DER OPERNFREUND - 51.Jahrgang
Startseite
Unser Team
Impressum/Copyright
Alle Premieren 19/20
---
Kontrapunkt
Die OF-Schnuppe :-(
Der OF-Stern * :-)
Neu im Kino
Neue Silberscheiben
Neue Bücher
Oper DVDs Vergleich
Musical
-----
Aachen
Aachen Sonstige
Aarhus
Abu Dhabi
Bad Aibling
Altenburg Thüringen
Altenburg Österreich
Amsterdam DNO
Amsterdam Th. Carré
Amst. Concertgebouw
Andechs
Annaberg Buchholz
Ansbach
Antwerpen
Arnheim
Aschaffenburg
Athen
Athen Onassis Cultur
Augsburg
Avignon
Bad Hersfeld
Bad Ischl
Bad Reichenhall
Bad Staffelstein
Baden bei Wien
Baden-Baden
Badenweiler
Baku
Bamberg
Bamberg Konzerte
Barcelona
Basel Musiktheater
Basel Sprechtheater
Basel Ballett
Basel Musicaltheater
Basel Konzerte
Bayreuth Festspiele
Bayreuth Markgräfl.
Bayreuth div.
Pionteks Bayreuth
Belogradchik
Bergamo
Berlin Deutsche Oper
Berlin DO WA
Berlin Staatsoper
Berlin Staatsoper WA
Berlin Kom. Oper
Berlin Kom. Oper WA
Berlin Neuköllner Op
Berlin Konzerte
Berlin Ballett
Berlin Sonstige
Bern
Biel
Bielefeld
Bochum Ruhrtriennale
Bochum Konzerte
Bochum Sonstiges
Bologna
Bonn
Ära Weise 2003-2013
Bonn Sonstiges
Bordeaux
Bozen
Brasilien
Bratislava
Braunschweig
Braunschweig Konzert
Bregenz Festspiele
Bremen
Bremen Musikfest
Bremerhaven
Breslau
Britz Sommeroper
Brühl
Brünn Janacek Theate
Brünn Mahen -Theater
Brüssel
Brüssel Sonstige
Budapest
Budap. Erkel Theater
Budapest Sonstiges
Buenos Aires
Burgsteinfurt
Caen
Cagliari
Casciana
Chemnitz
Chicago Lyric Opera
Chicago CIBC Theatre
Coburg
Coburg Joh. Strauss
Coesfeld
Colmar
La Coruna
Cottbus
Crevoladossola
Daegu Südkorea
Darmstadt
Dehnberg
Den Haag
Dessau
Dessau Weill Fest
Detmold
Dijon
Döbeln
Dortmund
Dortmund Ballett
Dortm. Konzerthaus
Dortmund Sonstiges
Dresden Oper
Dresden Operette
Dresden Ballett
Dresden Konzert
Duisburg
Duisburg Sonstiges
MusicalhausMarientor
Düsseldorf Oper
Rheinoper Ballett
Düsseldorf Tonhalle
Düsseldorf Sonstiges
Schumann Hochschule
Ehrenbreitstein
Eisenach
Ekaterinburg
Enschede
Erfurt
Erl
Erlangen
Essen Aalto Oper
Essen Aalto Ballett
Essen Aalto WA
Essen Phil 2
Essen Phil 1
Essen Folkwang
Essen Sonstiges
Eutin
Fano
Fermo
Flensburg
Florenz
Frankfurt
Frankfurt WA
Bockenheimer Depot
Frankfurt Sonstiges
Frankfurt Alte Oper
Frankfurt Oder
Freiberg
Freiburg
Füssen
Fürth
Fulda
Sankt Gallen
Gelsenkirchen MiR
Genova
MiR Ballett
Genf
Gent
Gera
Gießen
Glyndebourne
Görlitz
Göteborg
Gotha Ekhof-Festsp.
Graz
Graz Styriarte
Graz Konzerte NEU
Graz Sonstiges
Gstaad
Gütersloh
Hagen
Halberstadt
Halle
Halle Händelfestsp.
Hamburg StOp
Hamburg StOp Wa
Hamburg Konzert
Hamburg Sonstige
Hamm
Hanau Congress Park
Hannover
Hannover Sonstiges
Heidelberg
Heidenheim Festsp.
Heilbronn
Heldritt
Helsinki
Hildesheim TfN
Hof
Hohenems
Gut Immling
Ingolstadt
Innsbruck Landesth.
Innsbruck Festwochen
Jekaterinburg
Jennersdorf
Kaiserslautern
Karlsruhe
Karlsruhe Händel
Kassel
Kawasaki (Japan)
Kiel
Kiew
Bad Kissingen
Klagenfurt
Klosterneuburg
Koblenz
Oper Köln
Wa Oper Köln
Köln Konzerte
Köln Musical Dome
Köln Sonstiges
Konstanz Kammeroper
Kopenhagen
Krummau a.d. Moldau
Krefeld
Kriebstein
Landshut
Langenlois
Bad Lauchstädt
Leipzig Oper
Leipzig Mus. Komödie
Leipzig Ballett
Leipzig Konzert
Lemberg (Ukraine)
Leoben
Leverkusen
Lille
Linz/Donau
Linz Sonstiges
Ljubljana/Laibach
Loeben
London ENO
London ROH
London Holland Park
Lucca
Ludwigshafen
Luisenburg
Lübeck
Lübeck Konzerte
Lübecker Sommer
Lüneburg
Lüttich/Liège
Luxemburg
Luzern
Luzern Sprechtheater
Lyon
Maastricht
Macerata
Madrid
Magdeburg
Mahon (Menorca)
Mailand
Mainz
Malta
Mannheim
Mannheim WA
Mannheim Konzert
Mannheim Opernstudio
Maribor/Marburg
Marseille
Martina Franca
Massa Marittima
Meiningen
Melbourne
Meran
Minden
Minsk
Miskolc
Modena
Mönchengladbach
MG Sonstiges
Mörbisch
Monte Carlo
Montpellier
Montréal
Moskau Bolschoi N St
Moskau Sonstige
München NT
München NT Wa
München Cuvilliés
MünchenPrinzregenten
München Gärtnerplatz
München Ballett
München Sonstige
Münster
Münster Konzerte
Münster Sonstiges
Muscat (Oman)
Nancy
Nantes
Neapel
Neuburger Kammeroper
Neuburg/Donau
Neustrelitz
Neuss RLT
New York MET
Nizhny Novgorod
Nordhausen
Novara
Nürnberg
Nürnberg Gluck Fest
Nürnberg Konzerte
Oberammergau
Oberhausen
Odense Dänemark
Oldenburg
Ölbronn
Oesede (Kloster)
OperKlosterNeuburg
Oslo
Osnabrück
Ostrau
Palermo
Paris Bastille
Paris Comique
Paris Garnier
P. Champs-Elysées
Théâtre du Châtelet
Paris Ballett
Paris Philharmonie
Paris Versailles
Paris Sonstiges
Parma
Passau
Pesaro
Pfäffikon
Piacenza
Pisa
Pforzheim
Plauen
Posen
Potsdam
Prag StOp
Prag Nationaltheater
Prag Ständetheater
Radebeul
Raiding
Recklinghausen
Regensburg
Reggio Emila
Remscheid
Rendsburg
Rheinsberg
Riga
Riehen
Rosenheim
Rouen
Rudolstadt
Ruhrtriennale
Saarbrücken
Saint Etienne
Salzburg Festspiele
Salzburg LT
Salzburg Osterfestsp
Salzburg Sonstiges
San Francisco
San Marino
Sankt Petersburg
Sarzana
Sassari
Savonlinna
Oper Schenkenberg
Schloss Greinberg
Schwarzenberg
Schweinfurt
Schwerin
Schwetzingen
Sevilla
Singapur
Sofia
Solingen
Spielberg
Spoleto
Staatz
Stockholm
Stralsund
Straßburg
Stuttgart
Stuttgart Ballett
Sydney
Szeged (Ungarn)
Tampere (Finnland)
Tecklenburg
Tel Aviv
Teneriffa
Toggenburg
Tokyo
Toulon
Toulouse
Tours
Trapani
Trier
Triest
Turin
Ulm
Utting
Valencia
Valle d´Itria
Venedig Malibran
Venedig La Fenice
Verona Arena
Versailles
Weimar
Wels
Wernigeröder Festsp.
Wexford
Wien Staatsoper
Wien TadW
Wien Volksoper
Wien Konzerte
Wien Ballett
Wien Sonstiges
Wiesbaden
Wiesbaden Wa
Wiesbaden Konzert
Bad Wildbad
Winterthur
Wolfenbüttel
Wolfsburg
Wunsiedel
Wuppertal
Wuppertal TE
Würzburg
Zürich
Zürich WA
Zürich Ballett
Zürich Theater 11
Zürich Konzert
Zürich Sonstiges
Zwickau
---
INTERVIEWS A - F
INTERVIEWS G - K
INTERVIEWS L - P
INTERVIEWS Q - Y
---
Bilsing in Gefahr
Herausgeber Seite
YOUTUBE Schatzkiste
NRW Vorschau
Jubiläen
HUMOR & Musikerwitze
Essay
Nationalhymnen
Leser reisen
Doku im TV
Oper im Fernsehen
Oper im Kino
Lenny Bernstein 100.
Unsitten i.d. Oper
Buckritiken alt
Wiesbaden Archiv
Christoph Zimmermann
---
---
---

 

DORNRÖSCHEN op. 66

Ballettmusik in konzertanter Aufführung,

Konzertfassung von Vladimir Jurowski

Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin

Leitung: Vladimir Jurowski

 

Kurhaus Wiesbaden, 20. Dezember 2019

 

 

Am Ende seines sehr erfolgreichen Konzertjahres präsentierte das Rheingau Musik Festival ein Sonderkonzert mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB). Auf dem Programm stand eine Rarität des Konzertrepertoires.

Als sein bestes Ballett bezeichnete Tschaikowsky sein Werk Dornröschen, welches zum Standardrepertoire der großen Ballettcompagnien gehört. 1890 erfuhr es seine Uraufführung am legendären Mariinsky-Theater in St. Petersburg. Nur selten gelangt dieses Werk konzertant zur Aufführung.

Es war ein Herzensanliegen von Chefdirigent Vladimir Jurowski mit seinem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin in einer kleinen Tournée dieses Werk in den Mittelpunkt eines langen Konzertabends zu stellen. Die Musik ist ein großes Feuerwerk der Inspiration und der Phantasie. In seinen Ballettmusiken experimentierte Tschaikowsky mit der Instrumentation. Viele Effekte daraus hielten Einzug in seinen Symphonien und Opern. Der Kampf zwischen Gut und Böse fand in dieser Partitur eine geniale, farbenfrohe Umsetzung. Vladimir Jurowski legte eine eigene Zusammenstellung des Werkes zugrunde. Mit etwas mehr als zwei Stunden konnte das Publikum tief eintauchen in die musikalische Märchenwelt des großen russischen Meister-Komponisten.

Vladimir Jurowski, der designierte GMD des Nationaltheaters München, ist dieser Tage viel unterwegs. Gerade auch auf Tournée mit seinem London Philharmonic Orchestra demonstrierte er eindrucksreich seine emotionale Verbundenheit mit der Musik seiner Heimat. Und so war es keine Überraschung, Ohrenzeuge einer musikalischen Sternstunde zu sein, wie sie kaum mitreißender vorstellbar sein dürfte.

Jurowski entfesselte mit seinem hingebungsvoll musizierenden Orchester einen nicht enden wollenden Sog der tiefen Empfindung. Innige groß ausmusizierte Phrasierungen in den Melodieverläufen sorgten für viele Wonnemomente. Immer wieder verblüffte die geradezu bildhafte Deutlichkeit des musikalischen Ausdruckes bei den Orchestermitgliedern. Selten dürfte der entzückende Tanz zwischen dem gestiefelten Kater und der weißen Katze derart illustrativ vorgetragen sein, wie es an diesem schönen Konzertabend zu erleben war. Ebenso mitreißend die rhythmischen Finessen und gewaltigen Steigerungen der Partitur. Hier konnte sich der Dirigent auch auf seine sehr differenzierten Schlagzeuger verlassen. So setzte Arndt Wahlich an der Pauke großartige, immer wieder bestens in den Gesamtklang eingebundene Akzente. Jurowsi zelebrierte jeden musikalischen Moment als würde dieser im Moment des Erklingens gerade erstmals entstehen. Jeder Takt ein edel gemalte Kostbarkeit.

Ein solcher Hochgenuss ist nur vorstellbar, wenn ein Orchester über die gebotene Spielfertigkeit verfügt und sich bereitwillig auf die Intentionen des Dirigenten einstellt. Das Rundfunk-Sinfonieorchester zeigte eine begeisternde Gesamtleistung voller Elan und ausdauernden Engagements. Der Klangkörper agierte als ein Instrument, welches mit seinem Dirigenten eine beglückende Symbiose schuf. Die Chemie zwischen dem RSB und Vladimir Jurowski stimmt. So eingeschworen agierten die Musiker und ihr charismatischer Dirigent miteinander. In allen Spielgruppen zeigte sich die hohe Klangqualität des Orchesters. Das Werk bietet nahezu allen Instrumenten immer wieder Gelegenheit, solistisch zu brillieren, was in Wiesbaden mustergültig gelang.

Ein samtiger Streicherklang, konditionsstarke Blechbläser, sensibel-kantabel intonierende Holzbläser und knackige Schlagzeugeinwürfe machten das konzertante Ballett zu einem unvergesslichen Hörerlebnis. Besondere Erwähnung müssen stellvertretend Maud Edenwald an der Harfe finden, die mit starker klanglicher Intensität an ihrem kostbaren Instrument für viele glanzvolle Momente sorgte. Großartig auch Arthur Hornig in seinem hoch kantabel vorgetragenen Cello-Solo. In einem sehr ausladenden Violin-Solo begeisterte der hoch virtuose Konzertmeister des RSB's, Erez Ofer, mit seiner außerordentlichen Souveränität und der Klangschönheit seiner Violine. 

Das Publikum zeigte sich zurecht überschäumend in seiner Begeisterung und belohnte die Ausführenden mit stehenden Ovationen!

 

Dirk Schauß, 21.12.2019

Credit © RMF / Ansgar Klostermann

 

 

Gewandhausorchester Leipzig

 

Friedrich-von-Thiersch-Saal, Kurhaus Wiesbaden, 22. August 2019

 

Anton Bruckner Sinfonie Nr. 8 c-moll WAB 108
Andris Nelsons Leitung

Beseelte Feierlichkeit

Nach dem spektakulären Konzert mit dem London Symphony Orchestra unter Sir Simon Rattle, welches eine Woche zuvor an gleicher Stelle statt fand, nun ein weiterer symphonischer Gipfelabend im Rahmen des diesjährigen Rheingau-Musikfestivals.

Eingeladen war das traditionsreiche Gewandhausorchester Leipzig mit seinem lettischen Chefdirigenten Andris Nelsons. Auf dem Programm des Abends stand mit der achten Sinfonie von Anton Bruckner dessen umfangreichste Sinfonie zur Aufführung.

Der Komponist arbeitete insgesamt fünf Jahre an seiner Sinfonie und wie so oft, folgten von ihm diverse Überarbeitungen, z.B. von Leopold Nowak, die auch Nelsons bei seinem Konzert wählte. Dirigent Hans Richter leitete schließlich die Uraufführung in der finalen Fassung im Jahr 1892.

Andris Nelsons beschäftigt sich aktuell mit einer Gesamteinspielung aller Bruckner Sinfonien mit dem Gewandhausorchester. Seine genaue Kenntnis des Werkes war jederzeit bezwingend spürbar.

Bereits im einleitenden Allegro moderato des ersten Satzes traf Nelsons hervorragend den mystischen Grundton. Schon der Auftakt machte deutlich, hier ereignet sich ein besonderer musikalischer Moment! Dann immer wieder harmonische Schärfungen und geballte klangliche Entladungen in einem großen Spannungsbogen, zuweilen in größter Vehemenz ausmusiziert. Die dynamische Bandbreite war hier bereits im Eingangssatz außergewöhnlich groß, so dass gerade dann das besonders leise Verklingen des Satzes eindrücklich geriet. Die kantabel intonierenden Holzbläser sorgten immer wieder für wohlige Ruhemomente.

Ungewöhnlich und erstmals in einer Sinfonie von Anton Bruckner, das Scherzo als zweiter Satz. Nelsons arbeitete sprübar markant die rhythmischen Akzente heraus, so z.B. sehr pointiert die Solo-Pauke am Beginn des Satzes. Auch hier waren die fabelhaften Blechbläser des Gewandhausorchesters perfekt eingestellt und im Zusammenspiel äußerst präzise. Immer wieder eine Insel der Tröstung das As-Dur Trio in der Mitte des Satzes.

Von größter Eindringlichkeit und Höhepunkt des Konzertabends war das ausladende Adagio, in welchem Bruckner u.a. die Harfen exponiert zum Einsatz brachte. Die große Verehrung Richard Wagners klingt gerade hier immer wieder überdeutlich an, sogar ein Motiv aus dessen „Siegfried“ ist zu hören. Tuben und Schlagzeug geben diesem längsten Satz aller Bruckner Sinfonien eine besondere Feierlichkeit. Und Andris Nelsons war hier ganz bei sich, hörte, fühlte und grub sich geradezu tief in die Musik hinein. Für diesen Satz nahm sich Nelsons viel Zeit, ja fast wollte die Zeit still stehen, während die Musik weiterfloss, ohne zu stocken. Sein Staunen und sein lebhafter gestischer Ausdruck wurde von dem hingebungsvoll musizierenden Gewandhausorchester geradezu symbiotisch aufgesogen. Mit größter Sensibilität und Wachsamkeit eröffneten die famosen Streicher einen filigranen, weichen und zugleich nobel tönenden Klangteppich, so dass sich dem Zuhörer ein weiter, unendlicher Klangkosmos eröffnete.

Pompös und aufrauschend dann der gewaltige Finalsatz mit seinen heftigen Paukenakzenten zu Beginn, die an eine Reiterschar denken lässt. Andris Nelsons wahrte auch hier perfekt die dynamische Balance und begann diesen Satz in einem furios nach vorne stürmenden Tempo. Faszinierend seine musikalische Klarsicht auf die z.T. verästelte musikalische Struktur und die vielen Fugatoeinschübe. Auch in den gewaltigen polyphonen Aufschichtungen gewährleistete Nelsons eine klare Transparenz bis in die Nebenstimmen hinein. Herrlich derb und markant das laute Ostinato der Solo-Pauke, gefolgt von drastisch heraus gemeißelten Dissonanzen in den Blechbläsern. Das Finale am Satzende geriet in seinem ruhigen und sehr klar gegliederten Aufbau überwältigend.

Das Gewandhausorchester Leipzig ist seit jeher intensiv mit der Musik Anton Bruckners vertraut. Es war imponierend zu erleben, wie souverän und warmstimmig alle Instrumentalgruppen miteinander musizierten. Mit höchster Konzentration, großer Ausdauer und bestechender Klangqualität zeigte das Gewandhausorchester seine herausragende Qualität, die sich fortwährend in einem edlen Klangpanorama aufzeigte. Der Klang des Orchesters ist einzigartig, wirkt samtig, golden und doch immer auch zupackend, geradezu körperlich, wenn es gefordert war. Was besonders beeindruckte, war das erlebbare Miteinander des Orchesters, die Musiker hörten aufeinander und reagierten sehr sensibel. Der warme Klang der Streichergruppe, die immer weich intonierenden Holzbläser, das majestätische, ungemein sicher, ausdauernde Blech und die fabelhaften Schlagzeuger verliehen diesem Konzert einen Ausnahmecharakter.

Es war eine Bruckner Interpretation gegen den musikalischen Zeitgeist, nicht weichgespült oder durch willkürliche interpretatorische Mätzchen verflacht. Nein, es war ein musikalisches Bekenntnis, welches Andris Nelsons mit seinem hingebungsvoll agierenden Gewandhausorchester Leipzig formulierte! Sehr subjektiv und dadurch unwiderstehlich in seiner Überzeugungskraft!

Das Publikum im ausverkauften Konzertsaal wusste diesen besonderen Abend zu würdigen und feierte Nelsons sowie das Gewandhausorchester Leipzig mit ausdauernden Intensiv-Huldigungen.

 

Dirk Schauß, 23. August 2019

Foto (c) Klostermann

 

 

Konzert mit dem London Symphony Orchestra

Janine Jansen Violine

Sir Simon Rattle Leitung

Friedrich-von-Thiersch-Saal, Kurhaus Wiesbaden, 15. August 2019

 

Joseph Haydn Sinfonie Nr. 86 D-Dur Hob I:86
Felix Mendelssohn Bartholdy Konzert für Violine und Orchester e-Moll op. 64
Sergei Rachmaninow Sinfonie Nr. 2 e-Moll op. 27

Unbedingtheit des Ausdrucks

Erstmals gastierte im Rahmen des Rheingau Musikfestivals Sir Simon Rattle. Seit September 2017 ist Rattle aktueller Chefdirigent des 1904 gegründeten London Symphony Orchestra's (LSO). Der Abend zeigte, welch gutes Bündnis da geknüpft wurde.

Zum Auftakt wählte Rattle die Sinfonie Nr. 86 von Joseph Haydn, eine der sog. Pariser Sinfonien. Sehr schön traf Rattle und sein fabelhaftes Orchester den getragenen Beginn der Einleitung, um dann im anschließenden Allegro spiritoso klar die Strukturen transparent zu musizieren. Groß dann der Kontrast im Largo des zweiten Satzes, das in seiner eher meditativen Grundstimmung einen ganz anderen Farbbogen auffächerte. Das dann folgende ausladende Menuett wirkte da schon fast etwas pompös, was völlig angemessen war. Herrlich dann auch im Wal zerteil die feinen, dezenten Rubati, die Rattle setzte. Spritzig und quirlig zugleich dann der beschließende vierte Satz. Rattle und sein Orchester agierten äußerst wach und delikat in den verschiedenen Klangschattierungen. Das LSO spielte in den Streichern ohne Vibrato, die Pauke akzentuierte mit harten Schlägeln, sekundiert von spitzen Trompetenakkorden. Jede Note erhielt eine Bedeutung und erklang dazu mit viel musikalischem Subtext. Während des ganzen Konzertabends dominierte die Unbedingtheit des Ausdrucks.

Mit Janine Jansen war eine wunderbare Solistin aufgeboten, die das viel geliebte Violinkonzert von Felix Mendelssohn Bartholdy mustergültig interpretierte. Mit Rattle verband sie eine überzeugende Zwiesprache im musikalischen Dialog, was besonders im kantablen Andante des zweiten Satzes zum Ausdruck kam. Das Orchester überzeugte als echter Partner, das in allen Gruppen eine hervorragende Qualität gewährleistete. Großartig, wie Rattle den Phrasierungen sensibel nachspürte und dynamisch perfekt gewichtete. Selten war der Orchesterpart dieses besonderen Konzertes so zwingend zu erleben. Ein Fest der Virtuosität dann im letzten Satz, in welchem die Töne der Solo-Violine sich wie erlesene Perlen aneinander reihten. Janine Jansen wirkte zu keinem Zeitpunkt routiniert, sondern hoch engagiert, tief mitfühlend. Die dynamische Abschattierung ihrer Phrasierungen geriet perfekt. Faszinierend ihre Bandbreite an Pianofärbungen, dabei jedoch immer im vollen Ton ihres herrlichen Instrumentes. Das Publikum reagierte mit riesiger Begeisterung und stehenden Ovationen. Und natürlich gab es eine Zugabe. Gemeinsam mit dem Konzertmeister des LSO's musizierte sie ein heiteres Pizzicato-Duell von Bela Bartok.

Nach der Pause zeigte Sir Simon Rattle seine besondere Verbundenheit mit der Musik von Sergej Rachmaninow. Seine 2. Sinfonie musizierte Rattle bereits mehrfach mit den Berliner Philharmonikern. Und es war eine bewegende Hörerfahrung, den endlosen melodischen Reichtum dieses herrlichen Werkes so lebhaft musiziert zu erleben.

Ursprünglich entstand die Sinfonie in den Jahren 1906/07, als Rachmaninow länger in Dresden weilte. 1908 dirigierte er selbst seine Uraufführung in St. Petersburg. Die schwärmerischen anmutenden Streicherpassagen sind ein besonderes Erlebnis und erstaunen stets aufs Neue, wie gekonnt Rachmaninow seine musikalischen Eingebungen realisierte. Dazu immer wieder berückende Soli, wie z.B. in der Solo-Klarinette des dritten Satzes. Und schlussendlich akzentreiche Schlagzeugeffekte im vierten Satz gestalten dieses Werk sehr publikumswirksam.

Ein Paradewerk für ein Spitzenorchester. Das London Symphony Orchestra ist mit dem symphonischen Werk Rachmaninows lange vertraut. So entstand u.a. eine Referenzaufnahme der 2. Sinfonie unter Leitung von Gennady Roshdestvensky und Rattles Vorgänger, Valery Gergiev, spielte mit dem LSO ebenso alle Symphonien Rachmaninows für die CD ein.

Und so zeigte das London Symphony Orchestra seine Könnerschaft in allen Belangen. Herrlich klangreich agierte der groß besetzte Streicherapparat, dabei immer wieder sensibel aufeinander reagierend. Rattle achtete stringent darauf, dass in den vielen Fugato-Passagen Transparenz und Durchhörbarkeit realisiert wurde. Rattle ist von jeher ein meisterlicher Dirigent, der mikroskopisch genau die Nebenstimmen auffächern kann. Rattle trieb dabei sein Orchester immer wieder an und hörte zugleich tief in die Strukturen hinein. Und so konnte er geradezu genüsslich die polyphone Melodieführung der Komposition als endlosen Dialog der einzelnen Stimmgruppen bezwingend ausgestalten.

Exquisite Solisten des LSOs machten die Sinfonie zu einem besonderen Erlebnis. Der Solo-Klarinettist überzeugte mit endlosem Atem und feinstem Legatogefühl. Sehr engagiert mit weichem Ton zeigte der Konzertmeister des LSOs seine spielerische Kompetenz in seinen Soli. Weich und sauber in der Intonation musizierte das viel geforderte Blech: Hörner, Trompeten, Posaunen und Tuba intonierten absolut präzise und sauber. Und ein Erlebnis für sich, war das viel geforderte Schlagzeug, das vor allem im zweiten und vierten Satz zu intensivem Einsatz kam. Faszinierend, wie klangvoll die vielen Pianissimi der Schlagbecken im zweiten Satz erklangen.

Am Ende dann großer Jubel im Publikum im ausverkauften Kurhaus und auch hier stehende Ovationen. Als Zugabe wählte Rattle einen leisen Schluss mit Eric Saties Gymnopedie. Wie delikat und feinfühlig anders zeigte sich hier der wunderbare Klangkörper, veredelt durch ein herrliches Solo der Oboe.

Ein wunderbarer Abend!

 

Dirk Schauss 16.9.2019

© RMF / Ansgar Klostermann oder © RMF / Sabine Siemon

 

 

DER OPERNFREUND  | opera@e.mail.de