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Alexander Borodin: Fürst Igor - Ouvertüre

Sergej Rachmaninov: Klavierkonzert No. 3 d-moll op. 30

Peter I. Tschaikowsky: Symphonie No. 6 h-moll „Pathétique“

Moskauer Philharmoniker

George Li, Klavier

Yuri Botnari, Leitung

 

Besuchtes Konzert im Kurhaus Wiesbaden am 31. Januar 2020

 

Im aktuellen Wiesbadener Meisterkonzert waren die traditionsreichen Moskauer Philharmoniker mit einem russischen Programm zu Gast im Kurhaus Wiesbaden.

Eine wechselvolle Geschichte erlebte die 1890 uraufgeführte Oper „Fürst Igor“ von Alexander Borodin. Dieser hinter-ließ dieses Werk unvollendet. Die Komponisten Rimsky-Korsakoff und Glasunow komplettierten die Oper, so dass es bis zum heutigen Tag zum Kernrepertoire der russischen Opernhäuser gehört. Vor allem die berühmten „Polowetzer Tänze“ und die Ouvertüre sind auch immer wieder im Konzertsaal anzutreffen.

Zum Auftakt spielten die Moskauer Philharmoniker unter Leitung ihres langjährigen Gastdirigenten Yuri Botnari eine schneidige Version der „Fürst Igor“ Ouvertüre. Klar in der Kontur und dazu schwungvoll im Grundtempo. Wuchtig und erdig erklangen die üppigen Streicher im einleitenden Sehnsuchtsmotiv, welches die Titelfigur prägnant kennzeichnet. Ungemein virtuos dann das Wechselspiel der Blechbläser, die den Weg für die Tanzrhythmen bereiteten, die in diesem Werk so präsent sind. Beste Gelegenheit also, dass die russischen Gäste ihre klanglichen Vorzüge ins beste Licht stellen konnten.

Solist des Abends war der 24jährige vielfach ausgezeichnete Pianist George Li, der sich eines der schwersten Klavierkonzerte ausgesucht hatte.

Sergej Rachmaninow komponierte mit seinem dritten Klavierkonzert ein zeitlich umfangreiches Werk mit z.T. horrenden Anforderungen an den Pianisten. Gerade einmal zwei Takte Orchestereinleitung genügen, ehe das Klavier mit leichten Oktaven einsetzt. Die kantable, prägnante Melodie gemahnt an russische Volksmusik, war aber lediglich etwas, wie Rachmaninow es formulierte, was sich von selbst formulierte. Bereits der erste Satz ist in seinen Anforderungen ein Konzert in sich, was z.T. auch der ausführlichen Kadenz geschuldet ist.

Im Adagio des zweiten Satz wird ein sensibler Ruhepunkt gebildet, in welchem Themen aus dem ersten Satz aufgegriffen und verarbeitet werden. Nahtlos ist der Übergang dann in den virtuosen Schlußsatz, welcher am Ende in einen Klangrausch größter Farbigkeit mündet und in einer kurzen Stretta endet.

Es war schon eine außergewöhnlich reife Leistung, die George Li am Flügel zeigte. Allein die technische Bewältigung dieses Konzertes geriet verblüffend souverän. Mit viel Energie und starker Kraft, vor allem in der linken Hand, bediente er die kaum spielbaren Herausforderungen mit entwaffnender Leichtigkeit. Aber er konnte auch die Dynamik zügeln und vor allem im zweiten Satz kontemplativ agieren. Der dritte Satz kam wie ein Hexentanz auf Tasten daher. Zugespitzte Tempi, unendliche Energie, rasende Akkordwechsel und doch dann auch in dem großen Cantabile am Ende des Werkes, ein deutliches Ausbremsen. Im Verein mit dem sehr sensibel reagierenden Orchester wurde nun rubatoselig ausgesungen, dass es die pure Freude war.

Und natürlich brandete mit einem Aufschrei des Publikums nach dem furiosen Finale berechtigter Jubel auf. Li dankte mit einer ruhigen Zugabe.

Die Moskauer Philharmoniker waren ein hörbar gleichberechtigter Partner. Groß ist die Nähe des Klangkörpers mit dieser Musik. Auch hier gefielen wieder die herrlichen Streicher und die sensibel agierenden Holzbläser. Aber auch Blech und Schlagzeug ergänzten bestens den unverwechselbaren Klang der Philharmoniker. Völlig souverän im Einklang mit der Musik agierte Dirigent Yuri Botnari.

 

An dieser Stelle muss die große Konzentrationsfähigkeit aller Musiker gepriesen werden. Denn während des gesamten Klavierkonzertes (!) störten permanente hohe Pfeiftöne den Genuss des Konzertes erheblich. Erst nach der Pause war es damit vorbei. Unbegreiflich ist es, dass das Abstellen derart lang dauerte. Das hat kein Musiker und kein Publikum verdient!

Im zweiten Konzertteil erklang von Peter Tschaikowsky dessen sechste Symphonie, die „Pathétique“. Ahnte Tschaikowsky sein nahendes Ende? Das Schicksal spielt motivisch auch in diesem Werk eine dominante Rolle. Die Moskauer Philharmoniker gaben der Musik alle Ehre und den großen Respekt, die diesem Meisterwerk gebührt. Yuri Botnari war erkennbar tief in das Werk eingetaucht.

Überlegen und klar ausgewogen in der dynamischen Gestaltung entfaltete die Musik ihren so besonderen unwiderstehlichen Sog. Ruppige Akzente in den Streichern, infernalisch aufspielende Blechbläser in der Durchführung des ersten Satze, kantabel tönende Holzbläser und dazu die strahlend prasselnden Beckenschläge im berühmten dritten Satz. Der dritte Satz geriet derart mitreißend, dass danach spontaner Jubel aufbrandete. Danach im vierten Satz das Sterben, ein Aushauchen der Seele, der Tod kommt mit einem vernehmlichen Schlag auf das Tam-Tam. Bis zur Unhörbarkeit erstarben die Streicher im fahlen Pianissimo. Ein langer Moment der Stille. Wunderbar.

Die Moskauer Philharmoniker zeigten sich als Orchester mit unverwechselbarem Klang. Hier agierte ein Orchester, welches in seiner Spielbegeisterung kaum zu bändigen war. Begeisternd war der große, sehr üppige Tonfall des gesamten Orchesters. Herausragend die dynamische und gestalterische Bandbreite der Blechbläser. Diese konnten auf dem Höhepunkt der Durchführung im ersten Satz die Dynamik extrem ausweiten. Dabei arbeitete Botnari spannende Farbgebungen heraus, indem er die Tuba deutlich exponierte, die sonst wunderbar in der Gruppe eingebunden erklang. Strahlend und absolut sicher musizierten die Hörner, die vor allem im dritten Satz deutliche Akzente setzen konnten. Und immer wieder eine Freude in einem russischen Orchester ist die Gruppe der Schlagzeuger. Mit welcher Verve und rhythmischen Präzision zauberten Pauke und übriges Schlagwerk begeisternde Effekte. Dazu die sehr klang-intensiven Streicher, die vor allem in den Unisono-Stellen mitreißend agieren.

Das Publikum war zurecht sehr begeistert. Und die Moskauer Philharmoniker ließen sich nicht lange bitten. Yuri Botnari gewährte großzügig drei (!) Zugaben, Tänze aus den Balletten „Dornröschen“ und „Schwanensee“. Nun agierten die Musiker derart entfesselt, stampften im spanischen Tanz rhythmisch mit den Füßen auf dem Boden, dass das Publikum vollends in Euphorie geriet. Das komplette Publikum jubelte fortwährend. Stehende Ovationen!

Ein großartiger Konzertabend!

 

Dirk Schauß

01. Februar 2020

 

 

DORNRÖSCHEN op. 66

Ballettmusik in konzertanter Aufführung,

Konzertfassung von Vladimir Jurowski

Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin

Leitung: Vladimir Jurowski

 

Kurhaus Wiesbaden, 20. Dezember 2019

 

 

Am Ende seines sehr erfolgreichen Konzertjahres präsentierte das Rheingau Musik Festival ein Sonderkonzert mit dem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin (RSB). Auf dem Programm stand eine Rarität des Konzertrepertoires.

Als sein bestes Ballett bezeichnete Tschaikowsky sein Werk Dornröschen, welches zum Standardrepertoire der großen Ballettcompagnien gehört. 1890 erfuhr es seine Uraufführung am legendären Mariinsky-Theater in St. Petersburg. Nur selten gelangt dieses Werk konzertant zur Aufführung.

Es war ein Herzensanliegen von Chefdirigent Vladimir Jurowski mit seinem Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin in einer kleinen Tournée dieses Werk in den Mittelpunkt eines langen Konzertabends zu stellen. Die Musik ist ein großes Feuerwerk der Inspiration und der Phantasie. In seinen Ballettmusiken experimentierte Tschaikowsky mit der Instrumentation. Viele Effekte daraus hielten Einzug in seinen Symphonien und Opern. Der Kampf zwischen Gut und Böse fand in dieser Partitur eine geniale, farbenfrohe Umsetzung. Vladimir Jurowski legte eine eigene Zusammenstellung des Werkes zugrunde. Mit etwas mehr als zwei Stunden konnte das Publikum tief eintauchen in die musikalische Märchenwelt des großen russischen Meister-Komponisten.

Vladimir Jurowski, der designierte GMD des Nationaltheaters München, ist dieser Tage viel unterwegs. Gerade auch auf Tournée mit seinem London Philharmonic Orchestra demonstrierte er eindrucksreich seine emotionale Verbundenheit mit der Musik seiner Heimat. Und so war es keine Überraschung, Ohrenzeuge einer musikalischen Sternstunde zu sein, wie sie kaum mitreißender vorstellbar sein dürfte.

Jurowski entfesselte mit seinem hingebungsvoll musizierenden Orchester einen nicht enden wollenden Sog der tiefen Empfindung. Innige groß ausmusizierte Phrasierungen in den Melodieverläufen sorgten für viele Wonnemomente. Immer wieder verblüffte die geradezu bildhafte Deutlichkeit des musikalischen Ausdruckes bei den Orchestermitgliedern. Selten dürfte der entzückende Tanz zwischen dem gestiefelten Kater und der weißen Katze derart illustrativ vorgetragen sein, wie es an diesem schönen Konzertabend zu erleben war. Ebenso mitreißend die rhythmischen Finessen und gewaltigen Steigerungen der Partitur. Hier konnte sich der Dirigent auch auf seine sehr differenzierten Schlagzeuger verlassen. So setzte Arndt Wahlich an der Pauke großartige, immer wieder bestens in den Gesamtklang eingebundene Akzente. Jurowsi zelebrierte jeden musikalischen Moment als würde dieser im Moment des Erklingens gerade erstmals entstehen. Jeder Takt ein edel gemalte Kostbarkeit.

Ein solcher Hochgenuss ist nur vorstellbar, wenn ein Orchester über die gebotene Spielfertigkeit verfügt und sich bereitwillig auf die Intentionen des Dirigenten einstellt. Das Rundfunk-Sinfonieorchester zeigte eine begeisternde Gesamtleistung voller Elan und ausdauernden Engagements. Der Klangkörper agierte als ein Instrument, welches mit seinem Dirigenten eine beglückende Symbiose schuf. Die Chemie zwischen dem RSB und Vladimir Jurowski stimmt. So eingeschworen agierten die Musiker und ihr charismatischer Dirigent miteinander. In allen Spielgruppen zeigte sich die hohe Klangqualität des Orchesters. Das Werk bietet nahezu allen Instrumenten immer wieder Gelegenheit, solistisch zu brillieren, was in Wiesbaden mustergültig gelang.

Ein samtiger Streicherklang, konditionsstarke Blechbläser, sensibel-kantabel intonierende Holzbläser und knackige Schlagzeugeinwürfe machten das konzertante Ballett zu einem unvergesslichen Hörerlebnis. Besondere Erwähnung müssen stellvertretend Maud Edenwald an der Harfe finden, die mit starker klanglicher Intensität an ihrem kostbaren Instrument für viele glanzvolle Momente sorgte. Großartig auch Arthur Hornig in seinem hoch kantabel vorgetragenen Cello-Solo. In einem sehr ausladenden Violin-Solo begeisterte der hoch virtuose Konzertmeister des RSB's, Erez Ofer, mit seiner außerordentlichen Souveränität und der Klangschönheit seiner Violine. 

Das Publikum zeigte sich zurecht überschäumend in seiner Begeisterung und belohnte die Ausführenden mit stehenden Ovationen!

 

Dirk Schauß, 21.12.2019

Credit © RMF / Ansgar Klostermann

 

 

Gewandhausorchester Leipzig

 

Friedrich-von-Thiersch-Saal, Kurhaus Wiesbaden, 22. August 2019

 

Anton Bruckner Sinfonie Nr. 8 c-moll WAB 108
Andris Nelsons Leitung

Beseelte Feierlichkeit

Nach dem spektakulären Konzert mit dem London Symphony Orchestra unter Sir Simon Rattle, welches eine Woche zuvor an gleicher Stelle statt fand, nun ein weiterer symphonischer Gipfelabend im Rahmen des diesjährigen Rheingau-Musikfestivals.

Eingeladen war das traditionsreiche Gewandhausorchester Leipzig mit seinem lettischen Chefdirigenten Andris Nelsons. Auf dem Programm des Abends stand mit der achten Sinfonie von Anton Bruckner dessen umfangreichste Sinfonie zur Aufführung.

Der Komponist arbeitete insgesamt fünf Jahre an seiner Sinfonie und wie so oft, folgten von ihm diverse Überarbeitungen, z.B. von Leopold Nowak, die auch Nelsons bei seinem Konzert wählte. Dirigent Hans Richter leitete schließlich die Uraufführung in der finalen Fassung im Jahr 1892.

Andris Nelsons beschäftigt sich aktuell mit einer Gesamteinspielung aller Bruckner Sinfonien mit dem Gewandhausorchester. Seine genaue Kenntnis des Werkes war jederzeit bezwingend spürbar.

Bereits im einleitenden Allegro moderato des ersten Satzes traf Nelsons hervorragend den mystischen Grundton. Schon der Auftakt machte deutlich, hier ereignet sich ein besonderer musikalischer Moment! Dann immer wieder harmonische Schärfungen und geballte klangliche Entladungen in einem großen Spannungsbogen, zuweilen in größter Vehemenz ausmusiziert. Die dynamische Bandbreite war hier bereits im Eingangssatz außergewöhnlich groß, so dass gerade dann das besonders leise Verklingen des Satzes eindrücklich geriet. Die kantabel intonierenden Holzbläser sorgten immer wieder für wohlige Ruhemomente.

Ungewöhnlich und erstmals in einer Sinfonie von Anton Bruckner, das Scherzo als zweiter Satz. Nelsons arbeitete sprübar markant die rhythmischen Akzente heraus, so z.B. sehr pointiert die Solo-Pauke am Beginn des Satzes. Auch hier waren die fabelhaften Blechbläser des Gewandhausorchesters perfekt eingestellt und im Zusammenspiel äußerst präzise. Immer wieder eine Insel der Tröstung das As-Dur Trio in der Mitte des Satzes.

Von größter Eindringlichkeit und Höhepunkt des Konzertabends war das ausladende Adagio, in welchem Bruckner u.a. die Harfen exponiert zum Einsatz brachte. Die große Verehrung Richard Wagners klingt gerade hier immer wieder überdeutlich an, sogar ein Motiv aus dessen „Siegfried“ ist zu hören. Tuben und Schlagzeug geben diesem längsten Satz aller Bruckner Sinfonien eine besondere Feierlichkeit. Und Andris Nelsons war hier ganz bei sich, hörte, fühlte und grub sich geradezu tief in die Musik hinein. Für diesen Satz nahm sich Nelsons viel Zeit, ja fast wollte die Zeit still stehen, während die Musik weiterfloss, ohne zu stocken. Sein Staunen und sein lebhafter gestischer Ausdruck wurde von dem hingebungsvoll musizierenden Gewandhausorchester geradezu symbiotisch aufgesogen. Mit größter Sensibilität und Wachsamkeit eröffneten die famosen Streicher einen filigranen, weichen und zugleich nobel tönenden Klangteppich, so dass sich dem Zuhörer ein weiter, unendlicher Klangkosmos eröffnete.

Pompös und aufrauschend dann der gewaltige Finalsatz mit seinen heftigen Paukenakzenten zu Beginn, die an eine Reiterschar denken lässt. Andris Nelsons wahrte auch hier perfekt die dynamische Balance und begann diesen Satz in einem furios nach vorne stürmenden Tempo. Faszinierend seine musikalische Klarsicht auf die z.T. verästelte musikalische Struktur und die vielen Fugatoeinschübe. Auch in den gewaltigen polyphonen Aufschichtungen gewährleistete Nelsons eine klare Transparenz bis in die Nebenstimmen hinein. Herrlich derb und markant das laute Ostinato der Solo-Pauke, gefolgt von drastisch heraus gemeißelten Dissonanzen in den Blechbläsern. Das Finale am Satzende geriet in seinem ruhigen und sehr klar gegliederten Aufbau überwältigend.

Das Gewandhausorchester Leipzig ist seit jeher intensiv mit der Musik Anton Bruckners vertraut. Es war imponierend zu erleben, wie souverän und warmstimmig alle Instrumentalgruppen miteinander musizierten. Mit höchster Konzentration, großer Ausdauer und bestechender Klangqualität zeigte das Gewandhausorchester seine herausragende Qualität, die sich fortwährend in einem edlen Klangpanorama aufzeigte. Der Klang des Orchesters ist einzigartig, wirkt samtig, golden und doch immer auch zupackend, geradezu körperlich, wenn es gefordert war. Was besonders beeindruckte, war das erlebbare Miteinander des Orchesters, die Musiker hörten aufeinander und reagierten sehr sensibel. Der warme Klang der Streichergruppe, die immer weich intonierenden Holzbläser, das majestätische, ungemein sicher, ausdauernde Blech und die fabelhaften Schlagzeuger verliehen diesem Konzert einen Ausnahmecharakter.

Es war eine Bruckner Interpretation gegen den musikalischen Zeitgeist, nicht weichgespült oder durch willkürliche interpretatorische Mätzchen verflacht. Nein, es war ein musikalisches Bekenntnis, welches Andris Nelsons mit seinem hingebungsvoll agierenden Gewandhausorchester Leipzig formulierte! Sehr subjektiv und dadurch unwiderstehlich in seiner Überzeugungskraft!

Das Publikum im ausverkauften Konzertsaal wusste diesen besonderen Abend zu würdigen und feierte Nelsons sowie das Gewandhausorchester Leipzig mit ausdauernden Intensiv-Huldigungen.

 

Dirk Schauß, 23. August 2019

Foto (c) Klostermann

 

 

Konzert mit dem London Symphony Orchestra

Janine Jansen Violine

Sir Simon Rattle Leitung

Friedrich-von-Thiersch-Saal, Kurhaus Wiesbaden, 15. August 2019

 

Joseph Haydn Sinfonie Nr. 86 D-Dur Hob I:86
Felix Mendelssohn Bartholdy Konzert für Violine und Orchester e-Moll op. 64
Sergei Rachmaninow Sinfonie Nr. 2 e-Moll op. 27

Unbedingtheit des Ausdrucks

Erstmals gastierte im Rahmen des Rheingau Musikfestivals Sir Simon Rattle. Seit September 2017 ist Rattle aktueller Chefdirigent des 1904 gegründeten London Symphony Orchestra's (LSO). Der Abend zeigte, welch gutes Bündnis da geknüpft wurde.

Zum Auftakt wählte Rattle die Sinfonie Nr. 86 von Joseph Haydn, eine der sog. Pariser Sinfonien. Sehr schön traf Rattle und sein fabelhaftes Orchester den getragenen Beginn der Einleitung, um dann im anschließenden Allegro spiritoso klar die Strukturen transparent zu musizieren. Groß dann der Kontrast im Largo des zweiten Satzes, das in seiner eher meditativen Grundstimmung einen ganz anderen Farbbogen auffächerte. Das dann folgende ausladende Menuett wirkte da schon fast etwas pompös, was völlig angemessen war. Herrlich dann auch im Wal zerteil die feinen, dezenten Rubati, die Rattle setzte. Spritzig und quirlig zugleich dann der beschließende vierte Satz. Rattle und sein Orchester agierten äußerst wach und delikat in den verschiedenen Klangschattierungen. Das LSO spielte in den Streichern ohne Vibrato, die Pauke akzentuierte mit harten Schlägeln, sekundiert von spitzen Trompetenakkorden. Jede Note erhielt eine Bedeutung und erklang dazu mit viel musikalischem Subtext. Während des ganzen Konzertabends dominierte die Unbedingtheit des Ausdrucks.

Mit Janine Jansen war eine wunderbare Solistin aufgeboten, die das viel geliebte Violinkonzert von Felix Mendelssohn Bartholdy mustergültig interpretierte. Mit Rattle verband sie eine überzeugende Zwiesprache im musikalischen Dialog, was besonders im kantablen Andante des zweiten Satzes zum Ausdruck kam. Das Orchester überzeugte als echter Partner, das in allen Gruppen eine hervorragende Qualität gewährleistete. Großartig, wie Rattle den Phrasierungen sensibel nachspürte und dynamisch perfekt gewichtete. Selten war der Orchesterpart dieses besonderen Konzertes so zwingend zu erleben. Ein Fest der Virtuosität dann im letzten Satz, in welchem die Töne der Solo-Violine sich wie erlesene Perlen aneinander reihten. Janine Jansen wirkte zu keinem Zeitpunkt routiniert, sondern hoch engagiert, tief mitfühlend. Die dynamische Abschattierung ihrer Phrasierungen geriet perfekt. Faszinierend ihre Bandbreite an Pianofärbungen, dabei jedoch immer im vollen Ton ihres herrlichen Instrumentes. Das Publikum reagierte mit riesiger Begeisterung und stehenden Ovationen. Und natürlich gab es eine Zugabe. Gemeinsam mit dem Konzertmeister des LSO's musizierte sie ein heiteres Pizzicato-Duell von Bela Bartok.

Nach der Pause zeigte Sir Simon Rattle seine besondere Verbundenheit mit der Musik von Sergej Rachmaninow. Seine 2. Sinfonie musizierte Rattle bereits mehrfach mit den Berliner Philharmonikern. Und es war eine bewegende Hörerfahrung, den endlosen melodischen Reichtum dieses herrlichen Werkes so lebhaft musiziert zu erleben.

Ursprünglich entstand die Sinfonie in den Jahren 1906/07, als Rachmaninow länger in Dresden weilte. 1908 dirigierte er selbst seine Uraufführung in St. Petersburg. Die schwärmerischen anmutenden Streicherpassagen sind ein besonderes Erlebnis und erstaunen stets aufs Neue, wie gekonnt Rachmaninow seine musikalischen Eingebungen realisierte. Dazu immer wieder berückende Soli, wie z.B. in der Solo-Klarinette des dritten Satzes. Und schlussendlich akzentreiche Schlagzeugeffekte im vierten Satz gestalten dieses Werk sehr publikumswirksam.

Ein Paradewerk für ein Spitzenorchester. Das London Symphony Orchestra ist mit dem symphonischen Werk Rachmaninows lange vertraut. So entstand u.a. eine Referenzaufnahme der 2. Sinfonie unter Leitung von Gennady Roshdestvensky und Rattles Vorgänger, Valery Gergiev, spielte mit dem LSO ebenso alle Symphonien Rachmaninows für die CD ein.

Und so zeigte das London Symphony Orchestra seine Könnerschaft in allen Belangen. Herrlich klangreich agierte der groß besetzte Streicherapparat, dabei immer wieder sensibel aufeinander reagierend. Rattle achtete stringent darauf, dass in den vielen Fugato-Passagen Transparenz und Durchhörbarkeit realisiert wurde. Rattle ist von jeher ein meisterlicher Dirigent, der mikroskopisch genau die Nebenstimmen auffächern kann. Rattle trieb dabei sein Orchester immer wieder an und hörte zugleich tief in die Strukturen hinein. Und so konnte er geradezu genüsslich die polyphone Melodieführung der Komposition als endlosen Dialog der einzelnen Stimmgruppen bezwingend ausgestalten.

Exquisite Solisten des LSOs machten die Sinfonie zu einem besonderen Erlebnis. Der Solo-Klarinettist überzeugte mit endlosem Atem und feinstem Legatogefühl. Sehr engagiert mit weichem Ton zeigte der Konzertmeister des LSOs seine spielerische Kompetenz in seinen Soli. Weich und sauber in der Intonation musizierte das viel geforderte Blech: Hörner, Trompeten, Posaunen und Tuba intonierten absolut präzise und sauber. Und ein Erlebnis für sich, war das viel geforderte Schlagzeug, das vor allem im zweiten und vierten Satz zu intensivem Einsatz kam. Faszinierend, wie klangvoll die vielen Pianissimi der Schlagbecken im zweiten Satz erklangen.

Am Ende dann großer Jubel im Publikum im ausverkauften Kurhaus und auch hier stehende Ovationen. Als Zugabe wählte Rattle einen leisen Schluss mit Eric Saties Gymnopedie. Wie delikat und feinfühlig anders zeigte sich hier der wunderbare Klangkörper, veredelt durch ein herrliches Solo der Oboe.

Ein wunderbarer Abend!

 

Dirk Schauss 16.9.2019

© RMF / Ansgar Klostermann oder © RMF / Sabine Siemon

 

 

DER OPERNFREUND  | opera@e.mail.de