Blue-ray-Disc: „Parsifal“, Richard Wagner

Bei dem Label Deutsche Grammophon ist ein Live-Mitschnitt von Wagners Bühnenweihfestspiel Parsifal auf Blue-ray-Disczu erhalten. Aufgenommen wurde die Premiere von den Bayreuther Festspielen 2023. Die Regie liegt in den Händen von Jay Scheib, das Bühnenbild stammt von Mimi Lien und für die Kostüme zeichnet Meentje Nielsen verantwortlich. Das Neue an dieser Produktion war damals, dass das Bühnengeschehen zum ersten Male mit Augmented Reality verknüpft wurde. Viele Bilder konnte das Publikum nur mit einer eigens dafür vorgesehenen Brille wahrnehmen. Da nicht genügend Brillen vorhanden waren, kam indes ein Großteil des Auditoriums nicht in diesen Genuss. Auch auf der vorliegenden Blue-ray-Disc bleiben die Brillen-Impressionen, wie ich sie mal nennen will, ausgespart. Da diese aber einen Großteil der Inszenierung ausmachen, enthält die vorliegende Blue-ray-Disc visuell ebenfalls nur einen Teil der Produktion. Und dieser mutet recht statisch an. In Sachen Personenregie bleiben einige Wünsche offen.

Immerhin ist der Ansatzpunkt des Regisseurs gelungen. Den ersten Aufzug dominiert eine verspiegelte Stele. Die Gralsburg wird durch einen Kranz von Neonröhren versinnbildlicht, der während des ersten Zwischenspiels in Richtung Schnürboden schwebt und im Folgenden über der Szene schwebt. Im Vordergrund der Bühne befindet sich über alle drei Aufzüge hinweg ein Wasserbecken. Ebenfalls im vorderen Teil der Bühne erblickt man zahlreiche Reliquiengefäße, die den in gelbe Kutten gekleideten Gralsrittern zur Gestaltung ihrer Gralsfeier dienen. Auffällig ist, dass der Gralsorden auch Frauen in seine Mitte aufgenommen hat. Sowohl unter den Rittern als auch unter den Knappen sind Angehörige des weiblichen Geschlechts. Die Knappen sieht man auch im letzten Bild des dritten Aufzuges. Das ist ein guter Einfall! Mit Tschechow‘ schen Elementen kann der Regisseur umgehen. Einen gelben Rock  trägt Gurnemanz. Ein neuer Aspekt bei dieser Figur ist, dass der Gralslehrer hier eine Frau bzw. Freundin hat, die ihn zärtlich liebt, umarmt und auch mal küsst. Das Gewand von Amfortas enthält auf der Seite ein Loch, durch das man seine blutende Wunde sieht. Parsifal wird von der Regie als ein zerrissene Patckwork-Hose tragender Arbeiter vorgeführt, dem man seine langen Wanderungen ansieht. Auch im ersten Aufzug jung und schön präsentiert sich Kundry. Ihre Haare sind gemischt schwarz und weiß. Im zweiten Aufzug erscheint sie dann als elegante Dame mit Kopftuch und Brille. Der Zaubergarten Klingsors wird von zahlreichen bunten Blättern geprägt. Die Blumenmädchen tragen pinke Gewänder. Der dritte Aufzug schließlich spielt in einer postapokalyptischen Landschaft, deren zentrales Requisit ein auf der rechten Bühnenseite stehender, ausgemusterter Bagger ist. Ferner wird die Bühne von maroden Bäumen und Betontrümmern eingenommen. Eine Wasserflasche spendet Gurnemanz Erquickung. Der Gral ist ein blauer Kristall, der von Parsifal am Ende zertrümmert wird. Man kommt auch ohne ihn aus. Die enormen Anforderungen, die er an die Gemeinschaft stellt, sind nicht länger erträglich. Aus dem heiligen Speer macht der Regisseur eine stark verbogene Eisenstange. Die Leiche Titurels wird in einem gewöhnlichen Müllsack hereingetragen. Derartige Bilder tragen in hohem Maße dazu bei, dass gerade der dritte Aufzug große Nüchternheit atmet. Endzeitstimmung breitet sich aus. Am Ende geht Parsifal mit der überlebenden Kundry einer neuen Zukunft entgegen, in der es keinen Gral gibt. Das alles wird oftmals von einer Live-Videokamera eingefangen und auf den Hintergrund projiziert. Das ist nichts Neues mehr.

Am Pult wartet Pablo Heras-Casado in überzeugender Art und Weise seines hehren Amtes. Schnelle Tempi anschlagend, weist er dem bestens disponierten, beherzt und klangschön aufspielenden  Orchester der Bayreuther Festspiele auf intensive Art und Weise den Weg durch Wagners Partitur. Es ist ein sehr farbenreiches, impressionistisch anmutendes Klanggemälde, das Dirigent und Orchester hier erzeugen. Darüber hinaus zeichnet sich Heras-Casados Dirigat durch große Spannung, markante Akzente und eindrucksvolle musikalische Höhepunkte aus. Seine Herangehensweise an das Werk ist dabei stets klar und durchsichtig sowie an manchen Stellen regelrecht kammermusikalisch. Die Sänger werden von ihm an keiner Stelle zugedeckt.

Phantastisch sind die gesanglichen Leistungen. Man hat lange keinen so gut gesungenen Parsifal mehr gehört. Einen kraftvollen und bestens italienisch fokussierten Heldentenor bringt Andreas Schager  für den Parsifal mit, dem er auch eine ansprechende darstellerische Note verleiht. Bemerkenswert ist, dass er hier auch mit schönen leisen Tönen und einfühlsamen Zwischentönen aufwartet, was sonst nicht so sehr sein Fall ist. Ein in jeder Beziehung ausgesprochen vielschichtiges Rollenportrait zeichnet Elina Garanca als Kundry. Schon schauspielerisch geht sie voll aus sich heraus. Und vokal beglückt sie mit ihrem ebenfalls vorbildlich fundierten, fülligen und sehr emotional angehauchten Mezzosopran, der zudem über tadellose hohe h`s verfügt. Einfühlsam und geschmeidig lässt Georg Zeppenfeld als Gurnemanz seinen warmen, bestens gestützten und über ein herrliches Legato verfügenden Bass dahin strömen. Mit sonorem, eindringlichem und kräftigem Bariton gibt Derek Welton einen ausgezeichneten Amfortas. Voll und rund singt Jordan Shanahan den Klingsor. Von dem einen satten Bass aufweisenden und recht profund klingenden Titurel Tobias Kehrers hätte man gerne mehr gehört. Bei den beiden Gralsrittern gefällt der vorbildlich im Körper singende Bass Jens-Erik Aasbo besser als der ungemein dünn intonierende Tenor Siyabonga Maqungo. Betsy Horne, Margaret Plummer, Jorge Rodriguez-Norton und Garrie Davislim bewähren sich trefflich in den Partien der vier Knappen. Die Damen Horne und Plummer befinden sich auch in dem außerdem noch aus Evelin Novak, Camille Schnoor, Julia Grüter und Marie Henriette Reinhold bestehenden, perfekt singenden Ensemble der Blumenmädchen. Frau Reinhold ist auch als volltönendes Altsolo zu hören. Auf glänzendem Niveau bewegt sich der von Eberhard Friedrich grandios einstudierte Chor der Bayreuther Festspiele.

Ludwig Steinbach, 17. März 2026


Blue-ray-Disc
Parsifal
Richard Wagner
Bayreuther Festspiele

Inszenierung: Jay Scheib
Musikalische Leitung. Pablo Heras-Casado

Deutsche Grammophon 
Best.Nr.: 00440 073 6525
2 Blue-ray-Discs