zur düsteren Dramatik des Abends beitrug.
Renate Wagner 2. Oktober 2026
Macbeth
Giuseppe Verdi
Staatsoper Wien
Besuchte Vorstellung 1. Oktober 2026
Regie: Barrie Kosk
Francesco Ivan Ciampa
Wiener Philharmoniker