Mainz: „Spielzeit 2026/27“

Es hat sich seit einiger Zeit eingebürgert, daß Theater ihre Spielzeiten unter ein Motto stellen. So soll der Eindruck einer übergeordneten Idee entstehen – ganz so, als ob am Anfang die Überschrift gestanden und man dann die dazu passenden Stücke gesucht habe. Das ist angesichts der Üblichkeiten in der Opernbranche, in der Verträge mit Künstlern über Jahre im Voraus geschlossen werden, eine Illusion, die aber die Kreativität von Pressestelle und Dramaturgie weckt, welche nun einen roten Faden im Disparaten weniger zu finden als aus mehreren losen Enden zu zwirbeln haben.

In der neuen Mainzer Spielzeit lautet das Motto: „Nie sollst du mich befragen“. Das stammt aus Wagners Lohengrin, der den Premierenreigen der Musiktheatersparte im Großen Haus ab Oktober eröffnen wird. Wagners Opern sind „Chefstücke“, und so steht die Neuproduktion unter der musikalischen Leitung des seit einer Spielzeit amtierenden jungen Generalmusikdirektors Gabriel Venzago.

Ebenfalls dem „Chef“ vorbehalten sind üblicherweise die Repertoire-Kernstücke von Mozart und Richard Strauss, in der neuen Spielzeit mit Ariadne auf Naxos im Januar und Don Giovanni vertreten. Bei beiden Produktionen hat sich das Vorwort im Spielzeitheft nicht die Mühe gegeben, einen Bezug zum Lohengrin-Motto herzustellen.

Den gibt es aber recht zwanglos bei weiteren Neuproduktionen, wenn man das Fragestellen in „Forscherdrang“ umgemünzt: Mit Antarctica der australischen Komponistin Mary Finsterer, uraufgeführt 2022, begleitet man eine Forschungsexpedition zum Südpol. Premiere und deutsche Erstaufführung ist im April. Zu einem Klassiker des zeitgenössischen Musiktheaters hat sich inzwischen Doctor Atomic von John Adams entwickelt. Die 2005 uraufgeführte Oper handelt vom „Vater der Atombombe“ Robert Oppenheimer und seinen Skrupeln bei der Entwicklung der Massenvernichtungswaffe. Das Stück hat in der laufenden Spielzeit am Theater Freiburg Furore gemacht und steht in der nächsten Saison auch an der Staatsoper München auf dem Spielplan. In Mainz beschließt die Neuproduktion im Juni 2027 die Saison.

Mit beiden Werken setzt das Staatstheater Mainz seine Linie fort, zeitgenössisches Musiktheater zu präsentieren, das in Stoffwahl und Musikbehandlung für das Publikum zugänglich ist. Während über Jahrzehnte hinweg viele zeitgenössische Komponisten Avantgarde-Experimente im Elfenbeinturm schrieben, die als Auftragswerke vom Feuilleton freundlich besprochen wurden, um dann für immer in den Regalen der Notenverlage zu verschwinden, finden jüngere Komponisten in der Musikgeschichte und der Populärmusik Muster und Formen, die sie zu neuen Klängen formen und sich dabei nicht scheuen, ihr Publikum zu unterhalten. Aktuelles Beispiel in Mainz ist Breaking the waves von Missy Mazzoli. Auch die der Minimal Music zuzuordnenden Musiktheaterwerke von Philip Glass besitzen eine unmittelbare Verständlichkeit. Nach The Fall of the House of Usher im vergangenen Jahr wird nun In der Strafkolonie nach Franz Kafka ab Ende September herausgebracht – wo genau scheint noch nicht festzustehen (in der Vorankündigung heißt es nur: „externer Spielort“).

Noch kein festes Datum hat die Uraufführung von Meanwhile, wofür aktuell lediglich „Frühjahr 2027“ und „externer Spielort“ angegeben werden. Angekündigt ist ein „Musiktheater für Jugendliche und Erwachsene zum Mitspielen“ auf der Grundlage des gleichnamigen Comics von Jason Shigas mit Musik von Paul-Johannes Kirschner.

Wenn man also von den drei „Chefstücken“ absieht, liegt hier ein erfrischend unkonventioneller Spielplan vor, der die Risiken seiner Experimentierfreunde mit einem Musical (Titanic ab Ende November) und wenigen Wiederaufnahmen (Dreigroschenoper, Piraten von Penzance, Zauberflöte, Falstaff) abpolstert. Das verspricht, eine spannende Saison zu werden.

Michael Demel, 26. April 2026