Manuel Schmitt hat 2024 einen Doppelabend in der Oper Wuppertal inszeniert, der unter der Leitung des GMD Patrick Hahn am 7. April 2024 umjubelte Premiere hatte. Zur Wiederaufnahme unter dem Nachdirigat von Yorgos Ziavras bin ich gefahren, weil „Der Wald“ als Wiederentdeckung des Jahres 2024 nominiert war. Der Abend hat alles, was ein spannender Opernabend braucht: zwei kurze, zeitlose Stücke, die zu einem Gesamtkunstwerk verschmelzen, hervorragende Protagonisten und eine Regie, die Spannung erzeugt. Während die Mono-Oper „Erwartung“ von Schönberg als Klassiker der Moderne gilt, ist Ethel Smyths „Der Wald“, eine echte Wiederentdeckung, der Tatsache geschuldet, dass Musik von Komponistinnen früher nicht ernstgenommen wurde. Dabei hatte Ethel Smyth damit den Durchbruch einer komponierenden Frau 1903 an der Metropolitan Opera New York.

Arnold Schönberg, Erfinder der Zwölftonmusik, sah bereits 1909 die „Emanzipation der Dissonanz“ als intellektuelle Herausforderung. Mit dem Monodram „Erwartung“ kreierte er eine ganz neue, expressive Form des Musiktheaters. Dasgroß besetzte Orchester erzeugt mit zum Teil dissonanten Klängen die düstere Waldstimmung, in der Hanna Larissa Naujoks die wahnhaften Gedanken einer namenlosen Frau und ihre eskalierende Panik mit extremen Intervallsprüngen ausdrückt. Das Unheil ist bereits passiert. Entstanden ist das Libretto zu „Erwartung“ im Sommer 1909. Schönberg lernte die Librettistin, die 26-jährige Marie Pappenheim, eine angehende Dermatologin, kennen, die unter Pseudonym Gedichte veröffentlicht hatte, und die in ganz kurzer Zeit das Libretto verfasste. Wir erleben ein expressionistisches Wechselbad der Gefühle von Hoffnung und Angst. Dissonanzen im üppig besetzten Orchester drücken die Panik der Frau aus. Das Bühnenbild und die Kostüme von Julia Katharina Berndt verorten die Handlung in einem geschlossenen Raum, es könnte die Rezeption eines Hotels sein, mit dem expressionistischen Gemälde eines wuchernden Waldes, das sich mittels einer Projektion auf den gesamten Raum ausbreitet. Die Frau trägt ein langes weißes Abendkleid, darüber einen dunkelblauen Mantel. Dramatischer Höhepunkt ist, dass die Frau mit den Füßen gegen eine Leiche stößt … derjenigen ihres Geliebten. Das Motiv des Waldes wird zur Projektionsfläche für die Abgründe der menschlichen Seele. Es könnte die Komposition einer posttraumatischen Belastungsstörung sein, die Schönberg 1909 vollendete. Sein Schwager Alexander von Zemlinsky dirigierte die Uraufführung 1924 in Prag. Erst im November 1985 folgte eine weitere Aufführung unter Ulf Schirmer in der Wiener Staatsoper in der Regie von Götz Friedrich zusammen mit Bartóks Herzog Blaubarts Burg. Mittlerweile gilt Schönbergs Frühwerk „Erwartung“ als Klassiker der Moderne.
Die hochromantische deutsche Oper „Der Wald“ wurde am 7. April 2024 erstmals wieder aufgeführt. Es ist ein Einakter mit 70 Minuten Dauer und war 1903 die erste von einer Komponistin, die selbst das Libretto schrieb, geschaffene Oper, die mit großem Publikumserfolg an der Metropolitan Opera aufgeführt wurde, zuerst als Doppelabend mit Verdis „Troubadour“, später mit Donizettis „Fille du Regiment“. Nach mehr als 100 Jahren griff Patrick Hahn das Werk auf. Es ist vordergründig eine Wilderer-Geschichte und ähnelt im Setting Carl Maria von Webers „Freischütz“, denn auch hier spielt die Handlung am Vorabend der Hochzeit des jungen Paares, Röschen und Heinrich. Musikalisch steht es in der Tradition von Brahms und Wagner, denn das groß besetzte Orchester kreiert klug instrumentierte Stimmungen. Es gibt allerdings keine finsteren Mächte, sondern nur die sehr fordernde Geliebte des Landgrafen, Jolanthe, die Gefallen an dem jungen Burschen gefunden hat und ihn zu ihrem Leibjäger machen will. Grund für die Katastrophe ist, dass Heinrich selbst ein Reh gewildert hat, das als Hochzeitsbraten zubereitet werden soll und ihn ans Messer des strengen, von Jolanthe düpierten Landgrafen liefert. Zunächst gerät der fahrende Händler Peter in Verdacht, aber der hat den Wildfrevel gesehen und verrät Heinrich, um selbst nicht hingerichtet zu werden.

Röschen fleht Heinrich an, sich Jolanthe anzuschießen, um sein Leben zu retten, aber Heinrich akzeptiert seine Strafe und geht in den Tod. Die Männer in dieser Oper wirken eher schwach und blass, Röschen dagegen sensibel und aufopfernd, Jolanthe fordernd und selbstbewusst. Das Liebespaar Röschen und Heinrich wird mit wunderschönen Lyrismen dargestellt. Umso betroffener ist man, dass Heinrich die Chance, seine Liebe auszuleben, wegen einer gedankenlosen Wilderei aufs Spiel gesetzt hat. Der Chor der Waldgeister am Anfang und am Schluss (Choreinstudierung Ulrich Zippelius) reflektiert die Handlung: Die Vergänglichkeit des Lebens im Kontrast zur Beständigkeit der Natur steht im Fokus. Der Wald dient als Projektionsfläche für Ängste. Dieser Aspekt wird in „Erwartung“ bereits angesprochen.
In der Inszenierung von Manuel Schmitt ergänzen sich die beiden Werke zu einem einheitlichen Gesamtkunstwerk, das die geheimnisvollen und düsteren Seiten der menschlichen Psyche beleuchtet. Die Geschichte, die Röschen erlebt hat, passt genau zu den Assoziationen der namenlosen Frau, denn der todgeweihte Heinrich und der kecke Hausierer Peter sowie das gewilderte Reh tauchen als Bilder aus „Der Wald“ in „Erwartung“ auf, und die namenlose Frau aus „Erwartung“ schließt sich zitternd dem Schlusschor von „Der Wald“ an. Die drei Frauengestalten verkörpern mit gleichen Frisuren – rote Lockenperücken – verschiedene Frauentypen. Hier die lyrische Sopranistin Marya Taniguchi als das fromme, romantische Röschen, daneben Edith Grossmann Jolanta als die selbstbewusste Frau, die den naiven Holzfäller attraktiv findet und ihn als ihren Jäger verpflichten will. Dazu passt die panische Frau Hanna Larissa Naujoks aus „Erwartung“, die ein schreckliches Erlebnis in einem psychotischen Schub verarbeitet. Man fragt sich: „Was ist passiert?“ Der Übergang könnte den Hinweis geben, denn die Frau nimmt die Axt, die der herumgeisternde Heinrich liegen gelassen hat, zerhackt das Bild, und es öffnet sich die Szenerie des Hochzeitsvorabends.
Musikalisch erinnert „Der Wald“ eher an Brahms und Wagner, eine Erholung nach der mit Dissonanzen anstrengenden „Erwartung“. Die beiden Musikstile vereint, dass sie ein großes, reich instrumentiertes Orchester verwenden, wie es zu Beginn des 20. Jahrhunderts üblich war. Dramaturgisch ist die Kombination der beiden Werke ein Geniestreich, denn „Der Wald“ gibt eine mögliche Antwort. Ethel Smyth war zweifellos eine gute Komponistin, aber die Avantgarde, vertreten durch Arnold Schönberg und Alban Berg, hat sie weit hinter sich gelassen. Der Besuch dieser bemerkenswerten Produktion hat sich gelohnt, denn es war spannend wie ein Krimi.
*Fotos aus der Premierensaison 2023/24
Ursula Hartlapp-Lindemeyer 18. Februar 2025
Der Wald / Erwartung
Ethel Smith / Arnold Schönberg
Wuppertaler Bühnen
Wiederaufnahme 8. Februar 2026
Inszenierung: Manuel Schmitt
Dirigat: Jorgos Ziavras
Sinfonieorchester Wuppertal