Duisburg: „On the Town“, Leonard Bernstein

Mit dem Musical On the Town machte der junge Leonard Bernstein im Jahr 1944 der Stadt seiner Träume eine rauschende Liebeserklärung. Die Musik seiner ersten Musical-Komposition schrieb er durchweg im klassisch-jazzigen Stil und fast jeder Song ist eine Hommage an New York oder die Bewohner dieser pulsierenden Metropole. Als Grundlage diente das Ballett Fancy Free von Jerome Robbins, für das Bernstein ebenfalls die Musik komponierte und das im April 1944 uraufgeführt wurde. In diesem Ballett geht es um drei Seeleute, die bei einem 24-stündigen Landgang durch New York ziehen. Wichtig war Bernstein allerdings, dass kein Song des Balletts in On the Town erneut verwendet wurde, sondern ausschließlich neue Kompositionen ins Musical flossen. Nach der Uraufführung am 28. Dezember 1944 im New Yorker Adelphi Theatre stellte sich schnell der Erfolg des Musicals ein – nicht zuletzt, weil es den Zeitgeist gegen Ende des Zweiten Weltkriegs sehr gut einfing. Wer sich noch etwas tiefer mit der Entstehungsgeschichte dieses Musicals und den Verbindungen zu Bernsteins eigenem Leben befassen möchte, dem sei an dieser Stelle ausdrücklich die sehr informative, rund zehnminütige Audioeinführung auf der Homepage der Deutschen Oper am Rhein empfohlen.

© Jochen Quast

Heutzutage ist On the Town dagegen nicht mehr so häufig auf den Bühnen zu sehen. Umso erstaunlicher ist es daher, dass mit der jährlichen Musical-Eigenproduktion des Theaters Solingen in Kooperation mit der Folkwang Universität der Künste und der gestrigen Musicalpremiere in Duisburg gleich zwei Inszenierungen von On the Town sowohl terminlich wie auch räumlich nah beieinander liegen, am 7. Mai 2026 zur Premiere in Solingen sogar komplett parallel stattfinden. Für die Produktion in Duisburg verstärkt die Deutsche Oper am Rhein ihr Ensemble mit vielen Gästen, von denen einige ihren Abschluss erst in den letzten Jahren an den verschiedensten renommierten Musikhochschulen im Land absolviert haben. Dies sorgt für ein junges, sehr talentiertes und vor allem spielfreudiges Ensemble, das man in dieser Form von der Deutschen Oper am Rhein gar nicht erwartet hätte. Die drei Matrosen sind mit Leon de Graaf (Gabey), Julius Störmer (Chip) und Peter Lewys Preston (Ozzie) absolut treffend besetzt. Sie verkörpern eine Mischung aus jugendlicher Lebensfreude, ungeheurer Energie und einer Prise naiver Leichtgläubigkeit. Dadurch entstehen drei sehr sympathische Hauptrollen, die man gerne bei ihrem Landgang in New York begleitet. Kaum angekommen, verliebt sich Gabey in der U-Bahn in Ivy Smith, die ihn von einem Plakat als „Miss U-Bahn des Monats Juli“ anlächelt. Für Gabey steht fest: Er muss Ivy in dem Großstadtdschungel finden. Seine Freunde Chip und Ozzie unterstützen ihn bei der Suche, auch wenn sie eigentlich ganz andere Pläne für den Tag hatten. Um effektiver zu sein, geht jeder einem anderen Hinweis nach, und sie verabreden sich für 23 Uhr am Times Square. Während Chip die temperamentvolle Taxifahrerin Hildy Esterhazy kennenlernt, trifft Ozzie im Naturkundemuseum auf Claire de Loone, die gerne die Männerwelt studiert und die in ihm ein wunderbares Studienobjekt sieht. Gabey findet in der Carnegie Hall tatsächlich sein Traummädchen und beide verstehen sich auf Anhieb. Um 23 Uhr erscheint Ivy jedoch nicht wie vereinbart am Times Square, da Madame Dilly sie an die ausstehenden Zahlungen für ihren Gesangsunterricht und ihren Nebenjob in einem Nachtlokal erinnert hat. Doch die Nacht ist ja erst in sieben Stunden zu Ende, in denen noch so einiges passieren kann und wird.

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Neben den drei männlichen Hauptrollen sind auch die drei jungen Damen absolut treffend besetzt. Maria Joachimstaller als Ivy Smith, Laura Magdalena Goblirsch als Hildy Esterhazy und Valerie Luksch als Claire de Loone überzeugen sowohl gesanglich als auch schauspielerisch auf ganzer Linie. Auch die Tanzszenen wissen zu gefallen, die in diesem Musical einen großen Part bei allen Hauptdarstellern und -darstellerinnen einnehmen. Marie-Christin Zeisset sorgt mit einer guten Choreografie dafür, dass alle Personen stets richtig stehen und das 18-köpfige, stark besetzte Ensemble neben den vielen kleineren Soloparts auch bei den großen Gruppenszenen effektvoll eingesetzt wird. Aus dem eigenen Ensemble überzeugt Morenike Fadayomi als Gesangslehrerin Madame Dilly mit einer sehr humorvollen Darbietung und wie gewohnt starkem Gesang. Für weitere komische Situationen ist darüber hinaus Peter Bording als Clairs Verlobter Pitkin W. Bridgework verantwortlich. Diese sollen an dieser Stelle aber nicht gespoilert werden.

Aus heutiger Sicht erscheinen einige der durchaus frivolen Texte möglicherweise etwas aus der Zeit gefallen. Regisseurin Louisa Proske schafft es jedoch, die möglichen Fallen geschickt zu umschiffen und zeigt stattdessen, ganz im Sinne des Werkes, die drei weiblichen Hauptrollen als selbstbestimmte junge Frauen, die scheinbar selbst auf der Pirsch sind und denen die Matrosen da durchaus gelegen kommen. Auch wenn nicht alle Regieideen gleichermaßen zünden – so wirken die Zwischenmusiken im ersten Akt bei denen die Menschenmenge langsam wächst, denen die drei Matrosen in die Quere gekommen sind, recht zäh und eher störend – so ist insgesamt dennoch eine unterhaltsame und empfehlenswerte Musicalinszenierung entstanden. Louisa Proske verlässt sich hierbei auf die Stärken des Musicals und legt großen Wert auf eine gute Personenzeichnung. On the Town wird in Duisburg im Übrigen in deutscher und englischer Sprache mit deutschen Übertiteln aufgeführt. Die Dialoge wurden von Jens Luckwaldt übersetzt, während die einzelnen Songs im englischsprachigen Original verbleiben. Aus dem Orchestergraben erklingt ein jazziger Sound, der bereits bei der Ouvertüre ins Ohr geht. Allgemein spielt die Musik bei diesem Musical eine besonders große Rolle. Es gibt nicht viele Werke, die den ersten Akt mit einem langen Instrumentalstück beenden. Stefan Klingele leitet die Duisburger Philharmoniker exzellent durch den Abend und sorgt für den richtigen Schwung und vollen Orchesterklang. Die Mischung aus großem Sinfonieorchesterklang und typischem Big-Band-Sound geht nicht nur ins Ohr, sondern durchflutet den ganzen Körper.

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Trotz des bereits erfolgten Lobes für die gesamte Produktion ist das Highlight des Abends das Bühnenbild von Momme Hinrichs. Es zeigt New York wie durch eine Fotolinse, die sich immer wieder öffnet und schließt. Durch verschiebbare Wände entstehen so immer wieder sehr flüssig neue Räume, was die schnellen Ortswechsel im Musical optimal unterstützt. Gleichzeitig entsteht auf diese Weise im übertragenen Sinne eine Art Fotoalbum mit verschiedenen Bildern aus New York. Große Videoprojektionen mischen sich hierbei wie selbstverständlich mit echten Requisiten auf der Bühne und erzeugen so einen ganz eigenen Reiz. Beispielhaft sei an dieser Stelle die Taxifahrt durch New York genannt, bei der sich ein drehbares Yellow Cab sehr unterhaltsam durch die Straßen von Manhattan bewegt. Effektvoll ist auch die längere U-Bahn-Fahrt nach Coney Island gegen Ende des Stücks, die zweimal ganz unterschiedlich dargestellt wird. Während Gabey bei der Fahrt einschläft und sich daraus das Coney Island Traumballett ergibt, sitzen seine Freunde in einem U-Bahn-Waggon, der in der Bühnenmitte steht. Währenddessen zieht die dunkle Röhre in Form von Videoprojektionen an ihnen vorbei. In diese Szene integriert Louisa Proske geschickt einen zeitlosen Aspekt: Im Zug kommen und gehen Passagiere ins Abteil, die in ganz anderen Zeiten mit eben dieser U-Bahn aus dem Trubel der Stadt herausfahren. Darüber hinaus stecken im Bühnenbild viele liebevolle Details, was gleich zu Beginn des Abends sichtbar wird. Nachdem Gabey, Chip und Ozzie durch das Hafentor auf die Straße getreten sind, rollt der Zaun nach links von der Bühne ab, während im Hintergrund die Videoprojektion des Hafens mitwandert. So entsteht der Eindruck, dass die drei einen längeren Weg entlang des Zauns zu einer U-Bahn-Station laufen. Diese wird durch einen weiteren Durchbruch im Zaun dargestellt. Gleichzeitig sorgt eine Treppe zur Unterbühne dafür, dass weitere Einwohner New Yorks wie selbstverständlich durch das Tor zur U-Bahn herunter gehen bzw. aus dieser heraus auf die Straße treten. Auch in der U-Bahn selbst wackeln später während der gesamten Fahrt die Haltegriffe hin und her, was für eine authentische Atmosphäre sorgt.

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Wenn man das Premierenpublikum entscheiden lässt, ist der Deutschen Oper am Rhein hier möglicherweise ein ganz großer Publikumserfolg gelungen. Am Ende brandete langer und lauter Applaus durch den fast ausverkauften Theatersaal, durchzogen von einigen Jubelrufen. Da auch die weiteren Vorstellungen bis zum Ende der Spielzeit bereits gut gebucht sind, hat sich das Theater dazu entschieden, die angesetzten Wiederaufnahmetermine im Herbst bereits jetzt für den Vorverkauf zu öffnen, obwohl der komplette Spielplan 2026/27 erst in Kürze bekannt gegeben wird.

Markus Lamers, 26. April 2026


On the Town
Musical von Leonard Bernstein (Musik) sowie Betty Comden und Adolph Green (Buch und Liedtexte); nach einer Idee von Jerome Robbins

Deutsche Oper am Rhein – Theater Duisburg

Premiere: 25. April 2026

Inszenierung: Louisa Proske
Musikalische Leitung: Stefan Klingele
Duisburger Philharmoniker

Trailer

Weitere Aufführungen: 7. Mai, 16. Mai, 25. Mai, 6. Juni, 18. Juni, 7. Oktober, 16. Oktober, 22. Oktober, 31. Oktober, 8. November und 14. November 2026