Wiesbaden, Konzert: „London Philharmonic Orchestra“, Edward Gardner, Jan Lisiecki

Am Abend des 1. September 2023 füllte eine erwartungsvolle Atmosphäre den Friedrich-von-Thiersch-Saal im Kurhaus Wiesbaden, als das London Philharmonic Orchestra unter der leidenschaftlichen Leitung von Edward Gardner gemeinsam mit dem hochgelobten kanadischen Pianisten Jan Lisiecki auftrat. Das Programm versprach einen Abend voller musikalischer Genüsse mit Edvard Griegs Klavierkonzert a-Moll, Op. 16 und Edward Elgars monumentaler Sinfonie Nr. 1 As-Dur, Op. 55.

Die Bühne gehörte zunächst dem jungen Pianisten Jan Lisiecki, der mit seinem Klavierspiel das berühmte Klavierkonzert von Edvard Grieg zum Leben erweckte. Griegs Werk, das im Jahr 1869 uraufgeführt wurde, weist Parallelen zu Schumanns Klavierkonzert in derselben Grundtonart auf und fasziniert durch seine klangliche und emotionale Tiefe. Lisiecki betrat die Bühne mit einer Aura unerschütterlicher Hingabe und begann den ersten Satz mit einer flammenden Intensität. Sein Spiel war geprägt von einer eindrucksvollen Dynamik, bei der kraftvolle Forte-Passagen in sanften Nuancen aufgelöst wurden, als ob er die gesamte Bandbreite menschlicher Emotionen auf den Tasten ausdrückte. Der Pianist spielte immer im Dialog, ob mit sich selbst oder dem ihn begleitenden Orchester. Die gewaltige Kadenz war ein dynamisches Kaleidoskop voller Farbwechsel, mit höchster Kunstfertigkeit dargeboten. Lisieckis Interpretation des berühmten Adagios war ein Höhepunkt des Abends. Seine Finger schwebten förmlich über die Tasten, während er die zarten Melodien mit einer anrührenden Sensibilität interpretierte.

© Ansgar Klostermann

Die Zeit schien stillzustehen, als er das Publikum in einen Zustand intensiver Kontemplation versetzte. Jede Note war durchdrungen von einer tiefen emotionalen Ausdruckskraft, und Lisiecki verstand es meisterhaft, die musikalische Erzählung von Grieg mit seiner außergewöhnlichen Hingabe zu vermitteln. Im Allegro Finale vereinten sich alle musikalischen Kräfte zu einem kraftvollen Schlussakkord. Lisieckis Virtuosität und leidenschaftliche Spielweise ließen das London Philharmonic Orchestra unter Gardner zu neuen Höhen aufsteigen. Die Melodien des norwegischen Springtanzes, die im Schlusssatz präsent sind, wurden von ihm mitreißend dargeboten, während er das London Philharmonic Orchestra und Edward Gardner mit Leichtigkeit mitnahm. Das London Philharmonic Orchestra erwies sich als hervorragender Partner für Lisiecki. Die Begleitung war aufmerksam und sensibel, und die Soli von Flöte, Horn und Cello erstrahlten in exzellenten Interpretationen. Die Wechselwirkung zwischen Jan Lisiecki am Klavier und Edward Gardner am Dirigentenpult war spürbar, da sie sich die musikalischen Bälle begeisternd zuspielten. Gardners Leitung ermöglichte es dem Orchester, in den Höhepunkten des Konzerts aufzutrumpfen und Griegs Komposition auf höchstem Niveau zu präsentieren. Das Publikum feierte begeistert die Künstler und Jan Lisiecki bedankte sich mit der sehr persönlich gestalteten Es-Dur Nocturne von Frédéric Chopin.

Nach der Pause trat das London Philharmonic Orchestra allein in den Fokus, um Edward Elgars eindrucksvolle Sinfonie Nr. 1 As-Dur aufzuführen. Diese Sinfonie, eine Reflexion über Konflikte und Veränderungen, spiegelt die turbulenten Zeiten wider, in denen sie komponiert wurde. Es ist ein in Teilen unzugänglicher symphonischer Koloss, der ständig auf der Flucht vor sich selbst wirkt. Die Proportionen erscheinen sehr uneinheitlich, so als wäre der Zuhörer Gast in der Kompositionsküche Elgars. Ständig verändert die Musik ihren Duktus. Große Themen, wie etwa das herrliche Marschthema im ersten Satz, bleiben nur kurze Episode. Lediglich im dritten Satz, einem gelungenen Adagio, kommt Elgar zur Ruhe und damit zu sich selbst. Viel orchestrales Getöse also auf Kosten klarer Themenentwicklung. Sicherlich kein Meisterwerk, aber in Summe durchaus hörenswert, da für endlos viel Abwechslung gesorgt wurde. Unter Edward Gardners energiegeladener Leitung nahm das Orchester die Zuhörer mit auf diese ambivalente Reise der kompositorischen Reizüberflutung. Der erste Satz, geprägt von einem markanten Motto-Thema, wurde von den Streichern mit nobler Würde vorgetragen. Gardner verstand es, die rhythmische Klarheit zu bewahren, während er die orchestrale Klangkulisse formte. Im Scherzo brillierte das Orchester mit einem spielerischen Militarismus, der die Kontraste der Sinfonie verdeutlichte. Höhepunkt war zweifellos der Übergang zum langsamen Satz. Gardners Dirigat verlieh diesem Moment eine besondere Magie, und das Adagio selbst wurde zu einem Höhepunkt des Konzerts. Das London Philharmonic Orchestra entfaltete eine breite Palette an Farben und Emotionen, während es die lyrischen Themen von Elgar mit einer unvergleichlichen Intensität interpretierte. Das Finale der Sinfonie wurde von Gardner umsichtig gestaltet. Er hielt die emotionalen Spannungen geschickt in Zaum und ließ das Orchester in einem aufblühen.

© Ansgar Klostermann

Die Vielschichtigkeit der Partitur wurde unter seiner Leitung lebendig, und das London Philharmonic Orchestra zeigte sich als Meister seines Fachs und präsentierte sich erneut in beeindruckender Form. In edler Sonorität erklangen die Streicher, während die Holzbläser mit klanglicher Vielfalt brillierten. Die Blechbläser setzten markante Akzente und trugen zur Erzeugung einer kraftvollen Klangkulisse bei. Auf den Punkt agierte sehr präzise das Schlagzeug. Das Publikum feierte die seltene Begegnung mit Elgars Sinfonie ausdauernd. Als Zugabe noch einmal Musik aus dessen Feder. Mit „Nimrod“ aus den „Enigma Variations“ erklang die ergreifenste Musik, die Elgar niederschrieb. Allerdings geriet die Umsetzung dieses Meisterstücks ziemlich enttäuschend. Das Orchester spielte fabelhaft, aber Edward Gardner ging im Sauseschritt durch diese herrlichen Minuten und verschenkte dynamisch und gestalterisch nahezu alles, was in dieser Kostbarkeit enthalten ist. Vielleicht hätte ihm einer von Elgars Märschen besser gelegen. Schade.

Abgesehen von dieser eiskalten Gefühlsdusche am Schluss war es ein beeindruckendes Konzert, welches maßgeblich durch das herausragende Klavierspiel von Jan Lisiecki und die orchestrale Klasse des groß aufspielenden London Philharmonic Orchestras bestimmt wurde.

Dirk Schauß, 3. September 2023


Kurhaus Wiesbaden,
Friedrich-von-Thiersch-Saal, Wiesbaden,
1. September 2023

Edvard Grieg – Klavierkonzert a-Moll op. 16
Edward Elgar – Sinfonie Nr. 1 As-Dur op. 55

Jan Lisiecki, Klavier
London Philharmonic Orchestra
Edward Gardner, Leitung