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Über BALLETT in und um Wien berichtet für Sie

Katharina Gebauer

(c) Kiss

 

 

ONEGIN

Wiener Staatsballett am 10.4.2017

Immer wieder atemberaubend schön

Nach einigen Rollendebüts in den vergangenen Vorstellungen von John Crankos „Onegin“ steht zur Abwechslung wieder einmal eine „altbekannte“ Besetzung am Spielplan – Routine kann man dies allerdings nicht nennen, da die Solisten darstellerisch mit jeder weiteren Vorstellung noch mehr in die Tiefe gehen. Dass die ganzen Pas de deux reibungslos ablaufen, ist nur ein angenehmer Nebeneffekt, da der Schwerpunkt auf der dramatischen Interpretation liegt.

 

Roman Lazik in der Titelrolle hat in den letzten Jahren an Facettenreichtum gewonnen, er mimt überzeugend den eitlen Dandy, aber stets mit Stil – es ist nunmal gerade bei dieser Partie eine Gratwanderung, dass es nicht durch zu grosse Affektiertheit ins Lächerliche gezogen wird – und im 3. Akt wird er glaubhaft zum geläuterten und verzweifelt liebenden Mann. Abgesehen davon hat Lazik unumstritten eine hervorragende Technik, als Partner ist er absolut verlässlich und besonders schön (und sauber!) gelingt ihm die Variation in der 1. Szene. Kongenial dazu ist die ausdrucksstarke Nina Polakova als Tatjana, mit einer genauso gepflegten Technik. Die beiden harmonieren wunderbar miteinander, der Spiegel-Pas de deux ist atemberaubend schön, das ist klassisches Ballett auf höchstem Niveau. Fast möchte man in der Schlussszene mit Polakova mitweinen, die ihr dramatisches Talent auf sehr edle Art zum Besten gibt.

Als liebliche Olga entzückt die souveräne Alice Firenze, und Masayu Kimoto punktet mit weich landenden Sprüngen und überzeugt als schwärmerisch-verliebter Lenski. Alexis Forabosco schliesslich gibt einen sehr noblen Gremin, während das Corps de Ballet durch Harmonie glänzt.

 Das Orchester der Wiener Staatsoper spielt schwungvoll unter der Leitung von Guillermo Garcia Calvo, welcher mehrmals kleinere Uneinigkeiten ausbügelt und mit grossem Applaus belohnt wird.

Wie schön eine Repertoire-Vorstellung sein kann, zeigt das Wiener Staatsballett einmal mehr. Und so fallen einem mit jeder weiteren Vorstellung neue Details auf, sei es ein kurzer, aber deutlicher Blick von Gremin an Onegin nach Tatjanas Variation im 2. Akt, oder wie brillant eigentlich die Corps Herren im 1. Bild ihre Sprünge meistern.

Katharina Gebauer 13.4.2017

Bilder (c) Staatsballett

 

LE PAVILLON D´ARMIDE / LE SACRE DU PRINTEMPS

Geballte Kraft und geglückte Rollendebüts

Nach einer fast dreiwöchigen Pause steht der Neumeier-Abend mit zahlreichen Rollendebüts erneut am Spielplan des Wiener Staatsballetts. „Le Pavillon d'Armide“ ist eine Hommage an Vaslaw Nijinsky, in welcher Neumeier (Choreographie, Bühnenbild, Kostüme und Licht) sehr gekonnt den Übergang von Gegenwart in die Vergangenheit verschwimmen lässt und klassische Elemente mit Ausdruckstanz vereint. Die Musik stammt von Nikolai Tscherepnin.

Und auch die zweite Besetzung ist vielseitig und souverän. Es ist eine grosse Freude, dass der gerade einmal 20 Jahre junge Solotänzer Jakob Feyferlik nicht nur eine äusserst gute Technik hat, sondern vor allem auch darstellerisch auf ganzer Linie in seiner ersten Vorstellung überzeugt! Da ist es schon prädestiniert, dass er auch zahlreiche andere Hauptpartien (Romeo, Schwanensee-Prinz, Onegin – dies nur als Anregung, derweil sind diese Rollen noch Zukunftsmusik) sehr gut interpretieren wird. Ioanna Avraam als Romola Nijinsky hat eine wunderschöne, ruhige Ausstrahlung und brilliert auch als Armide. Man darf sehr gespannt auf ihr Rollendebüt im April als Giselle Rouge an der Wiener Volksoper sein; nach ihren letzten vielversprechenden Vorstellungen ist die Vorfreude umso grösser.

Hervorragend ist einmal mehr Premierenbesetzung Roman Lazik als Arzt, bzw. als Serge Diaghilew. Im Pas de trois – Rollendebüt für alle drei - reüssieren die technisch perfekte Liudmila Konovalova, die elfengleiche Natascha Mair, welche die Freude am Tanzen besonders gut vermitteln kann, und der grossartige, sprungfreudige Davide Dato. Auch das Rollendebüt von Masayu Kimoto im danse siamoise erfreut durch Souveränität. Und das Corps de Ballet schliesslich glänzt durch Harmonie und Vielseitigkeit, denn nach der Pause geht es kraftvoll mit „Le Sacre“ weiter und fordert ausnahmslos jeden Tänzer.

Rollendebüts im 2. Teil gibt es bei Nikisha Fogo und Zsolt Török, sowie vereinzelten Corps-Herren, alle anderen haben bereits die Premiere getanzt. Und dieser „Sacre“ ist ein sehenswertes Meisterwerk, packend vom ersten Moment an, ein geschmeidiges und kraftvolles Zusammenspiel von Tanz und Lichtgestaltung, vereint mit der genialen Musik von Igor Strawinsky. Dass das Wiener Staatsballett in erster Linie eine klassisch fundierte Technik hat, sieht man unweigerlich an der exzellenten Fussarbeit eines jeden einzelnen, aber es mangelt nicht im Geringsten an Ausdruckskraft und Geschmeidigkeit. Gerade solche flexiblen Tänzer, wie Alice Firenze, Nikisha Fogo, Eszter Ledan, aber auch Zsolt Török und Masayu Kimoto können sowohl im Klassischen, wie auch im Modernen brillieren, und Francesco Costa beeindruckt mit seinen atemberaubenden Sprüngen (eigentlich „Flüge“).

Last but not least, der fulminante Schlusstanz von Rebecca Horner: In John Neumeiers Version ist die Solistin die letzten fünf Minuten ganz alleine auf der Bühne (in vielen anderen Versionen tanzt sich das auserwählte Opfer umringt vom Corps de Ballet zu Tode), und hat die ganze Bühne (schwarzer Hintergrund und Verfolger) zu füllen. Eine enorme Herausforderung, nicht nur von der tänzerischen Kondition her, sondern vor allem auch emotional, mit geballter Kraft diese fünf Minuten durchzustehen und nonstop mit Bühnenpräsenz dazusein, keine Chance, kurz unauffällig zu verschnaufen. Und Rebecca Horner meistert dies fabelhaft! Sie tanzt nicht nur die Choreographie, nein, sie lebt jeden Moment bis in die Fingerspitzen, ist eins mit der Musik und fühlt den Rhythmus, wie es sonst keine andere vermag! Eine sensationelle Leistung, für die sie absolut zu Recht nach der Premiere im Februar zur Solotänzerin ernannt wurde.

Unter der Leitung von Michael Boder spielt das Orchester der Wiener Staatsoper herausragend gut, insbesondere der Sacre wird zu einer Sternstunde!

Folgevorstellungen: 13. und 16. März 2017

Katharina Gebauer 16.3.2017

Bilder (c) Staatsballett

 

ONEGIN

Wiener Staatsoper am 01.03.2017

Gelungenes Rollendebüt

 

Der leidenschaftliche Klassiker von John Cranko steht wieder am Spielplan des Wiener Staatsballetts, und wartet mit dem langersehnten Rollendebüt von Maria Yakovleva als Tatjana auf!

Sieben Jahre musste die Erste Solotänzerin Maria Yakovleva auf ihr Debüt als Tatjana warten – bereits 2010 war sie in einer Besetzung vorgesehen, und war dann aber vom Aussehen her „zu jung“. Nun ist es endlich soweit und wird der hohen Erwartungshaltung mehr als gerecht. Technisch hätte sie die Partie sowieso auch 2010 mühelos tanzen können, und mit Eno Peci hat sie einen versierten, verlässlichen Partner, mit dem die Hebefiguren in den Pas de deux bestens funktionieren. Darstellerisch glückt ihr das jugendlich-verliebte Mädchen genauso überzeugend, wie die um Fassung ringende, hin-und hergerissene erwachsene Frau und die Schlussszene ist mitreissend dramatisch, aber nie aufgesetzt. Mit diesem gelungenen Rollendebüt ist Maria Yakovleva eindeutig bereit für dramatische Partien, und man darf sich auf drei weitere Vorstellungen mit ihr als Tatjana in dieser Saison freuen.

Eno Peci, bereits seit elf Jahren als Onegin zu erleben, überzeugt durch Noblesse und in der Schlussszene, sowie auch in der Duellszene durch starke Emotionen.

Bezaubernd und souverän ist Natascha Mair als kokette Olga, die aber nicht (wie man es oft von anderen durchaus soliden Besetzungen erlebt) in Oberflächlichkeit erstarrt, sondern sehr wohl auch starke Gefühle zeigen kann. Hervorragend glückt ihr der Pas de deux mit Lenski - einer der wohl technisch schwierigsten Momente des ganzen Stücks, da ist es schlichtweg ein Genuss, wie mühelos die beiden reüssieren! - und Denys Cherevychko ist ein leidenschaftlicher, schwärmerischer Lenski, dessen Sprünge stets weich landen. Alexandru Tcacenco als edler Fürst Gremin, sowie die schrullig-sympathische Franziska Wallner-Hollinek als Amme und Erika Kovacova als motivierte Madame Larina runden das Solistenensemble ab.

Das Corps de Ballet ist einmal mehr harmonisch und souverän, und grossen Applaus gibt es auch für das Orchester der Wiener Staatsoper und Dirigent Guillermo Garcia Calvo, welcher einige kleinere Unstimmigkeiten im 2. Akt heldenhaft rettete.

Folgevorstellungen: 4., 22. März, 4., 10. und 12. April 2017 (4.3.: dieselbe Besetzung wie 1.3., 22.3. und 4.4.: Yakovleva, Lazik, Fogo*, Dato, 10. und 12.4.: Polakova, Lazik, Firenze, Kimoto, *= Rollendebüt von Nikisha Fogo als Olga)

Katharina Gebauer 3.3.2017

Bilder (c) Staatsballett

 

RAYMONDA

Derniere am 08.01.2017

Krönender Abschluss

Mit der letzten „Raymonda“-Vorstellung in dieser Saison schafft es das Wiener Staatsballett, sich noch einmal zu steigern und die Vorstellungsserie hervorragend zu beenden.

Angefangen bei einem wunderbaren Rollendebüt von Maria Yakovleva, welche die Raymonda lieblich und selbstbewusst tanzt, und ihre technische Souveränität sichtlich geniesst. Es ist eine Freude zu sehen, wie sie sich in den 11 Jahren in Wien entwickelt hat, dass sie zwar sehr wohl die jugendlichen Partien tanzen und spielen kann, aber auch als junge Frau (und nicht mehr nur als Mädchen) überzeugt. Denys Cherevychko ist ein sprung- und drehsicherer Jean de Brienne, welcher selbst eine Choreographie von Nurejew noch locker aus dem Ärmel schütteln kann.

Den meisten Applaus allerdings erntete (zu recht) Davide Dato, welcher für den verletzten Mihail Sosnovschi einsprang, und als Abderachman alle in seinen Bann zieht. Energisch und brillant zugleich erobert er vom ersten Moment an die Bühne – und auch wenn Raymonda ihn aus tugendhaften Gründen verschmäht, so ist sie dennoch fasziniert von ihm, wer mag es ihr verdenken, wenn Dato seine Variationen mit Schnelligkeit und blitzsauberer Geschmeidigkeit meistert, und dazu soviel Esprit mitbringt, und danach noch genug Kondition für die anspruchsvollen Ensembles hat, so bedauert man es geradezu, dass Abderachman im 3. Akt nicht noch als Geist auftreten könnte.

Auch die Nebenrollen sind mehr als vorzüglich besetzt: Nina Tonoli und Natascha Mair als Clémence und Henriette bestechen durch Anmut, perfekte Balancen, Geschmeidigkeit und Schönheit, wirklich sensationell, was die beiden jungen Solotänzerinnen mühelos meistern, oftmals gibt es Bravorufe für ihre Soli. Masayu Kimoto und Richard Szabo sind nicht nur verlässliche Partner, sondern auch ausgezeichnet in ihren Variationen.

Als elegante Gräfin Sibylle überzeugt Rebecca Horner (sie wäre bestimmt auch als Gräfin Capulet eine starke Erscheinung), im Sarazenen-Tanz brillieren dieses mal Sveva Gargiulo und Francesco Costa, im Spanischen Tanz Alice Firenze (mit hervorragender Fussarbeit) und Dumitru Taran, sowie im ungarischen Tanz Rebecca Horner und Igor Milos.

Das Corps de Ballet war deutlich harmonischer als am 3. Jänner, der Endspurt, noch einmal alles zu geben, ist zweifelsohne geglückt.

Grossen Applaus gab es auch für den Dirigenten Kevin Rhodes und das herrlich-schwelgende Orchester der Wiener Staatsoper.

Bilder (c) Staatsballett

Katharina Gebauer 9.1.2017

 

 

RAYMONDA

Wiener Staatsballett am 03.01.2017

Hervorragende Solotänzerinnen

Es ist kein Geheimnis, dass „Raymonda“ von Rudolf Nurejew eines der technisch schwierigsten Ballette überhaupt ist, welches ausnahmslos jeden Beteiligten fordert. Und dass das Wiener Staatsballett im Stande ist, das Werk gleich mehrfach zu besetzen und auch bei Engpässen kein anderes Stück ansetzen muss.

Die Einstudierung (Wiederaufnahme war im Dezember 2016) erfolgte durch Ballettdirektor Manuel Legris und Jean Guizerix, welche übrigens beide an der Wiener Staatsoper in „Raymonda“ zu erleben waren, Legris als Jean de Brienne, Guizerix als Abderachman gemeinsam mit Nurejew.

Aufgrund einer Verletzungspause im November war Liudmila Konovalova in der Titelpartie nicht ganz so strahlend, wie man sie z.B. als Dornröschen oder Fille mal gardée kennt, so waren die ersten beiden Akte eher verhalten gespielt, hingegen der 3. Akt wieder von einer stupenden Perfektion gestaltet - Nurejews Choreographie hat nunmal seine Tücken und Schwierigkeiten - und eine Ballerina wie Konovalova schafft auch diese Partie. Robert Gabdullin ist ein souveräner Jean de Brienne, dessen Armhaltung bei den grossen Sprüngen zwar zeitweise etwas steif wirken mag, aber als Partner ist er stets sicher und seine Variationen meistert er solide.

Als sein Kontrahent Abderachman debütiert der äusserst geschmeidige und ausdrucksstarke Mihail Sosnovschi – dessen Variationen haben es auch in sich! - und verleiht der manchmal etwas langatmigen Handlung (Hochzeit im 3. Akt zieht sich aus dramaturgischer Sicht etwas in die Länge) die nötige Spannung.

Die wohl sehenswerteste Leistung des Abends allerdings boten die Solotänzerinnen Ioanna Avraam und Alice Firenze als Clémence und Henriette, beide mit einer hervorragenden Technik, in jeder Variation atemberaubend gut, Avraam vor allem mit einer herzlichen Fröhlichkeit, während Firenze den lieblichen Aspekt optimal vertrat. Als ihre Partner reüssieren Masayu Kimoto und James Stephens.

Sehr elegant ist Rebecca Horner als Gräfin Sibylle und temperamentvoll gemeinsam mit Igor Milos im ungarischen Tanz.

Im zweiten Akt überzeugen Anna Shepelyeva und Tristan Ridel im Sarazenen-Tanz, sowie der sehr energisch-souveräne Alexandru Tcacenco mit Gala Jovanovic im Spanischen Tanz.

Durch einige Krankheitsfälle im Corps de Ballet (und in Bälde steht noch ein Gastspiel mit „Le Corsaire“ an) gab es ein paar kleinere Ungenauigkeiten, nichtsdestotrotz ist es eine enorme Leistung der gesamten Company, „Raymonda“ im Repertoire zu haben.

Und mit Kevin Rhodes am Dirigentenpult hüllt das Orchester der Wiener Staatsoper das Publikum in eine angenehme Klangwolke ein, wobei besonders der virtuose Konzertmeister und das wohlklingende Englischhorn positiv auffallen.

Folgevorstellung: 8.1.2017

Katharina Gebauer 5.1.16

Bilder (c) Staatsballett

 

CENDRILLON

Wiener Staatsballett, Volksoper Wien, 27.11.2016

Ein sehenswerter Abend der Preisträger

Die preisgekrönte Choreographie von Thierry Malandain hatte vor 2 Wochen Premiere an der Wiener Volksoper und bringt dem Zuschauer eine gekonnte Mischung von Modern Dance, Komödie, verträumter Liebesgeschichte, Bodenturnen, sowie eine Prise klassischen Balletts.

Das Bühnenbild (Jorge Gallardo) besteht aus unzähligen schwebenden schwarzen Absatzschuhen (Cendrillon tanzt auf Halbspitze mit „normalen“ Ballettschuhen), der Hintergrund wird der Stimmung entsprechend farbig beleuchtet (Jean-Claude Asquié, bzw. Umsetzung des Lichtdesigns: Frédéric Eujol). Die Stiefmutter turnt auf Krücken herein, während der Vater (und auch die Elfen) des Öfteren auf den Händen gehen, die klassischen Elemente sind hauptsächlich bei Cendrillon und dem Prinzen, sowie der Fee aufgehoben, letztere dreht auch einige Fouettés auf Spitze.

Dass ohne Pause direkt in den 2. Akt eingeleitet wird, oder die „klassische Solo-Variation“ von Cendrillon und dem Prinzen nicht stattfindet, mag den eingefleischten Klassik-Fan vielleicht etwas stören, jedoch zeigen die Protagonisten oft genug ihr Können, dass zwei Solo-Variationen im Nachhinein betrachtet den Handlungsverlauf in dieser Version nur aufgehalten hätte.

Sehr originell ist die Ballszene, in welcher auch das Damen-Corps als Herren fungiert, und die Damen von Kleiderständern ohne Kopf mit rauschenden Kostümen (Jorge Gallardo) dargestellt werden.

Getanzt wird auch im Corps de Ballet der Wiener Volksoper auf sehr hohem Niveau: Mila Schmidt ist eine äusserst sympathische Cendrillon, welche ehrliche Emotionen vermittelt, nie übertrieben aber auch nie verhalten. Sehr geschmeidig gelingt ihr die teils akrobatische Choreographie von Malandain, und die klassischen Elemente sind stets elegant und stilvoll. Nach dieser hervorragenden Leistung ist es gleich doppelt erfreulich, dass sie den Förderpreis 2017 des Ballettclubs der Wiener Staatsoper und Volksoper erhalten wird. Als Prinz brilliert Andrés Garcia-Torres mit edler Haltung und sauberen Sprüngen. Das Protagonistenpaar harmoniert sehr angenehm, und vermittelt glaubhaft die zarte Verliebtheit.

Für sehr amüsante Momente garantieren die mit Glatzen versehenen Laszlo Benedek als Stiefmutter, sowie Samuel Colombet und Keisuke Nejime als Stiefschwestern, sei es, dass sie wie sterbende Schwäne in den Spagat vor den Prinzen rutschen, oder kokett das Röckchen heben, oder einfach nur theatralisch gestikulieren, die Mimik ist grossartig und die Beweglichkeit beeindruckend! Als souveräne Fee glänzt Kristina Ermolenok, genauso wie Patrick Hullmann als akrobatischer Vater. Aber auch die kleineren Partien sind wunderbar besetzt, mit Gleb Shilov als Freund des Prinzen, bzw. Tanzmeister und Zeremonienmeister, Taina Ferreira Luiz als Soloelfe und Frühling – gemeinsam mit Dominika Kovacs-Galavics und Natalie Salazar, sowie Laura Cislaghi, Miriam Ensle und Suzanne Kertesz als Sommer, Michal Beklemdziev, Roman Chistyakov, Alexander Kaden und Martin Winter als Pferde, Maria-Sarah Drugowitsch und abermals Taina Ferreira Luiz als Herbst.

Dass Malandain nicht nur die Stiefmutter und -schwestern mit viel Humor versieht, macht sich sowohl durch Kostüme, als auch Choreographie im 2. Akt auch im spanischen und arabischen Tanz deutlich – am Ende eines jeden Tanzes entpuppt sich die sehr muskulöse Haupttänzerin nämlich als eine der Stiefschwestern.

Aber am Schluss wird alles gut, der Prinz findet seine Cendrillon und auch die böse Stieffamilie wandelt sich zum Guten. Dies alles wird musikalisch sehr kraftvoll vom Orchester der Volksoper Wien unter der Leitung von Guillermo Garcia Calvo unterstrichen, grosse Begeisterung beim Publikum.

Folgevorstellungen: 5. Dezember 2016, 16., 22., 26. und 29. Jänner 2017

Katharina Gebauer 30.11.16

Bilder (c) Staatsballett

 

 

Balanchine/Liang/Proietto

am 1.11.2016

Starker Start, und ein vielseitiger, niveauvoller Abend

 

Die neue Première des Wiener Staatsballetts wird durch George Balanchines „Symphonie in C“ (Musik: Georges Bizet) eröffnet – ein Werk, welches sowohl von Solisten, als auch vom Corps de Ballet eine äusserst souveräne Technik abverlangt. Und ein „Tutu-Fest“ (Kostüme: Stephanie Bäuerle), welches einigen Zuschauern im Publikum ein zufriedenes „Ah“ entlockt, als sich der Vorhang hebt. Für die Einstudierung zeichnet sich Ben Huys verantwortlich, welcher mit dem hohcn Niveau des Wiener Staatsballetts seine Freude gehabt haben dürfte.

Das Hauptpaar des 1. Satzes ist mit den frischgebackenen Solisten Natascha Mair und Jakob Feyferlik wunderbar besetzt, es ist schlichtweg eine Freude, zuzusehen, wie locker und strahlend Mair die technischen Anforderungen meistert und Feyferlik ist mit seiner jugendlichen Frische ein kongenialer Partner für sie. Im 2. Satz erlebt man mit der 1. Solotänzerin Liudmila Konovalova – welche leider verletzungsbedingt im dritten Teil „Blanc“ ausfiel und deswegen ausschliesslich den Balanchine tanzte – eine pure Ästhetik, mit einer Ruhe und Sicherheit kostet sie jede Balance aus, und kann sich stets auf den eleganten Vladimir Shishov verlassen. Brillant und freudig reüssieren anschliessend Nina Tonoli und Denys Cherevychko als hervorragendes Hauptpaar im 3. Satz, während der 4. Satz souverän von Alice Firenze und Robert Gabdullin bestritten wird. Bei den zahlreichen Solopaaren fallen Adele Fiocchi und Eszter Ledan besonders positiv auf. Überhaupt hat hiermit das gesamte Wiener Staatsballett wieder einmal seinen 1A Status in der internationalen Ballettwelt bestätigt, gerade mit einem Werk wie diesem sind sowohl Solisten, als auch Corps de Ballet gefordert. Das Publikum belohnte die Leistung mit begeistertem Applaus.

Nach der Pause gelangte das Werk „Murmuration“ vom Taiwanesen Edwaard Liang zur Wiener Erstaufführung. Die Musik stammt von Ezio Bosso, das Violinkonzert Nr. 1, welches von der Konzertmeisterin Albena Danailova bis in die höchsten Töne expressiv und brillant dargeboten wurde. Während im 1. Satz noch eine weisse Wand mit Schattenprojektionen im Hintergrund als Bühnenbild diente, wurde diese für den 2. und 3. Satz beiseite geschoben und Federn schneiten herab, was dem Zuschauer gerade in Kombination mit der äusserst geschmeidigen, ästhetischen Choreographie den Eindruck vom steten Fliegen gab. Sehr passend dazu waren auch die stilvollen Kostüme der Damen, welche mit einem leichten Schleier das Gefühl vom Fliegen noch mehr unterstützte. Und die Leistung der Tänzer – vor der Pause noch im neoklassischen Stil mit zahlreichen Pirouetten, Sprüngen, nach der Pause gleich eine andere Welt – ist enorm! Besonders berührend gelingt der Pas de deux mit Nina Polakova und Roman Lazik (die beiden tanzten bereits im Juni bei der Nurejew Gala einen Pas de deux von Liang, sind also mit dessen Stil bestens vertraut), aber auch Ioanna Avraam, Alice Firenze und Eszter Ledan, sowie Jakob Feyferlik, James Stephens und Leonardo Basilio zeigen modernen Tanz auf höchstem Niveau. Tosender Applaus für die Tänzer und Edwaard Liang.

Nach einer weiteren Pause erwartete die Zuschauer eine Uraufführung: „Blanc“ von Daniel Proietto, welcher schon in der Nurejew Gala 2016 mit seinem Werk „Cygne“ einen sensationellen Erfolg feierte. Mit „Blanc“ hat er eine Hommage an „Les Sylphides“ geschaffen und verknüpft gekonnt klassisches Ballett mit zeitgenössischem Tanz. Die Musik ist von Mikael Karlsson und Frédéric Chopin, am Klavier brilliert Maria Radutu. Als Poet gibt der Schauspieler Laurence Rupp (verstärkt, da er immer wieder übers Orchester zu sprechen hat) sein Hausdebüt.

Die Geschichte handelt von einem Poeten, welcher aus seiner düsteren Umgebung sich in eine Traumwelt flüchtet, zwei weisse Wände im Hintergrund (Bühnenbild: Leiko Fuseya), auf welche immer wieder Schatten von einer Waldlichtung projiziert werden, symbolisieren die leeren Seiten. Sylphiden erscheinen, eine löst sich besonders anmutig aus der Gruppe und entpuppt sich als Muse. Wieder alleine gerät der Poet in die Welt der Negation, während sich das Bühnenbild wie ein Negativ einer Fotographie ändert und auch die Kostüme (Stine Sjogren) und Make Up der negativen Sylphide und der zwei negativen Poeten sind der Negativperspektive angepasst. Der Schatten des Poeten irrt ziellos umher, erinnert sich an seine Muse. Schliesslich findet sich der Poet am Flussufer, abseits eines rauschenden Festes. Eine Frau (die Muse) erscheint, diesmal in der realen Welt. Es gelingt dem Poeten nicht, mit ihr zu sprechen, da seine Worte ohne Zusammenhang sind. Er bleibt alleine.

Wenngleich der Schluss sehr abrupt wirkt, so gelingt es Daniel Proietto sehr wohl, dramatische und anmutige Momente zu schaffen, und gerade mit einer starken Persönlichkeit wie Ketevan Papava hat er eine wunderbare Muse/Sylphide, die jeden Ausdruck vermitteln kann und dabei mit einer herrlichen Eleganz den sensationellen Eno Peci als Schatten des Poeten zum Tanz verführt. Hervorragend sind auch Natascha Mair als negative Sylphide und Davide Dato und Masayu Kimoto als negative Poeten, welche einen packenden Pas de trois zum Besten geben. Und Ioanna Avraam, Nina Tonoli und Eszter Ledan machen als drei führende Sylphiden mehr als nur eine gute Figur.

Ein grosses Lob gilt auch dem Orchester der Wiener Staatsoper unter der Leitung von Fayçal Karoui, das durch die verschiedenen Stile sehr facettenreich und vor allem in Bizets 2. Satz mit einem wunderschönem, weichen Piano-Klangteppich das Ohr erfreute!

Katharina Gebauer 3.11.16

Bilder (c) Staatsballet

Folgevorstellungen: 4., 5., 18. November 2016

 

 

Nurejew Gala 2016

Wiener Staatsballett am 26.6.2016

Ein fulminanter Abend der Spitzenklasse

Zum Abschluss der Saison 2015/16 gab das Wiener Staatsballett in der „Nurejew Gala 2016“ wieder einige Leckerbissen zum Besten. Das Publikum bejubelte alle Mitwirkenden nach einem knapp vierstündigen Marathon der Spitzenklasse.

Eröffnet wurde der Abend mit dem Trio odalisques aus Manuel Legris' „Le Corsaire“, getanzt von den glänzenden Halbsolistinnen Natascha Mair, Anita Manolova und Prisca Zeisel. In dem darauf folgenden Ausschnitt aus „SENTieri“ von Philippe Kratz bewiesen die Solotänzer Alice Firenze, Eno Peci und Masayu Kimoto Ausdrucksstärke und Geschmeidigkeit, anschliessend folgte das Staatsoperndebüt von Pariser Etoile Mathias Heymann, welcher mit Nurejews „Manfred“ einen sensationellen Start hinlegte, ein grand danseur noble mit Stil, sauberer Technik und Ausdruck!

Als Abschluss des ersten Teils gab es dann „The Four Seasons“ von Jerome Robbins, eine humorvolle Choreographie, welche von den Tänzern Vielseitigkeit abverlangt, so konnte sich der Zuschauer an einem harmonisch-perfekten Corps de Ballet erfreuen, sowie an einer Vielzahl hochkarätiger Solisten, wie die souveräne Nina Tonoli, die liebliche Maria Yakovleva, die grazile Alice Firenze (sowohl im Modernen, als auch im Klassischen eine hervorragende Tänzerin!) und die brillante Liudmila Konovalova, und auch die Herren waren weitaus mehr als „nur“ sichere Partner, allen voran die sprungfreudigen Ersten Solotänzer Denys Cherevychko und Davide Dato, aber auch die eleganten Mihail Sosnovschi, Robert Gabdullin, Greig Matthes und Géraud Wielick.

In Teil Zwei gab es als erstes einen ästhetischen Pas de deux mit den Ersten Solotänzern Nina Polakova und Roman Lazik, ein kongeniales Paar, welches „Distant cries“ von Edwaard Liang mit melancholisch-schönem Ausdruck versahen. Als Gastsolisten traten dann erstmals Hélène Bouchet und Carsten Jung vom Hamburg Ballett in der Choreographie von John Neumeier „Illusionen – wie Schwanensee“ auf, wobei dieser Ausschnitt eher an „Onegin“ erinnert – auch der Schnitt des Kostüms von Bouchet ähnelt dem Kostüm von Tatjana bei der Schlussszene. In George Balanchines „Tarantella“ glänzen der frischgebackene Erste Solotänzer Davide Dato und die Halbsolistin Nikisha Fogo mit einer brillanten Technik und einer gesunden Portion Lässigkeit, dass die anspruchsvolle, konditionsfordernde Choreographie quasi „aus dem Ärmel“ geschüttelt wird.

Wunderschön folgte dann ein Ausschnitt aus „Le Parc“ von Angelin Preljocaj, getanzt von Ballettdirektor Manuel Legris und der Gastsolistin Isabelle Guérin. Äusserst stilvoll, sinnlich und geschmeidig gestalten die Weltstars den Pas de deux, und ernten Szenenapplaus für eine besonders schöne, schwerelose, in einem Kuss verschmelzende Hebefigur. Eine weitere Gastsolistin von der Pariser Oper, Myriam Ould-Braham, tanzte anschliessend mit Mathias Heymann den Pas de deux aus „La fille mal gardée“, wenngleich ihr Ausdruck für die kecke und unbeschwerte Lise während des Pas de deux etwas gar ernst erschien – und gerade diese Saison gab es gleich vier wirklich gute Lises an der Wiener Staatsoper – konnte sie doch zum Holzschuhtanz (köstlich: Andrey Kaydanovsky) etwas mehr Freude vermitteln. Für den stärksten Moment des Abends sorgte allerdings die Erste Solotänzerin Ketevan Papava mit Daniel Proiettos „Cygne“ - eine moderne Fassung des sterbenden Schwans. Es ist faszinierend, wie Papava die schwanenhaften, eleganten port de bras mit dramatischen Zuckungen kombiert, wie ein Schwan, der den Verstand verloren hat.

Als dritten Teil gab es dann den 1. Akt von Legris' „Le Corsaire“ und damit schliesst sich der Kreis wieder. Mit Auftrittsapplaus wird Erster Solotänzer Kirill Kourlaev begrüsst, der seine Variation als Lanquedem hervorragend meistert, und nun zum letzten Mal auf der Bühne der Wiener Staatsoper tanzte. Energiebündel Vladimir Shishov gibt den Conrad kraftvoll männlich, und Olga Esina als Médora ist eine Klasse für sich, grazil und strahlend. Technisch sehr sauber, aber darstellerisch etwas zurückhaltend: Kiyoka Hashimoto als Gulnare. Erstmals als Zulméa war die triumphierend-strahlende Ioanna Avraam zu erleben, kongenial mit dem souveränen Masayu Kimoto als Birbanto.

Ein grosses Lob gilt auch dem Corps de Ballet und dem Orchester der Wiener Staatsoper (Dirigat: Valery Ovsianikov) für die Vielseitigkeit und den Facettenreichtum.

Im Anschluss an die Vorstellung gab Manuel Legris gleich neun Avancements bekannt: Natascha Mair, Nina Tonoli und Nikisha Fogo, sowie Jakob Feyferlik sind nun Solotänzer/innen, Laura Nistor, Leonardo Basilio, Francesco Costa, James Stephens und Géraud Wielick wurden zu Halbsolisten ernannt.

Katharina Gebauer 27.6.16

Bilder (c) Ashley Taylor

 

„Van Manen/Ekman/Kylian“

Wiener Staatsballett, Wiener Staatsoper, 11. Juni 2016

Ästhetik, Humor und Sinnlichkeit

Mit dem Dreiteiler „Adagio Hammerklavier“ (Hans van Manen), „Cacti“ (Alexander Ekman) und „Bella Figura“ (Jiri Kylian) erwartet den Zuschauern ein abwechslungsreicher Abend, an welchem sich das Wiener Staatsballett in verschiedenen Stilen präsentiert – und dies von seiner besten Seite!

Der Abend wird mit van Manens „Adagio Hammerklavier“ eröffnet, ein neoklassisches, ästhetisches Werk, welches von allen drei Paaren eine unglaubliche Beherrschung des Körpers erfordert, eine perfekte Technik, Eleganz und auch die Ruhe, die komplexen Hebefiguren als leicht erscheinen zu lassen. Während Vladimir Shishov und Roman Lazik choreographisch bedingt vor allem als sehr sichere und elegante Partner fungieren, hat der wendige Eno Peci auch solistische Einsätze – die Damen sind jede auf ihre Art brillant, die grazile Olga Esina, die energische Ketevan Papava und die voll Ruhe strahlende Nina Polakova. Hier wird jeder Moment der diffizilen Choreographie ausgekostet, und das hohe Niveau des Staatsballetts auch ausserhalb von klassischen Handlungsballetten bestätigt.

Kontrastreich geht es nach der Pause mit Ekmans „Cacti“ weiter – hier beweist sich vor allem das hervorragende Corps de Ballet, in perfektem Zusammenspiel, egal ob es sich um rhythmisches Klopfen auf den Boden, Atmen, Ausrufen, Hantieren mit grossen quadratischen Platten, Kakteen, oder „nur“ Sprünge handelt. Kongenial dazu die Beleuchtung (Doef Beernink), die für Partystimmung sorgt. Hier kommt die Musik teils aus der Box (wie bei Van Manen und Kylian auch), teils mit verstärkter Live-Musik (Oreada Steude und Julia Gyenge, Violine, Laszlo Toma, Viola und Andrea Wutschek, Violoncello), die Streichquartette von Schubert, Haydn und Beethoven zum Besten geben, während darüber noch einige Texte gesprochen werden. Besonders amüsant ist der Dialog während des schlichtweg brillanten Pas de deux von Kiyoka Hashimoto und Masayu Kimoto, in welchem die Gedanken der Tänzer wiedergegeben werden (Schrittkombinationen, „oh that hurts“ - „i know“ etc), und köstlich von Hashimoto und Kimoto interpretiert! Da stimmt einfach alles, die Präzision, der Humor, die Lässigkeit – das Publikum reagiert mit grossem Applaus und kann sich bestens amüsieren. Und gerade solche Werke sind auch wichtig für eine 1A Company, wie das Wiener Staatsballett, um die Vielseitigkeit und Stilsicherheit der Tänzer regelmässig in Erinnerung zu rufen. Besonders erfreulich ist, dass auch „Mehrteiler-Vorstellungen“ ausverkauft sind, und nicht nur die klassischen Handlungsballette.

Nach der zweiten Pause zeigt sich das Wiener Staatsballett von seiner sinnlichen Seite mit Kylians „Bella Figura“ (Première 2010/11). Besonders geschmeidig gelingen hier die Soli von Rebecca Horner und Ketevan Papava, präzise und souverän der Pas de deux von Alice Firenze und dem frisch gebackenen 1. Solotänzer Davide Dato, engelsgleich erscheint die grazile Irina Tsymbal mit Roman Lazik und auch Nina Polakova, Eno Peci und Kamil Pavelka runden die „Bella Figura“ elegant ab.

Folgevorstellungen: 17.6.2016, sowie kommende Spielzeit: 26.9., und 4., 8., 12.10.2016

Katharina Gebauer 14.6.16

 

MAYERLING

Zum Zweiten

19.5.2016

Abschiedsvorstellung von Kirill Kourlaev

Mit dem Ende der Spielzeit 2015/16 beendet 1. Solotänzer Kirill Kourlaev seine Karriere an der Wiener Staatsoper – als letzte Hauptrolle war er nochmals als Kronprinz Rudolf an der Wiener Staatsoper zu erleben. Ein würdiger Abschied für den charismatischen Tänzer, der 16 Jahre lang zahlreiche Vorstellungen des Wiener Staatsballetts durch seine Ausdruckskraft und präzise Technik bereichert hat.

Beim jubelnden Schlussapplaus erhielt Kourlaev von Ballettdirektor Manuel Legris persönlich einen prächtigen Blumenstrauss überreicht, und von 1. Solotänzerin Olga Esina (Kourlaevs Ehefrau) gab es vor dem Vorhang Blumen und ein liebevolles Bussi. Nun, ein Wermutstropfen bleibt bei all dem frenetischen Jubel: Warum hört ein derart guter Tänzer mit gerade einmal 34 Jahren auf? Kourlaev hat sich die Entscheidung reiflich überlegt und möchte lieber jetzt aufhören, wo es am Schönsten ist, anstatt das Ende der Karriere unnötig herauszögern. Ballett ist nunmal Extremsport und eine enorme Belastung des Körpers – das ist man sich als Zuschauer oftmals nicht bewusst, weil gerade die Kunst darin besteht, dass alles so „leicht“ aussieht. Dies glückt Kourlaev auch bestens, gerade in einer Rolle wie Rudolf, wo er quasi nonstop zu tanzen hat, und dazu noch einen Pas de deux nach dem anderen mit wechselnden Partnerinnen. Als Partner ist Kourlaev für alle sechs Damen sehr sicher und versiert, die akrobatischen Hebefiguren geschehen bei ihm mit einer Lässigkeit, aber ebenso glaubwürdig übermittelt er apathische, brutale, gierige und dann wieder trotzige Momente. Besonders gut harmoniert er allerdings mit Ketevan Papava, welche als Gräfin Larisch eine Luxusbesetzung ist und in dieser Vorstellung von ihrer ohnehin schon sensationellen Darbietung nochmal ein „Schäuferl nachlegt“, und für zahlreiche Gänsehautmomente garantiert. Nina Polakova ist im 2. Akt in erster Linie eine technisch extrem gute, lieblich lächelnde Mary Vetsera, die grossen Gefühle brechen jedoch erst im 3. Akt aus ihr heraus.

Eine jugendliche Kaiserin, die mit jedem Akt energischer wird, gibt Iliana Chivarova mit einer feinen Technik, ebenso glänzen Eszter Ledan als verschüchterte Kronprinzessin Stephanie und Prisca Zeisel als verführerische Mizzi Casper mit einer Eleganz, die an Darcey Bussell erinnert. Die heiteren Soli des Kutschers Bratfisch tanzt Mihail Sosnovschi mit einer charmanten, starken Energie, gekonnt vereint mit dem Wissen um das Drama.

Bestens besetzt sind neben den vier Offizieren (Masayu Kimoto, Marcin Dempc, Alexis Forabosco und Alexandru Tcacenco) auch die statistischen Nebenrollen (Eduard Graf Taafe: Gabor Oberegger, Erzherzogin Sophie: Beata Wiedner, Kaiser Franz Joseph I.: Thomas Mayerhofer und Graf Larisch: Jaimy van Overeem), die regelmässig das Drama gemeinsam mit dem gut eingespielten Corps de Ballet durch kurze, aber starke Momente mittragen. Apropos: ein sängerisches Highlight gab es im 2. Akt von Aura Twarowska, welche kultiviert Klangschönheit mit Wortdeutlichkeit vereint.

Unter der Leitung von Fayçal Karoui spielte das Orchester der Wiener Staatsoper pompös und facettenreich – eine deutliche Steigerung zur Wiederaufnahme!

Der in Moskau geborene Startänzer erhielt seine Ausbildung an der Klassischen Ballettschule in Moskau, am Ballettkonservatorium St. Pölten, sowie an der Ballettschule der Wiener Staatsoper. 2001 wurde er Mitglied des Wiener Staatsopernballetts, 2004 wurde er zum Halbsolisten befördert. 2009 ernannte Gyula Harangozo (damaliger Direktor des Balletts der Wiener Staatsoper und Volksoper) ihn anlässlich seiner hervorragenden Leistung als „Johann“ in Roland Petits „Die Fledermaus“ zum Solotänzer, 2012 folgte die Beförderung zum Ersten Solotänzer des Wiener Staatsballetts durch Ballettdirektor Manuel Legris, für seine herausragende Interpretation des Frédéri in „L'Arlesienne“ - ebenfalls ein Ballett von Roland Petit. An der Wiener Staatsoper und Volksoper war er in vielen Hauptpartien („La Sylphide“, „Coppélia“, „Die Fledermaus“, „Anna Karenina“, „Carmen“, „Ein Sommernachtstraum“, „Blaubarts Geheimnis“, „Le Concours“, „Giselle Rouge“, „Mayerling“, um nur einige wenige zu nennen) zu erleben und er gab zahlreiche internationale Gastspiele.

Katharina Gebauer 20.5.16

Bilder (c) Staatsballett

Letzte Vorstellungen mit Kirill Kourlaev: 5. Juni (Espada in „Don Quixote), 17. Juni (Adagio Hammerklavier), sowie 26. Juni (Nurejew Gala)

 

MAYERLING

Wiener Staatsballett am 2.5.2016

Farbenprächtiges Ballettdrama

 

Das Ballettdrama um Kronprinz Rudolfs Frauengeschichten, die schliesslich in einen gemeinschaftlichen Selbstmord gipfeln, ist wieder am Spielplan des Wiener Staatsballetts – ein sehr dankbares Stück, da sehr viele kleinere und grössere solistischen Partien dem Ensemble die Möglichkeit gibt, Persönlichkeit zu zeigen. Nicht zuletzt auch für den Kronprinzen Rudolf, welcher im 1. Akt quasi nonstop auf der Bühne ist, und neben den zahlreichen Pas de deux mit wechselnden Partnerinnen und Soli auch mehrere Szenen mit den 4 Offizieren (besonders hervorragend fällt hier Masayu Kimoto auf) tanzt und vor allem darstellerisch sehr gefordert wird.

Roman Lazik, welcher schon allein vom Aussehen her perfekt für Prinzenrollen passt, hatte zwar anfangs etwas Startschwierigkeiten in den diffizilen Soli und abwechslungsreichen Pas de deux (Kronprinz Rudolf hat gleich sechs verschiedene Partnerinnen, davon vier Pas de deux allein im 1. Akt!), fand jedoch mit dem 2. Akt ganz in die Rolle hinein und harmonierte mit seiner Hauptpartnerin Irina Tsymbal besonders gut. Diese wiederum ist seit Jahren mit der Rolle der Mary Vetsera vertraut und vereint einmal mehr gekonnt Dramatik und jugendliche Verliebtheit mit akrobatischer Souveränität, ohne allerdings routiniert zu wirken. Ihren Partien stilvoll von Anfang bis zum Schluss Leben zu verleihen, und dabei nicht nur die Schritte sauber zu absolvieren, ist zweifelsohne eine der Stärken von Tsymbal. Kongenial dazu die ausdrucksstarke Ketevan Papava als Gräfin Larisch, sowie die elegante Natascha Mair als Kronprinzessin Stephanie, welche im Finale des 1. Aktes geradezu schwerelos in den komplizierten Hebefiguren wirkt.

Davide Dato verleiht mit Präzision dem Kutscher Bratfisch einen Charme von Charlie Chaplin und holt das Maximum aus der kleinen, aber feinen Rolle heraus, ebenso die schlichtweg brillante Liudmila Konovalova als Mizzi Caspar. Als sehr junge, zierliche Kaiserin Elisabeth zeigt Iliana Chivarova perfekte Fussarbeit in einem ästhetischen Pas de deux mit Colonel „Bay“ Middleton (nobel: Eno Peci), während Thomas Mayerhofer als Kaiser Franz Joseph für seine Liaison mit Katharina Schratt (wortdeutlich und wohlklingend: Aura Twarowska) einen verächtlichen Blick von Mutter Erzherzogin Sophie (hervorragend: Beata Wiedner) erntet. Bestens aufeinander eingespielt war das Corps de Ballett, die auch die Farbenpracht der Kostüme elegant präsentierten.

Unter der Leitung von Fayçal Karoui spielte das Orchester der Wiener Staatsoper bisweilen etwas uneins, fand sich allerdings ab dem 2. Akt zusammen. Auch wenn der Applaus vergleichsmässig kurz war, ist es eine sehenswerte Produktion. In der Vorstellung vom 19.5. wird übrigens 1. Solotänzer Kirill Kourlaev in seiner letzten Hauptrolle zu erleben sein, da er mit Ende der Saison bedauerlicherweise seine Tänzerkarriere beendet.

Folgevorstellungen: 5., 15. und 19.5.2016

Katharina Gebauer 3.5.16

Bilder (c) Staatsballett

 

 

LE CORSAIRE

Wiener Staatsballett am 23.3.2016

Der lässige Macho mit atemberaubenden Sprüngen

Mit „Le Corsaire“ hat Ballettdirektor Manuel Legris eine stilvolle und brillante Produktion geschaffen – genau das Richtige für das Wiener Publikum, ein Handlungsballett mit Spannung, wunderschönen Kostümen und Bühnenbild (Luisa Spinatelli). Die Choreographie ist nach Marius Petipa, wobei offensichtlich ist, dass Legris seine Tänzer und deren Stärken bestens kennt und die Partien sehr dankbar gestaltet.

In der 3.Vorstellung kommt nun endlich Denys Cherevychko zum Zug – er zierte schon wochenlang die Plakate, nun begeistert er mit seinem neuen Rollendebüt das Wiener Publikum. Nicht umsonst meinte Legris in einem Interview, dass jede Besetzung eine Première verdient hätte – Cherevychkos grandiose Leistung bestätigt dies voll und ganz. Die Choreographie kommt ihm dabei sehr zugute, da er all seine Stärken mit einer Lockerheit ausspielen kann – oft erntet er Szenenapplaus für seine atemberaubenden, sauberen Sprünge und die geschmeidigen, flinken Pirouetten. Schon in seiner 1. Variation zeigt er, dass er in Höchstform ist, und vermag sein Können im 2. Akt beim Pas de deux nochmals zu steigern – kein Zweifel, Cherevychko setzt neue Massstäbe in der internationalen Ballettwelt! Als lässiger Macho, der sich sehr wohl gegen die anderen Männer durchsetzen, aber auch eine schöne Frau lieben kann und für diese alles tun würde, überzeugt er ebenfalls auf ganzer Linie.

Kiyoka Hashimoto als Médora stellt in erster Linie eine saubere Technik in den Vordergrund; während sie bislang nur in der Schlafzimmerszene des 2. Aktes darstellerisch als liebende Frau aufblüht, bleiben die restlichen Szenen noch sehr zurückhaltend. Allerdings wird sie den technischen Ansprüchen sehr souverän gerecht, und im Anschluss an die Vorstellung wurde sie für ihr Rollendebüt zur 1. Solistin befördert.

Besonders lieblich ist die Gulnare, erstmals von Nina Tonoli getanzt; ein junges Nachwuchstalent mit einer gepflegten Technik, und einer erfrischenden, sympathischen Ausstrahlung. Temperamentvoll und präzise brillieren Masayu Kimoto als Birbanto und Alice Firenze als seine kongeniale Partnerin Zulméa. Als kraftvoller, geschmeidiger Lanquedem überzeugt Francesco Costa (ebenfalls Rollendebüt). Und dass bis in die kleinen Rollen hochkarätig besetzt wird, zeigt sich vor allem an der bezaubernden Natascha Mair, welche gemeinsam mit Eszter Ledan und Anita Manolova (beide Rollendebüt) den Odalisken-Pas de trois tanzt und durch Eleganz und Präzision ein besonders schönes Solo zum Besten gibt.

Jaimy van Overeem ist erstmals als Seyd Pascha zu erleben, mit sehr nobler Haltung wertet er die Statistenrolle auf, dass es nachvollziehbar ist, warum Gulnare am Schluss freiwillig bei ihm bleibt.

Generell sind die Herren in dieser „Corsaire“-Geschichte als das „starke Geschlecht“ dargestellt und die Damen eher als zarte, bezaubernde Wesen, auch in der Version von Legris ist dies nicht anders, so punkten die Herren vor allem durch zahlreiche Sprünge, während die Damen vor allem flink und elegant tanzen. Das Corps de Ballet glänzt einmal mehr durch Harmonie und Spielfreude.

Sehr originell ist der Schiffsuntergang im Epilog – ein grosses Lob an die Bühnentechnik! - und überhaupt sind Bühnenbild, Kostüme und Beleuchtung ein Augenschmaus, wirken aber niemals überladen.

Das Orchester der Wiener Staatsoper spielt die Musik (Adolphe Adam, Cesare Pugni, Léo Délibes und weitere) unter der Leitung von Valery Ovsianikov schwungvoll und facettenreich.

Folgevorstellungen: 28., 31.3. und 2.4.2016

Katharina Gebauer 24.3.16

Bilder (c) StOp

 

ONEGIN

zum zweiten

am  5.3.2016

Handlunsgballett kann so schön sein

Einmal mehr kann sich der Zuschauer davon überzeugen, dass das Wiener Staatsballett über eine abwechslungsreiche, hochqualitative Riege Solisten verfügt, sodass jede „Onegin“-Besetzung ihren Reiz hat. Und dass selbst eine Irina Tsymbal ihre Ausdruckskraft noch intensivieren kann. Tsymbal war ja bereits in der Premierenserie vor 10 Jahren eine starke Tatjana, die das Drama glaubhaft vermitteln konnte – heute hat sie noch mehr an Tiefe und Ruhe gewonnen, besonders schön anzusehen sind ihre fliessenden Bewegungen; das ist eine Tänzerin, die mit ganzem Herzen vom ersten Moment an bei der Sache ist und nicht nur die Choreographie sauber absolviert. Als Titelpartie ist Eno Peci anfangs eher introvertiert mit sehr nobler Haltung, die Eitelkeit zeigt er dafür umso mehr im 2. Akt, um im 3. Akt den gebrochenen Charakter, der um Liebe fleht, noch stärker zum Ausdruck zu bringen. Peci und Tsymbal harmonieren bestens in den Pas de deux, sowohl die schwärmerische Liebe im 1. Akt, als auch die Verzweiflung im 3. Akt kommt nicht zu kurz, wobei im Vordergrund die tief empfundenen Emotionen stehen.

Schlichtweg wunderschön ist der Pas de deux mit Gremin (verlässlich und elegant: Alexis Forabosco), wobei Tsymbal die gesamte Bühne mit einer liebenden Ausstrahlung zu füllen vermag. Eigentlich müsste der Titel geradezu „Tatjana“ lauten.

Alice Firenze tanzt die Olga reizend mädchenhaft mit soliden Balancen, wenngleich ihre Bewegungen noch fliessender sein könnten, was sich aber bestimmt mit weiteren Vorstellungen ergeben wird. Als Lenski ist Masayu Kimoto ein sicherer Partner mit geschmeidigen Sprüngen, der seine Eifersucht im 2. Akt sehr lange unter Kontrolle hält, um dann geradezu erschreckend auszubrechen.

Das Corps de Ballet glänzte durch Präzision und Anmut und viele Bravorufe gab es auch für James Tuggle, der das Orchester der Wiener Staatsoper facettenreich zusammenhielt.

Katharina Gebauer 7.3.16

Bilder (c) Staatsballett

 

ONEGIN

Wiener Staatsballett am 8.2.2016

Grosse Gefühle

Mit John Cranko's romantischem Ballett „Onegin“ steht wieder eine Produktion der grossen Gefühle am Spielplan des Wiener Staatsballetts. Nach ein paar Jahren Pause darf man sich in den aktuellen Besetzungen über drei neue Olgas und zwei neue Lenskis freuen.

Die Titelpartie liegt Vladimir Shishov wirklich gut. Sehr überzeugend mimt er den gut aussehenden, leicht hochnäsigen Dandy, der es nicht nötig hat, älteren Herren die Hand zu schütteln, und der sich gerne einmal abfällig über kleine Freuden äussert, auch Tatjanas Verliebtheit als wertlos abstempelt, und ungehalten ihren Liebesbrief zerreisst, weil sie ihn nicht zurücknehmen will. Dies alles bringt Shishov ohne affektiert zu wirken, um den Kontrast - zum einen in Tatjanas Traum als liebender Verführer, sowie im 3. Akt als geläuterter Onegin - zu verstärken.

Facettenreich ist auch die Tatjana von Ketevan Papava, eine grandiose Ballerina, die an diesem Abend gleich mehrmals zu Tränen rührt. Zu Beginn strahlt sie Ruhe und Bescheidenheit aus, während Mutter, Schwester und Amme nähen und tratschen, wird dann durch den Auftritt Onegins wie verklärt, gerät in der Schlafzimmerszene ins selig-verliebte Schwärmen, bis sie im 2. Akt zurückgewiesen wird. Da gelingt es Papava gekonnt, das verzweifelte Ringen nach Aufmerksamkeit darzustellen, und dabei ihre Variation makellos zu absolvieren. Im 3. Akt ist ihre jugendlich-melancholische Tatjana dann zur liebenden, pflichtbewussten Ehefrau des Gremin herangereift, die allerdings ausserhalb der Gesellschaft den Kampf ihrer Gefühle umso intensiver dem Publikum glaubhaft macht. Shishov und Papava garantieren für zahlreiche schöne Momente in den Pas de deux, herrlich anzusehen ist der Spiegel-Pas de deux und dramatisch das Finale, welches tosenden Applaus erntet.

Davide Dato ist erstmals als Lenski zu erleben und meistert sein Rollendebüt phänomenal. Die technischen Anforderungen sind gerade in dieser Rolle sehr hoch, und Dato spielt gekonnt seine Stärken aus (geschmeidige Sprünge, saubere Drehungen, Beweglichkeit, die aber nie akrobatisch wirkt), und überzeugt auch darstellerisch auf ganzer Linie. Er ist ein junger, verliebter, aber auch impulsiver Lenski, welcher viel zu spät realisiert, dass er durch seine Eifersucht sein Leben verliert. Kein Zweifel, gerade mit den letzten Vorstellungen (Schneekönigin, Josephslegende und jetzt Lenski) hat Dato bewiesen, dass er ein Tänzer der absoluten Spitzenklasse ist. Als kokette, kindlich-freche Olga brilliert Natascha Mair (ebenfalls Rollendebüt), und der Pas de deux mit Lenski wird zur Sternstunde! Eine solche Harmonie und selbstverständliche Sicherheit bei diesem anspruchsvollen Pas de deux hat man noch nie zuvor erlebt! Es sind übrigens auch die kleinen Gesten, die eine Menge ausmachen, z.B. dass Olga bei der Begrüssung von Tatjana und Lenski sich gleich dazwischenstellt, ohne eine grosse Szene zu machen, und wie Mair all diese Details schon bei ihrer ersten Vorstellung ausschöpft, der meist zu oberflächlich interpretierten Olga das gewisse Etwas verleiht, ohne den Charakter dabei zu verfehlen, dazu die Balancen auskostet – sensationell!

Als Fürst Gremin sprang Kirill Kourlaev für den erkrankten Alexandru Tcacenco ein, und ergänzt mit seiner fürstlichen Bühnenpräsenz und als verlässlicher Partner das Protagonisten-Team. Er wäre bestimmt auch ein starker Interpret der Titelpartie, vielleicht bei der nächsten Wiederaufnahme? Sehr sympathisch sind auch die Charakterpartien Madame Larina (Erika Kovacova) und Amme (Liudmila Trayan) besetzt. Grossen Applaus gab es auch für das Orchester der Wiener Staatsoper unter der Leitung von James Tuggle.

Folgevorstellungen: 11., 27.2., 2., 5.3.2016

Katharina Gebauer 10.2.16

Bilder (c) Staatsballett

 

LA FILLE MAL GARDEE

Wiener Staatsballett, Staatsoper, 20.1.16

Sensationelle Rollendebüts – der Aufbau von jungen Talenten

 

In der vorläufig letzten Vorstellung von Frederick Ashtons „La fille mal gardée“ erwartete das Wiener Publikum eine hochkarätige Darbietung der Protagonisten.

Schlichtweg sensationell ist die Wienerin Natascha Mair als Titelpartie. Es ist zwar nach dem „Nussknacker“ erst ihre zweite Hauptrolle, jedoch hat sie durch zahlreiche mittlere Partien eine Souveränität gewonnen, dass sie die Lise mit einer Lockerheit tanzt, als wäre ihr die Partie auf den Leib choreographiert.

Das ist es eben auch, was eine herausragende Leistung für diese Rolle ausmacht, sie spielt nicht die kecke und liebliche Lise, sie IST Lise von der ersten Sekunde an und strahlt Lebensfreude und Sympathie aus. Überdies legt sie eine äusserst gepflegte Technik an den Tag. Man kann sich sehr auf ihre nächsten grösseren Partien freuen, im März wird sie als Olga in „Onegin“ zu erleben sein.

Erstmals erhielt der junge Corps-Tänzer Jakob Feyferlik die Chance, eine Hauptrolle an der Wiener Staatsoper zu tanzen. Der Gewinner des Förderpreises 2016 des Ballettclubs Wiener Staatsoper & Volksoper wird dieser Aufgabe voll und ganz gerecht und bringt frischen Wind in das Geschehen. Sehr sauber gelingen ihm seine Soli, er erntet mehrfach Szenenapplaus und ist auch ein sicherer Partner für Natascha Mair. Überhaupt sind die beiden ein sehr harmonisches, sympathisches Paar. Natürlich haben diverse Erste Solisten eine andere Art, die Bühne („ihr Revier“) zu betreten, allerdings ist Feyferlik auf dem besten Weg, ein grand danseur noble zu werden, und Naturbursche Colas ist die perfekte Rolle für seinen Einstand, und zu guter Allerletzt: Ballettdirektor Legris hat nunmal ein gutes Händchen für den Aufbau junger Talente.

Eno Peci garantiert für zahlreiche Lacher als Witwe Simone, es ist einfach herrlich, wie energisch er die strenge Mutter mimt und wie aufmüpfig Natascha Mair ihm Kontra gibt. Richard Szabo tanzt den unbeholfenen Alain mit „Knuddelfaktor 100“ - nebenbei sehr saubere Sprünge! - und als sein Vater agiert der charakterstarke Gabor Oberegger besonders humorvoll.

Grossen Applaus gab es für alle Beteiligten, eine souveräne Leistung gab das Corps de Ballet, während es im Orchester der Wiener Staatsoper (Dirigent Alexander Ingram) ein paar kleine Unstimmigkeiten gab, die aber durch schöne Violinsoli wieder wettgemacht wurden.

Katharina Gebauer 21.1.16

Bilder (c) Stattsballett

 

Verklungene Feste / Josephslegende

Wiener Staatsballett am 9.1.2016, 9. Vorstellung

Ein Abend der Kontraste

Bereits vor 8 Jahren war in Hamburg die Kombination der beiden Werke Neumeiers zu sehen, nun wurden diese ins Repertoire des Wiener Staatsballetts aufgenommen – ein kontrastreicher Abend erwartet den Zuschauer, wie immer auf technisch höchstem Niveau.

Während bei den „verklungenen Festen“ sich das meiste vor den Mauern abspielt (im Hintergrund steht ein Tisch mit zwei Kerzenleuchtern, die gegen Ende ausgeblasen und weggeräumt werden), geht es dafür nach der Pause bei der „Josephslegende“ innerhalb der Mauern hochdramatisch zu und her. Auch choreographisch wirkt das erste Werk eher oberflächlich, bis auf wenige Ausnahmen, um den Kontrast zur Handlungsgeschichte der „Josephslegende“ noch stärker zu bringen. Getanzt wird – wie man es vom Wiener Staatsballett gewohnt ist – sehr brillant. Besonders hervorragend fallen im ersten Teil die Leistungen von Greig Matthews in einem flinken, geschmeidigen Solo, sowie der wunderschön melancholischen Irina Tsymbal und ihrem kongenialen Partner Eno Peci, als auch von der lieblichen Eszter Ledan auf. Passend dazu die warmen Farben der Kostüme (Albert Kriemler), ein ähnlicher Stil, den in der „Josephslegende“ dann Potiphars Gäste tragen, was dort hingegen im Kontrast zu den Protagonisten steht.

Nach der Pause heisst es nun Vorhang auf für das herrliche Drama der Bibelgeschichte. Grandios besetzt ist der Joseph mit Davide Dato, welcher den inneren Konflikt des Knaben sehr überzeugend darstellt und dabei mit einer Souveränität und Leichtigkeit die anspruchsvolle Choreographie meistert, wie man sie selten sieht – da ist seine jüngste Auszeichnung „italienischer Tänzer des Jahres 2015“ in der Tat mehr als verdient. Ein Genuss für den Zuschauer sind die Pas de deux mit Joseph und dem Engel – hier zeigt sich Roman Lazik als echten grand danseur noble, dessen zahlreiche Sprünge stets weich landen, und der einen schon allein durch seinen lyrischen Ausdruck in eine bessere Welt entführen kann.

Ketevan Papava glänzt einmal mehr durch Ausdrucksstärke und Geschmeidigkeit, mit welcher sie besonders im leidenschaftlichen Pas de deux mit Joseph wie eine Raubkatze springt und schleicht. Sie nützt auch sehr gekonnt die Macht der Musik (das Orchester der Wiener Staatsoper spielt hörbar gerne Richard Strauss), um starke Akzente zu setzen, oder aber auch schmeichelnd den Joseph zu umgarnen, eine faszinierende Darstellung von einer starken Persönlichkeit, die auch eine präzise Fussarbeit (barfuss tanzend) an den Tag legt. Als starker Gegenpart tanzt Eno Peci einen Potiphar, vor dessen Brutalität man sich durchaus fürchten kann.

Sehr präsent wird in Neumeiers Version das Corps de Ballet (vor allem in Gestalt von Potiphars Gästen) eingesetzt.

Unter der Leitung von Mikko Franck spielt das Orchester der Wiener Staatsoper im ersten Teil das Divertimento op. 86, sowie 2 Nummern aus der Couperin-Tanzsuite, und blüht in der Josephslegende dann erst recht auf – im Grossen, wie auch im Kammermusikalischen (Violine und Violoncello!!).

Folgevorstellungen: 22. und 25.4.2016

Katharina Gebauer 11.1.16

Bilder (c) Staatsballett

 

DIE SCHNEEKÖNIGIN

Wiener Staatsballett, Volksoper Wien, 10.12.2015

„Gefährliche Schönheit“

Auch sogenannt zeitgenössische Produktionen (die UA war 2007) können klassische Handlungsballette sein, dies beweist der britische Choreograph Michael Corder mit der Wiener Erstaufführung der „Schneekönigin“. Die Première fand am 8. Dezember 2015 in der Wiener Volksoper statt, berichtet wird über die 2. Vorstellung.

Gerade zur Vorweihnachtszeit passt diese Produktion bestens in den Spielplan, es erklingt wunderschöne Musik von Sergej Prokofjew (aus den Werken „Das Märchen von der steinernen Blume“, „Krieg und Frieden“, „Die Verlobung im Kloster“ und Sinfonie Nr. 5 hat Julian Philips das Arrangement geschrieben); die Ausstattung (Mark Bailey), sowie Beleuchtung (Paul Pyant) und Videoprojektionen (Imantas Boiko) tragen ihren Teil dazu bei, dass man sich in den Norden entführen lässt, wenn auch die Kostüme des Herrencorps zum Teil etwas russisch angehaucht sind – die Geschichte spielt eigentlich in Skandinavien.

Und wer könnte die Titelpartie besser interpretieren, als die Erste Solotänzerin Olga Esina, welche charakterstark und mit einer brillanten Technik über die Bühne schwebt, kraftvoll zeigt, was sie will und bei aller eiskalten Gefährlichkeit immer noch eine elegante Schönheit ausstrahlt. Wirklich, mit dieser Ballerina hat das Wiener Staatsballett ein perfektes „Aushängeschild“, Esina findet sich in allen Tanzstilen vorzüglich zurecht und jegliche von ihr getanzte Partie – sei es dramatisch oder lieblich, böse oder gut, lustig oder melancholisch – gewinnt durch ihre starke Persönlichkeit an Format.

Hervorragend besetzt ist auch der Kay mit dem jungen Italiener Davide Dato, ein begnadeter Tänzer und Darsteller, welcher die hohen technischen Ansprüche mit Leichtigkeit beherrscht, ein harmonischer und sicherer Partner für die wundervolle Alice Firenze (Gerda) ist und dazu noch gut aussieht. In der lieblichen und konditionserfordernden Partie der Gerda hat Alice Firenze wohl ihre Idealrolle gefunden. Sie überzeugt auf ganzer Linie als jugendliches, liebendes Mädchen, und vermag besonders im 3. Akt (nonstop auf der Bühne) eine dem Charakter entsprechend sanfte, aber stete Kraft zu entwickeln, die sie bis zum Schluss durchzieht.

Eine Luxusbesetzung ist Ketevan Papava als Zigeunerin, welche gemeinsam mit dem temperamentvollen Mihail Sosnovschi für ausdrucksstarke Momente sorgt, Leonardo Basilio und Jakob Feyferlik (zwei Wölfe) sind verlässliche Partner für die grazilen Schwebefiguren Esinas, als Polarfüchse (die choreographisch eher an Katzen erinnern – konkret denkt man an den Katzen-Pas de deux aus „Dornröschen“) zeigen Céline Janou Weder und Anita Manolova eine elegante Geschmeidigkeit, und Géraud Wielick tanzt ein echt putziges Rentier. Für „rosige“ Momente garantieren Alexis Forabosco und Alexandru Tcacenco, und als eiskalte, exakte Elfen überzeugen Nikisha Fogo, Eszter Ledan, Natascha Mair, Nina Tonoli (ist übrigens die 2. Besetzung der Gerda), Greig Matthews (wird ebenfalls den Kay tanzen), James Stephens, Dumitru Taran und Andrey Teterin.

Die Charakterrollen der Grossmutter (Ursula Szameit), der alten Zigeunerin (Erika Kovacova) und der Lappin (Laura Nistor) sind etwas jung, bzw. frisch besetzt.

Das Corps de Ballet glänzt einmal mehr durch Harmonie, und der bejubelte Martin Yates leitet das kraftvolle und warm klingende Orchester der Wiener Volksoper.

Folgevorstellungen: 13., 18., 22. Dezember 2015, 3., 10., 17. Jänner, 21. Februar, 1., 10. und 13. März 2016

Katharina Gebauer 11.12.15

Bilder (c) Volksoper

 

 

LA FILLE MAL GARDE

Wiener Staatsballett am 28.11.2015

Ländliche Idylle mit anmutiger Perfektion

Nach 8 Jahren Abwesenheit ist Frederick Ashtons „La fille mal gardée“ wieder an die Wiener Staatsoper zurückgekehrt und der Zuschauer darf sich über eine Fülle an Rollendebüts freuen. Für die Neueinstudierung zeichnet sich die Ashton-Spezialistin Malin Thoors verantwortlich.

Das schon etwas in die Jahre gekommene Bühnenbild (Osbert Lancaster) trägt einen wesentlichen Teil dazu bei, dass man sich als Zuschauer in die „guten alten Zeiten“ zurückversetzen und die ländliche Idylle geniessen kann. Ashtons Charaktere werden vor allem auch durch überzeichnende Gesten dargestellt, welche 55 Jahre nach der choreographischen UA zwar bei weitem nicht mehr zeitgemäss, aber doch verständlich genug sind.

Diverse orchestrale Gags (Musik: Ferdinand Hérold, Arrangement: John Lanchberry – man erkennt übrigens noch einige Melodien aus Donizettis „Liebestrank“ und Rossinis „Barbier von Sevilla“) unterstreichen dies wunderbar.

So sorgt bereits der erste Auftritt des Hahns (Marian Furnica) und der vier Hennen (Sveva Gargiulo, Xhesika Gjonikaj, Alaia Rogers-Maman und Iulia Tcaciuc) für Schmunzeln. Und dann heisst es: Bühne frei für die Primaballerina Liudmila Konovalova, eine selbstbewusste, kecke Lise, die genau weiss, was sie will – ihren Colas, und da kann sich ihre Mutter noch so quer stellen. Kennt man sie in erster Linie als klassische Ballerina mit makelloser Technik, so schöpft sie in dieser Rolle erst recht allen Charme aus, und verleiht der Lise eine jugendliche Frische. Dass sie das „Dornröschen“-Rosenadagio mit schlafwandlerischer Sicherheit beherrscht, kommt ihr im 2. Bild bei der sehr beeindruckenden Bänder-Promenade zugute. Als Colas ist (ebenfalls Rollendebüt) Robert Gabdullin zu erleben; für einen „einfachen Bauern“ etwas zu elegant gekleidet, gibt er einen geradezu prinzenhaften, verliebten Colas, dem die Sprünge und Drehungen fabelhaft gelingen – ein „Naturbursche“ ist er allerdings (noch) nicht.

Bisher erlebte man Roman Lazik hauptsächlich als Idealbild für Prinzenpartien, diesmal zeigt er sich von einer ganz anderen Seite, als herrlich utrierende Mutter Simone (das Kostüm hat es mit den weiblichen Rundungen etwas zu gut gemeint, da hätte nur noch ein Doppelkinn gefehlt), mit einer brillanten Holzschuhtanz-Einlage. Das Publikum kommt voll und ganz auf seine Kosten, da Lazik keinen einzigen Gag verschenkt. Da braucht man nicht einmal einen Operngucker, um aus seiner starken Mimik schlau zu werden.

Masayu Kimoto bringt als beschränkter Alain mit einem ansteckenden Dauergrinsen das Publikum oft zum Lachen, und man hat direkt Mitleid mit ihm, als er im Finale die Lise nicht heiraten darf. Als sein überaus wohlgenährter Vater gibt Gabor Oberegger ein weiteres Charakter-Rollendebüt, der mit Laziks Komik sehr wohl mithalten kann.

Das Corps de Ballet ist einmal mehr eine harmonische Augenweide (allen voran die 8 Freundinnen von Lise); ebenso wohlklingend das Orchester der Wiener Staatsoper unter der Leitung von Paul Connelly, der zahlreiche Bravorufe erhielt.

Von der 2007er Besetzung kann man übrigens in Folgevorstellungen Maria Yakovleva (17., 25., 27., 28.12.) bzw. Mihail Sosnovschi (25., 28.12.) in den Hauptrollen erleben. Weitere Besetzungen für Lise und Colas: Kiyoka Hashimoto und Natascha Mair bzw. Denys Cherevychko, Andrey Teterin und Jakob Feyferlik.

Alle Folgevorstellungen: 9., 12., 17., 25., 26., 27., 28., 30.12.2015 und 20.1.2016

Katharina Gebauer 29.11.15

Bilder: Staatsballett

 

 

DON QUIXOTE

6.10.2015

Ja, das Temp'rament

Mit Nurejews „Don Quixote“ steht die Erfolgsproduktion von der ersten Spielzeit der Ära Legris wieder am Spielplan des Wiener Staatsballetts – und auch in einer Repertoire-Vorstellung kann sich der Zuschauer auf ein hohes Niveau verlassen.

Angefangen bei der Ersten Solistin Olga Esina, welche aufgrund erkrankter und verletzter Partner erst in dieser Spielzeit zu ihrem Kitri-Debüt (am 2.10.15) kam. Dass sie eine absolute Luxusbesetzung ist, die das Niveau stehts nach oben zieht, hat sie schon in zahlreichen anderen Partien, wie Schwanensee, Dornröschen etc. bewiesen. Ihre Kitri ist selbstbewusst, frech, kokett, eifersüchtig, aber auch liebend und schwebend – kurz, eine Frau, die für sich einsteht und da hat man(n) es schwer, mitzuhalten.

Als Partner ist Vladimir Shishovs Basil zwar sehr verlässlich, jedoch fällt es ihm nicht leicht, einer derart souveränen, technisch perfekten Ballerina, wie Esina nunmal eine ist, in seinen Soli Kontra zu geben. Er überzeugt streckenweise als temperamentvoller Macho, der selbst gerne anderweitig flirtet, aber im Grunde genommen doch nur seine Kitri liebt, auch die Coda im 3. Akt gelingt ihm sehr gut, allerdings verwackeln ihm leider aufgrund der zu langen Haare einige Pirouetten in den Variationen.

Kraftvoll und strahlend tanzte Kirill Kourlaev den Espada – genau soviel Temperament hätte man sich von der technisch sauberen Alice Firenze als Strassentänzerin, oder auch von Ioanna Avraam als erste Brautjunger gewünscht. Dass hingegen die jungen Talente des Wiener Staatsballetts in diversen kleineren Rollen mit den Hauptpartien mithalten können, sieht man an Francesco Costa als Zigeuner, und als Amor brillierte die kecke Natascha Mair, ein Ausnahmetalent, die mit ihrer Rollengestaltung und Technik locker auf dem Niveau der Ersten Solisten tanzt.

Ein schönes Rollendebüt als Königin der Dryaden gab die frischgebackene Halbsolistin Gala Jovanovic, anmutig tanzen auch Kitris Freundinnen (Eszter Ledan und Nina Tonoli) und die drei Dryaden (Adele Fiocchi, Oxana Kiyanenko und Laura Nistor).

Besonders die Charakterrollen sind sehr gut besetzt, allen voran ein wirklich genialer Gabor Oberegger als schrulliger Gamache, der für zahlreiche Lacher garantiert, dann Ryan Booth als Don Quixote, welcher überzeugend den alten drahtigen Ritter von der traurigen Gestalt mimt, köstlich ist Marat Davletshin als gefrässiger Sancho Pansa, der gerne einmal Hühner und Fische stiehlt, und auch Jaimy van Overeem gibt einen energischen Vater der Kitri.

Hervorragend agiert einmal mehr das Corps de Ballet – es ist wirklich lobenswert, dass auch eine gewöhnliche Repertoire-Vorstellung auf höchstem Niveau dargeboten wird, auch das Orchester der Wiener Staatsoper unter der Leitung von Paul Connelly spielt schwungvoll und mitreissend.

7.10.15

Bilder: Staatsballet

Folgevorstellungen 20.10., 8.11.2015, 26., 28., 31.5., 5.6.2016

 

 

 

 

VERKLUNGENE FESTE / JOSEPHS LEGENDE

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Verklungene Feste: Vladimir Shishov & Maria Yakovleva

Premiere:  4. Februar 2015  

Man war schon sehr, sehr neugierig. Wer je 1977 die Strauss’sche „Josephs Legende“ in der Choreographie von John Neumeier gesehen hat, wird sie nicht vergessen haben. Dem Werk nun, in einer Neufassung desselben Choreographen, fast zwei Menschenalter später wieder zu begegnen, ist eine enorm spannende Angelegenheit. Geglückt? Nun, die Welt ist nüchterner geworden, dem hat sich Neumeier angepasst. Und eine Powerfrau wie Judith Jamison hat er nicht wieder gefunden. Aber ist es nicht gut, dass manche Dinge einmalig bleiben?

Der Reihe nach: Neumeier hatte schon bei der Neuinterpretation, die er 2008 in Hamburg unternahm, Strauss mit Strauss gepaart. Durch 50 Minuten „Verklungene Feste“ muss man durch, um den ersehnten Hauptteil des Abends zu erreichen. Das erste Stück ist auch als originäres Ballett gedacht, einst 1941 in Berlin uraufgeführt, und da hat es wohl ganz anders ausgesehen als hier. Zur Musik, der Strauss-Bearbeitung von 18 Stücken des Barock-Komponisten François Couperin, gab es damals Herzog, Tänzerin und Ballettmeister, ein Fest mit eingestreutem Schäferspiel und Harlekinade – nichts dergleichen heute. „The Party is Over“ stellt Neumeier als Motto über seine Fassung des Werks für fünf  Paare und zehn weitere Tänzer.

Die gemauerten Ziegelwände wird man im zweiten Stück wieder sehen, auch dass Modeschöpfer Albert Kriemler beide Male die Kostüme entworfen hat, ergibt sich aus stilistischer Nähe. Im Hintergrund ein Tisch mit leeren Flaschen und Gläsern – das Fest ist aus, was nun? Vladimir Shishov, mit dunklem Haar kaum zu erkennen, gibt den Ton müder Resignation an, Maria Yakovleva gesellt sich zum ihm. Die anderen Paare, aus denen Kiyoka Hashimoto & Masayu Kimoto durch besondere Spritzigkeit herausragen, vereint ein paar von Wiens ganz großen Namen: Liudmila Konovalova & Davide Dato, Irina Tsymbal & Mihail Sosnovschi, Eszter Ledán & Robert Gabdullin, und die fließende Eleganz von Neumeier ist so bemerkenswert wie seine Musikalität.

Dass die 50 Minuten dennoch mitunter lang werden, liegt an zwei Dingen: Nur wenige der Szenen sind musikalisch auch wirklich inspiriert und so mitreißend, dass sie ein Ballett und die Aufmerksamkeit des Publikums tragen. Und Neumeier kann bei solcher Vorgabe nur viele Einzelepisoden bieten, die in der Stimmung zwar nicht immer, aber oft elegisch sind, aber eine große Gesamtlinie, geschweige denn eine auch nur andeutungsweise erkennbare Handlung kristallisiert sich nicht heraus.

Dennoch – die Wiener Tänzer schmiegen sich in den Stil des großen Choreographen, der die letzten Jahre lieber mit seinen Hamburger Produktionen ins Theater an der Wien kam, statt mit den Wiener Tänzern selbst zu arbeiten. Und sie waren vorzüglich, was dann auch zur Pause viel Applaus brachte.

Dann aber kam endlich das, worauf alle gewartet haben –  eine starke Stunde der anderen Art, schon weil Richard Strauss in der „Josephs Legende“ klangmalerisch so verschwenderisch agierte, wie wenige außer ihm es konnten. Schon die Entstehungszeit von 1912 (Diaghilews Truppe hat das Werk 1914 in der Choreographie von Fokine mit Leonid Massine in der Titelrolle uraufgeführt) beschwört noch die Nähe zur „Salome“ – Sinnlichkeit, Orientalismus, raffinierte Orchesterfiguren und ekstatischer Fortissimo-Zauber, abgesehen davon, dass eine Frau verschmähte Liebe („Hell Hath No Fury Like A Woman Scorned“) nur mit dem Tod dessen ahnden kann, der dies wagte…

Hier konnte dann Mikko Franck mit den Wiener Philharmonikern zeigen, wie sie Strauss spielen, nachdem im ersten Teil des Abends vom Orchester her nur Dienst nach Vorschrift möglich war. Aber dann! Wie lustvoll! Wie über drüber prachtvoll, bis zum herrlichsten Kitsch! Auch das muss es geben.

Und nun hatte es auch John Neumeier leicht, denn er kann eine großartige Geschichte erzählen, wenn sie auch weniger üppig aussieht als einst. Er hat sich aus dem „Orientalismus“ der ursprünglichen Wiener Aufführung (damals war Ernst Fuchs der Ausstatter, und 1977 war das nicht nur möglich, sondern auch richtig) völlig herausgelöst. Ein paar Wände aus dem ersten Stück, ein abgehobener, aber kraftvoller Engel hinter Joseph, dann ein paar vermummte Brüder, die mit ihrem Joseph sehr unfreundlich umgehen, und schon sind wir bei „Party bei Potiphar“, die so, wie sie da von den Kostümen und der coolen Körpersprache her aussieht, bei jedem Millionär zwischen New York und Riad stattfinden könnte.

Kein Bibelschinken mehr, wohl aber ein Psychothriller vom Anfang bis zum Ende, der dann von den vier Haupttänzern getragen werden muss. Wobei Neumeier ein sehr starkes homosexuelles Element zwischen Potiphar, der diesen knabenhaften Sklaven kauft, und Joseph, der diesen Herrn offenbar anbetet, einbaut: Wenn der junge Mann Mrs. Potiphar widersteht, hat man weniger den Eindruck von Keuschheit und Verschreckheit, sondern dass sich Joseph aufgrund persönlicher Präferenzen lieber an den Herrn als die Dame des Hauses halten will…

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Denys Cherevychko  /  Rebecca Horner

Dieser Joseph ist nun (wobei Kevin Haigen, der einstige Joseph, bei der Neueinstudierung half!) Denys Cherevychko, der hier wohl eine Rolle seines Lebens gefunden hat. Es mag ein persönlicher Eindruck sein, aber in den großen klassischen Rollen ist vielleicht nicht jeder mit ihm glücklich, weil er nicht wie ein „Schwanensee“-Prinz aussieht, auch wenn er ihn tanzen kann. Aber der unschuldsvolle, irgendwie zauberhafte Knabe in dem kurzen Hemden, logisches Objekt der Begierde aller Geschlechter, gelingt Cherevychko zu einer zaubrischen Studie der Verführung.

Man versteht, dass auch ein so starker, männlich wirkender Potiphar, wie Roman Lazik ihn mit Eleganz darstellt, hier weich wird. Und man versteht, dass der Gott der Bibel diesem Joseph einen Engel mitgibt, der so machtvoll und prachtvoll ist wie Kirill Kourlaev. Ein Männertrio großen Formats.

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Kirill Kourlaev

Bleibt Madame Potiphar. Wer sich an Rebecca Horner nur als goldiges, nur leicht „farbiges“ kleines Mädchen erinnert, das in schnödem ORF-Kitsch Otto Schenk und andere bezauberte, wird auf Anhieb nicht wissen, was sie hier zu suchen hat. Doch offenbar gehört sie, ohne dass es bisher aufgefallen wäre, seit 2007 dem Ensemble des Staatsballetts an und ist 2012 hierher zurückgekehrt. (Auf der Biographien-Liste des Ensembles, die dem Programmheft beiliegt, scheint sie allerdings nicht als Mitglied auf.) Wie dem auch sei – die überschlanke, übermuskulöse Dame lässt keinen Zweifel, dass sie nicht nur Schauspielerin, sondern auch Tänzerin ist, und Neumeier fordert sie gewaltig.

Nun, die zuckenden Exzesse der Frustrationen glaubt man ihr – das, was an ihrer Vorgängerin 1977 so einmalig war, die ungeheure Kraft, die in ihrem wahnsinnigen Begehren steckt, ist weniger zu erreichen. Und man fragt sich doch, ob das Haus nicht genügend hochkarätige Solotänzerinnen hat, die diese Mrs. Potiphar tanzen müssten, und ob eine solche Besetzung vielleicht nur auf der Spekulation beruht, eine – wenn auch gerade angedeutete – „Farbige“ würde den Jamison-Zauber von einst beschwören. Das hat denn doch nicht geklappt.

Dass die „Josephs Legende“ in Neumeiers Fassung dennoch ein rabiater Psychothriller war und als solcher hinriß, zeigte sich im stürmischen Schlussapplaus, bei dem dann noch Manuel Legris auf die Bühne stürmte, um dem großen Choreographen-Kollegen einen Blumenstrauß zu überreichen…

Renate Wagner  7.2.165

(c) Wiener Staatsballett / Michael Pöhn

 

 

ROMEO UND JULIA

11.11.2014

Grosse Gefühle

In der 167. Repertoire-Vorstellung von Cranko’s „Romeo und Julia“ stehen dank der hervorragenden Protagonisten die grossen Gefühle im Vordergrund.

Nina Polakova, welche erst seit zwei Jahren die Julia tanzt, hat sich die Rolle zueigen gemacht, sie lebt die Julia vom ersten Auftritt an bis zum Schluss. Die perfekte Technik mit äusserst grazilen Arabesquen geschieht hier nur nebenbei selbstverständlich, starke Momente vermittelt Polakova besonders im 3. Akt. Mihail Sosnovschi als leidenschaftlicher, gut aussehender Romeo ist ein ebenbürtiger Partner – den kleinen Ausrutscher verzeiht man ihm schnell, da die beiden gleich weitertanzen (Zum Glück verletzte sich niemand!) – der in der Fechtszene glaubhaft zu vermitteln weiss, dass Romeo gar keine andere Wahl hat, als Tybalt zu töten.

 

Richard Szabo verleiht dem Mercutio einen spitzbübischen Charme und dreht mit Leichtigkeit seine Pirouetten, Alexandru Tcacenco ergänzt als Benvolio das Montague-Trio optimal. Eno Peci überzeugt als kraftvoller, aggressiver Tybalt, dessen Sterbeszene dieses Jahr wirklich gut ausfällt.

Bei den Charakterpartien brilliert vor allem die elegante Dagmar Kronberger als Gräfin Capulet, deren Trauerszene um Tybalt dramatisch, aber nicht aufgesetzt wirkt. Sehr heiter is einmal mehr der Faschingstanz mit Attila Bako als Faschingskönig. Blass hingegen Greig Matthews als Graf Paris.

Auch das Corps de Ballet leistet wieder ein harmonisches Zusammenspiel, besonders lieblich tanzen die 8 Lilienmädchen (Maria Alati, Oxana Kiyanenko, Eszter Ledan, Natascha Mair, Anita Manolova, Andrea Nemethova, Nina Tonoli und Prisca Zeisel).

Der vom Publikum bejubelte Dirigent Markus Lehtinen liess das Orchester der Wiener Staatsoper an den dramatischen Stellen mit einer ordentlichen Lautstärke erdröhnen, etwas unausgewogen ab und an die Holzbläser und Hörner, während die anderen Blechbläser souverän zusammenspielten.

Katharina Gebauer 14.11.14

Bilder: Staatsballett

 

 

MEISTERSIGNATUREN

 

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Denys Cherevychko / Eno Peci / Fotos: Wiener Staatsoper, Pöhn

 


Jirí Bubenícek, John Neumeier, Rudi van Dantzig &
Premiere: George Balanchine: ALLEGRO BRILLANTE

27. Mai 2014 

Bits and Pieces, Stücke zwischen 15 und 25 Minuten, vier an einem Abend, prominente Choreographen-Namen (wenn auch schon mehr von gestern als von heute) – „Meistersignaturen“ ist für das Wiener Staatsballett ein ergiebiger Abend nach dem Motto „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen“. Zumal sich auch viele von den ersten Namen des Ensembles als Interpreten hier einfinden.

Neu in das vierblättrige Kleeblatt des Abends kam „Allegro Brillante“, 1956 in New York uraufgeführt, wahrlich ein Klassiker und von seinem Schöpfer George Balanchine auch genau so gedacht. Man kommt, wenn man dem Stück zusieht, nicht um dessen Selbstaussage herum, es enthalte „alles, was ich über klassisches Ballett weiß, in 13 Minuten“. Und das zu Tschaikowsky, wenn auch nicht einer seiner üblichen, allzu bekannten Musiken, sondern zu Teilen von dessen 3. Klavierkonzert – Shino Takizawa interpretierte es wacker mit dem Orchester unter Vello Pähn. (Live Musik gab’s erst im zweiten Teil des Abends für diesen Tschaikowsky und die „Vier letzten Lieder“ von Strauss, der Rest kam aus der Konserve.)

Zehn Tänzer, vier „Nebenpaare“, die durchaus nicht gänzlich im Hintergrund stehen, und ein Hauptpaar, klassische Schrittfolgen durchaus aus einem Geist des 20. Jahrhunderts heraus kombiniert, der Fokus auf zwei Tänzer, die alles ausstrahlen müssen, was die großen Protagonisten der Ballettwelt mitbringen: Wenn Olga Esina auf die Bühne kommt, weiß man auch, was eine wirklich große Primaballerina von ihren Kolleginnen unterscheidet, nämlich die scheinbar so fraglose Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit, mit der das Schwierigste quasi schwebend exekutiert wird (während man mancher ihrer Kolleginnen im gefrorenen Lächeln doch die schwerste Konzentration ansieht, leicht erscheinen zu wollen…). Hier ist auch Vladimir Shishov ausgezeichnet: Wo man ihm nicht die virtuosen Sprünge und großen Gesten abverlangt, für die legendäre Kollegen Maßstäbe gesetzt haben, ist er persönlichkeitsstark und immer ein idealer Partner für die Esina. (Und natürlich wird es hoch interessant sein, wenn zwei andere „erste“ Tänzer, Liudmila Konovalova und Robert Gabdullin, diese Parts übernehmen.)

 

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Olga Esina, Vladimir Shishov

 

Von den übrigen drei Werken ist wahrscheinlich „Vaslaw“ am interessantesten, 1979 uraufgeführt, John Neumeiers strenge Paraphrase von Vaslaw Nijinsky, der ein Werk zu Bachs „Wohltemperiertem Klavier“ schaffen wollte, das aber nicht zustande kam (Bach wird hier sehr wohl gespielt, am Flügel ist Igor Zapravdin). Da ist dann Denys Cherevychko der einsame Vaslaw, der von seinen eigenen Figuren und Ideen quasi „umtanzt“ wird und sich immer verkrampfter  und tragischer in sich zurückzieht.

Zu Beginn sah man „Le Souffle de l’esprit“ von 2007, die Gemeinschaftsarbeit der Brüder Bubenícek, Jirí Bubenícek für die Choreographie, Otto Bubeníček für die Musikcollage (von Bach bis Eigenkompositionen und einiges dazwischen) und auch für die Ausstattung, die eine Welt der Werke Leonardo da Vincis beschwört, die im Hintergrund als Projektionen  langsam abwechseln, während davor ein Ensemble in Herrenhemden sehr heutig und entschlossen wirkt.

Am Ende dann die „Vier letzten Lieder“ von Richard Strauss, die der 2012 verstorbene Rudi van Dantzig 1977 zu einer Paraphrase über den Tod machte, den Eno Peci so düster wie eindrucksvoll präsent darstellt, während in Herbstfarben gekleidete Paare mit elegischem Grundton ihre Beziehungen tanzen. Weniger glücklich wurde man mit der gesanglichen Ausgestaltung dieser anspruchsvollen (und sehr bekannten, also vielen Vergleichen ausgesetzten) Lieder durch Olga Bezsmertna.

Keine Frage, die „Meister“ im Titel haben das Ensemble gefordert, und dieses hat wieder einmal gern gezeigt, was es kann.

Renate Wagner

 

 

DORNRÖSCHEN

24. Februar 2014                  

The Show must go on...

Die 47. Vorstellung von Peter Wrights "Dornröschen" an der Wiener Staatsoper stand unter keinem guten Stern. Nina Polakova, welche ein grandioses Rosenadagio tanzte und auch die anderen Variationen der Aurora mit ihrer stupenden Technik mühelos meisterte, erlitt, kurz bevor sie sich an der Spindel stach, ganz plötzlich eine Kreislaufschwäche, weswegen ab dem 2. Akt Ludmila Konovalova die Titelpartie übernahm. Dennoch muss hier gesagt werden, dass Polakova bis zum Schluss des 1. Aktes durchhielt und auch wenn sie am Schluss markieren musste, alles gab.

Eine 20 minütige Pause wurde zwischen dem 1. und 2. Akt eingeschoben, dies war jedoch die einzige unerwartete Unterbrechung des Abends.

Ludmila Konovalova, welche vor 2 Jahren eine sensationelle Wiederaufnahme von "Dornröschen" tanzte, glänzte mit bildschönem Ausdruck und perfekten Linien und rettete damit die Vorstellung. Als Prinz stand ihr Denys Cherevychko zur Seite, welcher in seinen Variationen um einiges besser tanzte, als vorige Woche, allerdings als Partner nicht besonders sicher, diverse Hebefiguren im Pas de deux konnten nur durch die technische Sicherheit von Konovalova bewältigt werden.

Hervorragend war einmal mehr der Pas de deux der verzauberten Prinzessin und des blauen Vogels (lieblich: Natascha Mair, brillant: Davide Dato), sowie der Pas de quatre mit Alice Firenze, Nina Tonoli, Richard Szabo und Dumitru Taran, und auch das weisse Kätzchen (Maria Alati), der gestiefelte Kater (Alexis Forabosco), Rotkäppchen (Eszter Leda) und der Wolf (Gabor Oberegger) sorgten für gute Laune.

Auch die Charakterfiguren waren wieder bestens besetzt mit der eleganten, strahlenden Dagmar Kronberger als Fliederfee (im März wird sie als Carabosse zu erleben sein), der energischen, kraftvollen Ketevan Papava als ihre Kontrahentin Carabosse, Alexandra Kontrus und Thomas Mayerhofer als Königspaar, Christoph Wenzel als Zeremonienmeister und der sehr amüsante Lukas Gaudernak als Galifron.

Im Orchester unter der schwungvollen Leitung von Fayçal Karoui gab es einige Unstimmigkeiten, besonders bei den Blechbläsern. Das Corps de Ballet präsentierte sich grösstenteils harmonisch. 

Katharina Gebauer 26.2.14

 

 

 

Wiener Staatsoper

DORNRÖSCHEN

Vorstellung 20. Februar 2014          zum 2.)

Grandiose Protagonisten 

Dieser Abend gehörte Wiens Erster Solotänzerin Olga Esina und dem Gastsolisten Matthew Golding, welcher aufgrund einer Erkrankung von Vladimir Shishov sein Hausdebüt in der Rolle des Prinzen Florimund gab. Der gutaussehende Kanadier ist seit kurzem Principal Dancer im Royal Ballet London und wurde gemeinsam mit Publikumsliebling Olga Esina gebührend vom Publikum gefeiert. Solch eine Bühnenpräsenz und Rollengestaltung, die Golding von Beginn an mitbringt, vermisst man bei den aktuellen Ersten Solisten des Wiener Staatsballets doch ziemlich, während die Ersten Solistinnen durch perfekte Technik und Ausdrucksstärke ihre Partner oft in den Schatten stellen. In Golding hat Esina endlich wieder einen ebenbürtigen Partner. Sie ist eine selbstbewusste Aurora, welche besonders durch ihre perfekten Balancen Zwischenapplaus erntet, aber auch durch ihre geschmeidigen Bewegungen der Aurora entzückend mädchenhafte Züge verleiht. Man kann sich schon sehr auf die Schwanensee-Première freuen, welche voraussichtlich Olga Esina tanzen wird.

Mit Auftrittsapplaus werden sowohl Esina als auch Golding begrüsst, und Golding zeigt vom ersten Augenblick an, dass der Dornröschenprinz durchaus nicht oberflächlich angelegt werden muss, jede Mimik überzeugt und er tanzt seine Soli sehr souverän. 

Hervorragend ist auch das Rollendebüt von der jungen Corpstänzerin Natascha Mair, welche mit ihrem mädchenhaften Charme an die Starballerina Eva Petters erinnert, im blauen Vogel - Pas de deux mit dem brillanten Davide Dato. 

Wie immer glänzen auch die Charakterpartien Fliederfee (anmutig: Dagmar Kronberger), Carabosse (dramatisch: Ketevan Papava), Königin (eine Luxusbesetzung: Alexandra Kontrus), und Zeremonienmeister und Galifron (erheiternd: Christoph Wenzel und Lukas Gaudernak), sowie im 3. Akt die Katzen (Rui Tamai und Dumitru Taran), Rotkäppchen (Céline Janou Weder) und der Wolf (Gabor Oberegger). Im Pas de quatre überzeugt erstmals Prisca Zeisel gemeinsam mit Reina Sawai, Greif Matthews und Alexandra Tcacenco. 

Unter der Leitung von Fayçal Karoui spielte das Orchester der Wiener Staatsoper schwungvoll und manchmal etwas uneins die schöne Musik von Tschaikowsky.

Katharina Gebauer 21.2.14

 

 

Wiener Staatsoper

DORNRÖSCHEN

Vorstellung vom 17. Februar 2014

Für die Wiederaufnahme des klassischen Balletts "Dornröschen" wären in den Hauptrollen Olga Esina und Vladimir Shishov vorgesehen, durch eine plötzliche Erkrankung gab es wenige Stunden vor der Vorstellung eine Umbesetzung und so konnten Nina Polakova und Denys Cherevychko bereits eine Woche früher als geplant ihre Rollendebüts absolvieren. Zahlreiche Rollendebüts gab es auch in einigen Nebenpartien. 

Schwungvoll beginnt der Prolog unter dem facettenreichen Dirigat von Hausdebütant Fayçal Karoui, das Bühnenbild ist knapp 20 Jahre nach der Première zwar etwas vergilbt, aber immer noch prunkvoll, und auch die Kostüme (Philip Prowse) sorgen für ein rauschendes Ballfest. Bildschön ist einmal mehr Alexandra Kontrus als Königin, welche mit ihrer eleganten Bühnenpräsenz alle überstrahlt. 

Die Feen präsentieren ihre Variationen souverän, besonders hervorragend ist dabei Prisca Zeisel, welche ihr Rollendebüt als Fee der Lebensfreude gibt. 

Bestens besetzt sind auch die Charakterpartien der Fliederfee (anmutig: Dagmar Kronberger) und Carabosse (ausdrucksstark: Ketevan Papava), und Christoph Wenzel als Zeremonienmeister und Lukas Gaudernak als Galifron sorgen für heitere Momente.

 Wenngleich im 1. Akt einige Unstimmigkeiten im Orchester geschehen, vermag Karoui diese doch schnell wieder auszubügeln und bereitet Dornröschen ein feierliches Rosenadagio. Nina Polakova war anfangs die Nervosität etwas anzusehen, die sich aber während dem technisch äusserst anspruchsvollen Rosenadagio legte und sie steigerte sich von Akt zu Akt. Besonders vermag sie im 2. Akt in der Traumszene zu berühren. Ihr zur Seite ist Denys Cherevychko als ein sehr jugendlicher Prinz, der seine Variationen sauber absolviert, jedoch in den "frechen Charakterpartien", wie Ulrich (Fledermaus), Mercutio oder Moritz (Max und Moritz) viel mehr punkten kann, als in den Prinzenrollen, auch ist Polakova etwas gross für ihn.  

Der 3. Akt schliesslich ist mit technisch versierten Solisten besetzt, brillant der Pas de quatre (Ioanna Avraam, Alice Firenze, Davide Dato und Eno Peci), geschmeidig der Katzen-Pas de deux (Maria Alati und Alexis Forabosco), humoristisch Rotkäppchen (Céline Janou Weder) und der Wolf (Gabor Oberegger), und besonders kraftvoll und elegant der umjubelte Mihail Sosnovschi als blauer Vogel, mit Rollendebütantin Kiyoka Hashimoto als souveräne verzauberte Prinzessin. Schlussendlich der Grand Pas mit Nina Polakova und Denys Cherevychko, wobei Polakova zur Höchstform aufblüht und man kann sich sehr freuen, dass sie nun doch in mehreren Vorstellungen zu erleben sein wird.

Eine schöne Produktion, welche noch am 20., 23., 24. Februar, sowie am 1., 2. und 5. März in insgesamt drei verschiedenen Besetzungen zu sehen sein wird.

Katharina Gebauer 19.2.14

Bilder: Wiener Staatsoper

 

 

 

Wiener Staatsoper

MANON

Wiederaufnahme vom 8. Jänner 2013

Mit der Wiederaufnahme von Kenneth MacMillans romantischem Ballett „Manon“ hat Ballettdirektor Manuel Legris wieder einen Volltreffer gelandet. Das Publikum feierte die Protagonisten gebührend.

Maria Yakovleva war bereits vor 6 Jahren als eine damals besonders junge, verspielte Titelpartie zu erleben, heute hat sie an Facettenreichtum und darstellerischer Reife gewonnen, die diffizile Choreographie meistert sie spielerisch. Sie lebt die Partie vom ersten Augenblick an, überzeugt in jeder Gefühlslage, sei es als verliebte, mädchenhaft kokette Manon, oder aber auch als selbstsüchtige, selbstbewusste grande Dame, die sich ihrer unglaublichen Schönheit sehr wohl bewusst ist, aber tief im Herzen sich doch zu Des Grieux hingezogen fühlt. Mit dem gutaussehenden Gastsolisten Friedemann Vogel (1. Solotänzer im Stuttgarter Ballett) ist die Partie des Des Grieux ideal besetzt, der bereits in seiner ersten Variation Bravorufe erntet – wobei er die äusserst schwierigen Balancen perfekt steht. Für Yakovleva ist er ein hervorragender Partner, die beiden wirken als so verliebtes, vertrautes Paar, dass man gar nicht vermuten könnte, dass sie zum ersten Mal miteinander tanzen.

In der Charakterpartie des Bruders Lescaut beweist Kirill Kourlaev einmal mehr Ausdrucksstärke und eine technische Perfektion, Kamil Pavelka gibt einen schmierigen Monsieur G.M., bei Ketevan Papava als Lescauts Geliebte würde man sich weniger zackige Bewegungen wünschen, gerade wenn man sie in Glanzpartien, wie Anna Karenina oder Carmen erlebt hat.

Apropos technische Perfektion: Mit Davide Dato ist die kleine aber feine Partie des Bettlerkönigs hochkarätig besetzt. In weiteren Nebenrollen überzeugen Gabor Oberegger als brutaler Aufseher und Dagmar Kronberger als elegante Madame, sowie die drei Herren (Alexis Forabosco, Dumitru Taran und Greig Matthews). Das Corps de Ballet war bis auf wenige Unsicherheiten in guter Form.

Unter der Leitung von Ermanno Florio gab das Orchester der Wiener Staatsoper eine solide Leistung, die vereinzelten Buh-Rufe zu Beginn des 3. Aktes und beim Schlussapplaus waren nicht gerechtfertigt. In dieser Wiederaufnahme wurde übrigens ein weiteres Zwischenspiel mit wohlklingendem Cellosolo im 3. Akt hinzugefügt (musikalische Einrichtung: Martin Yates).

Folgevorstellungen: 18., 25. Jänner (mit Nina Polakova und Roman Lazik), 2. und 9. Februar 2013 (mit Irina Tsymbal und Vladimir Shishov)

Katharina Gebauer                                     Bilder: Wiener Staatsoper

 

 

 

 

ROMEO UND JULIA

Wiener Staatsballett am 06.11.2012 in der Staatsoper

Berührendes Rollendebüt

Nach einigen Repertoire-Vorstellungen von John Crankos „Romeo und Julia“ an der Wiener Staatsoper erwartet man mit Spannung das Rollendebüt von 1. Solotänzerin Nina Polakova als Julia.

Die Julia ist ja schon lange die „Wunschrolle“ von Nina Polakova, und das pure Glück, die Partie endlich tanzen zu können, stand ihr besonders im ersten Auftritt ins Gesicht geschrieben. Keck und unbeschwert tanzt sie eine kindliche Julia, die sich dann sehr romantisch zum ersten Mal verliebt, die Balkonszene ist ein Feuerwerk der Gefühle, gepaart mit technischer Perfektion und schwebenden Hebefiguren. Polakova und Lazik harmonieren phantastisch miteinander, die Liebe wird glaubhaft vermittelt. Doch auch im 3. Akt vermag Polakova, diesmal mit dramatischem Ausdruck, zu punkten. Berührend schildert sie Pater Lorenzo (Christoph Wenzel) ihr Leid und zeigt in der Giftszene, dass Julia wirklich keinen anderen Ausweg sieht.

Eine grosse positive Überraschung erlebt man bei Roman Lazik, welcher diesmal den Romeo vom ersten Auftritt an überzeugend spielt. Er hat sowieso schon das perfekte Aussehen für Prinzenrollen, ist mit einer soliden Technik und als sicherer Partner für die grossen Partien gut besetzt, aber erfreulicherweise hat er in den letzten Jahren an Ausdruck gewonnen, und solche 1. Solisten braucht man!

Ein routinierter und gern gesehener Mercutio ist Denys Cherevychko, der Schalkhaftigkeit gekonnt mit technischer Brillanz verbindet, Kirill Kourlaev als Tybalt ist kraftvoll und angriffslustig. Einzig die Sterbeszenen der beiden wirken ein wenig aufgesetzt. Dagmar Kronberger ist eine sehr elegante, aber auch emotionale Gräfin Capulet, Alexandru Tcacenco gleich im Doppeleinsatz als gutaussehender Graf Paris und als temperamentvoller Faschingskönig. Marcin Dempc als Benvolio hält wacker im pas de trois mit Lazik und Cherevychko mit.

Weniger erfreulich ist das Orchester der Wiener Staatsoper unter der sehr bemühten Leitung von Guillermo Garcia Calvo, das Motto scheint „laut und schnell“ zu sein, die Geigensoli leiden teils an Intonationsschwäche, die Klarinette schrillt die Mandolinen im Faschingstanz rücksichtslos zu. Besonders viele Facetten werden – im Gegensatz zu dem, was sich auf der Bühne abspielt – nicht geboten.

Das Debüt von Polakova ist allerdings mehr als geglückt und es bleibt zu hoffen, dass sie nächste Spielzeit – sofern diese wunderschöne Produktion wieder am Spielplan steht – wieder zum Einsatz kommt. Auf jeden Fall kann man sich schon im Jänner auf ihre erste Manon an der Seite von Roman Lazik als Des Grieux freuen – den Pas de deux hat sie ja bereits mit Ballettdirektor Manuel Legris bei der Ballettgala getanzt.

Katharina Gebauer

 

 

DER NUSSKNACKER

 

 

Bilder: Wiener Staatsoper
 

Premiere: 7. Oktober 2012
Besucht wurde die Generalprobe

Die grundlegende Geschichte – dass die kleine Clara zu Weihnachten einen Nussknacker geschenkt bekommt und dass sie in eine Traumwelt entgleitet – bleibt immer dieselbe, die Variationen, sie tänzerisch umzusetzen, sind mannigfaltig. Wien hat manche Version davon gesehen, aber interessanter- weise noch nie jene von Rudolf Nurejew. Dass dieser zu den privaten Göttern von Wiens Ballettchef Manuel Legris zählt, ist bekannt und absolut kein Schaden – schließlich stand Nurejew, abgesehen von seinen durchaus vorhandenen Interessen für die Moderne, doch für das Beste, was das klassische russische Ballett zu bieten hat.

Nurejews Fassung, die Clara die ganze Zeit von ein- und derselben Tänzerin gestalten lässt (auch als kleines Mädchen), wahrt die Bedrohlichkeit, die bei dem Schöpfer der Originalgeschichte, E.T.A. Hoffmann, immer mitschwingt, indem er Clara nicht nur als Einzelgängerin darstellt, sondern ihr die Erwachsenenwelt in den Traumszenen auch durchaus bedrohlich entgegen-stellt – wenn “die Großen” da mit riesigen Papmaché-Köpfen auf sie eintanzen, kann man sich als Kind schon schrecken.

Hingegen spielt der Mäusekönig hier keine besonders große Rolle, aber die Mäuse (oder Ratten?) kommen wahrlich zur Geltung – der enorme Anteil der Kinder ist vielleicht auch ein Bonus, der diesen Abend noch kindergerechter macht, als er es von seinen Voraussetzungen her schon wäre: Denn die kleinen Herrschaften im Tierkostüm watzen und trippeln ganz hinreißend herum, schütteln die Pfoten (selbst wenn Mäuse vermutlich keine solchen haben) und sorgen für zahlreiche Lacher – wie auch die anderen Kinder der Opernschule, die als sie selbst (also kleine Kinder im Gewand des zaristischen Russlands) herumwirbeln, marschieren, umhertollen, wie es am Weihnachtsabend eben so ist, wenn die Geschenke herumkollern…

Diese Rahmen-Szenen haben durchaus Gewicht, die Eltern (Franziska Wallner-Hollinek und Gabor Oberegger würdig) und die boshaften Geschwister (Davide Dato und Emilia Baranowicz) haben ihre Funktion ebenso wie die feine Gesellschaft – Nicholas Georgiadis hat eine Ausstattung geschaffen, die in den Dekorationen eher sparsam bleibt (allerdings müssen deren Teile von den Bühnenarbeitern sichtbar umhergeschoben werden), dafür in den Kostümen prunkt: Damit kann man zur Not auch alle Opern spielen, die aus dem Zarenreich stammen… Ein schlanker weißhaariger Herr ist halb guter Geist, halb durchaus geheimnisvoll: Drosselmeyer, Claras Pate und von ihr heimlich angeschwärmt…

So ist es auch logisch, dass er in der Traumwelt, wenn sie zur erwachsenen Prinzessin avanciert, nun ihr Prinz ist, zuständig für Soli und Pas de deux, wie man sie sich in einem klassischen Werk nur wünscht. Wie die meisten anderen Choreographen hat Nurejew auch die originale Fasung mit der Zuckerfee verschmäht, bei ihm erwachen einfach Puppen zum Leben – und ein Tanz der Schneeflocken kann es mit den Schwänen im „Schwanensee“ aufnehmen (mit Alena Klochkova und Prisca Zeisel als Schneeflocken-Anführerinnen).

Und im übrigen gibt es, auch wie in „Schwanensee“, die bunten, folkloristischen Einlagen, wobei Ketevan Papava und Eno Peci beim arabischen Tanz enorm rassig wirken, Marcin Dempc, András Lukács und Richard Szabó drei lustige Chinesen sind und die europäische Barock-Pastorale ausschließlich exotische Gesichter zeigt: Ioanna Avraam, Kiyoka Hashimoto und Masayu Kimoto. Geschwister und Eltern von Clara bekommen mit einem spanischen bzw. russischen Tanz ihre Solo-Möglichkeiten.

 

 

Wie immer in Wien werden schon bei den nächsten Vorstellungen die Darsteller von Carla und Drosselmeyer / Prinz abwechseln. Da wir keine „heimischen“ Lieblinge mehr haben (was schon moniert wird – jahrzehnte- lang war das Wiener Ballett mit österreichischen Publikumslieblingen bestückt, aber die muss man natürlich heran erziehen), aber dafür jede Menge fabelhafter Russen, gab es Liudmila Konovalova und Vladimir Shishov für die Premiere, sie poetisch-elegisch-elegant, aber nicht wirklich wie ein junges Mädchen wirkend, er dafür ein jugendlich stürmischer Prinz.

Wenn Ballettfans nun Vorstellung für Vorstellung besuchen werden, um die Alternativen zu sehen, werden sie vermutlich an dem detailreichen Abend, den Legris selbst (zusammen mit Aleth Francillon und mit Nathalie Aubin für die reichen Kinderszenen) einstudiert hat und den Paul Connelly brav dirigiert, ihren Spaß haben.

„Ist das nicht zu schön?“ habe ich meinen Mann gefragt.
Und er antwortete: „Es muss ja nicht alles heutzutage auf dem Misthaufen spielen.“
In diesem Sinn – viel Freude mit dem „Nussknacker“.

Renate Wagner

 

 

LA SYLPHIDE

Wiener Staatsballett am 29. Jänner 2012 in der Staatsoper

Ätherischer Genuss

Die 8. Vorstellung der „Sylphide“ an der Wiener Staatsoper brachte einige gelungene Rollendebüts mit sich und einen grossen Applaus für die Protagonisten.

Das Copyright aller Produktionsbilder liebt bei der Weiner Staatsoper

Ein sensationelles Rollendebüt gab die grazile Natalie Kusch in der Titelpartie. Wie schon vor einem halben Jahr als traumhafte Giselle, schwebt sie nun als Sylphide so schwerelos über die Bühne, dass es ein ätherischer Genuss ist! Da hat der liebe Gott wohl vergessen, ihr vor der Geburt die Flügel abzunehmen. Sie kostet jede Balance aus und präsentiert zudem eine perfekte Fussarbeit. Sie lebt die Rolle von Anfang bis zum Schluss, verleiht der Sylphide das Neckische, das Federleichte und stirbt zum Schluss so ergreifend, dass dem Zuschauer die Tränen kommen. In Denys Cherevychko (ebenfalls Rollendebüt) hat sie einen ebenbürtigen Partner, welcher besonders durch kraftvolle, aber flinke Sprünge brilliert (der eine unfreiwillige Spagat sei ihm verziehen), aber vor allem dem James eine frische Persönlichkeit verleiht. Er sprüht nur so vor Lebensfreude und realisiert viel zu spät, dass er durch jugendlichen Leichtsinn selbst die Sylphide getötet hat. Cherevychko ist vom „Gesamtpaket“ her die Idealbesetzung für den James und harmoniert wunderbar mit Kusch.

Ebenfalls zum ersten Mal tanzte die Halbsolistin Kiyoka Hashimoto eine liebliche Effie mit einer sauberen Technik, im Pas de deux begeisterten Rollendebütanten Reina Sawai und Alexandru Tcacenco. Andrey Kaydanovskiy sorgte wieder für gruslige Momente als ausdrucksstarke Hexe Magde, und in den Charakterpartien Gurn und Mutter überzeugten Kamil Pavelka und Eva Polacek.

Das Corps de ballet zeigte sich grösstenteils harmonisch, allen voran die drei Solo-Sylphiden Marie-Claire D'Lyse, Alena Klochkova und Andrea Nemethova.

Und unter der Leitung von Peter Ernst Lassen brachte das Orchester der Wiener Staatsoper eine solide bis sehr gute (hervorragendes Violoncello-Solo!) Leistung. Das Publikum war begeistert und belohnte die Künstler mit lang anhaltendem Applaus.

Katharina Gebauer

 

 

 

DORNRÖSCHEN

Wiederaufnahme vom 21.12.2011 in der Wiener Staatsoper

Gelungene Rollendebüts - Technische Perfektion

Nach 6 Jahren Pause steht das Märchen-Ballett „Dornröschen“ in der Choreographie von Peter Wright wieder am Spielplan und wartet mit einer Fülle von Rollendebüts auf.

In der Titelrolle gab die erste Solotänzerin Liudmila Konovalova ein gelungenes Rollendebüt. Dem Auftrittsapplaus wird sie gleich in ihrer ersten Variation gerecht, vorzüglich meistert sie auch das anspruchsvolle Rosenadagio, in welchem sie besonders durch die perfekte Balancen punktet. Die mädchenhafte Ausstrahlung mag zwar in seltenen Momenten etwas verblassen, was sie allerdings durch eine stupende Technik wieder wettmacht. Im Endeffekt ist es immer eine Freude, ihr zuzusehen. Da kann auch ihr Ex-Chef Vladimir Malakhov, welcher höchstpersönlich anwesend war und übrigens die Première 1995 an der Wiener Staatsoper getanzt hat, zufrieden sein. In Vladimir Shishov als Prinz Désiré hat Konovalova einen gut aussehenden Partner, welcher in den Solovariationen besonders durch kraftvolle Sprünge punktet, jedoch im Pas de deux nicht immer ganz sicher ist. Die berühmte Chemie muss noch etwas besser gemischt werden, was sich vermutlich bei den Folgevorstellungen einstellen wird. 

Copyright aller Bilder: Wiener Staatsoper

Hervorragend besetzt sind die Charakterpartien, wie die liebliche Dagmar Kronberger, eine bereits versierte Fliederfee, aber auch die ausdrucksstarke Ketevan Papava, welche erstmals die Carabosse tanzte. Ein freudiges Wiedersehen gab es mit der ehemaligen Solotänzerin Alexandra Kontrus als elegante Königin (vor 6 Jahren sorgte sie noch als Carabosse für Gänsehaut), welche vom ersten Auftritt an die ganze Bühne zum Strahlen brachte. Eine Persönlichkeit sondergleichen! Aber auch Lukas Gaudernak als Gaston brilliert mit seinem komischen Talent.

Überhaupt ist „Dornröschen“ in dieser kitschig-schönen Version für zahlreiche Tänzer eine gute Gelegenheit, sich in kleinen, aber feinen Soli zu präsentieren. Besonders in Erinnerung bleibt einem da die zierliche Natalie Kusch, einmal hervorragend als Fee des Gesangs, dann vermittelt sie im Pas de Quatre im 3. Akt dem Publikum die pure Freude am Tanzen. Aber auch die Halbsolisten Shane A. Wuerthner und Andrey Teterin können u.a. als Begleiter der Feen, dann als Prinzen im Rosenadagio und zum Schluss auch im Pas de Quatre überzeugen. Niedlich ist der Pas de deux der weissen Katze (Rui Tamai) und des gestiefelten Katers (Alexis Forabosco), für Erheiterung sorgt dann Rotkäppchen (Emilie Drexler) und der Wolf (Gabor Oberegger). Nina Polakova, erstmals als verzauberte Prinzessin zu erleben, besticht einmal mehr durch perfekte Linien, der blaue Vogel, auch zum ersten Mal von Denys Cherevychko getanzt, beginnt erst in der Coda schwerelos zu fliegen.

Bis auf wenige Momente zeigte sich auch das Corps de ballet sehr harmonisch. Das Orchester unter der Leitung von Paul Connelly bot besonders im Prolog eine solide Qualität, im 1. und 2. Akt liess es an Präzision nach, um wieder im 3. Akt ein ordentliches Finale zu spielen.

Um die Weihnachtszeit herum ist diese konventionelle Inszenierung gerade richtig für das Wiener Publikum, und die Musik von Tschaikowsky ist nunmal wunderschön.

Katharina Gebauer

Folgevorstellungen:  3. und 7. Jänner 2012

 

 

 

SCHRITTE UND SPUREN

Wiener Staatsballett am 5.12.2011in der Staatsoper

Geschmeidig und brillant

Photo: Axel Zeininger / Wiener Staatsballett

Mit dem Vierteiler „Schritte und Spuren“ hat das Wiener Staatsballett die Gelegenheit, sich auch einmal in modernem Repertoire zu beweisen.

Eröffnet wurde der Abend mit Jiri Bubenicek’s „Le Souffle de l’esprit“ – ein Werk, das er 2007 für das Zürcher Ballett choreographierte. Bubenicek, ehemaliger 1. Solist des Hamburger Balletts, jetzt 1. Solist an der Semperoper Dresden, ist der jüngste Choreograph des Abends. Die Tänzer (allen voran Mihail Sosnovschi) können in seiner Choreographie durch Geschmeidigkeit punkten. Eine weitere Augenweide ist das Bühnenbild (Otto Bubenicek), passend zur Musik von J.S. Bach, Pachelbel und Hoffstetter.

Das zweite Stück des Abends, „Glow-Stop“ von Jorma Elo, ist dem Wiener Publikum schon länger bekannt, stand es doch seit 2008 fast jährlich am Spielplan, sei es bei Ballettgalas, oder eingebunden in einen „Vierteiler“- Abend. Dieses neoklassische Werk erfordert von den Tänzern eine enorme Präzision, besonders brillant präsentieren sich Maria Yakovleva, Ketevan Papava und Shane A. Wuerthner. Dass auf den Allegro-Satz aus Mozarts Symphonie KV 200 eine direkt endlose Minimal Music folgen muss, darüber kann man streiten. Die Geschmäcker sind verschieden. Die Choreographie bleibt schön anzusehen, schön sind auch die Kostüme (Zack Brown) und die Tänzer ernten für ihre solide Leistung grossen Applaus.

Vor der Pause gibt es dann noch ein sehr komödiantisches Stück, „Skew-Whiff“ von dem kongenialen Duo Paul Lightfoot und Sol Leon. Sensationell war das Rollendebüt von Céline Janou Weder, welche die anspruchsvolle Hauptpartie einfach perfekt gestaltete, flink, elegant und mit einem charmanten Humor. Perfekt waren auch ihre drei Gegenspieler Mihail Sosnovschi, Dumitru Taran und Marcin Dempc. Dementsprechend reagierte auch das begeisterte Publikum.

Der vierte Choreograph des Abends, Jiri Kylian, ist dem Wiener Publikum bereits bekannt, durch Werke wie „Sechs Tänze“ und „Petite Mort“. Mit „Bella Figura“ kann sich das Wiener Staatsballett, insbesondere Ketevan Papava und Erika Kovacova, von einer sehr sinnlichen Seite präsentieren.

Ein wirklich gelungener Abend, wenngleich die Musik aus der Box kam. Das Wiener Staatsballett wird den verschiedenen Stilen mehr als gerecht, wie es bestimmt auch auf der bevorstehenden Tournee nach Monte Carlo beweisen wird.

Katharina Gebauer

 

Irina Tsymbal

erste Solotänzerin des Wiener Staatsballetts

Anlässlich des grossen Erfolges bei der „Sylphide“-Première an der Wiener Staatsoper wurde die Interpretin der Hauptrolle, Irina Tsymbal, zur ersten Solotänzerin ernannt. Die grazile Tänzerin wurde in Minsk (Weissrussland) geboren, wo sie 1997 ihr Ballettstudium an der Choreographischen Akademie abschloss. 1992 gewann sie den 1. Preis beim Ballettwettbewerb in Szczecin und den 2. Preis beim Diaghilew-Ballettwettbewerb in Moskau, 1996 den 3. Preis beim Internationalen Ballettwettbewerb in Varna, und 2000 den Sonderpreis beim Internationalen Ballettwettbewerb in Paris.

Ihr erstes Engagement erhielt sie an der Lettischen Nationaloper in Riga, 1998-2002 war sie Solistin am Litauischen Opern-und Balletttheater in Vilnius, Lettland, bevor sie bis 2005 ebenfalls als Solistin in Budapest beim Ungarischen Nationaltheater tanzte. 2004 gastierte sie mit dieser Kompanie als Mary Vetsera (Mayerling, MacMillan) in St. Pölten. 2005 wurde sie Solotänzerin des Balletts der Wiener Staatsoper und Volksoper, ab 2010 Wiener Staatsballett, und ist seit dem 26. Oktober 2011 erste Solotänzerin. Zu ihren wichtigsten Partien gehören die Sylphide (Lacotte), Julia (Cranko), Tatjana (Onegin, Cranko), Giselle (Tschernischova), Prinzessin Maria (Der Nussknacker, Harangozo), Mary Vetsera (Mayerling, MacMillan), Anna Karenina (Eifman), Titania (Sommernachtstraum, Elo), Micaëla (Carmen, Bombana), Verlobte des jungen Dichters (Platzkonzert, Harangozo sen.), sowie Hauptpartien in Ben van Cauwenberghs „Queen“, George Balanchines „Rubies“, Jerome Robbins’ „The Concert“ und „In the Night“, Twyla Tharps „Variationen über ein Thema von Haydn“, Jiří Kyliáns „Petite Mort“ und „Bella Figura“, Myriam Naisys „Ederlezi“ und Jorma Elos „Glow – Stop“ sowie Marius Petipas Pas de deux aus „Dornröschen“ und Wassili Wainonens „Moszkowski-Walzer“. In Ivan Cavallaris „Tschaikowski Impressionen“ kreierte sie zwei Partien. Sie gastierte in Italien und beim Stuttgarter Ballett.

Mit der frischgebackenen ersten Solotänzerin sprach unsere Opernfreund-Fachkritikerin fürs Tanztheater: Katharina Gebauer.

 

OF: Sie wollten ja ursprünglich gar nicht Ballerina werden, erinnere ich mich von einem Künstlergespräch? (Anm.: mit Ingeborg Tichy-Luger, Präsidentin vom Ballettclub der Wiener Staatsoper und Volksoper)

IT: Als ich in der Volksschule war, wollte ich Biologie studieren. Aber das ist schon viele Jahre her. Ich war damals zehn, als ich mich entschieden hatte, auf die Ballettschule zu gehen. Meine Mutter hat mich sehr gefördert, und das Leben hat mir nun diesen Weg gezeigt.

OF: Was Sie ja besonders auszeichnet, ist die enorme Ausdruckskraft, gerade in dramatischen Partien, wie Tatjana und Mary Vetsera, aber auch in lustigen Partien, wie die Ballerina im „Concert“ und die Bella in der „Fledermaus“. Wie bereiten Sie sich auf neue Rollen vor?

IT: Ich versuche, soviel Informationen wie möglich zu bekommen. Zum einen, wenn es Literatur dazu gibt, wie bei der Tatjana – ich habe Puschkin oft gelesen und versucht, auch zwischen den Zeilen zu lesen – vertiefe ich mich darin, zum anderen lese ich auch verschiedene Meinungen über die jeweiligen Werke, der nächste Schritt ist, dass ich mich selbst in das Werk integriere und es für mich umsetze. Für mich ist eine grosse Rolle ein langer Prozess, würde ich sagen. Viel Lesen, Bilder anschauen, sofern sie vorhanden sind -gerade bei der Sylphide habe ich mich eingehend mit Marie Taglioni beschäftigt, mit Berichten und Bildern aus dieser Zeit. Man kann es mit einem Schwamm vergleichen, der sich langsam mit Informationen aufsaugt. Und dann kommen meine Gedanken, Gefühle dazu, wie ich das Werk verstehe.

Copyright aller Bilder: Wiener Staatsballett / Axel Zeininger

OF: Das gelingt Ihnen auch sehr gut, wenn ich z.B. an Ihre berührende Interpretation der Tatjana denke.

IT: Es war eine grosse Arbeit für mich, besonders weil ich die Tatjana zum ersten Mal sehr früh, mit 23, getanzt habe. Ich war jung, damals noch in Budapest, hatte noch nicht soviel Lebenserfahrung und auch beruflich noch nicht. Und ich erinnere mich, wie ich mit dem letzten Pas de deux gekämpft habe, weil man hierfür eine gewisse Reife braucht. Und Ivan Cavallari hat mich in dieser Zeit vorbereitet, ist vor mir gekniet und hat versucht, meine Emotionen herauszulocken. Es war wirklich harte Arbeit, und es ist auch interessant, über die Jahre zurückzublicken, wie man sich weiterentwickelt hat, weil je länger man lebt, desto mehr Schwierigkeiten erlebt man, desto mehr Krisen macht man durch, dann kann man das alles auf die Bühne bringen. Besonders beim „Onegin“ letztes Jahr hatte ich begriffen, wie man den Schluss tanzen muss. Ich hatte viel erlebt und das hat mir viel gebracht. Besonders beim Pas de deux im 3. Akt habe ich viel empfunden und konnte das in die Rolle mitnehmen. Das ist ein glücklicher Moment für die Künstler.

OF: Sie haben ja 2005 „Schwanensee“ für ein Gastspiel in Polen vorbereitet, gemeinsam mit Margaret Illmann. (Anm.: ehemalige 1. Solotänzerin des Wiener Staatsopernballetts)

IT: Ja, ich habe sie gebeten, mir bei den Vorbereitungen zu helfen, sie ist eine wunderschöne Künstlerin, Tänzerin und auch ein grossartiger Mensch. Ich hatte wirklich Glück, mit vielen tollen Leuten zu arbeiten und sie zählt zu diesen Menschen. Die Proben mit ihr werde ich nie vergessen, alles, was sie mir gesagt hat, hat mir enorm viel gegeben.

KG: Welche Tänzer oder Choreographen haben ansonsten Ihre Laufbahn geprägt?

IT: Während meiner ganzen Karriere war immer jemand da, die Wiener Staatsoper ist ja nicht mein erstes Engagement, es gab davor auch wichtige Personen. Ich kann nur sagen, hier habe ich in meiner schwierigen Zeit eine wunderbare Lehrerin kennen gelernt, sie unterrichtet in der Ballettschule St. Pölten und viele Schülerinnen von ihr sind jetzt Solistinnen an der Staatsoper. Wir haben uns zu einem Zeitpunkt kennen gelernt, wo es mir nicht gut ging, und sie war und sie ist eine besonders wichtige Person in meinem Leben, ich bin sehr dankbar um ihre Freundschaft. Sie heisst Schyda Mubaryakova. Sie hat meinen beruflichen Werdegang sehr beeinflusst, ich hatte genau das gefunden, was ich gesucht habe.

OF: Welche Partien tanzen Sie am liebsten? Gibt es Präferenzen, ob eher dramatische Partien, oder lustige, oder ganz klassisch, oder modern?

IT: Die traditionelle Frage *lacht*. Es ist so eine Stempelfrage. Ich müsste da länger ausholen. Ich fühle mich jeder Rolle, die ich tanze, so nahe, es bedeutet mir jedes Mal viel, wenn ich in den Vorbereitungen für eine Rolle bin. Es ist immer sehr emotional. Man kann es mit einer Schwangerschaft vergleichen. Man trägt das Kind in sich, man gibt dem Kind Leben, es ist ein langer Prozess. Und in dem Moment, wo man eine Rolle vorbereitet, entsteht etwas Neues. Und wenn jemand mich fragt, welche Rolle ist Ihre Lieblingsrolle, dann kann ich nur sagen, bei Rolle x hatte ich das erlebt, da gab es diese Schwierigkeiten, bei Rolle y waren es andere Herausforderungen, aber Rolle z liebe ich auch total. Jede Rolle, die man neu einstudiert, ist ein Schritt vorwärts. Genau wie im Leben. Unser Beruf IST unser Leben, das wird jeder Tänzer bestätigen. Das heisst, dass alles zusammenhängt, man entwickelt sich in den Rollen weiter, aber auch im Leben. Daher würde ich sagen, mir sind generell dramatische Rollen am liebsten, wie Mary Vetsera oder Tatjana.

OF: Auch die Julia war ganz phantastisch.

IT: Julia auch! Aber auch die lustigen Partien, wie z.B. die Ballerina im „Concert“ haben mir echt Spass gemacht. Ich hätte nicht gedacht, dass ich so lustig sein kann. Ich dachte zuerst, ich bin zu langweilig für diese Partie. Aber dann war das für mein Herz so eine natürliche Sache, ich musste gar nicht gross übertreiben. Wahrscheinlich habe ich einfach komisches Talent. Jetzt ist jede Rolle für mich schön zu tanzen. Ich bin dankbar dafür, dass ich so ein Glück in der Karriere hatte und viele Partien tanzen kann. Sylphide war etwas Besonderes, das war ein sehr grosser Schritt für mich. Ich kann allerdings sagen, welche Partie ich gerne einmal tanzen würde, die Kameliendame. Das würde ich wirklich gerne einmal tanzen.

OF: Sie haben sich ja in den 6 Jahren in Wien schon ein breitgefächertes Repertoire aufgebaut, wie z.B. Balanchine, Cranko, MacMillan, Nurejew, Tschernischova, Robbins und jetzt eben Lacotte. Welche Choreographien tanzen Sie am liebsten?

IT: Das ist schwer zu sagen. Die Choreographien sind so unterschiedlich, und die Möglichkeit, das alles zu probieren, zu tanzen, ist ein Erlebnis. Es ist für die Tänzer so toll, verschiedene Choreographien zu tanzen, es ist eine tolle körperliche Erfahrung, in jede Richtung, ich kann nicht sagen, welcher Stil mir am liebsten sind, jeder von den eben genannten Choreographen hat einen grossen Namen in der Ballettwelt. Ich würde keinen Vorschlag machen, was jetzt besser ist, es ist nicht nötig, weil sie alle toll sind. Und ich bin eine einfache Tänzerin, das sind grosse Choreographen, ich kann nicht darüber diskutieren, das ist eine andere Sphäre. Ich kann nur mit grossem Respekt sagen, danke, dass ich das tanzen darf. Die ganze Welt hat schon entschieden, dass das wichtige Werke bzw. Persönlichkeiten sind.

KG: Aber z.B. von „Romeo und Julia“ haben Sie ja zwei verschiedene Choreographien getanzt, damals in Weissrussland und hier die Cranko-Version, wie war das?

IT: Es waren zwei verschiedene Interpretationen. Jeder hatte seine Vision von dem Ballett. Es war in Weissrussland meine erste Julia, mit 20 Jahren, ich wollte sie unbedingt tanzen, ich war noch sehr jung und sagte mir, warum sollte ich bis 30 warten, wenn ich schon alt bin – in dieser Zeit fand ich, mit 30 bin ich schon sehr alt – und dieses Ballett war sehr emotional, und Jelisarjew ist ein phantastischer Choreograph, er hat sich seinen Namen gemacht, und in Weissrussland sehr populär. In seiner Choreographen gibt es sehr schöne Elemente, es war toll, dies zu tanzen. Auch die Cranko-Version ist wunderschön, sie erfordert nicht nur eine solide Technik, sondern man muss auch darstellerisch etwas ausdrücken. Und er hat genau die richtige Mischung von Tanz und Ausdruck gefunden, das ist wichtig für das Publikum. Aber es ist so eine Geschmackssache, welche Choreographie jetzt am besten ist, ein guter Vergleich wäre jemand trägt lieber rote Hemden, der andere lieber schwarze.

OF: Wie war das für Sie, die Sylphide einzustudieren, auf welche technischen Elemente haben Sie sich besonders konzentriert?

IT: Ich habe diese Version der Sylphide erst auf Video gesehen mit Aurélie Dupont, mir ist gleich aufgefallen, dass ihre Technik ganz anders ist, als diejenige, welche ich gelernt habe. Die russische Technik unterscheidet sich enorm von der französischen Technik. Ich habe begriffen, dass ich mir diese neue Technik aneignen muss, und daran habe ich gearbeitet. Ich wollte alles perfekt machen. Es war eine hervorragende Zusammenarbeit mit Manuel Legris, er hat mir soviel geholfen, ebenso Elisabeth Platel, ich habe sehr viel auch von Pierre Lacotte gelernt, es war wirklich eine tolle Arbeit. Ich habe viele Stunden im Ballettsaal verbracht, nicht nur in den regulären Probezeiten, sondern auch alleine. Ich bin oft früher im Ballettsaal gewesen und als Letzte gegangen. Langsam, wie in der Schule, Schritt für Schritt perfektioniert. Der Anfang war schwer, dann ging es leichter, und ich habe mich weiterentwickelt.

OF: Gerade bei der Sylphide konnte der Zuschauer sehen, wie sehr Sie Ihre Technik perfektioniert haben, das war eine wirklich grandiose Leistung!

IT: Ich hoffe, dass es auch weiter so funktioniert. Nach einer Woche Pause ist es schwer, wieder reinzukommen. Wenn man in der Routine nonstop arbeitet, wird man zwar müde, aber man muss weitermachen. Aber der Körper braucht auch ab und an seine Ruhe, wir sind alles nur Menschen. Für mich ist es nach jeder Pause mühsam, wieder reinzukommen.

OF: Welche Schuhmarke verwenden Sie?

IT: Freed. Seitdem ich in Wien bin, bekomme ich immer die Schuhe der Marke Freed, sie haben meine Füsse gemessen und mit dieser Marke funktioniert es am besten. Spitzenschuhe sind zwar generell nie bequem, diese Belastung des Fusses ist schon gegen die Natur. Ich habe zuerst mit Bloch versucht, aber diese Schuhe sind für meine Füsse zu hart.

OF: Die Margaret Illmann hat ja auch mit Freed getanzt.

IT: Ich weiss. Und sie hat tolle Füsse! Was macht sie jetzt?

OF: Soweit ich weiss, hat sie eine Zeitlang Ballett unterrichtet, jetzt ist sie Physiotherapeutin.

IT: Ja, es ist schon Zeit zu überlegen, was man später macht. Ich denke schon seit 2 Jahren darüber nach. Das ist normal. Das Leben eines Balletttänzers ist kurz, irgendwann kommt der Moment, wo man aufhören muss.

OF: Ich könnte mir vorstellen, dass Sie in 15-20 Jahren eine ganz tolle Lady Capulet darstellen würden.

IT: Daran habe ich noch gar nicht gedacht. Die Alexandra Kontrus war ja eine phantastische Lady Capulet. Und immer wenn wir gemeinsam getanzt haben, meinten viele, ich könnte ihre Tochter sein, weil wir einander so ähnlich sehen. Alexandra Kontrus ist eine sehr starke Persönlichkeit mit einer enormen Ausdruckskraft. Es ist so wichtig, wenn man die Lebenserfahrung auch mit auf die Bühne bringen kann. Das ist auch ein Geschenk von Gott, wenn man das kann.

OF: Eine klassische Frage, wie viele Paar Spitzenschuhe verbrauchen Sie  im Jahr?

IT: Das ist schwer zu sagen. Es kommt natürlich immer darauf an, welche Partien man tanzt. Mit Sylphide habe ich vermutlich mein Pensum für diese Saison schon verbraucht, es ist so viel Fussarbeit, die Schuhe müssen weich und leise sein und nach einer Probe kann man sie schon wegschmeissen.

OF: Nun noch die letzte Frage: Wie sieht ein Arbeitstag von einer ersten Solotänzerin aus?

IT: 10h ist Trainingsbeginn, ich wärme mich davor schon selbst auf. Dann wird für die jeweiligen Stücke geprobt, es kommt darauf an, in welchen man dabei ist und ob abends Vorstellung ist. Und wenn etwas noch nicht gut genug ist, trainiere ich abends noch für mich selbst weiter. Es ist viel Arbeit, und natürlich ist man danach müde. Am Wochenende habe ich Zeit für meinen Mann. Eine wichtige Lehrerin hat mir gesagt: Irina, je älter du wirst, desto mehr musst du arbeiten. Wenn man jung ist, macht der Körper viel mehr mit. Und gerade bei Tänzern merkt man es noch viel früher. Ausser man hat von Natur aus einen Körper, der mehr aushält.

OF: Liebe Frau Tsymbal, vielen herzlichen Dank für das Gespräch!

 P.S.

Irina Tsymbal ist demnächst in folgenden Partien zu erleben:

La Sylphide (Sylphide): 12. November 2011 und 15. Jänner 2012

Schritte und Spuren (Solistin in „Glow Stop“ und „Bella Figura“): 24., 26. November, 2. Dezember 2011

Dornröschen (verzauberte Prinzessin): 23. und 25. Dezember 2011

 

 

 

 

 

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