Virtuosität und Humor
Die zweite Saison unter der Direktion von Alessandra Ferri wurde mit einem Dreiteiler eröffnet, das Publikum durfte sich auf einen virtuosen Abend mit Divertimento Nr. 15 von George Balanchine, Within the golden hour von Christopher Wheeldon und Rhapsody von Frederick Ashton freuen.

Divertimento Nr. 15 wurde bereits in der Saison 2024/25 – damals noch unter der Direktion Schläpfer – wieder ins Repertoire genommen, Première ebendieses Werks war in den 90er Jahren. Dieses Werk zählt vielleicht nicht zu den reißerischsten Choreografien Balanchines, eignet sich aber als guter Opener des Abends, und fordert von allen Mitwirkenden ausnahmslos eine saubere Technik. Die Tänzerinnen und Tänzer des Wiener Staatsballetts werden alle den Ansprüchen gerecht: sowohl die „Divertimento-erprobten“ Solisten Benjamin Alexander, Masayu Kimoto, Natalya Butchko, Olga Esina und Davide Dato als auch die Rollendebütantinnen Rosa Pierro, Madison Young und Ioanna Avraam begeistern durch Eleganz und Souveränität. Rosa Pierro ist mit ihrem quirligen Temperament durchaus eine Anwärterin für die nächste Erste Solotänzerin. Ioanna Avraam zeigt einmal mehr, dass ihr neben den großen Ballerinen Rollen auch das neoklassische Repertoire hervorragend liegt. Sehr nobel tanzen auch die 8 Damen Alisha Brach, Chloe Colter, Gaia Fredianelli, Isabella Knights, Zsófia Laczkó, Yelyzaveta Lazovska, Iulia Tcaciuc und Chiara Uderzo. Die Kostüme von Karinska runden das noble Gesamtbild ideal ab.
Mit Whithin the golden hour wurde ein Teil der Ballettgala (Ende Juni 2026) wieder aufgenommen und gab mit Minimal-Music ein perfektes Mittelstück. Man erlebt es ja ab und an, dass Ballettbesucher erst in Teil 2 gehen, wenn der erste Teil der „modernere“ ist, oder in der zweiten Pause gehen, sollte das „modernere“ Stück am Schluss kommen. Somit umgeht man eher leere Sitzplätze und abgesehen davon waren bereits zu Legris’ Zeiten auch zeitgenössische Tanzwerke in Wien beliebt. Man denkt hier auch mit Wehmut an die moderne Tänzerin Rebecca Horner, welche seit Mitte der vergangenen Saison als freischaffende Tänzerin bestens unterwegs ist. Wheeldons Choreografie wird allerdings nicht barfuß, sondern auf Spitze getanzt, besonders energiegeladen und brillant harmonieren Rosa Pierro und Davide Dato – dieser Erste Solotänzer ist ein Garant für Sternstunden und dazu noch einer, auf den das Wiener Publikum besonders stolz sein kann, hat er es doch vom Eleven über das Corps de Ballet, dann Halbsolist, Solist und schließlich zum Ersten Solisten geschafft. Besonders ästhetisch tanzt Elena Bottaro an der Seite von Kentaro Mitsumori, und Madison Young, welche in der Ära Legris bereits im Staatsballett tanzte – zuletzt als Solistin, bevor sie in der Ära Schläpfer nach München wechselte und dort rasch Erste Solotänzerin wurde – kam mit der Direktion Ferri als Erste Solotänzerin wieder zurück nach Wien und erfreut sowohl in Hauptpartien von Handlungsballetten als auch in zeitgenössischem Repertoire. Young tanzt einmal mehr sehr elegant mit Alessandro Frola. Ergänzt werden die drei Solisten mit acht weiteren Tänzer, welche ebenfalls durch Geschmeidigkeit glänzen: Natalya Butchko, Gaia Fredianelli, Isabella Knights, Phoebe Liggins, Victor Cagnin, Alessandro Cavallo, Trevor Hayden und Rinaldo Venuti.
Man hätte ins Programm auch den Namen des Solo-Bratschisten oder der Solo-Bratschistin des 2. Satzes schreiben können, welches nämlich mit wohlig warmem Klang zum Besten gegeben wurde. Die Solo-Violine im Vivaldi-Satz wurde von Rainer Honeck vorzüglich gespielt.
Aber wie heißt es so schön: Das Beste kommt zum Schluss, so auch hier mit der fulminanten Rhapsody, auch musikalisch ein Feuerwerk mit Klavier-Solo von Yoko Kikuchi. Diese Choreografie schuf Ashton für Mikhail Baryshnikov und Lesley Collier, beide kann man sehr wohl als Ausnahmetänzer ihrer Zeit bezeichnen. Der erst 23-jährige Antonio Casalinho ist definitiv ein Ausnahmetänzer unserer Zeit, und ein Glücksgriff für das Wiener Staatsballett. Wie er abwechselnd mit einer Schnelligkeit und dann wieder mit einer Lässigkeit und einer unfassbaren Körperkontrolle diese atemberaubende Choreografie von Ashton meistert und dabei sichtlich Freude hat, ist sensationell und wer das verpasst, der verpasst wirklich was! Und Cassandra Trenary hat das gewisse Etwas – schon bei ihrem ersten Auftritt bekommt man Gänsehaut. Sie hat nicht nur eine perfekte Technik, ohne die man so ein Werk unmöglich tanzen könnte, sondern sie sprüht vor Esprit, als hätte Ashton dieses Werk für sie choreografiert. Sie erinnert mit ihrer Leichtigkeit und Mühelosigkeit an die Weltstar-Ballerina Alina Cojocaru, welche vor 20 Jahren noch auf derselben Bühne als Giselle zu erleben war. Trenary und Casalinho zeigen an diesem Abend beispielhaft, was Weltklasse-Ballett ist!
Ebenfalls gefordert, aber souverän sind Francesca Cesaro, Sveva Gargiulo, Yelyzaveta Lazovska, Phoebe Liggins, Yo Nakajima, Chiara Uderzo, Gabriele Aime, Giorgio Fourès, Václav Lamparter, Alex Martelli, Junnosuke Nakamura und Arne Vandervelde. Wer bisher noch Nurejews Raymonda als Königsdisziplin sah, erlebt mit Ashtons Rhapsody noch eine knackig gefasste Steigerung! Der tosende Applaus war mehr als verdient!
Unter der fantasievollen Leitung von David Coleman spielt das Orchester der Wiener Staatsoper humorvoll, leidenschaftlich und präzise. Bravi!
Katharina Gebauer, 19. September 2026
Living Legacies
George Balanchine
Musik von W. A. Mozart, Christopher Wheeldon/ Ezio Bosso & Antonio Vivaldi, Frederick Ashton/Sergei Rachmaninow
Wiener Staatsoper
Premiere am 18. September 2026
Wiener Staatsballett
Dirigat: David Coleman
Orchester der Wiener Staatsoper