Hochkarätige Langeweile
Die dreiaktige Oper mit dem Libretto Nicola Francesco Hayms nach einer Vorlage von Francesco Bussani, Giulio Cesare in Egitto, entstand in der künstlerisch kreativsten und auch kommerziell einträglichsten Periode des Londoner Opernschaffens von Georg Friedrich Händel. Es ist das fünfte Stück, das Händel für die Royal Academy of Music geschrieben hat. Uraufgeführt wurde der Giulio Cesare am 20. Februar 1724 am King´s Theatre am Haymarket. Die gefeierte Inszenierung des renommierten Regisseurs David McVicar, ursprünglich für das Glyndebourne Festival 2005 entwickelt und auch an der Metropolitan Opera New York gezeigt, bringt dieses Meisterwerk jetzt auf die Bühne der Deutschen Oper Berlin.

Händel verwandelte eine der berühmtesten Liebesgeschichten in einen seiner größten Erfolge, eine Oper, die Liebesdrama und Politthriller zugleich ist. Im Mittelpunkt steht eine der bekanntesten Amouren der Weltgeschichte: die leidenschaftliche Affäre zwischen Julius Cäsar und der jungen ägyptischen Königin Cleopatra. Doch ihre Beziehung ist überschattet von politischen Intrigen, familiären Machtkämpfen und persönlichen Tragödien. Während Cleopatra um die Herrschaft über Ägypten kämpft, wird Cäsar in einen Strudel aus Manipulation, Loyalitätskonflikten und Krieg hineingezogen. Das dramatische Operngeschehen, das sich um die beiden entspinnt, gerät in Sekundenschnelle zu einer Handlungskette aus Mord und Totschlag. Und doch endet die Oper mit einem Lieto fine, in dem das Paar zueinander findet und Kleopatra aus Cäsars Hand die Krone von Ägypten erhält. Grundlage der Handlung ist der historisch belegt Aufenthalt Cäsars in Ägypten zwischen September 48 und März 47 vor Christus während des alexandrinischen Krieges. Cäsar hatte seinen politischen Rivalen, den römischen General Pompejus, bei Pharsalos in Griechenland besiegt und bis nach Ägypten verfolgt, wo Kleopatra und ihr jüngerer Bruder Ptolemäus gemeinsam herrschten. Die Protagonisten der Oper sind zwar den historischen Personen nachempfunden, doch Cäsar und Sextus beispielsweise werden viel jünger dargestellt als ihre realen Vorbilder seinerzeit waren, und die Handlung ist weitgehend frei erfunden: Es handelt sich um ein höfisches Intrigendrama um Macht und Liebe mit Happy End, eine klingende, singende, theatralische Allegorie auf die Erotik der Macht wie die Macht der Erotik.
Regisseur David McVicar setzt vor allem auf die Macht der schönen Bilder. Er inszeniert das Werk mit seinem detailverliebten Blick für das barocke Theater, bewegliche Kulissen, verspielte Effekte und eine Mischung aus Humor, Sinnlichkeit und Dramatik. Was er vernachlässigt, ist die politische und psychologische Dimension des Stücks, die ihm erst seine Dignität, seien Tiefe und Bedeutung verleihen. Doch der Regisseur setzt ganz und gar auf oberflächlichen Unterhaltungs- und Spaßfaktor.

Sein Bühnenbildner Robert Jones hat ihm eine Barockbühne wie aus dem Lehrbuch gebaut, glitzernde Wellenmaschinen, eine ganze Armada von Segelschiffen der Seefahrernation England (wohin das Stück transportiert wurde), fährt ein, Reisekoffer und Kisten werden von rotgekleidetem, goldbesticktem und von weißen Tropenhelmen sonnengeschütztem Personal auf die Bühne geschleppt, ägyptische Angestellte mit rotem Fes kehren und feudeln unentwegt die Einheitshalle, bestehend aus sechs hintereinander gestaffelten Gold-Portalen. Eine Barockbühne, wie man sie an der Deutschen Oper Berlin noch nie sah. Üppige Vorhänge werden herabgelassen und wieder heraufgezogen, geöffnet und geschlossen – Barockästhetik. Und doch spielt man das Stück im viktorianischen Zeitalter, im Kolonialstil, entsprechende Möbel werden aufgestellt und wieder weggetragen. Auch die phantasievollen und prächtigen Kostüme von Brigitte Reiffensuel wagen den Spagat zwischen Barock, viktorianischem Stil und Zwanzigerjahren. Die Cleopatra von Elena Tsallagova tritt zunächst als tanzwütiges Revuegirl im frivolen Charlestonkostüm auf (sie hat eine Ausbildung als Tänzerin absolviert), später trägt sie Barock. Das ist ebenso hübsch anzuschauen wie der romantische Monschein unter einem Sternenhimmel und manche andere optische Augenweide. Was die Personenregie angeht, setzt McVicar ganz aufs Ironische und Tänzerische (Choreografie Andrew Georg). Die Personen der Handlung müssen unentwegt schreiten, tippeln, wippen und Tanzschritte wagen wie beim Tanzunterricht. Das ist zwar perfekt, komisch, unterhaltsam, aber nicht selten auch lächerlich. Das Stück wird eigentlich nicht ernstgenommen, es wird zum großen Spaß aufgedonnert und schnurrt an der Oberfläche der Handlung harmlos und schönheitstrunken ab.
Leider ist auch die Musik des Abends harmlos, ja langweilig und ermüdend. Denn der Ersatz-Dirigent Alessandro Quarta hat von Historischer Aufführungspraxis offenbar keine Ahnung, er hat, um mit René Jacobs zu sprechen, „seine Hausaufgaben nicht gemacht“, zeigt weder Phantasie noch Wissen für die historische Gestaltung der Musik, weiß mit Vortragsbezeichnungen und Angaben zu Artikulation und Tempo nicht umzugehen. Er dirigiert „Popmusik für Klassikliebende“, wie er im Programmheft gesteht, allerdings so romantisch und langsam, temperament- und kraftlos, dass die Oper langatmig wird. Zumal bei dem vorherrschenden Tempo und der Einfallslosigkeit der Begleitung die Da-Capo-Arien mit ihren Strophen-Wiederholungen schier endlos wirken. Sie haben keinen Pep und keinen Biss. Noch nie habe ich das Werk so lahm und musikalisch zahnlos erlebt. Das ist sehr schade, denn neben den optischen Reizen der fulminanten Produktion ist auch die Besetzung vorzüglich.

Die exzellente Sängerriege wird von der Russin Elena Tsallagova alsCleopatra angeführt, die über einen schönen lyrischen Sopran verfügt. Ihren fiesen Bruder Tolemeo singt und spielt ohne Tadel der Countertenor Cameron Shahbazi. Der eingesprungene Countertenor Christophe Dumaux gibt die Titelpartie mit (für das Haus zu) kleiner Stimme, aber virtuoser Koloraturenakrobatik. Warm, groß und balsamisch dunkel präsentiert sich in der tragischen, trauernden Partie der Cornelia Stephanie Wake-Edwards (ebenfalls eingesprungen).Sehr kultiviert überrascht der Mezzosopran der Belcanto-Stipendiatin Martina Baroni als Sesto. Gegen die sängerische Seite dieser Produktion ist absolut nichts einzuwenden, umso mehr gegen die dirigentische, die auch das Orchester der Deutschen Oper Berlin unter seinen Möglichkeiten spielen ließ. Schade.
Dass 1724 bei seiner Uraufführung in London Giulio Cesare in Egitto zu einem der größten musikalischen Erfolge Händels wurde, ist nach der Aufführung in der DOB nicht nachvollziehbar.
Dieter David Scholz, 26. April 2026
Giulio Cesare in Egitto
Georg Friedrich Händel
Deutsche Oper Berlin
Premiere am 25. April 2026
Regie: David McVicar
Musikalische Leitung: Alessandro Quarta
Orchester der Deutschen Oper Berlin
Nächste Aufführungen: 28. April, 1. Mai, 3. Mai