Rasanz, Fulminanz, Sensation – diese Worte fallen einem ein, wenn man das Eröffnungskonzert des Friedrichsforums besucht hat.
Noch vor wenigen Wochen stand die Wiedereröffnung der ehemaligen Bayreuther Stadthalle auf der Kippe: Brandschutz, man kennt das ja, und es ist wichtig. Erst am Morgen des Eröffnungstages, genauer: erst um 6.05 Uhr hat der verantwortliche Brandschutzmann sein schriftliches OK gegeben. „Das ist“, sagte ein Eingeborener zu Freunden, die er vor zwei Monaten zur Baustelle führte, „unsere Elbphilharmonie“, aber so schlimm sollte es denn doch nicht werden, obwohl der noch amtierende Oberbürgermeister Thomas Ebersberger in seiner Rede, natürlich, auch auf die Kostensteigerungen, Bauverzögerungen und wiederholt verschobenen Eröffnungstermine einging. Dass im Friedrichsforum 50 Millionen Euro für die Technik verbaut wurden, die ursprünglich – nach offizieller Verlautbarung – für den gesamten Um- und partiellen Neubau veranschlagt wurden, wundert vermutlich nur den, der mit den Gepflogenheiten von politisch motivierten Projektankündigungen immer noch nicht vertraut ist. Die Zeiten sind vorbei, wo zunächst genannte Termine und Finanzrahmen einigermaßen eingehalten werden, woran nicht allein eine Pandemie und steigende Materialpreise, sondern unbegreifliche Fehlplanungen schuld sind, die jedem privaten Bauherren das finanzielle Genick brechen würden. Dass das Haus am Hofgarten nach ca. zehn Jahren mit einem neuen Wintergarten zum Geißmarkt hin und einer komplett neuen Technik wiedereröffnet worden ist, ist also ein halbes Wunder, auch wenn die ersten Vorstellungen in den nächsten Monaten noch unter dem Titel eines „Probebetriebs“ über die Bühne gehen werden. Gleichwohl hat man mit der Vorstellung im ausverkauften Haus keine „Generalprobe“ abgelegt, wie der OB meinte, sondern ein fulminantes wie vollgültiges Konzert veranstaltet, dass für die Künstler wie für die Besucher hörbar gelungen war: mit nicht weniger als 135 Musikerinnen und Musikern, die den gesamten Orchesterraum einnahmen. Dort, wo sonst auf der linken Seite der Blumenstock steht, hatte sich am Abend des 17. April die Harfe platziert. Robert Baums, der Vorsitzende der Kulturfreunde Bayreuth e.V., die das Konzert veranstaltet haben, sprach zurecht von einem „tollen Ereignis der jüngeren Stadtgeschichte“.

Der Verein hätte, bezogen auf den gesellschaftlichen, kulturpolitischen und musikalischen Anlass, kein bedeutenderes Ensemble einladen können, wobei ihm ein glücklicher Zufall zu Hilfe kam. 135 junge und zugleich hervorragende Musikerinnen und Musiker touren nicht jede Woche durch den Süden, haben auch nicht immer ein derart breitenwirksames, also populäres und zugleich hochkarätiges Programm in ihrem Gepäck. Das Haus wurde nach einem ewig scheinenden Jahrzehnt also nicht mit irgendeinem „Klassiker“ eingeweiht (die wieso auch immer als „offiziell“ bezeichnete Eröffnung folgt im Herbst), sondern mit symphonischem Jazz. Auf der Bühne saß ein Heer von Künstlern, eine gemischte Formation, gebildet aus dem Bundesjugendorchester und dem Bundesjazzorchester; schon mit dem ersten Takt, ach was, dem ersten Ton, schicken sie eine Rasanz in den neu-alten Raum, die sich gewaschen hat. Wynton Marsalis‘ Manhattan to L.A., der vierte Satz aus dessen Swing Symphony, fährt unter der Leitung von Jonathan Stockhammer mit einer derartigen Fulminanz in den Saal, dass man sich am Ende des dreistündigen Ereignisses darüber wundert, dass die Musikerinnen und Musiker sie ungebrochen durchhalten. Die sieben Stücke, die an diesem sensationellen Eröffnungsabend erklingen, versöhnen den Big-Band-Sound mit der Symphonik, den Free und Modern Jazz mit dem traditionellen Jazz und das Wilde mit dem Zarten. Dazu bedarf es in einem Fall einer Modifikation: Darius Milhauds Création du Monde, eine wenigstens partiell jazzmäßig inspirierte Ballettmusik aus den 20er Jahren, wird in einer Fassung von Fabia Mitwill performt: mit langen Passagen, in denen der gediegene klassisch-moderne Sound des Symphonieorchesters von perkussiv enthemmten Jazz-Strecken unterbrochen wird, die definitiv der Gegenwart angehören. Nb: Damit legt das Ensemble eine gelungene Mixtur aus Klassik und Moderne vor, wie sie für nicht wenige Programme der Kulturfreunde typisch ist. Sofia Gubaidulina hat mit ihrer spektakulären wie spektakulär gebrachten, die Schärfen noch betonenden Revue Musik 1978 ein Stück vorgelegt, das die beiden Elemente brutal und souverän aufeinanderkrachen lässt – und verstehbar macht, wieso die Komponistin damals ihr Heimatland verlassen musste. Das Riesenensemble exekutiert die Musik schier bezwingend: auf avancierte Barmusik folgen elegische Passagen, bevor die Streicherreste einstiger „großer“ und pathetischer Symphonik systematisch von den auf ihre Weise betörenden Zerrklängen der Moderne zerrieben werden. Brillant? Brillant! Erholen kann man sich bei Duke Ellington, dessen Night Creatures von 1955 die schönste Unterhaltungsmusik als Jazz-Concerto präsentiert und das Orchester auch mit Leonard Bernsteins 3 Dance Episodes aus dem Broadway-Musical On the Town von 1944 hörbar Spaß hat. Hier im typischen Kritikerdeutsch von „rhythmischer Präzision“ zu sprechen, würde die Exzellenz der vielfach prämierten Jugend-Orchestermitglieder so betonen, dass es fast schon wieder beleidigend wäre. Zuletzt bringen sie zwei Neuigkeiten: Libor Šímas Sledgehammer reloaded, wie Marsalis‘ Manhattan to L.A. ein Werk der äußersten Rasanz und des Synkopentheaters, wird auf höchstem symphonisch-solistischen Niveau gebracht, um zu belegen, dass neue Musik, eine Mischung aus Filmmusik und rhythmisch packendem Symphonic Jazz, nicht weh tun muss, auch wenn manch Zuhörer in den vorderen Reihen die ausgegebene Lautstärke eher aushält als genießt. Zumindest vorn und für den Autor dieser Zeilen aber klingt das klangverstärkte (die Solobläser, das Schlagzeuger und das Klavier) Orchester an diesem Abend akustisch perfekt. Diese „Probe“ wurde denn auch bestanden. Vorschlaghammer? Wohl eher fein abgestimmte U-Musik auf jenem Niveau, das die Unterscheidung von U und E (fast) überflüssig macht.
Schließlich und endlich aber kommt auch die menschliche Stimme zu ihrem Recht, Malika Tirolien, eine Frau aus Guadeloupe, bringt ihre tänzerische Grow-Suite mit, um sie, leider mit einer defizitären Tonabstimmung zwischen Orchester und Vocals, weltmusikmäßig zu zelebrieren. Fulminant? Fulminant, rasant und, wohl nicht allein für Bayreuther Verhältnisse, sensationell.
Und an das Magenta der Sitze, des Orchesterraums und der Toiletten wird man sich auch gewöhnen.
Frank Piontek, 20. April 2026
Wynton Marsalis: Manhattan to LA (Swing Symphony, Movement IV)
Darius Milhaud: La Création du monde (Arr. Fabia Mantwill)
Sofia Gubaidulina: Revue Music for symphony orchestra and jazz band
Duke Ellington: Night Creatures
Leonard Bernstein: On the Town: 3 Dance Episodes
Libor Šíma: Sledgehammer reloaded
Malika Tirolien: Grow Suite (Arr. Stefan Behrisch)
Friedrichsforum, Bayreuth
17. April 2026
Bundesjugendorchester und Bundesjazzorchester